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Der Israelit · 1938-04-14 · Heft 15-16 (14.4.1938) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 15-16 (14.4.1938)
Date
1938-04-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 15/16 Ts r a e 1 i t '.3^:^ki;14rApr&i938^. Wie wir vor kurzem aus London Wichten konnten, brachte der politische Sekretär der Weltaguda, Mr. H. A. Goodman, auf einem Bankett in London die Befürchtung zum Ausdruck, daß bei einem Zustandekommen des Judenstaatsplanes eine areligiöse Oberschicht an die Herrschaft kommen könnte, wobei der orthodoxe Teil nicht einmal die Kraft haben würde, seine primitivsten religiösen Rechte zu wahren. Der Tel Awiwer „Haarez", das offizielle Organ des Waad Leumi, glaubte, Goodmans Prognose entkräften zu. müssen. Die innerliche Einstellung ej,nes etwa zustandekommenden Judenstaates, schreibt der „Haarez", wird den Intentionen und den Wünschen der Mehrheit angepaßt sein, und es gibt noch eine genügende Anzahl religiöser Juden im Lande, um den religiösen Belangen festen Rückhalt zu bieten. Dabei ging der „Haarez" an der Tatsache vorüber, daß gemeiniglich in pölitisehen Dingen nicht die stillen, breiten Massen im Hintergrunde bestimmend mitzureden haben, sondern die Führer an der Spitze. Und daß heute unter den Maßgebenden in der zionistischen Organisation, die morgen die Maßgebenden im Judenstaat sein könnten, die religiösen Elemente die Mehrheit bildeten, wird auch „Haarez" nicht behaupten wollen. In diesem Sinne sucht auch der orthodoxe „Kol Israel" den „Haarez" zu belehren. Die Befürchtungen Mr. Goodmans, schreibt das Blatt, seien mehr als berechtigt, sie seien heute die gemeinsamen Sorgen des gesamten religiösen Judentums in Palästina und in der Gola. Einige Fälle empörender Religionsentweihung von offizieller Seite im heutigen Erez Israel führten dazu, daß jener Ausspruch in London die Meinung Tausender widerspiegele. — Wir können dem Blatte nur recht geben. Die „genügende Anzahl _YOIl frommen Juden" konnte heute weder ein brauchbares Sabbatstatut in Tel Awiw schaffen, noch auch nur die Einhaltung des teilweisen Sabbatgesetzes durch die Besitzer der Gaststätten erzwingen; auch genügte ihr Einfluß auf den Waad Leumi. nicht, wenigstens Neupflanzungen im Schmittojahre zu verhindern. Die Beschwichtigungsversuche des „Haarez" muten geradezu kindisch an. Noch ist Madagaskar ein Phantom, eine nicht einmal schöne Fata Morgana im uferlosen Meere der jüdischen Not und schon wird bei den Insulanern ein Protest gegen eine jüdische Einwanderung und Ansiedlung laut. Die Opposition geht von den Europäern auf der Insel aus und greift auf die Eingeborenen über, denen man den „Judenschreck" heute schon einzujagen sucht. In mehreren französischen Zeitungen veröffentlicht der Direktor des Gymnasiums in Tananar i v e auf Madagaskar, C a m b i 11 a r d, einen Artikel unter dem Titel „Emigranten nach Madagaskar?" Herr Cambillard will wissen, daß sich unter den Kolonisten bereits heftige Widerstände gegen das Kolonisationsprojekt geltend machen. Die französischen Kolonisten fürchten einerseits, daß die jüdischen Pflanzer ihn.on die Arbeitskräfte entziehen bezw. den Preis der Eingeborenenarbeit herauftreiben werden und auf der anderen Seite, daß ein Teil der jüdischen Einwanderer eine dominierende Rolle im kaufmännischen Leben der Insel einnehmen werde. Auch die eingeborenen Hovas Sollen die jüdische Konkurrenz fürchten. _ Uns scheint die Angst der Madagaskaret* unbegründet. Noch wird vor keinem judischen Hause ein Lift nach Madagaskar verladen. Mit Beginn des neuen Schuljahres wurde auf Anordnung des New Yorker Bildungsrates H e - bräisch als eine der - vielen Fremdsprachen an allen New Yorker höheren Schulen eingeführt. Dieser Anerkennung gingen mehrfache Interventionen jüdischer Politiker voraus. Das Bildungsdepartement hatte bis jetzt den Antrag abgelehnt, mit der Begründung, daß nach den Gesetzen Religionsunterricht im Rahmen der Schule nicht erteilt werden dürfe und Hebräisch als Religion zu betrachten sei. Von jüdischer Seite wurde aber nachgewiesen, daß Hebräisch, besonders in Palästina, eine Sprache gleich anderen - Sprachen sei, Straße' und' Haus beherrsche