Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 20 (19.5.1938)
- Date
- 1938-05-19
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr. 20 Der Israelit 19. Mai 1938 Indien. Und Indien? . . . Bombay im März. (Aus einem Briefe an den Hilfsverein der Juden in Deutschland.) . . . Indien ist zweifellos ein Land mit einer großen Zukunft, das sich offenbar in einem Prozeß industriellen Aufbaus befindet. Bis jetzt gibt es nur ganz wenige Industrien, und es ist mir von verschiedenen, in den letzten Jahren aufgebauten mittleren und kleineren Betrieben, bekannt, daß sie, wenn sie umsichtig geführt werden, durchaus erfolgreich arbeiten. Solche Betriebe können auch mit der unbedingten Unterstützung der hiesigen Behörden rechnen. Von Juden aus Deutschland sind derartige Einzelbetriebe meines Wissens noch nicht aufgemacht worden. Ich kenne aber die Entwicklung einer großen Anzahl mittlerer und kleinerer indischer Industriebetriebe, die als durchaus zufriedenstellend zu bezeichnen ist. Ich erwähne z. B. eine Glasbläserei, eina Stecknadelfabrik, eine Fabrik für pharmazeutische Artikel, eine Holzschraubenfabrik usw. Voraussetzung für den soliden Aufbau eines derartigen Unternehmens ist selbstverständlich eine eingehende Prüfung der Marktlage, einwandfreie Maschinenanlagen und wirkliche Fachkenntnisse bez-w. das Engagement eines Fachmannes. Sind diese Voraussetzungen gegeben, so dürfte es sogar möglich sein, Betriebskapital hier zu finden. Ich kann mir durchaus vorstellen, daß entweder eine Bank oder ein hiesiger Finanzier einen wirklich gut aufgebauten und modern eingerichteten Betrieb mit soliden Gevrinnaussiehten zu finanzieren bereit ist. Es scheint mir, als ob es im allgemeinen Interesse läge, daß nicht nur in Indien, sondern auch in den anderen Auswanderungsländern das noch vorhandene jüdische Kapital möglichst produktiv angelegt wird, weil auf diese Weise nicht nur den Unternehmern menschenwürdige und unabhängige Existenzen, sondern vor allem auch anderen Juden Arbeitsplätze in diesen Betrieben geschaffen werden. Nach Ansicht zahlreicher Leute hat in Indien eine Industrialisierung begonnen, die nicht mehr aufzuhalten sein wird und die um so größere Zukunftschancen bietst, als nicht nur das erwachende Nationalgefühl der Inder derartige Industrien fördern wird, sondern . vor allem auch, weil die indische Bevölkerung rapide wächst und sich der allgemeine Lebensstandard mit der Zeit erhöht. Wir_ beobachten z. B. in Bombay in den letzten Jahren eine geradezu ungeheuerliche Bautätigkeit, die ihren Grund ausschließlich darin hat, daß zahlreiche Inder ihre elenden Quartiere in der Innenstadt, sog. Bazar, aufgeben und in moderne Häuser ziehen. Es würde sich zweifellos lohnen, wenn die Frage, von welchen Industriezweigen man sich hier im besonderen Erfolge versprechen kann, einmal an Hand der indischen Importe von mit den Verhältnissen genau vertrauten Leuten nachgeprüft würde. Bei einer so kleinen weißen Bevölkerung dürfen natürlich nur wirklich einwandfreie Elemente in dieses Land kommen, in dem im Gesehäftsleben unter Europäern die bekannten Grundsätze englischer Fairness strikt eingehalten werden. Darüber hinaus sollten nur diejenigen eine Ueber- Siedlung nach Indien erwägen, die sich den. klimatischen Anforderungen voll gewachsen fühlen und tatsächlich bereit sind, Fuß in diesem Lande zu fassen und auch die Landessprache, d. h. zumindest Eng« lisch, perfekt erlernen. Ich möchte ausdrücklich hervorheben, daß Indien wie jedes Kolonialland Entbehrungen zahlreicher Art mit sich bringt, einen Punkt, den man keineswegs unterschätzen darf. Selbst in den wenigen indischen Großstädten gibt es keine Theater, Konzerte, Vorträge, Kaffeehäuser usw. Der Zutritt zu der englischen Gesellschaft, besonders den englischen Klubs, ist ni«i"it nur außerordentlich schwer, sondern auch kostspieliger, als es für den Durchschnittszuwanderer erschwinglich ist. Die Tatsache, daß der normale Lebensstandard der hiesigen Europäer, und zwar auch der Glaubensgenossen, die als Nichtemigranten mit normalen Verträgen von kontinentalen Firmen herausgeschickt worden sind, außerordentlich hoch ist, läßt leicht Neid und Minderwertigkeitsgefühle aufkommen. Nur ganz wenige