Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1938)
- Date
- 1938-04-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit yiill; Das SefermahL Von Arthur Kahn. (Fortsetzung.) Des weiteren war Chanine ein Typus der Ehrlichkeit und Treue, derenthalben ihm, zumal damals noch die postalischen Geldversendungcn ziemlich umständlich und primitiv waren, häufig große Summen zur Beförderung anvertraut wurden- Immerhin hatte Chanine wie jeder Sterbliche auch noch andere Fehler, Sonst hätte er sich mit dem herzensguten Fradchen (Freudchen, Friede), das mit ihm im selben Hause wohnte, viel besser vertragen müssen, da das Schicksal ihn und die gleichaltrige Jungfer dazu verdammt hatte, auch am selben Tisch zu speisen. Der Chanine war. nun einmal kein Weiberfreund und Frauenliebe war seinem Herzen fremd. Kein Wunder, sein Herz gehörte1 dem alten Napoleon, neben dem Fradchen allerdings mit ihrem spitzen Köpfchen und den fuchsroten Haaren nicht erobernd auftreten konnte. So war Chanine, als der Lehrer Levi seiner ansichtig wurde und für seinen Plan gewinnen wollte. Bald hatte Levi den Alten in ein Gespräch verwickelt, das mit der Mitteilung schloß, daß es bald ein Seferchinuch im Ort geben würde. Mit wachsendem Interesse hörte Chanine dieser Eröffnung zu. Seit mehr als sechzig Jahren hatte es im Dorf eine solche Festlichkeit nicht mehr gegeben und Chanine versicherte, daß es eine S'chije von Hakodosch borchu sei, daß er noch ein Sofermahl erleben sollte. „Es soll was feines werden, Chanine," fuhr Levi fort. „Wenn wir nur dazu auch den Nathe Bing als Chasen kriegen könnten, so war aulomes so kein Fest hier gesehen worden. Wenn wir ihn nur auch kriegen können, was doch schwer zu sagen ist ..." .„Das will ich schon mit dem Nathe fertig kriegen," rief der alte Feuerkopf lebhaft und zuversichtlich aus. „Auf der Stell' geh ich ins Maukem und laß mir Handcheskaaw von ihm geben; mir, das bin ich uech brew, mir schlagt der Nathe Bing so leicht nichts ab ..." Als die Leute vor einbrechender Nacht zum Omer sich vor der Schule zusammenfanden, konnte Chanine ihnen schon berichten, daß der Nathe zugesagt habe, den kantoralen Teil der Feier zu übernehmen. Kiewe, der sich unter den Balbatim befand, spitzte die Ohren, als 1 er hörte, Chanine habe ohne 'jegliche Vollmacht und sonstige Automation bereits solchermaßen in das Programm eingegriffen. „Es ist ja sehr schön von euch, Chanine, daß ihr den Nathe eingeladen habt, den Chinuch zu halten. Aber seid mirs mochel, wenn ich sage, daß es aber doch eine Chuzpe von euch war, ohne mich und Kahal zu fragen, mir nichts, dir nichts in Maukem zu laufen und die Leut1 aufrührerisch zu machen. Wer hat euch geheißen <.um Nathe gehen? he?" Da kam Kiewe schön an. „Was? mich geheißen?" Schrie Chanine, den diese Zurechtweisung schwer kränkte, den Parnes an, indem er drohend mit den Händen fuchtelte. „Außer meinem Kaiser hat mich kein Mensch was zu heißen! und selbst wenn Ihr der Parnes von Frankfurt wäret, ließe ich mir nichts befehlen." Levi, der bei der Gruppe stand, mahnte jetzt, daß es Zeit zu Maariw sei und brach so den Wertstreit zwischen Kiewe und Chanine ab. Wie dieses im Geiste der damaligen Zeit lag, betrachteten nicht nur die Juden in Schimmes Wohnort die. bevorstehende Festlichkeit als eine sie allein, angehende Angelegenheit. Selbst in den entfernt liegenden Dörfern, in denen Juden wohnten, fühlten sich die