Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1938)
- Date
- 1938-05-25
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451032--83737-2541758- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
E 1 k e 1 e s. Ein Vortrag von Dr. Felix Kauffmann, Frankfurt a. M. fand im Gemeindehause zu Offenbach statt. Die Vorträge, gaben den Hörern "wertvolle Fingerzeige über die Fragen, die sie heute alle am meisten beschäftigt, nämlich über die Möglichkeit der Auswanderung und die in Betracht kommenden Einwanderungsländer. Zahlen aus der Jüdischen Winterhilfe in Berlin. Berlin, 23, Mai, Die von der Gemeindekanzlei jetzt bekanntgegebenen Zahlen über die dritte Jüdische Winterhilfe in Berlin ergeben ein grandioses Bild jüdischer Hilfsarbeit. Es wurden im Winterhalbjahr 1937/38 nicht weniger als 25 851 Personen betreut. Unter ihnen waren 1800, die nicht als Konfessionsjuden zu betrachten sind. Der fünfte Teil der Betreuten waren Ausländer, der zehnte Teil Staatenlose. Unter den Hilfsbedürftigen zählte man 3500 Kinder, 2000 Jugendliche, 16 000 in mittlerem Alter und 4300 Alte. Neben den Lebensmittelzuweisungen wurden Barunterstützungen im Betrage von 60 000 Mark verabreicht. Bekleidungsgegenstände wurden im Werte von nahezu 300 000 Mark ausgegeben. Ferner wird noch im Berichte die seelische Betreuung im Rahmen von Vorträgen, G'ttesdiensten und Familienabenden erwähnt/ Aus einem Aufruf der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Wien, 20. Mai. An die Juden Wiens ergeht ein Aufruf der Kultusgemeinde, dem wir folgendes entnehmen: „Der Augenblick ist ernst und bedeutungsvoll, sein Gebot lautet: Einheit und G'ttvertrauen. Das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Schicksalsgemeinschaft soll uns die Quelle neuer Zuversicht werden. Vor der Größe neuer Aufgaben möge alles, was kleinlich ist und störend wirkt,, zurücktreten und verschwinden. Wichtige und einschneidende Aenderungen sind im jüdischen Leben eingetreten, manche Umwälzung steht noch bevor. Es gilt, an G'tt zu glauben und bereit zu sein. Es darf keiner unter uns in seiner Not einsam und verlassen bleiben. Jüdisches Mitgefühl und Opferbereitschaft müssen zur Stelle sein, um Leid zu lindern, Verzweiflung zu beschwichtigen und Lebenswillen zu wecken. Bereits in der nächsten Zeit werden viele von uns daran gehen, sich in -der Ferne neue Daseinsmöglichkeiten zu schaffen. Diese.Wanderung muß von unserer Gemeinde vorbereitet- und geordnet werden, damit wir unsere Kräfte nicht zer-> splittern und nicht vergeuden. Der Scheidende soll überzeugt sein, daß ihm die Liebe und die Verbundenheit der Gemeinschaft auf seine Wanderung folgt. Die ewige Sehnsucht früherer Generationen nach Zion und die Hoffnung der Gegenwart auf den Wiederaufbau Palästinas werden ihn leiten und seine Richtung bestimmen. Nicht Allen wird jedoch dieses Glück zuteil; viele müssen unter neuem Himmel in ungewohnter Umgebung ihre Arbeit aufnehmen. Wir aber wollen uns mit Würde und in strenger Disziplin den neuen Verhältnissen anpassen und durch ausgedehnte Selbsthilfe und Opferbereitschaft unserer Gemeinde die Möglichkeit einer weiteren gedeihlichen Arbeit schaffen, damit wir nicht den einzigen Mittelpunkt des judischen Lebens verlieren. Unsere Kinder sollen nicht namenlos, ohne Halt und Selbstvertrauen in die Welt ziehen; sondern als Träger einer" großen^ Idee, ausgestattet mit innerer Sicherheit und mit seelischem Adel, Jüdische Lebensweise und planvolle Erziehung werden uns die Erreichung dieses Zieles ermöglichen. Aber auch wir müssen uns auf neue Aufgaben und auf neue Lebensbedingungen umstellen. Ueberliefertes Schrifttum und zeitgemäße Werke sollen zu Quellen der Anregung und der Lebensfreude werden. Im Erfassen der jüdischen Vergangenheit wollen wir die Kraft suchen, auszuharren. Hier wollen wir jene Hoffnung für die Zukunft finden, die in. den Worten zum Ausdruck kommt: G'tt, der Israel immer, beschützt hat, wird auch mit uns sein, unser nicht vergessen und uns nicht verlassen." (Siehe auch Letzte Nachrichten auf Seite IL) Wichtige Mitteilung für die Auswanderer. Wien, 21. Mai. Die Auswanderungsabteilung der Wiener Kultusgemeinde teilt mit; „Es mehren sich die Fälle, daß Durchwanderer aus Oesterreich an der holländischen, belgischen oder französischen Grenze zurückgewiesen werden, weil die Betreffenden entweder nicht im Besitz ordnungsgemäßer Ausweispapiere sind oder das für die Einreise in die genannten Länder erforderliche Visum nicht besitzen. In manchen Fällen erfolgte die vorübergehende Festnahme mit dem Auftrag, nach deren Ablauf nach Oesterreich zurückzukehren. Falls diese Uebelstände nicht abgeschafft werden, sind noch schärfere Maßnahmen zu erwarten. Es wird daher nachdrücklichst darauf aufmerksam gemacht, daß Personen, die nicht im Besitz von Pässen mit Ausreisevermerken und Unbedenklichkeitsbescheinigungen sind, die Abreise aus Wien bezw. Oesterreich unterlassen mögen, da nicht nur' eine Ueberschreitung der Grenzen ins Ausland, sondern auch eine Unterstützung durch die bestehenden Wanderfürsorgestellen im Reich ausgeschlossen erscheint." Errichtung einer zentralen Auswanderungsabteilung. Wien, 22. Mai. Die Wiener Israelitische Kultusgemeinde hat -in den letzten Tagen in allen ihren Abteilungen und Zweigen ihren vollen Arbeitsbetrieb aufgenommen. Die Jüdische Gemeinde geht nun daran, zu den bereits bestehenden Fürsorge- und Wohlfahrtseinrichtungen eine den heutigen Bedürfnissen besonders angepaßte Abteilung ins Leben zu rufen, die ausschließlich der Organisierung und planmäßigen Durchführung der Auswanderungsbewegung gewidmet sein wird. Die Amtsdirektion der Kultusgemeinde hat zunächst Anordnungen .für eine verläßliche Informations¬ und Beratungsstelle in Auswanderungsfragen getroffen, die als erste Etappe auf dem Wege zum planmäßigen Aufbau einer zentralen Auswanderungsinstitution gedacht ist. Die Jüdische Gemeinde hofft in kürzester Zeit bereits in der Lage zu sein, den Kontakt und die Verständigung mit allen in Betracht kommenden Einwanderungsländern sowie den großen Jüdischen Auswanderungsorganisationen, mit deren Hilfe sie rechnet, zu gewinnen, um so die in den Mittelpunkt der jüdischen Gemeindearbeit gestellte Emigrationstätig- G'ttvertrauen. Von Rabbiner Dr, M. Lewin in Hamburg. Der Prophet, der den schwersten Seelenkummer und das herbste Herzeleid hat tragen müssen, ist zum innigsten Künder geworden von dem unversiegbaren Segensquell des alle Schmerzen mildernden und alle Wunden heilenden G'ttvertrauens, Alle Propheten haben als Diener des Höchsten in Selbstverleugnung ihrer Sendung getreu häufig genug unter der Verkennung ihrer Ziele seitens ihres Volkes zu dulden gehabt, — keiner unter ihnen aber mehr als Jirmejahu, der