Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1938)
- Date
- 1938-03-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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31;MärZri938 De r I s r ä te i i i Nr. 13 Seite 3 Probleme und Lösungen von J. E.*) Wuchtig, eindrucksvoll erheben sich die steinernen Klötze der Großstadt, Lärm und Getriebe ausstrahlend, aus der Stille der Landschaft: ein Wahrzeichen sich austobender Menschenkraft Sollte dies mächtige Gewächs eine kranke Stelle am Leibe-des Landes sein? Die Lebensform der Großstadt wird, mehr oder minder verhüllt, ständig auf jedwedem Gebiet menschlicher Forschung und Arbeit zur Diskussion gestellt: der Politiker legt ebenso seine Wertmaßstäbe an sie anwie der Wirtschaftler, der Künstler wie der Gelehrte. Letztlich entscheidend für uns ist allerdings nur die Bewertung, wie wir sie vom Ethischen — oder, besser gesagt, vom Religiösen — her treffen müssen. Wir haben aus der Fülle der Probleme, die sich mit der Großstadt verknüpfen, das soziale und das (jüdisch-)nationale herauszugreifen, um den Weg zur Wertung zu finden. „Das Zaubermittel, das Kraft gibt, die Völker vor Unnatur und Verwahrlosung bewahrt, körperliche und sittliche Gesundung verleih t.- Land!" (Nathan Birnbaum, siehe: „Um die Ewigkeit!*, Seite 135.) Ein Gang durch die jüdischen Gemeinschaften von vor 40 Jahren; der Bericht darüber vermittelt uns den Eindruck völliger Auflösung. Denken: wir daran, daß Jahrhunderte hindurch religiöse Lebensformung einziges Band der jüdischen Nation war. Verfall des nationalen Bewußtseins muß die Folge der Lockerung der Thoragemeinschaft sein: wie die Großstadt sie herbeigeführt hat. Ich möchte das nicht an der Erschwerung der Religionsausübung zeigen —- wirtschaftliche Nöte, Zeitmangel und Ablenkung — oder an der Tendenz zur Veräußerlichung — Herrschaft der Form, Geselligkeit statt Familienleben, der Einfluß der Großstadt greift den Kern der Religiosität selber, bei uns wie bei Andersgläubigen, an. Der naiv-gläubige Landjude, der in die "Großstadt zog, begegnete sehr bald der Schwierigkeit, gleichzeitig in der Welt der Thora zu.; leben 'i|nd doch fest in einer ganz anders gerichteten Welt der körperlichen Existenz stehen zu müssen. Nur selten gelang ihm harmör nische Vereinigung; zumeist richtete er sich unr, ter ' dem Einfluß der Technisierung und Naturferne, die die Kindergläubigkeit vernichteten, und unter dem von Kunst und Wissenschaft, die die Rigorosität der religiösen Ethik zerbrachen, nach der Umwelt aus. Das war, was wir Assimilation nennen: ein Prozeß, in dem ständig und Unbewußt (?) unsere religiösen Ideen abgeschliffen und aufgelöst werden. Trat der Jude nun in die Gemeinschaft der Großstadt ein, so war das zumeist der Weg in die „bürgerliche Gesellschaft": eine Atmosphäre des Genußstrebens und >.der Uebersättigung Umfing ihn, ihm; den letzten Tröpf en jüdischen Wesens aus den Adern saugendj Ebenso wirkte und wirkt noch heute? die .Lebensform des . „Proletariats": Elend und Verbitterung waren hier Hintergrund - des Lebenskampfes'. Waren die geistig bedeutenderen unter diesen Menschen den Weg durch diese Menschenmühle, üu Ende gegangen, so wurden sie bestenfalls Mitläufer des Intellektualismus: Aufklärung und Vernunftstolz waren an die Stelle national-reiigiöserv -würdiger Haltung getreten. Vor dieses Problem sah sich Birnbaum gestellt, als er, suchender Heimkehrer, seinen Gan.4 durch die jüdischen Parteien* antrat; vor den Gefahren des politischen Zionismus floh er zu Dubnow'schen Ideen, und folgerichtig führte ihn *) In wenigen Wochen rundet sich ein Jahr, seitdem Nathan Birnbaum ^"st von uns gegangen ist. Der obige Aufsatz aus der Feder eines jungen denkenden Juden zeigt, wie unsere intellektuelle Jugend Birnbaum und besonders seinen Ruf nach VerländHchung hegeeiH die autonomistische Anschauung von der Pflege der Kultur zum religiösen Nationalismus, allereigenster Prägung freilich. Auf jeder Etappe dieses Weges setzte er sich mit der Frage der zweckmäßigen Lebensform der jüdischen Nation auseinander. 