und mit Religion nicht' das geringste' zu tun habe. Daß wir diese Mitteilung mit stark geteilten Gefühlen aufnehmen, ist wohl erklärlich. Es ist zunächst erfreulieh, daß die Ursprache der Bibel als gleichberechtigte Sprache an den amerikanischen höheren Schulen anerkannt wird. Es trifft zu, daß Hebräisch in Palästina nicht mehr zum religiösen Bezirke gehört, daß die heilige Sprache längst nicht mehr;,die silberne Schale für den goldenen Inhalt" ist, daß zuweilen sogar Hebräisch als Ausdrucksform gegen religiöse Inhalte dient. Unter diesem Gesichtspunkte hatten also die Befürworter des Hebräischen als Unterrichtssprache recht, und ihr Sieg ist in den Tatsachen begründet. Daß aber dem so ist, ist das Tragische an der Sache.' Nathan Birnbaum der Mensch. (Zur ersten Jahrzeit) Von Dr, Maximilian Landau. Die jüdische Welt betrauert in Nathan Birnbaums Heimgang den Tod eines großen Denkers und Volksführers, den Repräsentanten' einer bedeutenden Ideenrichtung, einer hervorragenden Gestalt des öffentlichen Lebens; wir aber, der engere Freundeskreis, die wir Nathan Birnbaum nicht nur aus dem Reflex seiner Schriften kannten, wir haben mehr verloren: wir stehen mit wundem Herzen am Grabe eines geliebten Menschen, der uns nicht nur durch sein Wirken, sondern durch sein bloßes Sein unendlich viel bedeutet hat. Uns ist ein Mann entrissen worden, der uns Lehrer, Führer, Kampfgenosse und vertrauter Freund in einem war; im Umgang allein mit dieser starken und fascinierenden Persönlichkeit, ohne ihres Niederschlags in der Literatur und im öffentlichen Leben zu bedürfen, fühlten wir uns schon wunderbar bereichert und beglückt. Es ist nicht leicht, die menschliche Seite der Erscheinung: Nathan Birnbaum präzis zu umreißen, Nathan Birnbaum als Mensch wurde ebenso oft verkannt. wie Birnbaum der Denker. Viele, selbst gescheite, Menschen bekannten, bei einer persönlichen Begegnung mit Birnbaum enttäuscht worden zu sein. Nathan Birnbaum hatte nicht die gefällige Gabe, gleich auf den ersten Blick bei aller Welt die Herzen zu gewinnen; ihm fehlte .alles. Einschmeichelnde, und er verstand sich nicht auf die Handhabung billiger Effekte. Er war eine spröde Natur und erschloß sich nur dem, der sich ihm willig öffnete. Gelegentliche Besucher, die erwartet hatten, Birnbaum werde zu jeder Tageszeit geistreiche Aussprüche über Judentum und die Weit äußern, fühlten sich geprellt, wenn er wie ein gewöhnlicher Sterblicher von Dingen des Alltags sprach. Ihm waren die Anliegen, denen er sein Leben geweiht hatte, zu ernst und zu heilig, um sie zu bloßem Konversationsstoff zu erniedrigen, insbesondere wenn er merkte, daß sein Gegenüber kein inneres" Verhältnis zu ihnen hatte. Er konnte über die hohen Dinge, um die er sein Leben lang gerungen hatte, nicht unverbindlich plaudern; der Ernst und die Verantwortung seiner Aufgabe gegenüber waren ihm auch im privaten Gespräch stets gegenwärtig; und wenn ihm dann selbstgefällig und überlegentuend Ansichten vorgetragen wurden, die er als Irrlehren verurteilen mußte, konnte er oft in echter zitternder Erregung auffahren. Er liebte keine Klugschwätzereien und die unfruchtbare und dabei so. prätentiöse Scheinargumentation des Durchschnittsintellektuellen war ihm bis auf den Tod verhaßt. Den flachen Parolen des Tages und modischen Schlagworten setzte er dann seine erschauten Wahrheiten gegenüber und erntete oft Kopfschütteln und Unverständnis. Aber wo er wahres inneres Interesse spürte, ohne intellektualistischen Hochmut, fand er sich jederzeit zu einer geistigen Auseinander Setzung bereit und ergab sich stundenlangen Gesprächen auch mit dem Jüngsten und. Unscheinbarsten. Und da merkte man, welch ein unvergleichlicher Gesprächspartner Birnbaum war: wie er jeder komplizierten Wendung, jeder feinsten Nuance bereitwillig folgte, jede Andeutung sofort aufgriff und weiterspann, wie er auch auf das Nicht - gesagte und Nichtzusagende, das hinter den Worten stimmungsmäßig Verborgene und nach. $ ^*Jj!P^^, nöiK ^n'VK^M pn Von Wolf S. Jacobson, (Schluß.) 