Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 15-16 (14.4.1938)
- Date
- 1938-04-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nummer 15/16 1938 Das SefermahL Von Arthur Kahn. - (Fortsetzung.] Ferner wohnte in der Kreisstadt der Rabbiner, der früher selbst Lehrer war und mehr Ehrgeiz als rhetorische Begabung besaß und zugleich den Unterricht der; jüdischen Jugend leitete. Konnte sich -Levi'auch mit dem Chasen so wenig messen, wie etwal ein Spatz mit einer Nachtigall; so lagen dennf doch die Verhältnisse gegenüber dem städtischen Rabbiner gerade umgekehrt, Levi war eip-vorzüglicher Lehrer, dessen Schüler bei gleicher Unterrichtszeit weit mehr lernten,(? als die r Städtschuler und predigenkonnte der Raw auch nicht besser als er. Hier konnte er also erfolgreich konkurrieren. Wie ein Blitz durchfuhr -ihn der' Gedanke, daß man am Ende ihn ausschalten und zu der bevorstehenden Feier, zu der sicher Leute aus der ganzen Umgegend zusammenströmten, den Raw als Festredner berufen würde. Dann war er an diesem allgemeinen Fest-1-, und Freudentag zu völliger Untätigkeit verurteilt, eine lebendige Null, die Niemand beachtete. Einen Chasen, der bewundert wurde, konnte er nicht abgeben, aber als Festprediger fühlte er sich dem Raw gewachsen, überlegen. „ 1 Kiewe, der Levi aufmerksam betrachtete, erriet mit dem ihm eigenen Scharfsinn, was- 'in Levi jetzt vorging. Dieser wiederum wollte erst .erfahren, was sein Farnes plante öder gar schon beschlossen haben konnte. So griff Levi zunächst in seine Westentasche, holte eine Holzdose^ hervor, klopfte auf; den Deckel und bot daraus seinem Vorgesetzten eine Prise Schnupftabak an, die Kiewe dankend ablehnte. Hierauf führte|Levi bedächtig die Prise: "an seine.;NaSe uncLsaJj von unten .,■ herauf" den ^arhes an. Söin Blick Jsägte ungefähr; „jetzt müßt du deine '-Trümpfe^ auslegen.'' i Da Kiewe mit dem Raw in äer- Stadt nicht auf sonderlich. freandschaftlichemiiFuBe stand, so erwartete Levi .mit Zuversicht Kiewes Anord nün£ zu-^seinen Gunsten. Es gab aber Leute im , Dorf, die Levi nicht gewogen war?« und sicherlich von jedem andern und selbst lieber^ eine schlechte als Levis1 beste Predigt. gehört hatten. Diese Leute koririten leicht die'Berufungl|eines „wirklichen" Predigers durchsetzen; Docl^Kiewes ' Machtspfuchj wog alle GegensUmme'||' auf und sobald er etvjas gesprochen, war es $p' gut wie eine Tat. HiW-auf baute der Lehrer..? :. Da endlich ^begann K mit Levi langsam weitjsrsehritt: „Als jChäsen; näussen wir »den NatKe .Mpg nehmen; darüber isl kein Wort zu verliere&f ' -.iiuutri?s; - „Nein, kein .^^'ri'', bestätigte; Levi überzeugt: und überzeugender .<;,•?:• * > ■|!; „Einen l^äw-jfäägegen r^i—'!j|p paff, sog Kiewe an seiner Pfeife, bis' wieder Rauchwölkchen sichtbar .wurden, „einen Raw als Prediger' können wir uns sparen." ';;• Jetzt wars,. heraus. Levi sab. den Parnes dankbar an.' . - .: Ä;ls [ der '; L^ <0iS er. : i seiner; Wohnunsg 'zuschritt, hatte er sich; J*üm allen fernere^'kämpfen,^die.-; doch noch zu; jj j&efürchten waren; vorzubeugen, einen Plan zurechtgelegt. Ehe die noch zu befürchtenden Meinungsverschiedenheiten zwischen denübrigen Parnosim und den Dorf juden wegen des. Rabbifters^ zum7 etwaigen Ausbruch. .