Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1938)
- Date
- 1938-04-14
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Zur religiösen Haltung des modernen Naturforschers. Von Dr. med. Jacob Levy in Berlin. I. Soll der Fragenkreis „Religion und Naturwissenschaft" heute wieder aufleben, nachdem er für die zeitgenössische Welt zum Glück in das Reich der Vergessenheit versunken ist? — So wird sicher manch einer unwillig denken. Man glaubt sich da in die Zeit vor 30 Jahren zurückversetzt, wo im Kreise des Bundes Jüdischer Akademiker solche Themen — mit Recht — an der Tagesordnung wären, wo der Monismus Haeckels die Seele unserer Jugend bedrohte. Aber heute, da haben die Jungen an-- -dere Interessen. Sie stehen auf dem Boden der Realität, was sie bewegt ist die Auseinandersetzung zwischen der Realität des Tages und den Anschauungen jüdischer Lehre, zwischen den .Forderungender Wirklichkeit, und den Gesetzen der.. Thor«*. >. Wozu wieder der alte - ideologische Streit „' Religio n und N a t ur w i s - senschaft"? Es isei nicht bestritten, daß tatsächlich eine .Verschiebung der Interessen Unserer Jugend;:vom Ideologischen zur Realität vor sich gegangen ist, und die Berechtigung für diesen Wandel namentlich für die Zeit nach dein, politischen Umbruch sei ebenfalls nicht bestritten. Und dennoch läßt sich das vorliegende Problem nicht ganz verdrängen. Es taucht immer wieder im Geistesleben auf, und es muß auch immer wieder an die aktuelle Oberfläche jüdischen Geisteslebens treten, weil die in den inneren Sphären unserer Weltanschauung vorhandenen Spannungen einen Ausdruck der Aktualität fordern — soll keine Verflaehuhg der religiösen Weltanschauung eintreten. Bei näherem Zusehen werden wir auch entdecken, daß für die Jugend grade die praktische religiöse Forderung des Tages eine-solche Auseinandersetzung „Religion - Naturwissenschaft" zur Voraussetzung hat. Der „Ruf nach G ' 11 " ist in einen Brennpunkt der jüdischen Gegenwartsaufgaben in Deutschland getreten. Die jüdische Seele soll für die jüdische HJiaK gewonnen werden. Ist dies aber möglich, ohne die in der Geisteswelt herrschenden, aus dem Reich der Naturwissenschaft stammenden Gegenströmungen zu berücksichtigen? Es wäre .dies, in der Theorie vielleicht möglich, könnten wir unsere Jugend auf eine einsame Insel im Weltmeer entführen, wohin nicht die Klänge der Umweltkultur an ihr Ohr dringen. Wir können dies aber nicht, denn unsere «igene Jugend, .deren Seele wir für das Judentum erhalten und bilden wollen, lebt im Strome der Zeit und verträgt keine Scheuklappen, die sie von der Geisteswelt der Umgebung abschließen. Empfängt sie doch schon auf der Schulbank Kenntnis von den Theorien der Naturwissenschaft, die unserer Weltanschauung zuwiderlaufen, und selbst in unseren jüdischen Schulen ist sie nicht vor solchen Konflikten behütet. Und gewiß können wir nicht daran denken, die jüdischen Seelen außerhalb unseres engen Kreises für unsere ri31QK zu gewinnen, wollten wir auf deren durch die Umwelt bedingte Geisteshaltung nicht eingehen. Es ist ein Verdienst von Prof. Bruno K i s c h , daß er — von diesem letzteren Gesichtspunkt ausgehend — den denkenden jüdischen Brüdern unserer Zeit eine Schrift über „ G ' 11 e s g 1 a u b e und Naturer k e n ntnis"1) geschenkt hat. Kisch geht von folgenden Gesichtspunkten aus: t,Der moderne Mensch ist bewußt und unbewußt geistig und körperlich von den Erfahrungen, Errungenschaften und Methoden der Naturwissenschaft so stark beeinflußt, daß er überhaupt keinem Problem mehr naturwissenschaftlich unvoreingenommen