Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 19 (12.5.1938)
- Date
- 1938-05-12
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451030--83713-2541732- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ry-y .A^i Fetiilletonmm/am ffonätoiferJ$W< . ff i; " •;>•!', 1938 Das SefermahL Von Arthur Kahn. (Fortsetzung.) Zeit und Raum schienen von allen vergessen, eine gleiche fromme Begeisterung erfüllte .die Herzen. Und als nun der Nathe Bing gar noch im Weiterschreiten die Geige ans Kinn setzte, da kannte der Enthusiasmus kaum noch Grenzen. Doch plötzlich blieb der Geiger, der durch Gesang und Spiel die Herzen hinriß, stehen und sang .allein, ohne sein feuriges Spiel zu unterbrechen: ,,Se hajpm osso adoschem nogilo w'nism'cho wou. —" Im Augenblick hatten sich die Chorsänger um den Meister im Halbkreis zusammengedrängt und hinter ihnen standen die übrigen erwartungsvoll. Kaum hatte der' Chasen die Geige ruhen lassen und war der letzte Ton seiner Kejhle entklungen, als einer vibrierender, wohlgeschulter Stimme Israels uralten Jubel- und Bittgesang: „Ono adoschem hoschisno" anstimmte. Im Kanon fiel der zweite Sänger, dann der Bassist, und. diese ablösend, der Chasen machtvoll. ein. Und laut und immer lauter scholl das Lied hinaus in die weiten mondbeleuchteten Fluren, über den kleinen Fluß und hallte an den Felsenwänden der Weinberge wider und verzitterte dann in der feierlichen Stille der Nacht. Es war ein unvergleichliches Bild, wie es diese Landstraße sicher nie zuvor gesehen und wohl auch nie wieder sehen wird. Einige Sekunden lang war es still, so daß man das letzte Echo noch wie in unendlicher Ferne nachklingen hörte und die Leute standen so hehl gestimmt da, als seien sie im erhabensten Augenblick der Neujahrsstunde von den Schauern der. Andacht durchbebt, nicht aber_ als ständen sie auf offener Landstraße unter freiem Himmel, eben noch in ungebundener Fröhlichkeit. Da löste sich zuerst Kiewe aus der Gruppe los, trat auf den alten Freund zu, der seine Geige wieder unter den Arm genommen und begann: „Mein teurer alter Freund Nathe! Die Scfiechihe fühle ich noch auf uns ruhen und mirC ist, als ob schon heute Nacht Seferchinuch war'. Schöner kann es auf unserm Sefermahloßer auch nicht werden. Dafür muß ich euch, lieber Nathe, gleich hier unter G'Ues freiem Himmel Jejascher koach sagen und ad meo Schonim Und da, unser Minchen, hat wie Miriam einst am Schilfmeer, als die Schire gesungen war, mitgewirkt. Dafür wünsch' ich ihm den bravsten unter euch Jungen zum Chosen, bimhero bejomenu!"* „Omen!" rief, sich gänzlich vergessend, Elias begeistert, was ein herzliches Lachen auslöste, wodurch die eben noch feierliche Stimmung in allgemeine Heiterkeit umschlug. Der Kaufme (Karl) Seligmann, der mit seinem Weibe mit im Zuge war, versprach in diesem Falle die schönste Haussteuer, Levi die schönste Traurede, die er noch je gehalten und Schimmes Bruder Samuel behielt sich und seiner Sette das Unterführen aus. Bereits wurden die ersten Gebäude des Städtchens und die alte Brücke sichtbar, als die frohgemuten Menschen, die Schlaf und' Müdigkeit gänzlich überwunden zu haben schienen, sich' mit vielen Händedrücken von einander trennten — —- —. Die festliche Stunde ,die mit fieberischer - Ungeduld erwartet worden,.wart angebrochen/ Das Dorf prangte in Laub und Fahnenschmuck; denn die meisten Dorfbewohner, die mit den Juden in freundlichem Verhältnis