Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1938)
- Date
- 1938-05-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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1^^!^^^ SB t—i EEPI °-° läslsS^^SB. IfHl i Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit*6 Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands IHIIH— 3KMlu= ■HII0J0B0IIO—O IIOllOÜOilN— ^rar^ SHHH= -HIHI Rabbi Sera und Rabbi Jirmija. Ein pädagogisches Charakterbild/) Von Oberrabbiner Dr. Carlebach. Der Talmud (Taanith 7a) erzählt eine merkwürdige Agada; Rabbi Jirmija sagt zu Rabbi Sera: „Rabbi, kommt doch und lernet mit mir!" Darauf dieser: „Mein Herz ist schwach; ich kann nicht." „So sage der Rabbi wenigstens ein Wort der Agada!" Da sagte Rabbi Sera; also lehrt Rabbi Jochanan: Was meint die Thora, wenn sie beim Gebot zum Schutz der Fruchtbäume sagt: denn der Mensch ist ein Baum des Feldes? Ist denn der Mensch, dem Baume gleich? Ja, auch für ihn gilt zuweilen, daß du von ihm genießen und ihn nicht zu Grunde gehen lassen sollst, und zuweilen, daß du ihn preisgeben und vergehen lassen kannst, Inwiefern? Ist er ein charakterlich wertvoller Gelehrter: genieße von ihm und nütze ihn aus! Sonst aber, laß ihn ungenützt vergehen! Diese Erzählung mit ihrer auf den ersten Blick gekünstelt anmutenden Deutung, die ein Kriegsgesetz in den Kampf des Geistes verlegt und mit dem Begriff des Kores, des Baumfällens, eine Umdeutung in das sittliche Kores. des Hinsterbens ohne Geiste'serben vornimmt, wird durch ihre Einleitung um so auffälliger. Offenbar verbirgt sich hinter ihr ein Geheimnis, eine Auseinandersetzung zwischen Schüler und Meister, zwischen dem nach Lehre drängenden Frager Rabbi Jirmija und dem abwehrenden und mahnenden Rabbi Sera. In der Tat sind die beiden zwei Charaktertypen der amoraischen Welt. Beide hatten sie ihre babylonische Heimat verlassen, um in Tiberias, der glanzvollen Lehrstätte Rabbi Jochanans, im heiligen Lande zu lernen. Aber in ihrer Wesensart waren sie völlig von einander verschieden, Rabbi Sera, eigentlich Sei'ra, der „Kleine", der Aeltere von beiden, war ein Inbegriff der Demut und Bescheidenheit. Schon in Babylonien war er ein hervorragender Schüler des Raw Jehuda; heimlich hatte er sich, von Sehnsucht nach dem Väterland und seiner Thora getrieben, vom Meister fortgeschlichen, um ihn nicht zu. verletzen, nachdem er ihn noch einmal belauscht und dankbar selbst die praktischen Anordnungen des Rabbi als vorbildlich sich eingeprägt hatte! (Sabbat 41a.) Beseligt betritt er den geweihten Boden;" er hatte den Augenblick nicht erwarten können und setzt, statt auf der Fähre, mit leichtem Brett über den Jordan, der „leichtsinnige", in dem Gefühl des frohen Glücks, erleben zu dürfen, was Mosche und Ahron nicht erlebt hatten. (Kethuboth 112, 1.) Dann fastete er 40 Tage, um „die Thora Babels zu vergessen", damit die dort geübte andersartige Methode ihn nicht ablenke und zum Widerspruch reize. (Baba Mezia 85a). Nur nicht anstoßen, niemanden durch Fremdartigkeit verletzen! Keine Seibsckasteiung war ihm zuviel, um sich in Selbstbeherrschung zu üben; gegen die Elemente will er sich unempfindlich machen, der kleine, schwache Mann mit dem dunklen Gesicht, der „schwarze Topf", wie man spöttisch von ihm