mit einem Herzen voller Liebe und Innigkeit seine Gemeinde immer wieder unverdrossen auf die Bahn des Guten zu leiten suchte —, aber nur Feindschaft und selbst Verrat erntete und auch von den Nächsten schnöde zurückgewieser» wurde. Und gerade dieser Prophet, der den Kelch der Bitternis bis -zur Neige leeren mußte, blieb für Israel der Herzen- und Seelen erhebende und stärkende Sänger des wahren und lauteren G'ttvertrauens. Sein Wort richtet auf und gießt uns den lindernden Balsam ins wunde Herz, wann immer wir von Kummer und Sorge gebeugt zu verzweifeln drohen. Es ist der Labetrank unserer Seele geworden, die wie die dürre Flur nach dem Himmelstau lechzt, sein Ruf: "in 'T3 nü3' iE?« naan Tm „Gesegnet ist der, der auf G'tt vertraut, daß der -Allgütige seine Zuversicht ist." Dieses Wort, mit dem wir uns alltäglich für die Nöte des Lebens wie mit einem Schilde wappnen und in den Stunden der besonderen Weihe und Rast das Heil und die Wonne der Sabbate und" Feste uns noch erhöhen, — es ist der Leuchtturm geworden für unser Israel in all den Schicksals Wendungen des Golus, wie es die frommen Helden unseres Volkes zum treuen Ausharren allezeit ermutigte und mit der Krone edelsten Märtyrertums schmückte. Sollte es nicht auch unserm Geschlechte Halt und Stütze bleiben? Allerdings ist das G'ttvertrauen, wenn es nicht nur Schein und Tünche sein, sondern der Jungbrunnen unserer Widerstandsfähigkeit bleiben soll, auch eine große V e r p f 1 i c h t u n £. Unser Bekennermut muß einmünden im Willen zu unserem Judentum, daß wir niemals das heilige Schriftwort preisgeben: "in in>n TiprQ ds. Daß ihr ja in meinen Satzungen wandelt und meine Gebote hütet und sie ausübet? Unsere Weisen erklären hier: ii»8>*> »ffj> rnina n^ay nn „Müht euch um die Lehre, machet sie euch zu eigen, um sie in Wahrheit beobachten und erfüllen zu können". Das ist eine Forderung, die mehr denn je an unsere Zeit gerichtet ist.. Die Lehre sollen wir zu erforschen suchen, daß ihre Wahrheiten uns ein un- , zerrinnbarer Schatz bleiben und wir die Sorgen des Tages in der Verwirklichung unserer jüdischen. Ideale mildern. Irdische Not wird leichter, wenn die Seele innerlich gefestigt ist. Wir wanken nimmer und verzweifeln nicht, so wir in G'tt unsern Hort verehren und aus diesem Bewußtsein uns das G'ttvertrauen quillt. Der Tag vom Sinai winkt, bald scharen wir uns im Geiste von neuem um den heiligen Berg, auf dem sich uns G'tt als der Gesetzgeber unseres Lebens geoffenbart hat. Des sollen wir wieder froh werden, dann erfahren wir das große seelische Parakeit mit Erfolg durchzufuhren. Die 'Auswanderungsäbteilung der Jüdischen Gemeinde wird" einen umfassenden Charakter" tragen, da' ihr die gesamte Äus- :-Wanderungsbewegungmit Ausnahme derv Palästina - Wanderung, deren Regelung und Durchführung ausschließlich dem Palästinaamt vorbehalten bleibt, 'zur Organisierung überantwortet ist. Die Stellen, die diese schwere, verantwortungsvolle Arbeit im Interesse der Wiener jüdischen Gesamtheit zu leisten haben werden, erwarten von den jüdischen Massen, Disziplin und Einordnung s sinn, denn nur so wird es der Auswanderungsstelle möglich sein, in Berücksichtigung der weitestgehenden Wünsche aller Auswänderungswilligen die bevorstehende große Aufgabe zu erfüllen. Holland. Das Fremdenrecht in Holland. Den Haag, 1-9. -Mai. Wie bekannt wird, wurde dieser