Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 17 (28.4.1938)
- Date
- 1938-04-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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®>Ap$ m '-. . ajattfa^ vorbei. Warum eigentlich? Vielleicht,^weil.,r;ein~ Widerspruch bestehen soll zwischen Glauben und Wissen um die Naturgesetz.«. Vielleicht, ^v:©.xl . wir heute keine Wunder erleben, vielleicht, weil der In halt der Naturwunder im Gegensatz steht zu dem naturgesetzlichen Ablauf der Dinge. Eine solche Begründung wäre begreiflich bei einem System des Materialismus, der nur das für währ halten will, was er "mit den Sinnen wahrnimmt. Aber Planck lehnt ja ein solches System ab. Als religiöser Mensch erkennt er G'ttesAllmacht unumwunden an, ■er erklärt wörtlich, „daß G'tt existiert, ehe es überhaupt Menschen auf der Erde gab, daß er von Ewigkeit her die ganze Welt, Gläubige und Ungläubige, in seiner allmächtigen Hand hält und daß er auf seiner aller menschlichen Fassungskraft unzugänglichen Höhe unveränderlich thronen bleibt, auch wenn die Erde mit allem was auf ihr ist, längst in Trümmer gegangen sein wird." „Aus ihm, aus seinem allmächtigen Willen, quillt alles Leben und alles Geschehen in der körperlichen wie in der geistigen Welt." Folgt nicht aus solcher Erkenntnis g'ttlicher Allmacht zwingend die weitere Erkenntnis, daß "G'tt es ist, der die Naturkräfte, die Naturgesetze ins Leben gerufen hat, daß sie auch nach der Zeit der Schöpfung in seiner Hand sind und dai3 er die Macht hat, sie jederzeit — wenn es ihm geboten, erscheint — außer Kraft zu setzen? Das Naturwunder gehört in das weltanschauliche System eines religiösen Menschen. Das willkürliche Eingreifen des allmächtigen Schöpfers in den Gang der Natur ist sogar eigentlich das primär Gegebene. Daß er überhaupt Naturgesetze gibt, verdanken -diese nur der Selbstbeschränkung des Schöpfers, der seiner geschaffenen Welt feste Regeln und Gesetze gegeben hat. Und unsere jüdische Auffassung lehrt, daß auch jetzt noch diese Naturgesetze G'ttes Stützung bedürfen, der in seiner Güte täglich das Schöpfungswerk erneuert. Die Anerkennung des Naturwunders ermöglicht uns aber das Bekennen zur jüdischen Offenbarungsidee. Und aus dieser fließt wiederum für uns die felsenfeste Üeberzeugung von der ^Wahrheit all dessen, was G'tt in seiner Thora uns verkündet hat. Durch, diese spezifisch jüdisch - religiöse Üeberzeugung entstehen aber begreiflicherweise in höherem Maße als bei Planck Reibungsflächen zur Naturwissenschaft. Doch diese Gegensätze können uns nicht veranlassen, den Inhalt der g'tt liehen Wahrheiten \ D 1 ät& e Li t irgendwie kritisch zu betrachten. Wenn auch die Hoffnung besteht, daß die Naturwissenschaft dem Ziele der Erkenntnis stetig fortschreitend zustrebt, so muß doch auch Planck zugeben, daß dieses Ziel für den forschenden Menschen, .der auf Verstand und Sinneswahrnehmurig angewiesen ist, „ewig unerreichbar" ist. Schon darum werden wir keines der Worte G'ttes in Zweifel ziehen, auch wenn einmal der jeweilige Stand des Naturerkennens ihm zu widersprechen scheint. Wenn wir uns mit Methode und Ergebnis der Naturforschung auseinandersetzen, so geschieht dies nicht, weil unsere religiöse Ueberaeugung einer Stützung bedarf, sondern nur um die Natur mit judischem Auge zu betrachten und insbesondere auch um denjenigen, die sich erst auf dem Wege zu uns befinden, und in Zweifel geraten konnten, zur kritischen Betrachtung der naturwissenschaftlichen Ergebnisse anzuregen. Gewiß darf eine Kritik nie überspannt werden. Ebenso wie es verkehrt wäre, alles von der Naturwissenschaft Gelehrte gläubig hinzunehmen, ebenso wenig dürfen wir in