Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1938)
- Date
- 1938-05-19
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 20, 1938 Das Sefermahl. Von Arthur Kahn. (Fortsetzung.) „Auf wen luhrst du noch?" frug Samuel den Bruder. „Ich mein als, Falks Salme müßte noch kommen. Ich hab' ihn doch so oft gebait," antwortete Schimme traurig. „Mach' kei' Stuß, Schimme," mahnte Samuel. Levi, der plötzlich während Kiewes und Schimmes Rede verschwunden und uneingedenk der Würde seines Talars, diesen hochhebend nach Hause geeilt war, um die vergessenen Bäffchen anzulegen, schloß sich in diesem Augenblick der Männergruppe wieder feierlich an. Noch schnaufte er von dem schnellen Gang, den er nicht gewohnt war, und doch hatte er schon das Gesprächsthema erfaßt. Handelte es sich doch um die Person seines Lieblingssschülers, der damals zu den angesehensten Männern der Provinz gehörte, um Salomon Marx auf den nicht nur die Dorfjuden, sondern auch die sonst gleichgültigen Bauern nicht weniger stolz waren, wie die benachbarten Stadtleute, in deren Mitte Marx viele Jahre gewohnt hatte. „Warum soll Falks Jung, der Salomon, nicht noch kommen?" wiederholte Levi, und blieb, jetzt gleichfalls zurückschauend, stehen, um ein wenig Atem zu holen. „M e i n Schüler, der bei mir angefangen hat, Gemoro zu lernen, weiß, was eine Seferchinuch zu bedeuten hat. Er weiß, was es uns Jehudim in diesem Jieschew für Ansehen bei manchem Nichtjuden gibt, wenn er wirklich kommt. Hat er doch im Auftrag der Regierung in Darmstadt die Festrede auf dem Realschuljubiläum geahlten. In der Stadt suchen doch alle Szrores seinen Umgang, und könnt' er doch, wenn er wollt', sogar beim Minister ein und ausgehen. Er hat aber die richtige Gaiwe, als wie sie jeder vornehme Jid haben sollte. Er hat nicht den Ehrgeiz, daß der Bürgermeister oder gar der Kreisrat, der sein bester Freund ist, ihn einladen, oder bei ihm essen und trinken. Das kommt daher, daß er Gemoro gelernt hat. Er kann mehr Schaß wie mancher Raw, hat er alles bei mir gelernt." Die Leute hörten zu, als erzähle ihnen Levi eine große Neuigkeit. Und doch hatten sie dieselbe Sache schon unzählige Mal aus seinem Munde vernommen. Aber sie hörten immer wieder mit demselben Interesse und derselben Befriedigung von ihrem angesehenen Landsmann sprechen,' weil sie mit diesem sich selber geehi't fühlten. Es war eben noch kurz nach der sogenannten Emanzipation und die besondere Auszeichnung eines einzelnen hervorragenden Juden tat allen wohl. Es gab damals zwei Männer aus dem Dorfe, von denen viel gesprochen wurde. Der eine hieß Simon Blad, von dem eines Tages die Zeitungen ganz Deutschlands sprachen; aber nicht in rühmlichem Sinne. Simon Blad, ein Alters- und Schulgenosse von Salomon Marx, wandte seine nicht geringen Fähigkeiten dazu an, sich als Finanzgenie emporzuarbeiten. Der Sohn eines armen, aber grundehrlichen und dabei etwas beschränkten Mannes von unbedeutender Herkunft. Simon Blad hatte einen grenzenlosen Ehrgeiz, jedoch ohne höheren Bildungstrieb. Er brachte es zu einem ansehnlichen Vermögen, von dem er aber weder dem alten Vater noch seiner blutarmen Schwester bei deren Lebzeiten auch nur das geringste zukommen ließ. Von dem Ehrgeiz eines menschlich wertlosen Parvenüs durchdrungen, strebte er nur darnach, sich auf «ine möglichst Aufsehen erregende Weise zu verewigen, ja, sogar unsterblich zu machen. Niemals fiel dem eitlen engherzigen Streber ein, durch eine seinem großen Vermögen entsprechende