Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1938)
- Date
- 1938-05-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 21 1938 Das SefermahL Von Arthur Kahn. (Fortsetzung.) Schimme konnte seine große Rührung nicht länger zurückhalten und begann laut aufschluchzend: „Ich dank' an dieser heiligen Stätte nochmals hakodusch Borchu für die Gnade alle, die er mir erwiesen hat und daß er mich diese große S'ehije hat noch erleben lassen. Und ich versprech' an dieser seiner heiligen Tauroh, daß ihre Lehre nicht soll weichen aus meinem Herzen; und ich versprech' heilig und feierlich, daß ich als guter, braver Jehudi leben, und wenn hakodosch mich mal abruft, als guter, braver Jid . sterben will." Schimmes Stimme erstickte in Tränen; sein Bruder begann gleichfalls zu weinen und schließlich weinten alle Anwesenden; Beilchen so laut, daß die sie umgebenden Frauen mahnen mußten, sich ein bißchen zusammenzunehmen. „Laßt mich heule, ihr Weiber, und heult mit," bat Beilchen demütig. „Warum soll ich nit wane, daß G'tt mir mein' gute Schimme wiedergeschenkt hat!" Ein schier endloser Zug, an dessen Spitze der Chor mit der Kapelle in feierlich langsamem Tempo, gefolgt von den unter dem Baldachin herschreitenden Thoraträgern sich zu der Synagoge bewegte, füllte bald die lange Dorfstraße« Aus dem Zuge und der Musik heraus erscholl mächtig, alles übertönend, die Stimme des Vorsängers. Die katholische Bevölkerung des Dorfes, die in dem feierlichen Zuge einen schwachen Abglanz ihrer Prozessionen sah, verhielt sich zurückhaltend und höflich; und auch davon befriedigt, daß der Bürgermeister und die Gemeinderäte sich nebst noch andern Dorfgrößen im Zuge befanden. Es schien auch, als ob Levi bei seiner Predigt, die in Anbetracht der großen Hitze, der Enge des Raumes und der Masse der Teilnehmenden anstatt in, vor der Synagoge gehalten wurde, auf eine größere christliche Zuhörerschaft im .Voraus gerechnet hatte. Er begann seine Predigt mit der sonst nicht allgemein üblichen Ansprache: „Meine lieben Juden und Christen.'" Nachdem dann die neue Thora unter den üblichen Zeremonien in die Lade gebracht worden, der Festg'ttesdienst mit dem wunderbaren Gesang, wie ihn die meisten Dorfjuden vielleicht nie zuvor vernommen, beendigt war, begaben sich die Leute in ihre Wohnungen. In Anbetracht, daß der morgige Tag ein noch viel reichhaltigeres G'ttesdienst- und Vergnügungsprogramm bringen werde, gingen Gäste und Gastgeber zeitig zur Ruhe. — Beim Ausheben der neuen Thora, beim Morgeng'ttesdienst stand Schimme zur Linken des den Wochenabschnitt verlesenden Vorbeters. Unzählige Segenssprüche von den vielen an die neue Thora gerufenen Männern wurden übei Schimme und Beilchen gesprochen und ansehnliche Spenden gestiftet Da erschien, anfänglich bei der allgemeinen festlichen Erregung kaum beachtet, ein hochgewachsener, aristokratisch aussehender Mann an dem wegen der Hitze offenstehenden inneren Eingang. Die hellen von Lebenslust und Geist sprühenden Augen schienen im Augenblick den Stand des G'ttesdienstes und die Zahl der Anwesenden zu übersehen. Interessiert hörte er der ziemlich lang geratenen Segensliste eines Aufgerufenen zu, als jemand halblaut in die nicht ganz stille Gemeinde hineinrief: Salomon Marx! Mit einem jähen Ruck wandte sich der sonst etwas schwerfällige Schimme um und erkannte den so herzlich Ersehnten, ohne den eine echte Festlichkeit nirgendwo mehr