lebten, wollten sich wenigstens äußerlich an dem Feste beteiligen. Bei allen Juden waren Gäste eingetroffesi, oft aus beträchtlicher Entfernung, so daß schließlich auch in den zwei Gasthäusern die Betten und Stuben knapp ausreichten, um die Fremden alle zu beherbergen. Da es sehr heiß war, und, besonders die jüngeren auswärtigen Gäste, zumal die tanzfrohe Jugend nicht sehr anspruchsvoll waren, so fanden selbst auf den Heuböden noch viele Platz, die sonst in das benachbarte Städtchen hätten wandern müssen. Bei Jokews, die ziemlich weit von der Schule entfernt wohnten, war die neue Seferthora in einem äußerst farbenreichen und blumenüberfüllten Hechal aufgestellt. Durch die Hauptstraße des Dorfes schritten festlich gekleidete Menschen und zuweilen kamen auf ländlichem Fuhrwerk noch neue Gäste hinzu. Die ansässigen Juden waren in voller Aufregung, weil entweder noch ein erwarteter Gast nicht eingetroffen, ein Paar heue Stiefel, oder ein neuer Hut oder sonstiges Kleidungsstück noch nicHt pünktlich abgeliefert worden war. Der Schliach, der mit vielen Aufträgen in die nahe Stadt geschickt worden, war über Gebühr lange ausgeblieben und'ließ noch immer auf sich warten. Während die Männer sich sorgfältig zwickten, die Jungen sich in den Staat warfen, liefen die Frauen aufgeregt und hastig durch Küche und Stube, alle von der Sorge erfüllt, daß sie sich verspäten würden. Im Gegensatz zu der in allen Judenhäusern herrschenden Hast, war es in Schimmes Behausung schon festtäglich ruhig. Für Beilchen hatte Schimme schon Tage vorher die nötige weibliche Hilfe aus Stadt und Land kommen lassen. Schimme hatte seinen neuen Anzug längst angelegt und Beilchen ihre neue Haube aufgesetzt und so saßen die beiden Alten jetzt ernst gestimmt in der Stube zusammen. Zuweilen sah Schimme zum Fenster, hinaus auf die Landstraße, als erwarte er noch Jemand. Dann sagte Beilchen: „Er kommt noch, du brauchst dich nicht zu beunruhigen." „Die ,Simche wäre mir verstört, wenn er nicht käm'," erwiderte dann Schimme traurig. Dann kam wieder, eine resignierte Ruhe über den mit Gewkit sich beherrschenden Mann. Den ganzen Tag über war er schon sichtlich ergriffen gewesen und auch jetzt wischte er sich öfter verstohlen , die Tjränen aus den Augen. Es war ein großer Tag für ihn. Und je näher die Stunde lfam, in der ihn die Männer abholen und zur neuen Thora führen sollten, desto weniger vermochte er mehr seiner ihn überwältigenden Gefühle Herr zu werden. Als nun Beilchen die Lichter an der großen von der Decke herabhängenden Schabboslampe anzündete, begann er laut zu schluchzen , und Beilchen sekundierte ihm treulich. Er dachte, wie er wochenlang mit dem Tode gerungen und wie er—heute sicher schon in seinem Grabe ruhen würde, wenn nicht Hakodosch Borchu dem /Malach hamowes geboten hätte, von Schimmes Lager zu weichen. Und heule sollte er zum ersten Male seit seiner Genesung auf seinem alten Platz mit der Gemeinde beten, mit seiner Seferthora. auf dem Arme, umringt von den alten .trauten Thoras, und von seinen Freunden. Da wurden schlürf ende .Schritte im Hausflur hörbar. Bruder Samuel kam, von Kiewe und den drei ältesten Männern der Gemeinde) und Levi, in einen bis üjber die Füße faltenden Talar gehüllt, gefolgt, Die beiden Brüder sahen sich zärtlich an., Samuel, streckte Schimme die Hand entgegen u^,d rief mit vibrierender Stimme: „Massel tow, Schimmel wie dank* ich, unserm lieben, G'ttV