Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1938)
- Date
- 1938-04-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr, 15/16 e r 1 s r i t *mmm Die exakte? Methodik der! Naturwissenschaft hat sich als so fruchtbar erwiesen, daß sie sich auch an die Probleme der allgemeinen Weltan schauung heranwagt und von ihrem Standpunkt aus einer eindringenden Behandlung unterwirft. Daß dieses Vorgehen *an sich geeignet ist, un beabsichtigt einen Einbruch in die Sphäre der naiven Religiosität zu bewirken, ist Planck wohl bewußt. „Es liegt mir auch der leiseste Versuch fern, denjenigen, die mit ihrem Gewissen im Reinen sind und die bereits den festen Halt besitzen, der uns für unsere. Le bensführung vor allem nötig ist, den Boden un ter den Füßen zu lockern," Doch dieser naive Glaube, dessen kulturzeu genden Wert P. besonders hervorhebt, besteht heute nicht mehr. Warum? Glauben heißt für wahrhalten, und die fortschreitende Naturer kenntnis hat dahin geführt, daß es für einen naturwissenschaftlich einigermaßen Gebildeten schlechterdings unmöglich ist, die Berichte von Naturwundern heute noch als auf Wirk lichkeit beruhend anzuerkennen. So meint Planck. Er Zweifelt nicht daran, daß es mit dem Glauben an Naturwunder über kürz oder lang zu Ende gehen muß. Verzichtet die Religion nicht auf Anerkennung der Naturwunder, so wird die religiös suchende Jugend, die einen Ausgleich ihrer religiösen und naturwissenschaftlichen Anschauung erstrebt, am schwersten darunter zu leiden haben. Nutznießerin wird die Gottlosenbewegung sein, deren zerstörende Wirkung auf alle Kulturwerte unzweifelhaft feststeht. Unabhängig von den Naturwundern aber will P. gefragt wissen, „ob ein naturwissenschaftlich Gebildeter zugleich auch echt religiös sein kan n." Daraus ergibt sich für ihn eine doppelte Fragestellung: „1. Welche Forderungen stellt die Religion an den Glauben ihrer Bekenner, und welches sind die Merkmale echter Religiosität?" Die zweite Frage ist: „Welcher Art sind die Gesetze, die uns die Naturwissenschaft lehrt, und welche Wahrheiten gelten ihr als unantastbar?" Die Erörterung der ersten Frage über die Religion bewegt sich bei Planck verständlicherweise in den Regionen allgemeinen G'ttesglaubens und der Ethik. Er spricht von der ehrfurchtsvollen Scheu vor einer überirdischen Macht, von dem Vertrauen auf G'ttes Allmacht und Hilfsbereitschaft und seiner Bedeutung für den Einzelmenschen. Ueber den Einzelnen hinaus wächst die Bedeutung der Religion für die ganze Menschheit. „Denn G'tt regiert gleicherweise in allen Ländern, — und es gibt im Reich der Natur wie im Reich des Geistes kein Gebiet, das er nicht aligegenwärtig durchdringt." Als Ausdrucksform der Religion ergeben sich die religiösen Symbole, die geeignet sind, unmittelbar auf die Einbildungskraft weiter Kreise im Volke zu wirken. Die Heiligkeit der unfaßbaren G'ttheit überträgt sich auf di* Heiligkeit der faßbaren Symbole. Der Wert dieser Symbole erschöpft sich jedoch .nicht in sich selbst, sie weisen stets über sich, hinaus. Ihr Wert ist darum ein relativer und ist auch an die Zeiten gebunden. Trotzdem ist die Religion auf Symbole angewiesen; denn schon im alltäglichen Leben ist ohne Symbol keine Verständigung, überhaupt keine Mitteilung zwischen den Menschen möglich. Für die Religion bedeuten die Symbole das höchste und yerehrungswürdigste, was himmelwärts gerichtete Einbildungskraft geschaffen hat, .doch auch das heiligste kirchliche Symbol ist menschlichen Ursprungs. a Wesentlicher als die Wertung der religiösen Symbole ist noch die grundsätzliche Frage:, lebt G'tt nur in der Seele der Gläubigen, -oder re-, giert er die Welt unabhängig davon, ob man ihm glaubt oder nicht glaubt. Diese Frage sei wissenschaftlich nicht zu entscheiden. Der religiöse Mensch beantwortet sie in letzterem I Sinne. Eine solche, Antwort ist die Forderung der Religion, .; Wie