unserem Skeptizismus so weit gehen, jede rein verstandesmäßige Erkenntnis der mit den Sinnen wahrgenommenen Natur und ihrer Gesetze von vornherein als unbewiesen abzulehnen — als ob die uns von G'tt gegebenen Sinne und unser Verstand nur dazu geschaffen wären, um uns ein Trugbild von der Umwelt vorzugaukeln. Wir wollen — grade aus unserer weltanschaulichen Einstellung heraus — die großen Linien naturgesetzlicheri Erkenntnis bejahen, namentlich wo sie, wie in der Physik, einen so hohen Grad von Wahrscheinlichkeit in sich bergen. Dort aber, wo die Gefahr besteht, daß subjektive Momente des einzelnen Forschers oder einer ganzen Generation Ergebnisse zeitigen, die einen Einbruch in unsere religiöse Sphären bewirken, da wollen wir auf der Hut sein. _,__Nr. 17 Seite 5 Nehmen wir als Beispiel den viel umstrittenen biblischen Bericht über die Einzelvorgänge bei der Schöpfung. Nicht nur, weil die Schöpfung als solche das große, ursprüngliche Wunder G'ttes darstellt — pno V —« sondern weil gerade die Erörterung der Einwände seitens der Naturwissenschaft typisch und darum lehrreich ist. Denn im Laufe der Jahre und Jahrzehnte hat sich herausgestellt, wie wandelbar die Lehren der Naturwissenschaft sind. Manches von den „Wahrheiten" der Naturforscher sinkt herab zur Stufe einer Hypothese, die oft im Wandel der Zeiten geändert wird oder gar von der Bildfläche verschwindet. Ich erinnere da nur an das „Biogenetische Grundgesetz" Haekkels, das er selbst als das Grundgesetz der organischen Entwicklung bezeichnet. Ein jedes Tier entwickelt sich aus einer einzigen Zelle, der Eizelle. Genau so habe sich in vielen Jahrtausenden die ganze Tierwelt aus einer einzigen Zelle entwickelt. Ein jedes Tier, das heute sich entwickelt und heranwächst, wiederholt nur den Weg, den die betreffende Tierart von jener angenommenen Urzelle her bis zum heutigen Tage genommen habe. Dit- Wahrheit dieses Gesetzes ergebe sich aus der Aehnlichkeit der Eizellen aller Tierarten. Dieses Grundgesetz wurde von Haeckels eigenem Schüler Oscar H e r t w i g gestürzt. Hertwig wies darauf hin, daß die Aehnlichkeit der Eizellen nur eine äußerliche wäre. In Wirklichkeit sind schon die Eizellen der verschiedenen Tierarten vollkommen voneinander verschieden. Ein jedes Ei repräsentiert schon die betreffende Tierart im Eizustand. Die Voraussetzung für Haeckels Theorie fällt also fort. Das ist das Schicksal dieses „Grundgesetzes", „von dessen Anerkennung das gan2e innere Verständnis der Entwicklungsgeschichte abhängt."***) (Schluß folgt.) Und unsere Jugend? Von C. S—n. Wiederum stehen wir an dem Zeitpunkt, da ein Teil unserer Jugend die Schule verläßt und fragen uns, wie wir ihr den Weg ins Leben ebnen können. Da sollten wir einmal die Gelegenheit benutzen zu prüfen, ob wir denn bisher dieses Problem in seiner ganzen Bedeutung erfaßt haben, oder ob wir vielleicht selbst daran Schuld sind, wenn unsere Erwartungen hinsichtlich unserer Kinder so oft enttäuscht wurden. Sine „Existenz" wollten wir bisher unseren Kindern schaffen und wandten viel Mühe hierfür auf. Sind wir uns aber schon einmal darüber klar geworden, daß die wirkliche Existenz des Menschen, besonders des Juden, keineswegs gleichbedeutend ist mit dem, was wir gemeinhin „Existenz" nannten? Wollen wir nicht, zumal nach den Erfahrungen der letzten Jahre, endlich erkennen, daß die Sorge für die mate- ***) Siehe Jacob Levy. Haeckels „Biogenetische Grundgesetz" in Mitteilungen des Bundes Jüdischer Akademiker Nr. 2, 1911. Midrasch „bringt ..." (Diese Differenzierungen sind im Sprachgebrauch der Gelehrten im Osten üblich). Zum gleichen Rabbi kam eine Frau mit einem Huhne, dessen Inneres nicht in