gegenübersteht. Ferner aber hat* den heutigen im schlichten Sinne des Wortes gottlosen Seelenzustand des modernen Menschen nichts so sehr schaffen geholfen, wie die Diskussion unseres Naturwissens in Bezug auf das G-ttesprobJem". „Deshalb ist es für jeden, der den gegenwärtigen Zustand der Judenheit in religiösen Fragen ändern möchte, unerläßlich, sich auch über die gegenseitigen Beziehungen von G'ttesglauben und Naturerkenntnis klar zu werden." Eine solche Auseinandersetzung ist in der Tat die grundlegende Voraussetzung für den Kampf mit dem ureigenen Feind unserer flaiaX' dem Gottlosentum. Wir können unserer Jugend also nicht die Problematik ersparen, die von der Naturwissenschaft her sich aufdrängt, wir können sie nicht von der Naturwissenschaft absperren, und wir wollen es auch nicht. Man mag über das Problem fltf •pn ÖSJ fHin denken wie man will, die Kenntnis der Natur und ihre Erkenntnis war zu allen Zeiten im Judentum nicht nur zugelassen, sondern gefordert und gepflegt.3) Es bedarf keiner besonderen Betonung, daß bei einer solchen naturwissenschaftlichen Aufklärung in unserem Kreise Vorsicht und Takt angewandt, daß Alter und jüdischer Bildungsstand wesentlich berücksichtigt werden muß, x) Verlag S. Neumann, Ffm. 1936. 2) Vgl. 'k fr» tav 'oa und Ehre n t r e u. Die religiöse Erkenntnis. Nachälath Zwi VIII. S. 52. um nicht eine Problematik künstlich zu züchten. Aber solchen Schwierigkeiten dürfen uns nicht schrecken, es ist meine Ueberzeugung, daß man als denkender Jude seine Pflicht nicht erfüllt, wollte man sich krampfhaft von diesen Fragen zurückziehen. Wir müßten doch damit rechnen, daß ein künstlich von den Problemen ferngehaltener junger Mensch schließlich doch einmal mit der Welt der modernen Naturwissenschaft konfronr tiert wird, und wir wissen ja aus Erfahrung, welch' verheerende Wirkung eine solche unvorbereitete Konfrontation haben mag: von dem Glanz einer neuen Welt geblendet, läßt es all die mühsam aufgebauten jüdisch - religiösen Werte in den Schatten versinken. Wir haben es heute mit einer solchen Vorbereitung der Jugend leichter als in der Vorkriegszeit. Der himmelstürmende Drang der jungen Naturwissenschaft hat sich gelegt, Er hat einer besonneneren Betrachtungsweise Platz gemacht —- ohne, daß es natürlich zu einem Ausgleich mit den Postulaten der Religion gekommen ist. Es ist ein gutes Zeichen der Zeit, wenn jüngst eine Schrift aus der Feder eines ganz Großen aus dem Reich der Naturwissenschaft erschienen ist, der in dem Fragenkreis „Religion und Naturwissenschaft"3) eine positive Einstellung zur Religion erkennen läßt. Der Autor ist kein geringerer als der Lehrer der theoretischen Physik an der Berliner Universität, der Schöpfer der bedeutungsvollen Quantentheorie, Prof. Dr .Max Planck. Sein Wort gilt als maßgebliche Aeußerung der modernen Physik, und darum ist es für uns lohnend, an Hand seiner Ausführungen zu prüfen, ob und wie weit sich in der modernen naturwissenschaftlichen Einstellung eine Annäherung an die jüdisch-religiöse Anschauung anbahnt. Folgen ytxt zunächst seinen Gedankengängen. II. Die Darstellung Plancks von Religion und Naturwissenschaft zeichnet sich durch besondere Klarheit des Aufbaus und exakte Formulierungen aus. Fast jedes Wort hat eine Bedeutung. Drum ist es schwer, in einem kurzen Auszug eine Vorstellung seiner Gedankenwelt zu übermitteln. Wir wollen versuchen — ohne kritisch oder gar einseitig zu werden — diejenigen Gedankenketten auszuwählen, die unsere jüdische Problematik berühren: aJ Verlag J. A. Barth, Berlin-Leipzig, 1938.