denkbar schien. Eine hohe Röte überflutete Schimmes Antlitz, und dem noch immer in der Türe stehenden Herrn mit vor aufrichtiger Freude strahlenden Augen zulächelnd rief er laut: „G'liele!" Sekundenlang war alle Aufmerksamkeit dem neuen Ankömmling zugewandt, der, Freitag etwas spät angelangt, dem Tage einen neuen Glanz 2U verleihen versprach. „Mit all seiner Neumodischkeit ein ganzer Jehudi", raunte Jokew Markus seinem Nachbar Kiewe zu, der mit einem stolzen, befriedigten Lächeln, ohne aus seinem Buche aufzublicken, nickte. Von diesem Augenblick an wurde bei jedem Segensspruch der Name Schlomo bar Falk genannt. Das ereignete sich wohl noch mehr als ein Dutzend mal. Der also Gefeierte stand indessen neben seinem Vater. Es lag etwas Selbstverständliches in den Mienen des alten Mannes, dem, wie Schimme meinte, das Jichus und N'schirus auf dem Gesicht lag. Kurz vorher hat Chanine ein Intermezzo beim Vorlesen der Thora hervorgerufen, das allgemeine Heiterkeit veranlaßt hatte. Wie alle vor ihm. bisher getan, wünschte Chanine gleichfalls einen oder zwei Extra - Mischeberachim für Verwandte und Freunde oder sonst verehrte Personen machen zu lassen. Schon hatte sich sein Gedächtnis an seine Kinder, Vettern, Freunde und sonstigen Ortsanwesenden erschöpft, als er noch einem letzten Mischeberach für Napoleon, seinen Kaiser, ausgesprochen wünschte. Vergebens machte ihn der Vorleser darauf aufmerksam, daß man nur Lebenden solche Ehrenbezeugungen zuteil werden lassen konnte, die Toten solcher aber nicht mehr bedürfen. Der alte Starrkopf beharrte aber nur um so fester darauf, daß Napoleon bei einer Seferweihe einen Mischeberach haben mußte. Chanine von einer Ansicht abzubringen, sobald es sich um Napoleon handelte, war noch niemals gelungen; und so kam es denn, daß dem alten Soldatenkaiser, fast ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode, in der Synagoge ein Mischoberach gemacht wurde. Nach Schul reckte Beilchen, als nach vielen Willkommengrüßen der gefeierte Gast die Hände frei bekommen hatte, sich auf die Zehen empor, um ihre Hände auf die Schulter Salomons zu j legen, aber sie reichte nur zur halben Höhe des Mannes, der sie dafür emporhob, um sich von der kleinen Frau küssen zu lassen. Dann erzählte sie so laut als bei dem lärmenden Gehen und Grüßen der Leute möglich war, daß der Salomon halb bei ihr aufgewachsen sei. Beilchen verschwor sich hoch und teuer, Salomon müsse neben ihr und Schimme heute zu Mittag essen. Bei Tisch gab es indessen für Beilchen viel zu tun. Obgleich für Dutzende von Gästen Speise und Trank in Bereitschaft gestellt waren, bedauerte Beilchen doch schon im Voraus, wieviele der feinen Rauch- und Pökelzungen; der Enten- und Gänsebraten, der mit süßen Kastanien gefüllten Kalbsbrüste, Torten, Schalet, und anderen seltenen Leckerbissen, bei den über dreißig oder gar vierzig Gästen daraufgehen müßten. Beilchen, als eine höchst ökonomisch angelegte Natur, hatte den Schaden, den ihre Speisekammer erleiden mußte, schon lange vorher im Stillen berechnet, Als nun zuerst eine Grünkernsuppe, und für Liebhaber eine Bohnensuppe, wie sie nur am Schabbos zubereitet wird, umhergereicht wurde, rief sie freundlich und laut den Speisenden zu: „Ihr Leut' eßt Bohnensupp'". Manche der Gäste, die Beilchen gut kannten, vermuteten, daß sie nur deshalb die allerdings vorzüglich geratene Suppe so warm empfahl, -weil eine solche rasch