sagte. (Äboda sara 16b); ein jüdischer Mucius Scaevola, versucht er selbst Feuersgluten willensstark auszuhalten. Dabei hatte er sich die Schenkel verbrannt und mußte sich den Spottnamen „des Ktin charich schakja, des Zwergs mit versengten Schenkeln" gefallen lassen. Unermüdlich war sein Lernen; wenn das Hirn den Dienst zum Weiterlernen versagte, dann setzte er sich erschöpft auf die Treppe des Lehrhauses, um vor vorbeikommenden Schülern aufstehen und so wenigstens eine Mizwa erfüllen zu können. (Ber. 28.) Von jedem nahm er Belehrung an. Als ihm einmal auf dem Markte ein Verkäufer zurief: „Mach dich fort, Babylonier, von hier, das deine Vorfahren zugrunde gerichtet haben!" ging Rabbi Sera den Worten nach, die auf die zögernde Heimkehr der babylonischen Juden bei der Proklamation des Cyrus anspielten, und bekennt: jafe lamdani am haarez, der Am. Haarez hat mir eine gute Lehre gegeben! (Schir Haschirim rabba 8, 11,) Beglückt empfand er, durch Rabbi IIa in cfer Deutung einer Mischna aufgeklärt: da sieht man, awirä d'erez ji'srael machkim, die Luft von Erez Jisrael macht weise (Baba bathra 158b.) So schöpft er mit *) Quellen: Seder Hadausaus. W. Bacher; Di« Agada der paläst. Amoräer, Band III. durstigen Zügen die lebendige Tradition der Lehrer Rabbi Jochanans, der großen Sonne am Abendhimmel Palästinas, aus dem Munde Raw Assis, Rabbi Chija bar Abbas und andrer mehr; und während ihm zu Anfang zweimal noch die Rüge zuteil wird: dami hahu merabbanan, k'dlo gemire insche schmateta, es kommt mir dieser Schüler vor, als hätten die Leute nichts gelernt (Chullin 5b, Baba b. 84b), trifft er später den Nagel auf den Kopf: en bablaja, kamta ale; ja, Babylonier, du hast's getroffen! (Jerusch. Schabbat V 4.) So stieg sein Ansehen im heiligen Lande. Lange weigert sich der Demütige, die Semicha anzunehmen; er versteckt sich geradezu, „bleib* im Dunkel, dann bleibst du leben"; als er aber den Ausspruch hört, daß jedem, der zu solcher Auszeichnung aufsteigt, alle Sünde der Vergangenheit vergeben wird, da läßt er sich die Rabbiwürde erteilen. Begeistert über den schlichten, äußerlich so prunklosen, großen Mann, sang man ihm das Hochzeitscarmen zu: kein Puder, keine Schminke, kein Lockengekräusel und doch ein Ausbund von Chen.' (Sanh. 14a.) Ja, sie liebten ihn alle, den Rabbi Sera, der jeden durch seine Güte bezwang. Böse Nachbarn behandelte er doppelt zuvorkommend, ohne scheinbar auf sie einen Eindruck gemächt zu haben. Erst als Sei'ra starb, da . sprachen die Entarteten: Bisher hat der angesengte Kurzschenkel für uns gebetet, wer wird jetzt für uns beten? Da rafften sie sich zur Teschuwa auf. (Sanh. 37a.) Ueberhaupt war es ihm höchster. Gebot der Selbsterziehung: nicht auf andere zornig und eifersüchtig zu sein; stets schloß er sein Schmone Esre-Gebet: sei's Dein Wille, daß nicht Kin'a, Neid und Ingrimm auf andre unser Herz überkomme, und nicht das Herz Andrer auf uns.1) Wenn es im Talmud Jerus. Ber. II, 9 heißt: jede Erschwerung der Pein , und Last, schel Zaar, darf man gegen die Halacha als Einzelner auf sich nehmen,, so fügt Rabbi Sei'ra hinzu: ^a"b'er nur im'Stillen, üngesehn von anderen, damit „man Niemanden herabsetze." So rechnete man ihn mit Recht zu den chasside babel, zu den Menschen der echten, demütigen Frömmigkeit.') *) Diese Version, bei uns in das Ribbon Haolamim-Gebet des Sabbatausgangs aufgenommen, bringt nach Bacher die Münchener Handschrift. In unsren Talmudausgaben (Berach. 