Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1938)
- Date
- 1938-03-31
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 13 D e r I s r a e 1 i t 31. März 1938. herausgegeben, die dazu bestimmt ist, der jetzt wieder aktuell werdenden Frage der Berufswahl eine sachliche Unterlage zu geben. Das Buch, das von Dr. Georg Flatow zusammengestellt wurde, * enthält einen einleitenden grundsätzlichen Beitrag von Dr. Georg Lubinski über die Probleme, die mit der Berufswahl der jüdischen Jugend in Deutschland in unserer Zeit verbunden sind. Es folgen eine Reihe von Berufsbildern, die von Fachleuten geschrieben sind und jeweils eine Charakteristik der in den betreffenden Berufen zu leistenden Arbeit und der Voraussetzungen, die der Jugendliche mitbringen muß, geben. Die Aufsätze behandeln die handwerklichen, die landwirtschaftlichen, die kaufmännischen, die akademischen Berufe, wie die Berufe der Technik und die besonderen Frauenberufe. In eigenen Artikeln wird die Frage erörtert, wie der Jugendliche zu einer Ausbildungsstelle gelangt, ebenso die Frage der Jugendali j ah und der Unterbringung von Kindern und Jugendlichen in den Vereinigten Staaten und Australien. Ein Verzeichn i s der Ausbildungsstätten ist dem Buche beigelegt. Zu diesem Handbuche der Berufe wird uns noch geschrieben: „Die Reichsvertretung und die mit ihr kooperierenden Stellen haben sich mit der Herausgabe dieser Schrift ein außerordentliches Verdienst erworben, denn es kommt heute ja nicht nur darauf an, grundsätzlich darauf hinzuwirken, daß die Berufswahl des jüdischen Jugendlichen so vorgenommen wird, daß er auswanderungsfähig wird und daß er neben seinen eigenen Interessen auch diejenigen der jüdischen Gesamtheit berücksichtigt, sondern darauf, in konkreten Hinweisen die so schwierigen Entscheidungen für die Jugendlichen selbst und ihre Eltern und Angehörigen zu erleichtern. Durch die Zusammenstellung der Berufsbilder und die sich daran anschließenden Hinweise über die verschiedenen Formen der Ausbildung wird diese Entscheidung gewiß erleichtert, so daß man nur die Hoffnung aussprechen kann, daß dieses Heft in den nächsten Wochen in die Hände möglichst zahlreicher jüdischer Eltern, Lehrer und Jugendlicher gelangt.' a) wenn sich unter den gesetzlich zur Vertretung berufenen Personen Juden befinden; b) wenn von den Mitgliedern des* Aufsichtsrats . mehr als ein Viertel Juden sind, oder . c) wenn Juden nach Kapital oder Stimmrecht entscheidend, d. h. in solchem Maße beteiligt sind, daß ohne ihre Zustimmung Beschlüsse des obersten Verwaltungsorgans (Hauptversammlung, Gesellschaftsversammlung usw.) nicht gefaßt werden können; entscheidende Beteiligung liegt nicht vor, wenn die Zustimmung der Juden nur für solche Beschlüsse erforderlich ist, fürdie das Gesetz eine besondere Mehrheit vorschreibt. Sind . bei einer Aktiengesellschaft oder Kommanditgesellschaft auf Aktien bei Erlaß dieser Anordnung unter den Vorstandsmitgliedern keine und unter den Mitgliedern des Aufsichtsrats nicht mehr als ein Viertel Jud£n, so kann in der Regel ange nommen werden, daß Juden nach Kapital und Stimmrecht nicht entscheidend beteiligt sind. 4. Ein Gewerbebetrieb gilt darüber hinaus als jü disch, wenn er tatsächlich unter dem beherrschenden Einfluß von Juden steht. Zweifelsfälle sind dem Reichswirtschaftsminister zur Entscheidung vorzulegen. Was ist ein jüdischer Betrieb? Berlin, 27, März. Der Reichswirtschaftsminister hat in einem kürzlich ergangenen Erlaß die Merkmale zusammengestellt, bei deren Vorliegen ein Betrieb als jüdischer Gewerbebetrieb anzusehen ist. Danach ist bei der Erteilung von Auskünften, die z. B. die Industrie- und Handelskammern geben, vorbehaltlich einer gesetzlichen Festlegung des Begriffes des jüdischen Gewerbebetriebes, einstweilen nach folgenden Grundsätzen zu verfahren: 1. Der Gewerbebetrieb einer Einzelfirma gilt als jüdisch, wenn der Inhaber Jude ist. 2. Der Gewerbebetrieb einer offenen Handelsgesellschaft oder Kommanditgesellschaft gilt als jüdisch, wenn ein persönlich haltender Gesellschafter Jude ist. 3. Der Gewerbebetrieb einer juristischen Person (also z. B. GmbH., Akt.-Ges. usw.) gilt als jüdisch, Zahlen aus der österreichischen Judenheit« Wien, 28. März. Vor etwa einem Monat hat die jüdische Kultusgemeinde statistische Ziffern für das Jahr 1937 veröffentlicht, die beweisen, daß der Niedergangsprozeß in der jüdischen Bevölkerung, der vor 15 Jahren einsetzte, noch im vollen Maße andauert. Ueber die Bevölkerungszahl haben wir bereits genaue Angaben gemacht. Dem ist noch zuzufügen: Im Jahre 1937 kamen auf 720 Geburten nicht weniger als 2824 Sterbefälle, (von diesen 105 Selbstmorde). Es war dies die niedrigste Geburtenziffer, seitdem überhaupt eine jüdische Statistik in Oesterreich geführt wird. Im gleichen Jahre traten 520 Personen aus dem Judentum aus. Neu eingetreten sind 262, bei denen es sich fast ausschließlich um Rückkehr früherer Renegaten handelt. Im ganzen hat sich die Seelenzahl der jüdischen Gemeinde im Jahre 1937 gegen 1936 um 2462 verkleinert. Unter der Wiener jüdischen Bevölkerung befinden sich rund 40.000 Ausländer und unter diesen 25.000 mit polnischer Staatsangehörigkeit. Die anderen verteilen sich auf Rumänien, Tschechoslovakei, Ungarn, Deutschland usw. Der größte Teil dieser Ausländer siedelte sich beim Ausbruch des Weltkrieges hier an. Aus Deutschland sind seit 1933 höchstens tausend Juden in Oesterreich eingewandert. Neben dem Schulwerke und zu den Kulturinstituten, die wir bereits genannt haben, (siehe Leitartikel in Nr. 12) ist noch das Jüdische Museum zu erwähnen, das vom „Verein zum Schutze jüdischer Denkmäler" erhalten wird. Von sozialen Einrichtungen ist besonders das Jüdische Blinde ninstitut zu nennen, das große Jüdische Spital, das Alten - und Invalidenheim, eine Reihe von Waisenhäusern und Kindergärten. Ungarn. Dife Schechita in. Ungarn. Budapest, 21. März. Die orthodoxen Kreise Ungarns sind aufs tiefste beunruhigt durch die* bekanntgegebene Absicht des Bürgermeisters von Budapest, den Betäubungszwang einzuführen. Die Führer der Orthodoxie haben bereits bei den Behörden interveniert, um ein Schechitaverbot zu verhindern. Das offizielle Organ der Orthodoxie diskutiert die Schechitafrage und gibt der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Behörden nichts gestatten werden, was irgendwelche jüdisch-religiöse Gefühle verletzen könnte. Polen. Scharfes und nasses Vorgehen gegen antijüdische Demonstrationen. Warschau, 28. März, Nach dem friedlichen Ausgleich mit Litauen glaubten die sog. „Endeckes" ihre nun auf Befehl eingestellten politischen Proteste im Judenviertel fortsetzen zu dürfen. Die in der Nacht zum 21. März hier angesammelten größeren Trupps wurden von der Polizei aufgehalten, bevor sie noch Zeit fanden, sich zu einer Demonstration zusammenzuschließen. Der Polizei kam eine Feuerwache mit Spritzen zur Hilfe, deren kalte Strahlen in wenigen Minuten die Ordnung herstellten. Ein Aufruf des Rabbinerverbandes. Warschau, 28. März. Der Rabbinerverband in Polen erläßt einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: „Eine Gruppe von Deputierten haben im Sejjm einen neuen Auftrag auf völliges Verbot der Schechita eingebracht. Man darf hoffen, daß Sejm und Senat in Polen im Geiste der traditionellen Töleranz Polens den Antrag nicht annehmen. Sollte es aber zur Gesetzeswerdung des Antrages kommen, so werden alle Juden Polens aufgefordert, nicht zu verzweifeln und streng zur Religion zu halten, für die das jüdische Volk seit Jahrtausenden Opfer zu bringen bereit ist. Die dreieinhalb Millionen Juden in Polen werden auch diese Prüfung bestehen, wenn sie ihnen der liebe G'tt auferlegen sollte." Anträge im Sejm. Warschau, 25. März. Unter einer Reihe von dem Sejm unterbreiteten Anträgen befindet sich auch ein solcher, der die Aenderung jüdischer Namen verbieten will. Die anderen Anträge beziehen sich auf die Zugehörigkeit zu Freimaurerlogen und , sieht eine Verschärfung der Bestimmungen bei der Anerkennung ausländischer Diplome vor. Schließlich fordert ein Antrag die Revision der nach dem Jahre 1918 vorgenommenen Einwanderungen. Es ist zweifelhaft, ob letztere Anträge im Parlamente zur Beratung gestellt oder eine Mehrheit finden werden. ^^^^^^^^^^^^^^r *y*r i. Vom Sinne der vier Abschnitte. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Ehe uns Peßach kommt mit seiner wundersamen beglückenden Kunde; „Horch, mein himmlischer Freund ist nahe!" immer bereit zu erlösen, er, der ewige Befreier Israels, vernehmen wir den Ruf der vier Sabbate, die uns als seine Herolde für die frohe Botschaft des Festes empfänglich machen wollen. Es gilt, die tief innerliche Bedeutung des heiligen Schriftwortes auch zu begreifen: „Sauerteig darf nicht in euren Häusern gefunden werden," und ganz gewiß auch nicht in euren Herzen und auf dem Grunde eurer Seelen. Die Stimme des Irdischen soll zum Schweigen kommen, wo der Himmel ruft und frei machen will von Banden und Fesseln, die sich um uns schlingen und uns niederhalten, daß wir nicht zur Höhe uns emporringen können. Reichtum, Kraft, menschliche Weisheit sind gewiß Güter und Lebensbehelfe, deren wir wohl benötigen und die wir nie und nimmer werden missen können, doch werden sie uns zum Fallstrick und trüben unsern Blick für die Wahrheit, wenn wir sie als Selbstzweck betrachten, als Ziel unseres Lebens und Strebens, dem wir alle unsere Kräfte und Fähigkeiten unterordnen, Das ist nun der Sinn der großen Sabbate mit ihren Schriftworten. „Der Reiche nicht mehr und der Arme nicht weniger.'" Das ist ttn letzien eine Warnung, Gold und Gut zu überschätzen und der Mahnung des Propheten Ohr und Herz zu verschließen: „Nicht rühme sich der Reiche seines Reichtums". Diese Mahnung setzen der Weise und der dritte Sabbat fort; «Nicht durch Kraft siegt der Mann", das lehrt unsere Geschichte und das soll uns immer wieder zu Bewußtsein kommen, wo wir als Volksgemeinschaft eine neue Zukunft vorzubereiten haben. Für unser heiliges Land muß als erstes und oberstes Gesetz gelten: „Daß ja nicht der Held seiner Stärke sich rühme." Und auch menschliche Weisheit und Einsicht, soviel sie auch für die Lebensgestaltung und den Fortschritt der Menschheitskultur bedeuten mögen, vermögen nicht bis zum letzten die Urgründe aller Dinge und Geschehnisse zu enthüllen, daran will der Schabbos Poro uns mahne'n, wo uns der Abschnitt vor ein unlösbares Rätsel stellt und uns zu- uft: „Auf deine Weisheit verlasse dich nicht!", der du niemals es vermagst zu ergründen, daß das Ehtsündigungswasser nach dem Willen des Höchsten rein macht die Unreinen und unrein die Reinen. Das ist eine Aufforderung an den sich weise Dünkenden, an die dem Menschenverstände gezogenen Grenzen zu denken und das Prophetenwort zu beherzigen: „Nicht rühme sich der Weise seiner Weisheit". Haben wir diese eindringliche Sprache der ersten drei Sabbate vernommen und beherzigt,, dann verstehen wir den vierten, den letzten Schabbos als Träger der Nissanbotschaft: Mond und Sonne, die ewigen Zeugen von G'ttes Sein und Walten, sollen als die Grundlagen des jüdischen Kalenders unser jüdisches Schicksal und unsere jüdische Aufgabe deuten. Dem Lichte unseres Judentums sollen wir uns immer wieder zuwenden, wie der Mond der Sonne zustrebt, um zu leuchten und seiner Bestimmung gerecht zu werden Auch im Dunkel unserer Schicksale leuchten und wachsen wir an innerer Kraft und Würde wenn wir unsern jüdischen Weg gehen und es voll beherzigen: „Hütet ja die Mazzaus!" Hütet, wahret dieses Peßachgebot für euer ganzes Leben, das ihr als einen höheren Dienst zu betrachten habt und weihen sollt, indem ihr euch an G'tt und an sein^ Gebote bindet. Das erst gibt eurem Sein einen reinen echten Inhalt und macht euch der Liebe und Gname des Herrn würdig. Kleines Feuilleton. Aus jüdischem Geiste. Rabbi Israel Salanter merkte einmal, da er in der Wilnaer Schul bei seiner Gemoro saß, zu seinem Schrecken, daß einer seiner Schaufäden abgerissen war. Im Vorraum befand sich ein fahrender Buchhändler mit seinem Stande. Da dieser die peinliche Lage Rabbi Israels, der in diesem Zustande die Schul nicht verlasseh hätte, merkte, verlangte er für ein Päckchen Zi2ith im Werte von einigen Kopeken einen ganzen Rubel. Der Rabbi kramte seine ganze Barschaft aus und es reichte gerade. Es war zur Zeit sein ganzes Vermögen. Da bekam der Buchhändler Reue und sagte, er habe nur einen Scherz machen wollen, das Päckchen koste'' zehn Kopeken. „Nein", weigerte sich Rabbi Israel. „AH meine Tage quälte mich der Gedanke: ein so wichtiges