sättigt, befolgten Beilchens gastfreundlichen Rat nicht und warteten seelenvergnügt der weiteren guten Dinge, die noch kommen sollten. Bei Kaufmann Seligmann, beim Parneß Markus, deren Gastfreundschaft von Niemandem übertroffen werden konnte, mußte in der geräumigen Scheune gedeckt werden, um alle Gäste unterbringen zu können. Und immer noch neue Gäste strömten hinzu, so daß über hundert Personen beisammen sein möchten. Bänke und Stühle wurden aus allen Wirtshäusern zusammengetragen und besorgt blickte seine Gattin auf den Hof, ob noch immer Nachzügler kommen würden. Für Essen war ja reichlich gesorgt, denn Kaufmann war immer auf die doppelte Zahl Gäste mehr vorbereitet, als andere Juden im Dorfe. In jedem Judenhause war jedes Plätzchen, jeder Stuhl, jede Bank, besetzt und der Wein floß allerwärts so reichlich, wie dies nur in einem reichen Weindorf und bei gastfreundlichen Bewohnern der Fall sein kann. Bei Elias Algesheimers Mutter waren auch wohl über ein Dutzend mehr Gäste erschienen. Das kleine Häuschen sah wie ein Puppenstübchen aus und hurtig eilte die Schwester ab und zu und bediente mit einer Flinkheit und Freundlichkeit die Gäste, daß sie voller stiller Bewunderung das gewandte Mädchen beobachteten. „Mit dem Mädchen ist einmal kein Mann geuzt", flüsterte Maier Rümelsheim seinem Nachbar, dem Leibchen aus Wallhausen, zu. Dieser erwiderte nichts; nicht einmal mit dem Kopf, sondern sah nur wie still rechnend durch das offene Fenster auf die Gasse, Doch der Maier. in dem der Schadehen nie ganz schlummerte, obwohl ihm diese Neigung niemals etwas einbrachte, fuhr, nur dem Wallhausener Tischnachbar verständlich, fort: „Wenn der Elias vierhundert preußische Taler für Sarchen aufbringt, kannst du ruhig ja sagen. Heute Abend ist Ball. Soll ich die Sach' in die Reih' bringen?" Der Wallhäuser sah wieder starr zum Fenster hinaus, ohne Antwort zu geben. Er rechnete im Stillen weiter und schielte zuweilen su Elias' Schwester hin, die in ihrer robusten Frische dem Leibchen von Wallhausen immer schöner vorkam. Nur die vierhundert Taler schienen ihm nicht so sicher, als wie das Vollgewicht von Sarchens jugendlicher Frische. Und doch hätte diese Gesundheit und unbefangene Heiterkeit Sarchens sehr wohl nach Wallhausen gepaßt. Während Maier Rümmelsheim an Leib hineinredete, frug sich dieser, woher wohl die vierhundert Taler Sarchens kommen sollten, wenn der Elias so verschämt verliebte Blicke auf Minchen Brandeis werfe, die, neben ihrer Mutter sitzend, unter den mehr kraftstrotzenden als zarten Frauen und Mädchen, sich wie eine schöne Aristokratin ausnahm. Und Leibchen, dem das rotwangige und üppig gestaltete Sarchen immer besser gefiel, überlegte weiter, wenn der Elias das mittellose Minchen Brandeis zur Lebensgefährtin erkürte, dann sei das. mit dem Geld für Sarchen doch recht zweifelhaft. Doch heute Abend war ja das lange mit Spannung erwartete Fest, auf dem und nach dem sich noch gar manches ereignen konnte. Nach dem Minchagebet spazierten die Einheimischen und ihre Gäste im Dorf umher oder in dessen reizvoller Umgebung. Zwanglos fanden sich die frohgestimmten Menschen zusammen und mancher junge Mann wußte schon, was sie zu tun hatten. Die „Schmisser" sahen sich gegenseitig jedoch ohne Feindseligkeit prüfend an. Hand in Hand gingen sie friedlich miteinander spazieren. Vorläufig war ja auch noch kein Anlaß zum Streit da. (Fortsetzung folgt.)