vertragen sich diese Postulate der Religion mit den Erkenntnissen der Natur wi s s e n s c h a f t? Welche Grenzen will insbesondere die Physik- — als exakteste Naturwissenschaft -— dem religiösen Glauben setzen? Alle physikalischen i Erkenntnisse beruhen auf Messungen, und die allerverschiedenartigsten Messungen haben ergeben, daß sämtliche physikalischen Geschehnisse, zurückgeführt werden können auf mechanische und elektrische Vorgänge gewisser Elementarteilchen. Masse und Ladung eines jeden dieser Elementarteilchen kann durch eine bestimmte winzig kleine Zahl ausgedrückt werden; diese Zahlen nennt man universelle Konstanten. Sie bilden die unveränderlich gegebenen Bausteine der theoretischen Physik. Diese Konstanten sind nicht etwa nur Er findungen des menschlichen Forschergeistes,-, sie besitzen vielmehr einen realen, vonder mensch liehen Intelligenz unabhängigen Wert. Die phy sikalische Wissenschaft fordert demgemäß die Annahme einer real e n vo n uns u n abhängigen Welt, die wir allerdings niemals direkt erkennen, sondern immer nur durch die Brille unserer Sinnesempfindungen wahrnehmen können. Somit rückt der Mensch als Subjekt der Betrachtung aus rdem Mittelpunkt des Denkens heraus und wird jauf einen ganz bescheidenen Platz verwiesen- / >'~ Wesentlich ist weiterhin, daß die erwähnten „elementaren Bausteine des Weltgebäudes nicht in : einzelnen Gruppen ohne Zusammenhang nebeneinander liegen, sondern daß sie sämtlich nach einem einzigen Plan aneinandergefügt sind." Als Beispiel einer solchen Gesetzmäßigkeit weist Planck auf das Prinzip der Erhaltung des Energievorrats der Welt hin, ein Gesetz, das nicht der Phantasie des Menschen entsprungen, sondern'dessen Anerkennung ihm von außen aufgezwungen ist. ) Es gibt aber noch ein anderes1,1 viel umfassenderes Gesetz, dessen Sachgemäßeste Formulierung „bei jedem Unbefangenen den Eindruck erweckt, als ob die Natur von einem vernünftigen, zweckbewußten Willen regiert würde." Es handelt sich um das ,,P r i nzip der kleinsten Wirkun g." Wenn ein Lichtstrahl durch verschiedene Schichten hindurchtritt, wählt er immer die Bahn, für die er die kürzeste Zeit braucht. „Die Photonen» welche den Lichtstrahl bilden, verhalten sich also wie vernünftige Wesen." Durch diese Betrachtungsweise gelangen wir zu einer physikalischen Ursächlichkeit, die den „Zweck" in den Mittelpunkt stellt, also einen usgesp rochen teleologi sc h e n Charakter besitzt, die neben der üblichen kausalen Betrachtungsweise gleichberechtigt ist. Als. Ergebnis der physikalischen Methoden stellt sich eine v e r n ü n f t i g e We 11 o rJA - nühg dar, der Natur und Menschheit unterworfen ist. Ihr eigentliches Wesen ist und bleibt für den auf seine Sinne angewiesenen Menschen unerkennbar. Doch ist bei weiterem Fortschritt der Wissenschaft die Hoffnung berechtigt, auf „Vertiefung unserer Einblicke in das Walten der über die Natur regierenden allmächtigen Vernunft." ■ Nachdem P. auf diese Weise' das Terrain Religion — Naturwissenschaft1 sondiert hat, ergibt sich in keiner Weise ein Gegensatz zwischen beiden. Im. Gegenteil stimmen beide darin über ein, „daß erstens eine; von ,4en Menschen unabhängige v e r n ü n,f t i g e. W»e 11 o r d n u n g existiert, und daß zweitens das Wesen dieser Weltordnung nie am-. a,l s d fa-e kt.erk e n nb. aX ist, sondern nur indirekt erfaßt, bezw,s geahnt, werden „kann.""' Unser; nach' einer e^ürh e i t- 1 i c h e Ii WßltänscHäuung -yerlarfgenderErfcenhtnistrieb * Wderties/ 'äen i'G ' tT"d e t R e l i 'g i ö n als den Träger der W e 11 dr cliffng-dSr N*atür wi s s e ns ch ä f t zu i d e n t i f i zl'e>f en;; Ergibt sich so für Religion uncl Naturwissenschaft ein einheitliches Weltbild,; so bleibt doch die Methode eine grundverschiedene. Für - den religiösen Menschen ist G'tt unmittelbar gegeben, aus dessen allmächtigem Willen' alles Leben und Geschehen