Ordnung war. R. .Meir erklärte das Huhn für trefa. Die Frau begab sich darauf zu einem anderen Rabbiner, der, ohne von der ersten Entscheidung Kenntnis zu haben, der Meinung war, das Huhn sei koscher. Die Frau ging wieder zu R. Mei'r . und behauptete, — da sie nicht eingestehen wollte, daß sie die Entscheidung des Rabbi überprüfen ließ — eine Nachbarin sei mitbeteiligt am Huhne, und diese habe vom anderen Rabbiner den entgegengesetzten Bescheid erhalten. Was sie nun machen sollte, fragte sie. „Ganz einfach," sagte R. Mei'r, der den Trick gleich durchblickt hatte, ,»die „andere Frau" bekommt die „koschere" Hälfte. Was Euch gehört, bleibt trefa.". Der „ R o g a t s c h o w e r " unterhielt sich einmal mit seinem kongenialen Kollegen R. Mei'r S i m c h p und sprach sich in seiner strengen Scharfen Art sehr abfällig über seine Gemeindemi tglieder aus: „Keiner, mit dem man reden könnte; lauster" Nichtswisser, Arne Haarez!" bin ich weit besser daran," lächelte der Andere gütig, „ich' habe das Glück, in der gleichen Stadt Rabbiner einer Gemeinde von Weisen und Gelehrten zu sein . . ." Kleines Feuilleton. Geistige Pessachkost. Wir schrieben im Leitartikel zu Pessach, man solle die seltsamen Formen, in denen heute des Öfteren „Glauben und Wissen" zum Ausdruck gebracht werden, nicht belächeln. Es fällt aber schwer, diesem Grundsatze treu zu bleiben, wenn man einen Blick in die „Belehrungen", die die zu Pessach erschienenen jüdischen Blätter ihren Lesern auftischen. Das Berliner „Jüdische Qemeindeblatt" vermittelt seiner Festgemeinde die Ansichten eines Majors J a r v i s , der die Sinaihalbinsel kenne, über die „Probleme der Wüstenwanderung". All die Phantastereien irgend eines abenteuerlichen Weltreisenden scheinen dem Blatte, das auch vom Steuerobolus der konservativen Gemeindemitgliedef erhalten wird, glaubwürdiger als der Bericht der Thora. JJnd zum Schlüsse:",.Auch für die Feuersaüle weiß Jarvis eine Deutung. Manche vermuten darin Fackeln, andere eine StaubsäulW, die durch die marschierende Masse aufgewirbelt wird^' 'Jarvis'" meint, die 'Feuersäule bei Nacht und die Wolke bei' Tag seien Erscheinüngen des heutigen Sturmes, der von der' Küste im Frühling ins Land kommt. Solche'Sturme dauern im allgemeinen vier Tage.' Da^ei entstehen eindrucksvolle Wolkenjoildürigen," die' Jarvis selbst mehrfach beobachtet hat, und die von einer ängstlichen und abergläubischen Volksmasse sehr wohl als Himmelserscheinungen aufgefaßt werden können." Wie passen zu dieser „neuen Haggada" die „vertrauten Pessachmelodien", über die das gleiche Blatt anschließend referiert? In der „Jüdischen Rundschau" finden die Leser zu Pessach „Gedanken zum Seder". Hier eine Probe: „In der Haggada steht: „Der Hausvater wäscht sich die Hände, er taucht Salatblätter in Salzwasser und reicht jedem der Teilnehmer ein Blatt". Es erregt die Aufmerksamkeit, warum sich der Hausvater die Hände wäscht, die Teilnehmer an der Sederveranstaltung jedoch nicht. Hier scheint, daß nicht eine sakrale Vorschrift, sondern ein Gedanke der guten Lebensart praktiziert werden soll. Vielleicht beschäftigt die Tischgenossen der Gedanke; Wie ist es mit den Fingern des Hausvaters bestellt, mit denen er jetzt die Salatblätter in das Salzwasser tauchen wird? Das Festreglement macht jedem Nachdenken ein Ende. Der Hausvater wäscht sich vor den Augen der Tischgesellschaft die Finger. Daß es sich hier um eine Eingebung weltlichen Ursprungs handelt» so £ut w*e sicher. Wäre das Waschen an dieser Stelle religiös vorgeschrieben, so wäre auch ders Segenssprüch über das Waschen nicht fortgeblieben/ : Ueber solche „Gedanken" wird sich mancheiner seine Gedanken machen . . .