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Der Israelit · 1938-04-14 · Heft 15-16 (14.4.1938) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 15-16 (14.4.1938)
Date
1938-04-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Der Israel Nr. 15/16 Seite 5 Wenn jeder der die Keren Hatorah-Ziele begreift; in die Kören HatOTah - SammeldoSe täglich wenige Pfennige legt, dann können wir allen unseren Aufgaben gerecht werden. Dosen anfordern bei: Keren Hatorah, Hamburg 13, Heinrich Barthstraße 21 Ausdruck' Ringende verstehensvoll , reagierte, dabei Trugschlüssen ausweichend und sich nie in einem ausweglosen dialektischen Labyrinth verfangend. Er hatte die Fähigkeit des Genies, die Dinge einfach zu sehen, hinter dem verwirrenden Wust des Details, unbeeinflußt von überlegentuendem Expertentum, die großen Linien zu erkennen. Und nichts von der Verkrustung des Alters war in ihm: die Schwingweite und Etttpfittdungskraft echter Jugend behielt er bis in seine letzten Tage. In solchen Gesprächen pflegte er dann einen Charme zu entfalten, eine innere Anmut, die fernab von aller Pose und Gekünsteltheit aus einer .quellklaren Lauterkeit des Wesens floß. Bei aller intellektuellen' Geschmeidigkeit war er eine im Grunde kindliche Natur, unblasiert in einem kaum vorstellbaren Grade. Das Geheimnis seiner machtvollen Wirkung war, daß er immer aus den Ursprüngen leb te. Was er dachte, was er tat, war immer echt, niemals Talmi, niemals nachgeahmt, niemals abge,- leitet aus zweiter Hand. Die lange Routine politischer Wirksamkeit hatte es nicht vermocht, in ihm die Fähigkeit des Erschüttertwerdens, des primären Erlebens, zu ersticken. Auf diesem Grunde ruhte auch seine Frömmig k-e i t. Er erlebte G'tt immer wieder von neuem mit derselben ursprünglichen Vehemenz, der niedersausenden Erstmaligkeit wie die großen Gläubigen der Vorzeit. Gebet, Festtage, Mizwa und Brauch, das Wort der Bibel und die großen Losungen der Ueberlieferung waren ihm unverblaßt, von unberührter Frische und zuckender Lebendigkeit, ein Befehl, heute ver- ^nommen, ein Erlebnis, soeben erfahren. Die tiefe gläubige Demut in diesem männlichen, herrischen Geist hatte etwas Ergreifendes. Dabei war eine große Keuschheit in ihm, eine Scheu, die »religiöse Leidenschaft in billiger Scheidemünze auszugeben, sie zum Firmenschild und Ausstellungsobjekt zu machen. Die heftige Abneigung gegen Bigotterie war ein Erbe, das ihm von seinen chassidischen Vorfahren überkommen war; das Kokettieren mit religiösen Stimmungen, die ehrfurchtlose Gepflogenheit, den Namen G'tt wie ein stets griffbereites Utensil bei jeder Gelegenheit zu verwenden, empfand er als schamlos. \ Auch seine Gläubigkeit war, wie alle seine Lebensäußerungen, von großem Atem durchweht. Seine außerordentliche Gabe — eine Fähigkeit, die sehr einfach erscheint, aber den Juden der Gegenwart * völlig verloren gegangen ist, — nämlich: seinen Blick für richtige P r o p ortion en , der sein Weltbild wie seine Volksanschauung auszeichnet, hat er auch im religiösen Bereich zur Anwendung gebracht. f »"^ ■ r>P ' J&V Dr. Nathan Birnbaum ^"XT Sucht man nach einer kurzen Formel für Nathan Birnbaums menschliche Erscheinung, so läßt sich wohl keine bessere finden als: geprägte Form. Jede einzelne seiner Lebensäußerungen, von den erhabenen geistigen Regionen bis in die kleinen unscheinbaren Verlichtungen des Alltags, alles an diesem Menschen hatte Form. Ein glühend-hitzigesj manchmal ungezügeltes Temperament, einen aufsässigen, sehweifenden Geist hat er in strenge