quillt. Für den Naturforscher ist der Inhalt seiner Sinneswahrnehmungen gegeben, und von da aus sucht er 'sich G'tt und seiner Weltordnung als dem höchsten, ewig unerreichbaren Ziele nach. Möglichkeit zu nähern. Religion und Naturwissenschaft bedürfen zu i h r e r B e t ä t i g u n g des Glaubens an G'tt. Für die eine steht er am Anfang, für die andere am E n d e alles Denkens.' Dementsprechend besitzen beide verschiedene Rollen im menschlichen Leben. Nach P. braucht der Mensch die Naturwissenschaft zum Erkennen, die Religion zum Handeln. Da wir bei unseren Entschlüssen nicht warten können, bis die Erkenntnis der Naturwissenschaft vollständig oder bis wir allwissend geworden sind, ' so bedarf es für unser Leben einer bestimmte n u n d klare n W e i s u n g , die wir - aus der u nm i 11 e 1 b a r e n V e r b i n dun g mit G ' 11 gewinnen. „Hin zu G'tt!" so schließt P. seine Worte, Entsprechen diese Gedanken Plancks unserer jüdischen Ueberzeugung? Davon soll im nächsten Aufsatz die Rede sein. , : (Fortsetzung folgt.) Bücherbesprechungen, Jüdische Ausländer und Staatenlose in Deutschland.. Ihre Rechte und Pflichten von "Justizrat Jacob L i ß n e r , Rechtsanwalt in Berlin. Berlin W. 15. 193 8, Joseph Jastrow J ü d i s c h e r Buchverlag, 48 S, Das Büchlein kommt einem fühlbaren Bedürfnis, entgegen, Für den Ausländer und Staatenlosen ist eine genaue Kenntnis der zahlreichen und zum Teil recht verwickelten Paß-, AufenthaltsunH arbeitsrechtlichen Bestimmungen unbedingt erforderlich. Älfzuleicht riskiert er sonst .schwere Rechtsnachteile, evtl. sogar die Ausweisung. In übersichtlicher und gemeinverständlicher Weise werden die hauptsächlich In Betracht kommenden Materien; Paßrecht im weitesten Sinne, Arbeits-, Gewerbe-, Prozeß- und Eherecht behandelt. Das Buch, welches aus .der Praxis für die Praxis geschrieben ist, verdient weiteste Verbreitung. Bi. „Jüdische Gedanken". Zu dem unter diesem Titel bei Gustav Engel, Leipzig, erschienenen Werke von Chiefrabbi Dr. Hertz, London (übersetzt und eingeleitet von Perl es) wird uns geschrieben: Es ist dies eine im Krieg entstandene Sammlung zum Gebrauch' für jüdische Soldaten. Die fünf Abschnitte betiteln sich: „Ich bin ein Jude", „Das Volk des Buches", „Zeugnis der. Nationen", Die Stimme des Gebetes", „Die Stimme der Weisheit" und bilden eine einzigartige Anthologie. Man weiß nicht, ob man die 'Belesenheit, die Großzügigkeit oder die Weisheit des Verfassers mehr bewundern soll; Dieses Buch enthält, wie die biographische Einleitung .hervorhebt, nichtein einziges gegen die Mittelmächte' gerichtetes Wort, trotzdem es im Kriege zum' Gebräuche britischer Soldaten geschrieben wurde. Be-' sonders' wohltuend aber ist es, daß der Verfasser ebenso wie in seinem jetzt in' deutscher Ueberset- |zung erscheinenden Peritateuch - Werk - 'bei klier jGrößzügigkeit bewußt und betont' am traditionellen Judentum' festhält. Es sei bei dieser ' Gelegenheit hervorgehoben, daß Dr. Hertz, der demnächst sein 25jähriges Amtsjubiläum feiert, nicht nur Worte spricht und schreibt, sondern seine Arbeitskraft, sein Wissen und seine Energie in vorderster Reihe für Juden und Judentum einsetzt. Es wäre zu empfehlen; daß die jüdischen Schulen ihren abgehenden Schülern, diese? Büchlein insbesondere bei vorzeitigem Abgange auch ins Leben mitgeben Wurden, , Auch Erwachsenen wird die mit Quellenangabe' und Register versehene " Schrift gute Dienste leisten. Vielleicht wird, es auch wie das Hertz'sche Pentateuch-wrerk Einzelne ^dazu anregen,-' der Säkularisierurigdes Judentums Einhalt zü gebieten und mit Ehrfurcht, Liebe und Hingabe, sich dem jüdisch-religiösen 5Lernen und 'Leben zu widmen,' ohne" ■ sich von höchmögenden: .Phrasen neuer sogev hanntef. Autoritäten beirren zu lass^ni-'i^^r^ät^.-'' altgeheiligten Religion dochvkühi. und ehtfrfemdet gegenüberstehen." v". :u :vH- Dr. A. KV- »in Br.