Auswanderer werden aber über diejenigen Kapitalien verfügen, die es ihnen ermöglichen, in dem Stil der hier angestellten Durchschrnttsengländer zu leben, d. h. einen großen Haushalt mit Auto und Dienern zu führen und spätestens jedes dritte Jahr einen sechsmonatigen Urlaub nach Europa anzutreten. Auf der anderen Seite sind die Verhältnisse innerhalb der kleinen weißen Kolonie relativ eng und erfordern daher von den Zuwanderern, zumal, wenn sie finanziell nicht sehr gut dastehen, ein beträchtliches Maß an Takt. Ein nicht zu unterschätzendes Positivum ist aber, in ein Land zu kommen, das jedem ordentlich lebenden Bürger, sei er Ausländer oder nicht, eine so weitgehende persönliche Freiheit und so wohlwollende Behandlung zuteil werden läßt, wie dies in Indien sowohl von seiten der Behörden wie auch von seiten der Bevölkerung der Fall ist. Schließlich ist — im Vergleich mit südamerikanischen Staaten — auch der Tatsache Bedeutung beizumessen, daß die indische Währung hochvalutarisch ist, so daß sich der einzelne, wenn er erst einmal mehr verdient, als er für sein Leben braucht, mit der Zeit Beträge zurücklegen kann, die ein gewisses Kapital darstellen Amerika. Die orthodoxe Landeskonferenz in Amerika« New York, 13. Mai. Auf der am Sonntag, den 15. Mai, beginnenden großen Konferenz des Orthodoxen Ke hillaverbandes in Amerika werden Gemeinden mit einer Gesamtbevölkerung von Millionen Seelen durch Delegierte vertreten Die meisten führenden Rabbinen aus Amerika men an der Konferenz teil. Eine feierliche Begrüßung liegt vom Präsidenten der Union Roose v e 1 t vor. Eines der Ziele der Konferenz ist die Aufbringung von 100 000 Dollar für die Ausbreitung und Erstarkung der orthodoxen Erziehung in Amerika Als Vertreter der Agudas Jisroel-Weltorganisation wird Rabbiner Dr, Jung der Konferenz beiwohnen 2500 einer sein neh Robert Bulkey für Einwanderung nach Palästina New York, 6. Mai. Bei einer Veranstaltung des amerikanischen P a lästina Appeals hielt der demokratische Sena tor von Ohio, Robert Bulkey, eine Rede, in der er England aufforderte, die Tofe von Palästina an gesichts der gegenwärtigen Lage zu öffnen und ins besondere für die Einwanderung das Prinzip der öko nomischen Aufnahmefähigkeit wieder herzustellen. Personalien. Lübeck, 12. Mai. Zwei Tage vor Pessach verstarb hier, im gesegneten Alter von 86 Jahren, Frau Witwe Jenny Graupe geb. Lasker, aus Jarot schin. Sie war eine besonders fromme und wohltätige Frau. Seit zwanzig Jahren lebte sie hier bei ihrer einzigen Tochter, Frau S. Carlebach. Sie war eine Kusine des bekannten Reichstagsabgeordneten Emanuel Lasker und Verwandte des berühmten Schach meisters Lasker. Ein großer Kreis der ehemals Posener Juden trauert mit der Familie um diese selten edle Frau, die, trotz ihres hohen Alters, lebhaftes Interesse zeigte für alle Geschehnisse der Zeit. S. C. Briefkasten. ' O. M. B. in F. In New York und Chicago erseheinen mehrere Tageszeitungen in jiddischer Sprache. Ihre Adressen sind uns nicht bekannt. In englischer Sprache erscheinen jüdische Wochen- und Monatsblätter in New York und Chicago. Aus der Agudas Jisroel-Bewegung. Vorträge in Nürnberg, Die zu Ende gegangene Vortragssaison gibt Veranlassung, einen gedrängten Ueberblick über die Veranstaltungen der hiesigen Agudas Jisroel-Jugendgruppen zu geben. In der Reihe der wissenschaftlichen Vorträge, die seit vielen Jahren in jedem Winter gemeinsam von Orts- und Jugendgruppe durchgeführt werden, sprachen: Rabb. Dr. Klein, Nürnberg, über: Unsere Denker (Rambam und R. Jehuda Hälevi in zwei Vorträgen); Rabb. G. Frank, Ichenhausen (Der Weg zur religiösen Wirklichkeit); Rabb. Dr. Breslauer, Fürth fEmunoh); Seminarrabb. S. R- Weiß, Würzburg (Rabbi Jisroel Salanter und seine Zeit); Studienrat Hirnheimer" Würzburg (Religiöse Üeberlieferung und wissenschaftliche Forschung) und in einem zweiten Vortrag (Zur Rassenkunde des jüdischen Volkes) und Rabb. A. Wolf, Berlin (Der neue jüdische Mensch). Sämtliche Vorträge zeichneten sich durch ihre auf hohem Niveau stehende Darstellung aus, und mit besonderer Genugtuung muß festgestellt werden, daß sich jeder dieser Vorträge eines zahlreichen Publikums erfreute, ein . Zeichen für das rege Interesse, das