• kam<pnj' mußte der Chasen schon lest engagiert sein. Err"ievi,','duritef';das natürlich nicht selber tun. Bräi^n? Inzwischen •■ die . Streitigkeiten .um den Rabbiner aus, während über die Person des Chasen einmütige Zustimmung herrschte, so war für den Stadtrabbiner jedenfalls die ganze Sache schön peinlich. Und bei der Empfindlichkeit dieses Mannes, dessen Ehrgeiz jetzt schon ins Schrankenlose wuchs, mußte Levi Sieger bleiben. An dieser Achillesferse mußte also der Mann getroffen werden. , Gerade als Levi eben sein schlaues Plänchen ausgeheckt hätte, begegnete ihm Chanine. Ein triumphierendes Lächeln erhellte Levis breites Gesicht. Der Chanine, an den er nicht im entferntesten gedacht, kam ihm ungemein gelegen, Eigentlich hieß der Alte Chananja, aber, wie nun einmal hebräische Namen oft~entstellt wurden, so ging es auch dem alten Chananje, den die Lord R e a d i n gmit eigentlichem Namen R ü f u s_D a ni e 1 Isaacs , wurde am 10. Oktober 1§60 in London geboren und betätigte sich als Jurist Und Staatsmann, von 1910 bis 1913 als Krön - anmalt und bis 1921 als Lord O b e r r i c h t e r vo n Engl aOnd. 1925 trat Marquess of Reading sein hohes Amt als VizekSflig und General« gouverne u jvon Indien an, das' er; allerdings nur ein Jahr'ausübte. 1931 gehörte er dem Kabinett als A u ß e n i&jvh i s t e r an. Er war auch lange Jahre Vizepräsident'- der Anglo-Jewish Association. Als er am 30. Januar 1935 starb, verlor das britische Imperium in ihm einen ihrer fähigsten Staatsmänner. Die ., jüdische Welt schätzte in ihm einen Juden, der sich mit Stolz zu seiner jüdischen Abstammung bekannte. . Das Bild zeigt; Uns Lord Reading in seiner Galaämtstracht als V i z e k 6 n i g v o. n Indien. Juden, Chanine,., die Bauern sogar Kachanine nannten. Der größte Feldherr alter Zeiten, Napoleon, hatte Chanine, als dieser kaum zwanzig Jähre alt war, aufs Pferd setzen und ihm die Uniform eines französischen Soldaten anziehen lassen. An. Stelledes gelben Fleckes, den die deutschen Juden damals noch an der Brust tragen'mußten^ ließ der große. Kaiser Ehrenmedaillen .Chanine :für; , seine. Tapferkeit heften. Dafür blieb dieser' seinem Kaiser sein ganzes Leib eri; läng dankbar, und .ein glühender Lobredrfer desgroßen Judenbefreiers, für den er deii letzt tenijBiutstropfehj freudig hingegeben hätte. Einst hatte Chanine vor , dem Schloß zu Mainz, in f .dem der Kaiser residierte, Posten ge^ ständen. Das war. -der schönste, Tag im Leben d^ijalten^Häudegensv; wovon er noch: sprach/ als! er nahe .den neunziger Jahren, auf dem Sterbe-,| bett Jag. Er, der Chanine von Rebenheim, hatte den Kaiser, den großen herrlichen Napoleon, eine ganze Nacht hindurch zu schützen! Wo war noch so was in Jisroel Anno 1803 dagewesen! Chanine, der Wächter des Größten der Großen! Den Reitersäbel in der treuen Faust ging Chanine die ganze Nacht vor dem Schloßeingang auf und ab und hätte sich unsäglich gefreut, wenn irgend jemand den Versuch gemacht hätte, zu seinem Kaiser vorzudringen. Als er bereits hoch in die Siebzig war, reiste Chanine häufig nach Mainz, um