16b) lautet Serab Gebet: ,.laß uns nicht sündigen, nicht beschämt vor unsren Vätern dastehn." Dies deutet En Elijahu treffend auf jene Selbstabhärtung Seras gegen Feuersgluten, worin er dem. Stammvater Abraham gleichen wollte. 2) Diese Bezeichnung (Chullin 122a) wird dort allerdings nicht zu Ehren Rabbi Seras angeführt. Es heißt dort: Resch Lakisch, der gewaltige Palästinenser, und Rabbi Sera hatten die gleiche Frage aufgeworfen. Ein Schüler, gibt die Antwort. Resch Lafeiseh sagt ihm Dank. Rabbi Sera, von dem der Schüler glaubt, er habe die Antwort das erste Mal nicht gehört, wiederholt bei späterer Gelegenheit nochmals seine Auskunft. Darauf sagt Rabbi Sera: glaubst du, du müßtest deine Neuigkeit zweimal sagen, um deine Weisheit ZU Zeigen? (so Raschi). Dazu bemerkt der Talmud: komm und sieh, welcher Unterschied zwischen den Gewaltigen Palästinas und den Frommen Babels ist. Der Vorwurf erscheint aber nicht gerechtfertigt. Denn die Vorgänge waren ja gar nicht gleich. Rabbi Seras Tadel erfolgte doch^erst, als der Schüler ein zweites Mal mit seiner Weisheit paradierte. Wir bezweifeln die Richtigkeit der Lesart. Im übrigen konnte Rabbi Sera, so bescheiden er war. keinen falschen Hochmut von~ Schülern leiden. Vergl. Sanh. 96a seinen Ausspruch: Obwohl Rabbi gewarnt hat, seid vorsichtig mit Kindern der Unwissenden, denn von ihnen wird Lehre ausgehn, so soll man ihnen doch Dinge lehren, die sie vor falschem Ahnenstolz bewahren." Wenngleich Sera zu den chasside babel .rechnete, war er doch allen Uebertreibungen abhold. Einmal schickt er seinen Schüler Chaggai, ihm von einem Holzbündel einen Span zum Reinigen der Zähne zu bringen. Dann sagt er ihm: nein, bringe keinen Span. Wenn jeder sich einv»n nehmen wollte, wäre bald das Bündel verschwunden. Da bemerkt der Talmud: lo rabbi Sera Kascher kol ken, ela mile d'iozran schama Ian naawdinan, nicht etwa als wenn Rabbi Sera SO gewissenhaft gewesen, sondern die Gebote des Schöpfers wollte er uns hören lassen, daß wir sie tun. (Jerusch. Challa V 12.) Aus anderem Holz war sein Schüler und Landsmann Jirmija geschnitzt. Ein bohrender Verstand, voll beißender Kritik, voll ironischer Tücke, ungebärdig und ungeschlacht in seinem Auftreten. Im heimatlichen Lehrhaus hatte man ihn kaum beachtet. In Tiberias aber war er bald infolge seiner nörgelnden, spitzfindigen Ader unangenehm aufgefallen. Da wurde die Mischna (Baba bathra 23b) vorgetragen: findet jemand ein aus dem Nest gefallenes Täubchen im Umkreis von 50 Ellen von einem Taubenschlag, so hat er sie dessen Besitzer zurückzugeben, in weiterer Entfernung aber gehört sie dem Finder. Da fragte Jirmija: liegt die Taube mit einem Fuß innerhalb 50 Ellen, mit einem Fuß draußen, wie ist's dann? Da riß dem Kollegium der Faden der Geduld; al da afkuhn l'rabbi Jirmija m'be midrascha; um dieser wie ein Spott klingenden Frage willen schloß man Rabbi .Jirmija aus dem Lehrhause aus. Aber Rabbi Sera verwarf ihn nicht. Der demütige Meister behielt ihn als Schüler, Immer wieder kam * die parodierende Fragesucht Jirmijas zur Geltung. Als der Din vorgetragen