Leute an diesem Freudenfest beteiligt und nahmen die Botschaft mit festlichen Gedanken entgegen. Es lag ein festfröhlicher Zug in den Menschen damaliger Zeit, vielleicht schon deshalb, weil das Leben einfacher und an Abwechslungen weit weniger mannigfach verlief als heute. Man feierte nicht wie wir neueren Kulturmenschen fast ununterbrochen Jubiläen, Stiftungsfeste, Winter- und Sommerfeste, italienische Nächte im Freien mit einem soliden Ueberzieher und die Damen in wollenem Schal gehüllt, man gehörte nicht einem Dutzend wichtiger und unwichtiger Vereine an. die sich alljährlich verpflichtet fühlen, ihren Mitgliedern einen1 Ball oder ein Festessen gewissermaßen wie eine Pistole auf die Brust zu setzen. Als es sich in den Nachbarorten herumsprach, Schimme Bär habe beschlossen, ein neues Sefer schreiben zu lassen, wurde auch dort überall sofort dieses'Ereignis als ein solches aufgefaßt, das jeder brave Jude nach Kräften verschönern und selbstverständlich auch in eigner Person mitbegehen müßte. Die jungen Mädchen überlegten schon im Geiste, ob sie sich weiß kleiden sollten, für den unfehlbaren Ball nicht etwas ihrer Garderobe zuzufügen hätten, mit wem sie tanzten und wieviele junge Männer kommen Würden. Diese wiederum dachten natürlich in ähnlicher Weise an die Mädchen. Ein paar „Schmisser" (Raufbolde) wie der Simon von Schweppenhausen, der Feis von Bubenheirn und der Maier von Fürfeld waren, sahen sich im Geiste bereits inmitten eines Knäuels Kämpfer als Sieger über ihre „Feinde", als da waren, der Jokef von Laubersheim, der Rüben von Langenlonsheim, der Jisrolchen von Weiler und sogar der Max von Ockenheim, des Bächeritzigs einzigen Sohn, ein großes Kind, mit harten Fäusten und dem Nacken eines Stiers; im alltäglichen Leben ein herzensguter Junge. Bei diesen Schlägereien wurden weder Messer gezückt, noch Maßkrüge oder Stuhlbeine an Schädeln zerschellt noch floß dabei Blut, denn die. zustande kommenden Schlägereien entsprangen kaum jemals andern Motiven, als in den Äugender Schönen als starke und furchtlose Helden dazustehen. Wirkliche Feindschaften entstanden nie daraus; so wenig solche auch, vorausgegari-' gen waren. Aber nicht nur die Jugend, sondern auch die Alten folgten bereits im Geisteif dem bevorstehenden Feste. Selbstverständlich wurde die neue Thorarolle, ehe sie in dem heiligen Schrein (Hechal) in der Synagoge ihren ^Platz erhielt, zuvor in einem dem G'tteshaus am fernsten liegenden jüdischen Hause meist aber im Hause des Stifters, in einer ihrer hohen Bedeutung entsprechenden Weise und aufs. Schönste aufgeschmückten Umgebung aufgestellt, Dahin begaben sich dann vor der beginnenden Feier sämtliche Mitglieder der Gemeinde, wie sämtliche Festteilnehmer; voran die Aeltesten und verdienstvollsten Männer, die die übrigen Thorarollen der neuen Schwester entgegentrugen. War ein Baldachin aufzutreiben, so wurde der eigentliche Festzug solchermaßen eröffnet, daß unter diesem sämtliche Thoraträger unter Vorantritt der Musik oder der singenden Gemeinde den Zug zur Synagoge geleiteten. Nun beschäftigten sich, die Männer im Orte und in der Umgegend mit der ungemein wichtigen Frage, wer wohl der hohen Ehre teilhaftig werden könnte, als Thoraträger auserkoren zu werden und welche sonstigen synagogalen Ehrungen man zu> erwarten hatte. Die Frauen überdachten indessen, was sie zu ihren Festmahlzeiten aussuchen, auf wieviele Gäste sie