Zucht genommen und einer großen klaren Ordnung unterstellt. Ein unerhörtes Gefühl für Würde war in ihm, eine selbstverständliche adlige Haltung, eine äußere und innere Vornehmheit die Gedanken an Kleinliches, in welcher Sphäre auch immer, gar nicht aufkommen ließ; sie gab so seinen Volksvisionen das Gepräge wie seiner persönlichen Lebensgestaltung. Auch in der-drückendsten materiellen Not glitt er nie zum Kleinbürger oder zum Bohemien herab: er war und blieb ein echter Grandseigneur — im geistigsten Sinn des Wortes — in jeder Stunde seines Lebens. Ueberhaupt war er durch und durch Aristokrat. Er hatte alle Merkmale echten Adels: die Verschmelzung anfänglich gegensätzlicher Elemente zu einer in sich geschlossenen, gerundeten Lebensform von ruhiger Reife, eine unauffällige Kultiviertheit, eine souveräne und überlegene Däseinsgestaltung, ohne Krampf und falsche Töne. Ein Mensch von fast erschreckend geradlinigem, unbedingtem, kompromißlosem Ethos, bis in die letzten Konsequenzen hinein, war er nichts weniger als ein vergrämter Asket. Er freute sich an den bunten Dingen des Daseins, (von denen ihm nicht viele zugänglich waren), er schmeckte kennerhaft eine Frucht, er lachte saftig und hell, der dankbarste Zuhörer für Bonmots und fröhlichev Plauderei» Der großen Natur und den Werken der hohen Kunst trat er nicht als genießerischer Connoisseur ge-' denüber, sondern in Ehrfurcht und stummem Ergriffensem, ein gläubiger Mensch: er sah in ihnen den Ausfluß der Einen Kraft, die Strahlen G'ttes. Er stand an der Grenze der Kulturen und nahm von beiden, der östlichen wie der westlichen, das Beste, was sie herzugeben hatten. Wie er den Osten verstand und erlebte, davon zeugt ein großer Teil seines Lebenswerks. Und er war tief beheimatet im europäischen Kulturkreis, nicht wie ein strebsamer und lerngieriger Neuling, sondern wie ein später, selbstverständlicher Erbe. Seine Bildung war umfassend, machte aber nicht viel Aufhebens von sich. Er haßte die plebejische Bildungsprotzerei und legte keinen Wert auf . irgendeine Art von Spezialistentum Er war durch und durch imprägniert von kultiviertem Europäertum, aber der bloße Wissensstoff, der intellektuelle Besitz der Fakta, die Beherrschung irgend eines Sondergebiets, an dem sich andere berauschen mochten, genügte ihm nicht.. Von hoher Warte, mit souveränem Ueberblick, suchte er wertend und auswählend die abendländischen Kulturgüter einem Gesamtsinn zu unterwerfen. Im Vergleich mit ihm erschienen mir 6. Pesach, Mazzo und Moraur gehören zusammenl Ein schönes Gleichnis bringt der Dubnoer .Mag i d hierzu: Ein reicher -Mann suchte für seine Tochter einen würdigen Ehegemahl. Da hörte er, daß ein armer Dorfjude einen prächtigen Sohn habe und er fuhr mit seiner Tochter hin, sich den jungen Mann anzusehen. Der gefiel ihm so gut, daß er gleich an Ort und Stelle die Heirat vornehmen wollte. Der Vater des jungen Mannes wies darauf hin, daß er nichts vorbereitet habe, sondern nur grobes Brot im Hause habe. Aber der Reiche ließ sich davon nicht abhalten. Einen solchen jungen Mann zu gewinnen, genüge ihm als Hochzeitsmahl das ä einfachste «Brot, das ihm wie Leckerbissen munden würde. Die Hochzeit wurde sogleich abgehalten und der Bräutigam in die kostbaren Gewänder gekleidet, die der Schwiegervater für ihn mitgebracht hatte. Während der Mahlzeit sagte der Schwiegervater zu seinem Diener, daß er die ,armen Gewänder seines Schwiegersohnes einpacken und mitnehmen solle. Dies hörte der junge Ehemann und, ohne daß jemand es merkte, legte