die Stelle zu betrachten, wo er einst für Napoleon Wache gestanden und erzählte dann den Passanten, wie er dort den Kaiser eine ganze Nacht hindurch bewacht hatte. „In einer Nacht," erzählte Chanine in seiner Begeisterung, „habe ich zweimal vierundzwanzig Stunden vor Seiner Majestät Türe-Wache gestanden!" Im übrigen pflegte Chanine von seinen Kriegs-, zügen und den Schlachten, die er mitgemacht, nicht yiel Aufhebens zu machen. Für ihn war die Person des Bonaparte alles-; Anfang und Ende. Er gab ein genaues Bild von Napoleons etwas kleiner gedrungener Gestalt," den dunklen Augen in einem bläßgelben, bartlosen Gesicht mit dem runden Kinn, wie er, als derl an Körpermaß Kleinste, inmitten seiner Generäle stand. Wenn man dann dem Chanine geduldig zuhörte,, geriet er förmlich in Ekstase; seine hagere Ge¬ Start richtete er dann kerzengerade-' auf, seine wasserblaueh Augen begannen, wie von einem inneren,. Feuer beleuchtet; aufzuflammen; der schlichtey einfältige Dorfjude war dann völlig verwandelt;.; "'üochov'tticht* nur Chanine, sondern alle-^Veteranen, deren der Erzähler sehr viele kannte, hingen mit derselben^egeiöteruiig an dem -gewaltigen Kriegsherrn; -.un4 es- :Wär^ geradezu etwas. wunderbares^wi&l ^ii!;:^^pider Herrscher sich solche fast abgöttische Yerehrung unter seinen Untertanen ünd Soldaten hoch nach einem halben Jahrhundert erhalten konnte. Wenn der Autor "an dieser Stelle'^ dm. den Chanine ein. wenig zu..kennzeichnen,^Valien "von Napoleon spricht, so möge derLeser versichert sein, daß dieses nicht s ganz ohne-Absicht ' geschieht. Der Geschichtenerzähler muß, wenn er aus der Vergangenhit, aus der er ein Stückniiterlebt hat, getreu schildern will, auch ein "wenig Geschichtsschreiber sein. Und nach der festen : Ueberzeugung des Autors ist die Zeit Napoleons noch immer nicht genügend gewürdigt und eine Ehrenschuld jedes jüdischen Schriftstellers,.;, der noch aus dem Munde seiner Zeitgenossen ihn schildern hörtet an die Lichtseiten dieses Großen zu erinnern, welche Fehler er auch den Juden gegenüber, in Verkenriung ihres Charakters, einmal begangen hatte. , Außer seiner unwandelbaren Liebe und Treue zu „seinem" Kaiser hatte. Chanine, als er den letzten schrecklichen Feldzug in Rußland mitgemacht, nichts Nennenswertes mit nach Hause .gebracht. Nich einmal Häng zur Flasche, der so mancher Veteran später zugetan ward. Und doch fröhnte Chanine einer Leidenschaft, derenthalben er mäncherlei zu leiden hatte. Er naschte gerne Zucker. Für ein Stückchen Kandiszucker konnte man von ihm allerlei Dienste erlangen. Wenn er über Feld ging, so sog er an seinem Stückchen Zucker wie andre an einem Priemchen Tabak. Und Chanine ging häufig über Feld, oft meilenweit des Tages, selbst als er bereits ^in hoher Achtziger war. Wenn er so ging, richtiger lief,, erinnerte er an , einen Schnelläufer, wie solche noch Ende der fünfziger Jahre des vorigen «Jährhunderts vor den Wagen fürstlicher Persönlichkeiten herliefen, was mehr komisch als , fürstlich aussah. Dann erinnerte Chanine an einen Schlittschuhläufer, der mit den Armen lebhafte Bewegungen macht und den Oberkörper vorbeugt. (Fortsetzung folgt.)