der Kreis der Orthodoxie den Fragen der geistigen Orientierung entgegenbringt. An den Rausch-Chiaudesch-Abenden der Zweigstelle, die neben der religiösen Belehrung auch den Ansprüchen der Geselligkeit gerecht zu werden versuchten, referierten Herr. Rabb Dr. Klein, Nürnberg (Religiöse Gebräuche), Lehrer H. Rosenthal, Neumarkt (jetzt Fulda) über das Thema: Zur Charakteristik der jüdischen Lehre und Studienrat Dr. B. Heinemann, Fürth (Der Dubnoer Maggid), Die Errichtung eines englischen Sprachkurses für die Mitglieder der Jugendgruppen unter Leitung von Frau Lotte Goldberger hat bei den Jugendlichen sehr viel Anklang gefunden. Neben dem umfangreichen Vortragsprogramm werden selbstverständlich die Lernzirkel und Schiurim nicht vernachlässigt, wie natürlich auch an den großen Klall-Aufgaben des Keren Hajischuw und des Keren Hathorah die Ortsgruppe regsten Anteil nimmt. So konnte das vor einem Jahr gegründete Nürnberger Büro des Keren Hajischuw unter der zielbewußten Arbeit seines jugendlichen Leiters Ernst Flamm in seinem ersten Jahresbericht einen recht ansehnlichen Erfolg aufweisen. Auch für den Keren Hathorah konnte das Nürnberger Kommissariat (Herr Adolf Münz) die Arbeit recht erfolgreich gestalten. Erwähnt sei noch die von Hanna Pleßner umsichtig geführte Mädchengruppe, die in ihrer Weisö die hiesige agudistische Arbeit wirksam unterstützt. Die nunmehr bereits 15 Jahre bestehende Darlehenskasse der Ortsgruppe konnte ihre ersprießliche Tätigkeit in gewohntem Rahmen fortsetzen. Lm. Das Jubiläum eines orthodoxen Journals. Lodz, 15, Mai, Es sind nun 15 Jahre her, seit das Journal „Beth Jakob" sein Erscheinen begonnen hat, und es läßt sich kaum sagen, wie viel dieses.von Herrn Frieds o h h vortrefflich geleitete Monatsblatt zur Verbreitung gutjüdischer Gesinnung unter den jüdischen Frauen und Töchtern in Polen beigetragen hat. Das Jubiläum wird zu einer großen Propaganda für die Beth Jakob-Bewegung in Polen ausgewertet werden. Frauengruppe Antwerpen. Herr S. Ostersetzer sprach am vergangenen Montag, Rausch Chaudesch Ijar, in der Frauengruppe über jene Geschichtsperiode der Hadrianischen Verfolgung, die er unter dem Themennamen „Bethar" behandelte, Die außefofdentlieh klare und abgerundete Darstellung wurde durch Gedanken über den Sinn einer Geschichtsbetrachtung vom Standpunkt des religiösen Juden aus eingeleitet. Er führte etwa aus: Gemäß einer Erklärung unserer Weisen beginnt unsere heilige Tauroh mit der Schöpfung und Geschichtsdarstellung unserer Ahnen, statt — wie eigentlich zu erwarten wäre — mit der Halachah. Dies geschieht, um darzutun, daß auch Geschichte Lehre sei. Der Redner bedauerte, daß die Lücke eines Geschichtswerkes rein orthodoxer Auffassung noch nicht ausgefüllt sei. Selbst in vielen hebräischen Geschichswerken lassen sich Einflüsse" bestimmter Auffassung nachweisen,. welche aus Gründen religiöser Wahrheit und wissenschaftlicher Exaktheit die Richtigstellung von Rabbi Jizchak Halevy erforderten. Es handelt sich um die Behandlung der Geschichte des Johann Hyrkan. Die traurige Geschichtsepoche, die mit dem Fall Bethars und dem unglücklichen Ausgang des Bar Kochba-Aufstandes endete, brachte der Redner in geschickte Parallele zu unserer Zeit. Solange unser Volk im Golus der Gegenstand von Unterdrückung und Erniedrigung ist, Hegt ein Weg zur Rettung nur auf der Linie der Rückkehr zu G'tt und Einkehr bei sich selbst. Man versteht, daß jeder Jude, Mann und Frau, verpflichtet ist, die Megillas Esther jedes Jahr zweimal zu lesen, während die Bücher der Makkabäer, die von heldenhaftem Kampf im eigenen Lande zur Zeit jüdischer Selbständigkeit sprechen, nicht unter die heiligen Bücher aufgenommen wurden, und der Menge des Volkes unbekannt sind. Die Darstellung hinterließ einen nachhaltigen Eindruck auf die Zuhörerinnen. Es ist zu bedauern, daß dieser geistreiche Vortrag trotz seiner aktuellen Bedeutung nur von einem kleinen Kreis von Frauen gehört wurde. Wochenkalender. Vom 21. — 28. Mai 1938 / Vom 20. - 27. Ijar 5698 w *p Samstag ms "i pna ma rav 21 20 ib Sonntag 22. 21 tb Montag 23 i 22 m Dienstag Mai 24 -|"S 23 d* Mittwoch 25 24 n Donnerstag 26 25 um Freitag 27 26 373 Samstag 28 27 an 'n p*ia Tipnn naw Ennn i'snaa