er von dem groben Brot, das die Hochzeitsmahlzeit bildete, dazu. Als später der Schwiegersohn einmal mit dem Schwiegervater Auseinandersetzungen hatte, ließ dieser durch den Diener die alten Kleider des Schwiegersohnes herbeiholen, um ihn daran zu erinnern, aus welcher ärmlichen Umgebung er ihn herausgeholt hätte. Als das Bündel geöffnet wurde, fiel auch das vom Schwiegersohn im Geheimen eingepackte Stück Brot heraus, und der Schwiegersohn sagte zum Schwiegervater: ifDu willst mich daran erinnern, aus welcher Armut du mich damals herausgeholt hast, — dies Brot war damals das dir genügende Hochzeitsmahl, so eilig hattest du es, mich dir als Schwiegersohn zu sichern." G'tt ist der Schwiegervater, der uns mit Seiner Tochter, der Tauroh, vermählte! Das Pesacho p f e r ist ein Bild der Freiheit und der Größe! Daß die Juden nie vergessen, daß sie die Freiheit und Größe von G'tt geschenkt erhielten, läßt G'tt sie Moraur dazu essen, es soll sie erinnern an ihre traurige Sklavenlage in Aegypten, aber sie weisen hin auf die M a z z o , ti'tt hatte sie so lieb, wollte sie so eilig mit seiner Tauroh verheiraten, an den Sinai bringen, daß sie nicht einmal Zeit hatten, sich mit Wegzehrung zu versehen! Und darum: nrna Vdisi -inni ns» noa -p-o "«n tt>n to» jaC^TT^ in diesem gemeinsamen Genuß von Pesach, Mazzo und Moraur erleben wir die innigste Verbindung und die wechselseitige Liebe zwischen unserm G'tt und Seinem Volk! 7. " bbm vtyab "tat- Mit diesen Worten leiten wir die Erinnerung an Hillels Brauch ein, wenn wir, heute , noch, da das Heiligtum zerstört ist, Mazzo und Moraur zusammen essen; Mazzo spricht, nach diesem Gleichnis, zu uns von G'ttes Liebe zu uns, Moraur von unserer Not! Von unserem gewiß verdienten Golusleid! Am Pesach, da uns G'ttes nnawn so wunderbar ins Bewußtsein kommt,- da uns das Wort Pesach zum Zeugnis dieser Haschgocho wird, da nehmen wir Mazzo und Moraur zusammen, und die Bitterkeit des Moraur wird uns durch den gleichzeitigen Genuß von beidem gemildert! Dieser Brauch am Sederabend soll uns immer vor Augen sein, damit uns alles Leid des Lebens, alle Bitterkeit des Golus gemildert werde durch das Wissen, daß wir, ob wirs verdienen oder nicht, gebettet sind in die Liebe G'ttes, daß Er uns hält und trägt! Und darum, wie am Sederabend an den Hillelbrauch sich anknüpft: -p1?,!"^' was die Erklärer mit dem Zusatz versehen: T«na "\b ]IÜ TOS» nwi Vox. so wollen wir, Mazzo und Moraur vor Augen, uns freuen trotz allen Leides und vielen Leidens, und wissen und bekennen und erfüllen: o^sna sx' sin i^sa i»sj? rs nvsrb o*m a«n nni *m i>aa Betrachtung zum Pessachfeste. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Mit jubelndem Herzen und mit hoffnungsfroher Seele begrüßt ein jedes Menschenkind alljährlich das Neuerwachen der Natur. Alle stimmen freudig in ihren Jubelhymnus ein, wenn die Erde sich neu in ihr Festtagsgewand zu hüllen beginnt Und des Himmels Bläue und der Sonne Strahlen den Frühling ins Herz Ulis zaubern wollen. Auch wir Israels Kinder stehen nicht abseits am Wege, wir singen und jubeln: „Siehe, der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, die Blüten werden wieder sichtbar im Lande, die Zeit des Gesanges ist gekommen, der Turtel Stimme wird vernommen in unserm Lande ..." Nicht umsonst kommt uns Peßach als a'asn an als Frühlingsfest, daß wir im Hinblick auf G'tt, der herbeiführt den Wechsel der Jahreszeiten, nicht stumpf bleiben und nicht teilnahmslos gegen das hundert-

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