1892 schrieb er in seiner Zeitung „Selbstemanzipation": „Nutzanwendung der unglücklichen Lage des jüdischen Volkes ist die Ueberzeugung von der Notwendigkeit ihrer Umgestaltung auf .völkerrechtlicher Grundlage auf einem Territorium, das ihm zu eigen ist: Land; ist die NotwendigkeitK' Ueber" diese Ansicht hat sich Nathan Birnbaum hinausentwickelt; der Begriff des Territoriums, eines „zufälIig-politiT sehen Gebildes", schien ihm späterhin ungenügend. Vielmehr glaubte er nun an die Bedeutung der Erde, mit der der Mensch verbunden ist, aus der er seine Kraft zieht. So sprach er sich über das dem unnatürlichen Geschöpf „Territorium" entwachsene Gebilde „Großstadt" so aus: „Sünde muß Israel die Großstadt sein, Quelle der Verheißung; Glaubenstat aber die Rückkehr zum Landbau, Bürgschaft jüdischer Einsamkeit und Lebensheiligung!" Wir sind zu naturfern, um das recht mitempfinden zu können, was Birnbaum alles unter seiner Idee von der „Bedeutung der Erde" verstand, und doch hat auch uns schon eine Stunde im Walde, im Gebirge in ihren Bann geschlagen. Wo der Mensch sich auf die Natur stützt, hat seine Seele es leichter, sich in die Wirrnisse der Welt hineinzustellen, inmitten der wirtschaftlich-technischen Wirbel den Blick nach oben, das Alleinsein mit G'tt sich zu erhalten. Dies ist es, was uns das Land geben kann: und dennoch stützt sich1 die moderne Zivilisation allein auf das Territorium. Daher vermag Birnbaum zur Abkehr von der Idee: des modernen Nationalstaates zu rufen und zu versuchen, das zerstreute jüdische Volk) wo es auch sei, an den Boden heranzuführen: die überall^ verschieden geartete und doch im Wesen einheitliche Kultur , des jüdischen Volkes bedarf des Territoriums als der Voraussetzung wahrer Bodenständigkeit nicht. Vielmehr ist Zusammenschluß der landstädtischen örtlichen Kulturzentren zu nationaler Kulturarbeit die Aufgabe des religiösen Judentums. Das ist Birnbaums Lösung des „Stadt-Land"- Problems, die zur Gesundung des jüdischen Volkes führen soll. Wir müssen freilich fragen, ob in deren Genialität nicht auch eine gewisse Einseitigkeit liegt; Bevor wir so radikal die Großstadt verneinen, haben wir uns die positiven Einflüsse dieser Lebensform auf den religiösen Menschen vor Augen zu halten. Vergegenwärtigen wir uns, wie stark das Erlebnis der Einsamkeit für den modernen Menschen in der Großstadt ist, wie ihm daher seihe Ohnmacht gegenüber Sendung und Schicksal fühlbar wird. Hier, wie in allem, ist die Stadt typischstes Kind der modernen Zeit: ganz allgemein ist der Spuk von der Autonomie des Menschen ins Wanden geraten. Ist das nicht eine Brücke zurück zur Religiosität? Gedenken wir auch andererseits des Gemeinschaftserlebnisses, wie es nur Zentren des geistigen Lebens bieten können. Seine Bedeutung? — Wir haben versucht, die Großstadt als Lebensform des religiösen Menschen zu werten und gesehen, daß beide Möglichkeiten, Bejahung und Verneinung, eine gewisse Lösung dieses (ethischen) Problems darstellen. Freilich dürfen wir die Bedingung nicht übersehen, die in jedem Falle uns gestellt ist. In einem geschichtlichen Moment, der dem Juden den Zugang zu wichtigen Entscheidungen öffnet und ihm insbesondere in Erez Israel die verantwortungsschwere Aufgabe einer „Volkssiedlung" auflädt, müssen wir bereit sein, unsere Lebensform so zu wäh- . len, daß in der Auseinandersetzung „Religion . und Leben" das Ziel verwirklicht werde, das den jüdischen Landmann im Altertum ebenso leitete wie den jüdischen Kaufmann im Mittelalter und unsere städtischen Großeltern noch im 19. Jahrhundert: Heiligung des Alltags als Bewährung des religiösen Menschen im Leben! Aus der Erfüllung dieser Forderung bezieht jede Lebensform einer judischen Gemeinschaft ihre positive Wertung; auch der Jischuw hechadasch hat sich ihr zu beugen. Korrespondenzen. Deutsches Reich. % Sederabende, i' Berlin,,!23. März. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden;v.ersendet an die" Rabbiner und Vorsteher der ihm; angeschlossenen Gemeinden ein- Rundschreiben, in dem es u. a. wie*'iolgt heißt;;,Im Frühling beginnt Israel, schon im Monat Adar. das,;jIfessach-Fest würdig, unter Beobachtung .seiner geheiligten, alten Bräuche zu rüsten. Diese treue Arbeit'findet in den Seder-Abenden ihre Erfüllung;, sie stellen unsere schönste! religiöse Familienfeier dar, die Arm und Reich, .Verwandte und Fremde um den jüdischen Tisch vereinigt und in Gedanken und Gebet Jahrtausende überbrückt. Schon während mehrerer Jahre hat daher der Preußische .Landesverband jüdischer Gemeinden an alle ihm angeschlossenen Gemeinden in Deutschland und einen großen Kreis vereinsamt lebender Juden die Bitte gerichtet, dem Pessach-Fest hohe Aufmerksamkeit zu. widmen und den Alten, den Müden, besonders aber unseren Jugendlichen, die Sederfeier zu bereiten, denn nichts schützt uns ja mehr als das Festhalten an der Ueberlieferung unseres Volkes. Darum richten wir auch heute an alle jüdischen Gemeinden und an jede jüdische Familie die Bitte, Pessach so zu feiern, wie es unsere Väter durch die Jahrhunderte hindurch stets begangen haben. Wir dehnen diesmal unsere Bitte aus auf alle, die von uns gegangen sind, um eine neue Heimat auf dem heiligen Boden Erez Israels oder sonstwo draußen in der weiten Welt zu finden. Ihr Juden alle, die Ihr einmal zu uns gehört habt, vergeßfv auch draußen ' unser Pessach-Fest nicht, wenn äüch mancher von Euch, von den Seinen getrennt, ' es mit bekümmerter Seele begehen mag. Seid unserer großen Vergangenheit würdig, feiert Pessach, haltet den Seder, genießet die Mazzah, esset die bitteren Kräuter,' singt das Hallel und bereitet den Becher für Elia den Propheten, dem Verkünder des Meschiachl; Und weil dieser Wille auch in ..uns .mächtig ist, halte ein jeder fest am Pessach, das in diesem Jahre am Freitag-Abend, den 15. April, seinen Anfang nimmt," und sammle jüdische Menschen zur Feier um sich und halte den Seder! Der " Preußische Landesverband; bittet Gemeinden, Verbände, Rabbiner und Lehrer, dafür Sorge zu tragen, daß möglichst kein Jude ohne Sederfeier bleibe. Groß- und Mittelgemeinden mögen die Menschen der kleinen Gemeinden zu'sich bitten, und wir: werden, wie immer bereit sein, jeden Erreichbaren zu; stützen; helfen wollen wir, den Rut der Hagadah wahr zu machen: „Jeder Hungrige komme .und esse, ']&-■ der Bedürftige komme und feiere mit' uns Pessach". ' . Um unseren Dank allen den Gemeindemitgliedern zum: Ausdruck zu bringen, die — unserem Aufruf Folge leistend — Werte im Betrage von mindestens 0,50 RM. für die Gestaltung eines Sederabends spendeten, werden wir diesen eine Hagadah überreichen. Die Gemeinden, Rabbiner und Lehrer, die sich unserer , Pessach^Aktioh zur Verfügung; gestellt haben, bitten wir deshalb höfl., bis zum 7. April d. J die notwendigen Exemplare bei uns anzufordern, damit sie in der Lage sind, diese noch rechtzeitig zur Verteilung zu bringen." Vor der Berufswahl. Berlin, 27. März. Die Reichsvertretung der Juden in Deutschla n d hat in Zusammenarbeit mit der Berliner Jüdischen Gemeinde und dem Zentralverbancl jüdischer Handwerker Deutschlands eine Broschüre unter dem Titel „Vor der Berufswahl", ein Wegweiser für jüdische Eltern und Kinder (Verlag: Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland).