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Der Israelit · 1938-03-31 · Heft 13 (31.3.1938) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 13 (31.3.1938)
Date
1938-03-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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FeuilletonrV^^. f—^. _ Nummer 13 Beilage UBV ISraellt 1938 Das SefermahL Von Arthur Kahn.*) Die Geschichte vom Sefermahl trug sich 1865 zu. Es war ein wunderbares Jahr. Am letzten Februartag sprengte die Sonne die meterdicke Eisdecke des Rheinstroms und seiner Nebenflüsse mit donnerähnlichem Krachen, , aber ohne schadenbringendes Hochwasser, Und die Märzsonne lockte so schnell das junge Grün aus der schneebefreiten Erde, daß Wald und Wiesen wie wohlgepflegte Gärten aussahen. Im Mai erwarteten die Menschen schon frohgemut und zuversichtlich ein obst- und fruchtreiches Jahr und die Winzer waren einer an Qualität und Quantität gleich vorzüglichen Weinernte sicher. Fast jede Nacht ging in den Sommermonaten ein von starkem Regen begleitetes Gewitter nieder, und am Tage brannte die Sonne, als ob sie sich ganz besondere Mühe geben wollte, den Erdensegen auf allen Fluren zu mehren und zu beschleunigen. Hoffnungsfroh, als habe jeder etwas besonders Gutes zu erwarten, wandelten Bauern und Städter umher und freuten sich der herrliehen Sonnentage, die ein wunderbar blauer Himmel tagsüber überspannte und der Nächte, die, bevor die mitternächtigen Gewitter aufzogen, die Sterne in selten gesehener Pracht erstrahlen ließen. Hatten auch die stets emsig arbeitenden Menschen, die Stadtleute, die Bauern und die Dorfjuden wochentags über nur wenig Zeit, sich an der herrlichen Pracht dieses schönen Sommers zu erfreuen, so kamen, besonders die Juden, dafür am Sabbatnachmittag um so zahlreicher auf der Chaussee zwischen den einzelnen Dörfern zusammen, wie es uralter Brauch war. So ging man gegenseitig nicht aus dem Tchum, wenn die Dörfer nicht nahe genug beisammen lagen und man sah sich dennoch im Freien und hatte dabei den Vorzug, rn!t Freunden, Bekannten und Verwandten zusammenzutreffen, ohne von der Hast des Broterwerbs gedrängt zu werden, den Genuß der Sabbatruhe voll auszukosten. Auch aus der naheliegenden kleinen Kreisstadt kamen die feiernden Juden mit Frau und Kind heraus, denn zwischen Stadt- und Dorfjuden bestand stets ein herzliches Verhältnis, zumal der vermeintliche oder auch wirkliche Bildungsunterschied keine Scheidegrenze und gar erst eine Fremdheit schuf. Von all zu einem feststehenden Brauch gewordenen Zusammenkünften am Schabbosnachmittag war in diesem Jahre eine sehr gewichtige Persönlichkeit durch Schicksalsfügung ausgeschlossen. Während sich der schöne Sommer mit seiner unbeschreiblichen Pracht über die von der Natur mit wunderbaren Reizen beschenkten Gegend ausgebreitet hatte, lag der Schimme Bär, schwach wie ein Kind, der Wiedergenesung von einer schweren Krankheit entgegenwachend, in seinem Bette. Wochenlang hatte sein Hünenkörper gegen die Pfeile des Todes stand gehalten. Nun, wo *) Die jüdischen Landgemeinden in Deutschland, früher ein Reservoir starken jüdischen Gemeinschaftslebens, verschwinden eine nach der anderen. Um so dankbarer wird man obige gemütsvolle Schilderung Arthur Kahns n"V> eines zu Anfang unseres Jahrhunderts sehr beliebten jüdischen Romanschriftstellers, lesen. Auch für ihn war die 1909 erzählte und hier wiedergegebene Geschichte eine 50 Jahre alte Erinnerung. Die Großväter unserer jüngeren Generation haben aber all diese kleinen großen „Erschütterungen" einer heute leider verklungenen Welt noch miterlebt. D. Red. der1 Todesbote unverrichteter Dinge abzog, die seither nebelumwogten Sinne sich wieder allmählich lichteten, ein wohliges Schwächegefühl ihn wieder an sein irdisches Dasein erinnerte, Während er in stundenlangem Grübeln mit halbgeschlossenen Augen an tausend Dinge dachte, lud sich Schimme vor das Forum seiher eigenen Vergangenheit. Er dachte nach über Leben und Sterben, über diesseits und jenseits. Dieses Nachdenken bedeutete bei Schimme etwas wichtiges. Er war jetzt bald ein Sechziger, niemals krank gewesen, aber immer sehr rüstig und fleißig und unermüdlich im Sammeln irdischer Güter, wobei er auch ebenso erfolgreich war. Da er weder studiert hatte, sich noch sonst in seinem Leben mit metaphysischen Problemen abgegeben, so hatte er sich auch nie öfter mit philosophischen Problemen und mit Fragen jenseits unseres irdischen Daseins als nur zweimal im Jahre flüchtig beschäftigt. Diesen ernsten Betrachtungen gab sich Schimme Bär jeweils am Rosch-haschonoh-Morgen nur solange hin, als der Vorbeter im Musafgebet mit tränenerstickter Stimme von der Vergänglichkeit alles Irdischen in wehmutsvollen Melodien sang. Und das ging auch den Schimme an, daß der Mensch der Blume gleich, die am Morgen blüht, des Abends welkt, dem Grase, das grünt und bald darauf dorrt, und der hingleitenden Wolke und dem in Nichts verwehenden Winde; denn unser Leben ist nicht mehr als ein schnell verflüchtender Traum. Bevor der Chasen, — am Rosch-Haschono betete übrigens der Jokew, als der älteste Balbos und zugleich der erste Parnes im Dorfe — dieses rührende Gebet verrichtete, hatte der Lehrer Levi schon zuvor die Gemeinde durch seine 'Predigt gar ernst gestimmt. Er erinnerte seine Zuhörer daran, daß in der Stunde, in der sie hier im G'tteshause versammelt waren, ihr Schicksal von G'tt bestimmt würde über Leben und Sterben; Armut und Reichtum, friedvolles und ruheloses Dasein und Ende, kein lebendes Wesen seinem ihm von der Vorsehung bestimmten Lose entrinne. In einer so bedrohlichen Stunde hätte mancher Andächtige sein bestes Faß Wein, das er im Keller hatte, darum gegeben, wenn er dadurch die Garantie erlangt hätte, daß er in dem kommenden neuen Jahre noch einmal mit heiler Haut davon kommen werde. Konnte man doch durch Buße, Gebet und Werke der Wohltätigkeit möglicherweise noch einmal das böse Verhängnis abwenden. Und wie schön und rührend wußte Levi zu schildern, daß an diesem Tage und in dieser Stunde der Geist der toten Eltern bei den Betern weilte. A Beim Erwähnen seiner toten Eltern schämte sich Schimme nicht, in Tränen auszubrechen, so wenig wie der Manche, oder der Kiewe, die doch alle feste, harte Männer waren und dennoch sich des Weinens nicht enthalten konnten, wenn Levi daran erinnerte, wie ehemals der Vater und die Mutter am Rosch-Haschonoh in ihren weißen Sterbekleidern fromm und demütig an derselben Stelle gestanden und wohl aus demselben Gebetbuch dasselbe Gebet andächtig verrichtet hatten. ,a, damals gab es nur wenige andächtige Beter in den Synagogen, die nicht an jener Gebetsstelle gerührt und erschüttert der teuren Toten gedacht hätten. Heute nun, wo es zu Rosch-Haschonoh noch weit hin war, dachte Schimme darüber nach, wie er nur mit knapper Not dem Tode entgangen, was er sehr wahrscheinlich der Fürbitte seiner frommen Mutter im Himmel zu verdanken hatte. Dann dachte er darüber nach, was er denn eigentlich im Leben schon einmal besonders Verdienstvolles getan; außer daß er für sich und sein Beilchen ein ansehnliches Vermögen zusammengearbeitet hatte. — „Welchen Menschen hast du schon einmal im Leben zum Glück und zu sorgenfreien Stunden verholfen?" frug ihn eine innere Stimme. „Welches war dein bestes Werk, durch welches du etwas Dauerndes, über die Länge deines eigenen Daseins dich in würdige Erinnerung Erhaltendes geschaffen hast? Wieviele Tränen unglücklicher Nebenmenschen hast du schon getrocknet? Wie oft bist du den Armen und Elenden beigesprungen? Wo und wann hast du einen Verzweifelnden gerettet, getröstet und ihm von deinem reichen Besitz abgegeben?" Schimme stöhnte schmerzlich auf. Sechzig Jahre in Arbeit und Wohlhabenheit alt geworden zu sein und noch immer nicht ein einzigmal an einen besonders würdigen Menschen eine besonders hervorragende Edeltat verrichtet zu haben, das kam Schimme in dieser Stunde gar beschämend zum Bewußtsein. Was wollte es für ihn, den reichen Mann, viel bedeuten, wenn er, der Tausende jährlich verdiente, schon einmal da und dort einige Taler spendete? Und wären es ihrer schon ein paar hundert gewesen! „Ein paar hundert?" frug höhnisch dieselbe Stimme wieder. „Schimme, Schimme! Da zwei, drei, dort vier und fünf, und wieder einmal und, oft nur verdrossen, an arme Verwandte zehn und im allerhöchsten Falle zwanzig Taler, ist noch lange kein Maßer, wenn du dich ans Thorawort gehalten hättest! Dann wären hunderte heraufgekommen, womit du wirklich viel Gutes hättest stiften können. Ja, das Thorawort, das wars eben, das Schimme nur äußerlich geehrt. Die Seferthora beim Aus- und Einheben küssen, hat nicht den mindesten Wert, wenn man den Inhalt nicht befolgt. Vor Schimmes Augen öffnete sich die heilige Lade und ernst und feierlich standen, wie in stummer eindrucksvoller Mahnung die Thorarollen da. „Der Baum des Lebens ist sie dem daran Festhaltenden" klang es in seinen Ohren. Schimme schloß müde die Augen. Eine Vision nach der andern zog an seinem Geiste vorüber und immer war die Thorarolle der Mittelpunkt dieser 'luftigen Traumgebilde, wie sie Wiedergenesenden häufig erscheinen. Dann fiel ihm das Wort eines Mannes ein, den Schimme wie einen Malach verehrte. „Man kann allerlei tun und tut doch nicht genug," hatte Ludwig Lob, bei einem Krankenbesuch bei Schimme gesagt. Und was Ludwig Lob oder sein Bruder Jonas sagte, war bei Schimme Bär so heilig, als ob es in der Thora stände. Nicht nur bei ihm; bei allen Leuten, welche Ludwig und Jonas Lob kannten, wurde hoch geschätzt, was diese sagten und taten. Ein edleres, herrlicheres Brüderpaar hatte noch nie in der alten Kehilla gelebt. Gab es doch nichts Schönes und Gutes, das nicht von „den Lobs" ausging. Und wie stolz war nicht nur die „Kehille", sondern auch die gesamte Bürgerschaft auf diese beiden seltenen Männer! Sie waren Zierden der Stadt und noch viel, viel mehr, — Zierden der Menschheit. Emsige, unermüdliche Kaufleute, Talmudgelehrte mit ungewöhnlicher profaner Bildung; Menschenfreunde, die keine schlechte Erfahrung erbitterte, kein Undank erschütterte, überall die ersten und letzten, wo es galt, Edeltaten zu verrichten. Schimme seufzte tief auf. „Och, och, och! Warum konnte e r nicht so sein, nur halb so, nur viertel so, wie der Ludwig oder der Jaune!" j „Was seufzest du?" frug Beilchen besorgt, als sie mit einer Tasse wohlduftender ,FleischJ brühe eintrat. (Fortsetzung folgt.)

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