Tage den Polizeibehörden mitgeteilt, daß in 'ganz besonderen Ausnahmefällen, in denen die Rückwirkung dfifi flßUen Fremdengesetzes eine besondere Härte darstellen würde, der 7. Mai als Stichtag angesehen werden kann. In weiterer Ausführung des Gesetzes über die Genehmigungspflicht für selbständige Gewerbeausübung durch Fremde wurde nun bestimmt, daß jeder Ausländer, der selbständig das Bekleidungsgewerbe ausübt, in Zukunft einer schriftlichen Genehmigung bedarf. Einwanderungsmöglichkeit von Juden in Niederländisch-Indien? Amsterdam, 17. Mai. Gelegentlich der Zusammenkunft des Allgemeinen Niederländischen Verbandes, worauf Redner aus dem Mutterlande, den-holländischen Kolonien und aus Gebieten, wo Niederländer in Gruppen wohnen, zu Worte kamen, sprach u. a. Dr. A. J. A. A. Baron van Heemstra, ehemaliger Gouverneur von Suriname. In seiner Rede erklärte er, daß in Suriname die Möglichkeit besteht, einige hundert jüdische Familien anzusiedeln. Diese Mitteilung eines so sachverständigen ehemaligen Gouverneurs erweckt starke Hoffnungen, die angesichts der Tatsache, daß das europäische Holland seine Grenzen für "die Einwanderung von Juden geschlossen hat, besonders ins Gewicht fällt. Man erwartet hier, daß die zuständigen jüdischen Instanzen in unserem Lande sich dieser Sache in gebührender Weise annehmen werden. * * * Von anderer Seite wird uns geschrieben: Die Arbeitsmöglichkeiten für Europäer in Niederländisch-Indien, also auf den südasiatischen und ozeanischen Inseln Sumatra, Java, Borneo, Celebes, Madura, auf den kleinen Sunda-Inseln, den Molukken usw. sind außerordentlich gering. Wenn auch die holländische Zentralregierung für die Zulassung von Ausländern in diesen Kolonialgebieten keine besonderen Bestimmungen getroffen hat, so ist doch in der Praxis festzustellen, daß nur selten die Arbeitserlaubnis erteilt wird. Im allgemeinen läßt sich sagen, daß es in Niederländisch-Indien keinen Antisemitismus gibt. Maßgediesesglück, das unser ewig Teil bleibt und wir jubeln immer von neuem: "Dnaan Tru „Gesegnet ist und bleibt der, der auf den Allgütigen vertraut". Kleines Feuilleton/ Ein Nichtjude zum Sabbatjahr. Aime Palliere in Paris, der frühere katholische Priester und nunmehrige der jüdischen Welt- und Lebensanschauung ergebene Noachide, schrieb vor sieben Jahren an Dr. Nathan Birnbaum in einem hebräischen Briefe: \ „Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf einen erhabenen Gedanken, lenken, der jetzt seinen Weg in die verschiedenen Länder gefunden hat. Es ist dies der Vorschlag, das kommende. Sabbatjahr als ein Jahr geistiger Auferstehung zu verkünden. Alle jüdischen Gemeinden und Jugendverbände sollen während dieses ganzen Jahres neue und große Anstrengungen machen, das Herz Israels wieder seinem G'tt zuzuführen und .im Volke den Glauben der Väter, die Liebe zur heiligen Thora und die Begeisterung für seine geistigen Schätze, aus denen die Mehrheit der heutigen Juden keinen Nutzen mehr zieht, zu wecken. Sicherlich ist die Erlösung Israels nicht in, unserer Hand, aber die Umkehr, die allem vorangeht, liegt j immer, geschweige in einem heiligen Jahr wie die-' sem, in unserer Macht ..." - j Palliere ist still geworden. Vielleicht hat;, ihn der schwache Widerhall seiner Rufe ermüdet. Es wäre zu bedauern, wenn der Mann, der „Das unbekannte Heiligtum" schrieb, mutlos geworden wäre. G.