4. Oder aber — und das liegt im oben zitierten Mharscho ja auch schon angedeutet —: es geht bei diesen Motivierungen nicht in erster Reihe u m den Grund der Mizwo, denn dieser ist^ einzig und allein G'ttes an Moses und Aharon bereits vor dem Pesach Aegyptens ergangener 'Befehl, sondern um Belegstellen aus der Pesachgeschichte, die uns n eben der Mizwo ihren symbolischen Charakter einprägen wollen. Nach unserem großen „Symboliker '' Samson Raphael Hirsch soll sich das jüdische Volk im P.esachopfer selber begreifen als das uvynn litt und soll G'tt erleben als seinen Hirten, als den L7knE?-' nyn und in welchem Augenblick hat sich diese, g'ttliche Fürsorge und Vorsorge, die jeden einzelnen in ihren Schutz, und unter ihre Obhut nimmt," großartiger bewährt und eindeutiger gezeigt, als in jener Stunde, y»sn uto mi o'-ran ntMsm bartw na t>y'nos ipx Und Mazzo ist dasSklävenbrot, „immer stand die Peitsche des Treibers und der atemlose Dran* der überbürdenden Arbeit hinter ihnen und gönnte ihnen nur die raschste, eilfertigste Brotbereitung!" Und wo kam dies Sklaventum, in dessen Fron sie standen, bis zum letzten Augenblick, besser zum Ausdruck als in der Tatsache, anV 1P» rm dsi nnrmnnb -^a' kVi ans»» iBns '3 daß sie auch noch im Moment des Auszugs, ganz wie bisher, in der Macht ihrer Drängerstanden! (Hirsch Pentateuch II 120). Daß Moraur dem an"n JiK vrwi entspricht, somit der Ausdruck des 'Utf' der schikanösen Quälereien ist, womit sie ihr Leben verbitterten, ist ebenfalls ohne weiteres klar. (Das. II 106). Oder, um aus den vielen schönen Auslegungen, die der T i f e r e s J i s r o e 1 dem Wort des R. Garnliel gibt, nur eine herauszugreifen: daß wir bei der Darbringung des Pesach G'tt vor Augen haben, der in Seiner großen Liebe zu uns Vvr\V» na »« nos, die Häuser unserer Väter übersprang! In Liebe und aus Erbarmen, denn Israel in Aegypten war ja nicht viel besser als seine Umwelt, es glich der Mazzo; hätten sie aber noch ein wenig nur in Aegypten geweilt, dann hätte, der no'sn:? nx» auch sie völlig zu Chomez gemacht. Und darum nnm» -«ni '3 mußten sie schnell aus, Aegypten heraus! Und Pharao, der Zwingherr, der uns durch das Moraur zum Bewußtsein gebracht wird: can^n titf die übermäßige Not, in die er das Volk gebracht hatte, wurde ein Hebel zu ihrer Befreiung, (im Sinn des oben schon erwähnten Ausgleichs zwischen Golusdauer und Golusschwere!) G'tt, Israel und Pharao — wer sichs nicht zum Bewußtsein bringt, daß G'ttes Güte, Israels Schwäche und Pharaos Härte die Erlösung beschleunigten, wer sichs nicht in Pesach, Mazzo und Moraur zum Bewußtsein bringen kann, der hat den Sinn von tmrp nAi und ans» jiinio nicht erfaßt^ hat die Botschaft unseres Festes nicht begriffen! * 5. Wir wollen nochmals auf den Ausdruck N«v KV imin '»T» zurückkommen. Ehr mann in seinen wun- . defbaren Pesachaufsätzen in seinem Buch „Durchs. Jahr", der vielleicht schönsten Sammlung von agadischen Aufsätzen in deutscher Sprache, befaßt sich auch mit diesem Ausspruch. Er bringt die obenerwähnte Frage des Zlach; ihm scheint es aber umgekehrt auffallend, daß nicht bei allen Mizwaus die Hinzufügung steht: main »f' Er macht auf. den Unterschied zwischen dem. allgemeinen Sprachgebrauch und dem jüdischen aufmerksam. Bei den andern „ruft die Pflicht" und es bleibt dabei immer unserem Belieben uberlassen, ob wir den Ruf hören wollen oder nicht. Bei uns Juden hat .die Pflicht „Hände", und sie hält uns solange' fest, bis wir ihr entsprochen haben, Und weiter! In unseren Sprachen: wer dem Ruf der Pflicht folgt, fühlt sich durch sie „gebunden", wer sich von der Pflicht emanzipiert, ist „frei"! Bei uns Juden ist ,es umgekehrt: Wer die Pflicht noch nicht erfüllt hat, ist _ an sie „gebunden", wer sie erfüllt hat, der ist frei, ist herausgegangen aus den Händen der Pflicht: inain •>f> NX'- Und weil es sich bei Pesach und dem Erkennen seines Sinnes um die Grundlage unserer ganzen geistigen Existenz und damit um den Urgrund aller unserer Verpflichtungen gegen G'tt handelt, ist die von R. Gamliel ausgesprochene Aufgäbe unsere „ P f 1 i c h t p a r e x c e 11 e n c e " und darum heißt es hier ausdrücklich: 1MW 'T KS1 tf>. Wer nicht „Durchs Jahr" selber besitzt, kann 'sie in der weitverbreiteten Lehmamvschen Hägadah zweite- Auflage nachlesen; dort sind sie S. 114—123 wörtlich abgedruckt.)

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