hochherzige Tat sich den Dank der Mit- und Nachwelt zu sichern. Und dennoch wünschte er nach seinem Tode durch ein Denkmal, das möglichst in die Augen fallen sollte, im Munde der Nachwelt weiterzuleben. Dieses Streben gelang ihm tatsächlich, indem Simon Blad für alle Zeiten, in denen Denkmäler eine Geschichte haben werden, unsterblich lächerlich bleiben wird. Sein „Denkmal", das die eine Stadt ihm in einem der verstecktesten Winkel errichten ließ, um dafür eine seiner Millionen zu erben, ist einschließlich des Sockels etwa einundeinhalb - Meter hoch — ein Hohnmal aufgeblähter, verdienstloser Narrheit. Als er 1882 starb, bildeten seine Nekrologe eine Sammlung von Spottschriften und vernichtenden Kritiken, wie sie wohl kaum ein zweitesmal nach dem Tode eines solchen armseligen Wichtes mehr werden geschrieben werden. Dazu kam, daß viele Zeitungen an Simon Blad, der schon bei Lebzeiten, wenn auch urigetauft, sich verachtungsvoll von seinem Judentum abgewandt hatte, sich des toten „Juden" erinnerten, dem sie mancherlei nachzusagen wußten. Zwei größere Gegensätze sind'vielleicht noch nie in einem Dorfe geboren worden und haben auch vielleicht noch niemals zusammen auf derselben Schulbank gesessen, wie „Binjomins Sir mon" und „Falks Salomon". Salomon Marx, einer altaristokratischen Familie entsprossen, wie es selche noch vor hundert und mehr Jahren auf vielen Dörfern Süddeutschlands öfters gab, zeichnete sich schon in früher Jugend durch ungewöhnliche Geistesgaben aus, denen nicht minder herrliche Eigenschaften des Gemütes beigesellt waren, so daß er als Gelehrter sich ebenso ausgezeichnet haben würde, wie als Philantrop oder Dichter. Marx ist eines jener Genies, wie sie nicht selten unter den Juden im vorigen Jahrhundert geboren wurden, heute zweifellos seltener werden. Auch ohne die krankhaften, aus einem ungesunden Ehrgeiz hervorgegangenen Denkmalsgelüste seines Landsmannes Simon Blad, nahm er bereits als noch verhältnismäßig junger Mann schon eine hervorragende gesellschaftliche Stellung ein. Ein Schöngeist mit offenem Blick für Welt und j Menschen um sich her, in denkbar glücklichsten äußeren Verhältnissen, suchten die ausgezeichnetsten Männer, darunter viele .Schriftsteller und Gelehrte von Ruf und in hohen Stellungen, seinen anregenden Umgang. Stolz darauf, im Dorfe geboren zu sein, liebenswürdig und herzgewinnend im Umgang, leutselig gegen die Armen und Ranguntersten, liebten ihn Juden und Christen seiner Heimat fast abgöttisch. Zur Zeit, da diese Geschichte spielte, waren beide, Blad und Marx, erst im Aufstiege. Gerade an diesem Nachmittag, wo alle Juden im Dorfe sich ihrer in noch so weiter Ferne lebenden Verwandten erinnerten und gerne in ihrer Nähe gehabt hätten, trat der ungeheure Abstand in der Abschätzung zwischen dem genialen Narren Simon Blad und dem hochragenden Geiste Salomon Marx' häufig hervor. Was war an diesem Nachmittag nicht alles auf den verhaßten Simon Blad geschimpft worden! Nur die Rücksicht auf den bald neunzigjährigen Vater, den alten Binjomin, um den sich Simon Blad nie kümmerte, hielt die Leute vor weiteren öffentlichen Schmähungen ab. Um so sehnsüchtiger erwarteten die Dorfjuden ihren Salomon Marx und' bestürmten dessen Vater, den im Städtchen wohnenden Bankier Falk Marx, mit Fragen, ob Salomon doch vielleicht noch kommen werde. Salomon hatte einige Monate vor dem Sefermahl, bei dem Jubiläumsfest der Realschule in der Kreisstadt, die Festrede auf' besonderen Wunsch seiner ehemaligen