wurde, die Sukka müsse man mit dem Abfall von Tenne und Kelter decken, aber nicht mit den Produkten selbst, denn wie könnte man mit Wein decken; da fragt Jirmija: vielleicht mit am Schnee des Libanon gefrorenen Wein? Rabbi Sera sagte: da hatten wir doch ein absolut gesichertes Ergebnis und doch konrmt Jirmija und treibt seine Axt als Keil hinein. (Sukka 12a.) In Nidda (21a) streiten die Chachamim mit Rabbi Mei'r, ob eine Frühgeburt, die nicht menschliche Körperform zeigt, die Mutter verunreinigen könne oder nicht; Rabbi Mei'r' meint, im Gegensatz zu den Chachomim: das Embryo gilt, auch wenn es das Aussehn eines Tieres hat, als ein Kind. Da fragt Jirmija seinen Lehrer: wenn nach Rabbi Mei'r solch Mißgestalt als echtes Kind betrachtet wird, kann der Vater für es ein gültiges Eheversprechen geben? Die Frage wird vom Talmud zwar sogleich ad absurdum geführt, weil solches Wesen nicht lebensfähig ist, aber Raw Acha, ben Jakob bemerkt dazu: mit solchen Lappalien sogar hat Raw Jirmija den Meister zum Lachen bringen wollen; aber Rabbi Sera hat nicht gelacht. Der Rabbi blieb ernst. Er wollte den Glauben an diesen Schüler nicht aufgeben. Denn eine Eigenschaft hatte er an ihm gewahrt, einen ungewöhnlichen Lerneifer. „Seit Ben Asai und Ben Sorna starben", heißt es, „gibt es keine Fleißigen mehr (batlu haschakdanim); aber in Jirmija ist wieder ein Schakdan erstanden (lo amad schoked ad scheamad Jirmeja"). (Jerusch. Ned. IX 3.) Deshalb nahm er ihn ernst und blieb ernst bei all seinen Extravaganzen. Aber er hatte damit ein schweres Erzieheramt auf sich genommen. Immer wieder mußte er seinen zügellosen Geist in die Schranken zurückweisen. Es ist bewundernswert, mit welcher Geduld Rabbi Sera verfährt; bald erkennt er den Scharfsinn des Grüblers an, bald fährt er ihn zornig ab. Als Rabbi Sera vortrug: von allem am Sukkot geernteten Getreide, wußten die Weisen, daß es vor Rosch Haschana. schon ein Drittel seiner Reife erlangt hat, fragt ihn der Schüler zweifelnd: Sind die Weisen wirklich so sachverständig in der Abmessung des Reifegrades? Darauf R. Sera: habe ich es Dir nicht schon oft gesagt: stell dich nicht so zweifelnd außerhalb der Halacha? (Rosch Haschana 13a; ähnlich Sota 16b.) Der Allesbesserwisser unterbricht einmal den Rabbi, es wäre Zeit zum Beten. Was erdreistest du dich, sagt Rabbi Sera, wer sein Ohr abwendet, Lehre zu hören, von solchem ist auch das Gebet ein Greuel. (Sabbat 10a.) Und schließlich siegt Rabbi Sera; Raw Jirmija wird unter seinen Händen geläutert und geradegerichtet. Er, der auf die babylonischen Amoräer spöttisch sagt: die „babylonischen Narren" — Rabba sagt von ihm: (Kethub. 75a) einer, der bei uns nicht verstand, was die Rabbinen meinen, kommt nach Erez und schon nennt er uns: babylonische Narren — vor der Persönlichkeit Rabbi Seras beugt er sich und lernt von ihm die Demut, die Selbstüberwindung des Charakters. Als noch einmal die Genossen des Lehrhauses ihn, den Ausgeschlossenen, um seine Meinung fragten, da erwidert er: ich, ich bin's nicht wert, daß ihr zu mir schicktet, aber die Ansicht eures Schülers geht da- und dahin. Da gewährten sFe ihm wieder den Eintritt ins Beth Hamidrasch (Baba B. 165b). Und Jirmija wurde einer der großen Meister der Halacha. Immer wenn's im Babli heißti