daß er uns den Tag hat erleben lassen . . ." . Samuel hatte sich offenbar eine Anrede an den Bruder ausgedacht. Die tiefe Ergriffenheit ließ ihn aber nicht weiter kommen. Er zog sein blütenweißes Sacktuch hervor und begann zu weinen, wobei auch Schimme wieder in Tränen ausbrach. Die Rührung der beiden hünenhaften Männer teilte sich sichtlich den übrigen Anwesenden mit. Einige Frauen, die hinzugekommen waren, umstanden Beilchen, welche gewohnt war, in allen Lebenslagen ihren Schimme zu kopieren und bei dem Anblick der weinenden Brüder ebenfalls laut aufschluchzte, Levi, der hinter Kiewe stand und im gegenüberliegenden Spiegel sich, wohlgefällig musterte, weil er sich im Talar wie ein hoher kirchlicher Würdenträger oder vielleicht auch wie ein Hohepriester vorkam, Wollte eben eine Ansprache an Schimm^ halten, als er zu seinem Schrecken wahrnahm, daß er vergessen hatte, seine Bäffchen anzulegen. Da vergaß er die feierliche Anrede, wandte sich leise flüsternd an Kiewe und rauhte, ihm zu, daß er erst vor der Schule seine Anrede: haltenwerde. Da reckte sich Kiewe, seinen magern Hals, und das feine Kinn in den bis in die halben Wangen ragenden Stehkragen pressend, in die Höhe und redete Schimme an": „Lieber Schimme! Der Tag geht zu Ende; unser Schabbos Kodesch wird bald in alle jüdischen Häuser und Herzen, einziehen. Bevor wir dich aber in die Schule begleiten, wo du wieder nach schwerer Krankheit zum ersten Male mit Kahl Tfille tun wirst, sollst du mit uns gehen und die neue Seferthora, die du gestiftet hast, selber auf deinem. Arm in die Schule tragen, Es ist dein Kind, das du heute in die Schule trägst,-und wir wollen dich begleiten zu dem schönen und herrlichen Gang, mit Musik, Lobgesang und Dankgebet zu Hakodosch Borchu, der dich und uns hat den hehren und heiligen Tag erleben lassen," Solche Ehrungen waren Schimme noch nie zuvor widerfahren; um so höher anzuschlagen, als gerade Kiewe, ein Mann, der das Wort der Thora besser zu deuten wüßte, als mancher Rabbiner, zugleich auch ein in christlichen Kreisen wegen seiner allgemeinen Bildung und Klugheit, deren sich oft die Behörde des Ortes bediente, in hohem Ansehen stand, der Führer der Deputation war. Auf die herzliche Ansprache eines so vortrefflichen Mannes, der selbst in einer Gemeinde Beachtung gefunden haben würde, nichts zu erwidern, hätte als Unhöflichkeit oder Beschränktheit aufgefaßt werden können. Da nahm Schimme alle ihm zu Gebote stehenden rhetorischen und geistigen Kräfte zusammen und "begann mit vor Rührung zitternder Stimme: „Rabbosai und liebe Chawerim! Mein Herz lauft mir über von Tränen der Freude und Dankbarkeit. Wo habe ich so große Schije nur verdient.'.Was ich heunt für Kahl tu', ist ja nichts im Vergleich mit dem, was G'it in seiner Gnade an mir getan hat. Und Ihr, Ihr alle, habt mir so viel Lieb' und Freundschaft in meiner langen Krankheit und heut' in der schönsten Stunde vor meiner Cnüppe erwiesen, daß ich nur .sagen kann, ich dank Euch, Ihr Leüt' und Jejascher koach." Unter vielem Weinen und Schluchzen hatte Beilchen und die sie umgebenden Frauen zugehört; auch die Männer in Kiewes Begleitung, der Jokew, der Manche und Chanine schüttelten dem Schimme mit warmen Blicken kräftig: die ■ Hand und Alle verließen das Haus. ': ) Auf der Straße blickte Schim'me, einen ( Augenblick stehen bleibend, nocliV eiriniäK forschend die Landstraße hinab.; t , : .- - (Fortsetzung folgt.)