Lehrer und der obersten Schulbehörde in Darmstadt gehalten. Die Juden waren nicht wenig stolz darauf und nannten es einen Kiddusch Haschern, womit sie-;sich auch wirklich einmal nicht der Uebertreibung schuldig gemacht hatten. Seit der „Judenemanzipation" war es noch nicht vorgekommen, daß im Hessenland auf offizielle Mitwirkung eines Juden bei einer bedeutsamen Feier, von hoher Stelle aus, besonderes Gewicht gelegt worden war. Und nun war gerade auf „Falks Salomon", wie die Juden der ganzen Umgegend ihren Glaubensgenossen Salomon Marx zu nennen pflegten, die Wahl gefallen. Und es waren eben erst einige Monate her, daß dieses bedeutungsvolle Ereignis sich zugetragen hatte. Da stand vor einer fast tausendköpfigen Menge ein hochgewachsener, hellblonder Mann mit vornehmen Gesten, nur selten einen flüchtigen Blick auf sein Manuskript werfend und sprach von den höchsten Aufgaben der Menschheit, sich bald auf Piaton und Aristoteles, bald auf Dante und Äriosto, sich auf Shakespeare, Luther und auf das Alte Testament, auf Goethe und Byron, oder sich auf Calderon und Schiller, in ganz besonderer Weise aber auf Propheten berufend, alle diese Geistesgrößen in ihrer Muttersprache zitierend. Der Erzähler dieser Geschichte, der, damals ein dreizehnjähriger Schüler, der Feier beiwohnte, erinnert sich noch lebhaft, wie die aus nah und fern herbeigereisten Honoratioren wie gebannt der hinreißenden Bererdsamkeit dieses ungewöhnlichen Mannes folgten, und mit welchem ungeteilten Enthusiasmus das gebildete Publikum seinen Beifall spendete. Man kann es daher sehr wohl verstehen, daß bei allen Dorfjuden und deren Gästen das gleiche Verlangen lebendig war, daß „Falks Salomon" im letzten Augenblick noch erscheinen möchte. Jedoch war die Zeit schon vorgeschritten und Salomons Vater, der Bankier, soebenmit seiner Kutsche ohne den Ersehnten angefahren gekommen. Auch die Sänger aus der Kille kamen allgemach und bald darauf erschien der wichtigste Mann des Abends, Nathe Bing. In Jokews Stube, in welcher der Hechal mit der neuen Thora aufgestellt war, drängten, sich die Menschen zusammen. Jeder wollte 2q\ige des feierlichen Augenblickes sein. Auch auf der Gasse standen dichte Menschengruppen in freudiger Spannung ob der sich jetzt vollziehenden Feier. Der Parneß Markus Kahn mahnte vergeblich zur Ruhe und Raum frei zu lassen; hier versagte sein Ansehen und Bemühen. Da näherte sich auch schon von der unteren Dorfstraße her ein Zug von Männern, die auf dem Arme Gesetzesrollen trugen, um die neue Thora abzuholen und zu ihrem dauernden Platz in die Synagoge zu geleiten. Eine Kapelle intonierte einen feierlichen, eigens zu diesem Zwecke komponierten Choral, worauf die eben noch laut sprechende Menschenmasse plötzlich ganz still ü wurde. Als die Musik immer näher kam, führte Kiewe den Schimme bei der Hand vor den He chal, wo die Thora in einem prächtigen rotsamtenen, mit reicher Goldstickerei verzierten und im Kerzenschein strahlenden Silberbehange stand und begann mit lauter Stimme: „Mein lieber Chawer Schimme: Du hast in Deiner Krankheit gelobt, dieses Sefer samt der K'lei Kodesch und dem Mäntel-, chen für ewige Zeiten in die Schule zu geben, i So nimm denn diese heilige Thora, unser ewiges . Erbe vom Sinai, und trage sie wie ein Kind auf deinen Armen in die Schule, wo der ihr nach dem Gesetz bestimmte Platz ist. Möge hakodösch Borchu dir vergönnen, noch länge Jahre zu dieser Thora, die heute dein Kind ist* gerufen zu werden, Omen!" (Forts, folgt.)