sich richten mußten. Von der damaligen Gastfreundschaft besonders bei solchen Festlichkeiten, haben die Nachgeborncn kaum noch eine Vorstellung. So warf denn das zu erwartende Fest nicht etwa Schatten, sondern wahre Lichtstrahlen voraus, an denen sich schon lange zuvor Alt und Jung erwärmten. Es schien, als übe der Gedanke, der Urheber eines so bedeutungsvollen Festes zu sein, auf Schimme Bärs Genesung eine beschleunigende Wirkung aus. Früher als , bisher erhob er sich des Morgens von seinem Lager und begab sich eines Morgens sogar, ohne Beilchens Mithilfe in die um diese Zeit leere Schul. Mit tiefer Rührung setzte er sich auf seinen Platz und betrachtete lange in tiefes Sinnen versunken, die heilige Lade, Die Tage waren heiß, voller Blüten und Rebenduft, die Nächte von seltener Sterrienpracht und Mondeshelle. Im Dorfe herrschte bei den Juden eine freudige Aufregung. Die „Jungen" (Jünglinge) und einige junge Ehemänner kamen des Abends zu Kiewe, in dessen Wohnung ein Klavier stand. Heute Abend wollte der Nathe Bing herauskommen und mit den Leuten Gesänge einüben, was einen hohen musikalischen- Genuß versprach, und außerdem angenehme Unterhaltung, denn ein Gesellschafter wie der Nathe, ganz abgesehen von seiner künstlerischen Begabung als Musiker, gab es weit und breit nicht mehr. Daher waren es nicht nur die zum Singenbestimmten jungen Leute, sondern, alle Dorfjuden, die sich in Kiewes Wohnung einfanden und den söhnst üblichen Schlaf bei einbrechender Nacht hinausschoben. Bereits war die Nacht angebrochen und der Mond aufgegangen, als der Erwartete, von seinem Sohne begleitet, erschien. Mit großer Andacht und noch mehr Bewunderung hörten die Leute zu, wie allmählich aus dem anfänglich ungefügen und, noch wenig melodischen Gesang immer 'lieb-, lieber klingende Lieder wurden. Unter den Zuhörern waren auch Schimme und Beilchen. Beilchen schüttelte bewundernd ihr Köpfchen und rief ein über das andermal mitten in den Gesang hinein: „Wae ein Meiwin, was ein Mei- •win! man soll nicht meinen, daß so was möglich war'!" Sang der Chasen den Uebenden mit seiner hinreißenden Stimme etwas vor, da ward es so stille, daß man die Menschen atmen hören konnte. „Seh'ma Jisroel! was wird das so schön werden.'" rief dann Beilchen wieder völler Begeisterung mitten hinein. So kamen und gingen drei, vier, oft fünf Abende in der Woche hin und den Leuten im Dorfe wurde es zum unbewußten Bedürfnis, sobald die Nacht hereinbrach, sich bei Kiewes zu versammeln. Bald kamen die jungen Männer und Jünglinge dem Meister schon auf halbem Wege entgegen, und nicht selten begannen sie auf der Landstraße die bereits eingeübten Gesänge zusammen zu singen. In Nathes Begleitung waren auch jetzt einige junge Männer-, aus der Stadt, die, sangeskundig und sangeslustig, enthusiastisch die Gelegenheit aufnahmen, sich einmal an einem geregelten Gesang beteiligen zu können. W7o der Gesang unter jungen Menschenkindern blüht, kommt auch bald auf leisen Schritten die Liebe hinzu. Und wenn es sich die jungen Menschen, die in der herrlichen Sommernacht in einer herrlichen Natur sich einander entgegengingen, auch nicht zugestehen mochten, so empfanden sie denn doch, wenn sie nach den stattgehabten Gesangesproben noch lange miteinander fröhlich durch die helle Mondnacht schritten und daß sich Bilder in ihre Seele einwoben, die sie mit süßen Glücksgefühlen erfüllten. : (Fortsetzung folgt,)