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Der Israelit · 1938-03-24 · Heft 12 (24.3.1938) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 12 (24.3.1938)
Date
1938-03-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Mi Korrespondenzen. Deutsches Reich. Auswanderungslehrgut. Berlin, 15. Die Leitung des Jüdischen Auswandererlehrgut«? Groß-Breesen teilt uns mit: „Die Jewish Colonization (ICA) hat zugesagt, 30 Groß-Breesener Praktikanten, die im Laufe der nächsten Wochen ihre zweijährige Ausbildung in Groß-Breesen vollenden, in ihren Siedlungen in Argentinien anzusetzen. — Bekanntlich hat das Jüdische Auswandererlehrgut Groß-Breesen am 1. Mai 1936 seine Arbeit begonnen, so daß es durch die Zusage der JCA möglich ist, noch vor Beendigung der turnusmäßigen Ausbildung der ersten Gruppe ihre Unterbringung innerhalb des jüdischen Kolonisationswerkes der JCA in Argentinien zu ermöglichen." D< Meldepilicht für Schulentlassene., Berlin, 15. März. Präsident der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung hat am 1. März 1938 die Anordnung über die Meldung Schul entlassener (Reichsanzeiger Nr. 51) erlassen, die den Zweck verfolgt, einen Ueberblick über die Zahl derjenigen schulentlassenen Jugendlichen zu gewinnen, deren Arbeitskraft noch nicht gebunden ist. Mit Wirkung vom 14. März 1938 sind daher Jugendliche, die von einer Volks-, Mittel- oder höheren Schule abgehen, innerhalb von zwei Wochen nach dem Abgang dem für ihren Wohnort zuständigen Arbeitsamt zu melden. Die Meldepflicht erstreckt sich aber auch auf diejenigen Jugendlichen, die bereits früher, nämlich in der Zeit vom 1. Januar 1934 bis 14. März 1938, von einer Volks-, Mittel- oder höheren Schule abgegangen sind und einer regelmäßigen, arbeitsbuchpflichtigen Beschäftigung noch nicht nachgehen oder sich noch nicht in einer ordnungsmäßigen Berufsausbildung befinden. Jüdische Jugendliche, die entweder eine ordnungsmäßige Einzellehrstelle innehaben oder an Ausbildungs- und Umschichtungseinrichtüngen teilnehmen, die von jüdischen Organisationen betrieben werden und behördlich genehmigt sind, dürften daher nicht meldepflichtig anzusehen sein. Für die Meldepflicht ist der gesetzliche Vertreter des Jugendlichen verantwortlich. Die Verletzung dieser Pflicht steht unter Strafandrohung. Schließlich kann auch das Arbeitsamt das persönliche Erscheinen der unter diese Anordnung fallenden Jugendlichen anordnen. Die „Ergänzungskarte" bei der Volkszählung, Berlin, 20. März. Bei der Volkszählung am 17. Mai 1938 müssen Angaben über die Abstammung auf einer besonderen Ergänzungskarte gemacht werden, die nach der Ausfüllung dem Zähler in einem geschlossenen Umschlag überreicht wird. Neben den zum Ausfüllen einer Haushaltsliste verpflichteten Personen müssen auch die nicht zur Familie gehörenden Haushaltsmitglieder, z. B. Hausgehilfinnen, Untermieter usw. diese Karte ausfüllen. Die Umschläge werden nur vom Statistischen Reichsamt geöffnet. Unbefugtes Oeffnen wird als Verletzung des Briefgeheimnisses bestraft. Auf der Ergänzungskarte muß die Frage beantwortet werden: „War oder ist einer der vier Großelternteile der Rasse nach Volljude?", und zwar mit „Ja" oder „Nein". Hierbei ist allein die Rassen- und nicht die konfessionelle Zugehörigkeit der Großeltern maßgebend. Wer die Frage wissentlich wahrheitswidrig beantwortet, oder di"e Beantwortung überhaupt verweigert, wird mit Geldbußen oder Gefängnis bis zu einem Jahr oder mit beidem bestraft. Ebenso macht sich auch derjenige strafbar, der durch wissentlich falsche Angaben den Ausfüllenden irreführt. (C. V.-Z.) Die neuen Maßnahmen in Oesterreich. Wien, 22. März. Entgegen alarmierenden Nachrichten ausländischer Blätter und Sender ist zu berichten, daß in Wien und in Oesterreich in den Tagen des Uebergangs nirgendwo die Ruhe und Ordnung gestört worden sind. Gegen Uebergriffe einzelner unverantwortlicher Elemente wird, wie offiziell mitgeteilt wird, energisch eingeschritten. Die Maßnahmen, die auf Ausschaltung des jüdischen Elementes hinausgehen, betreffen zunächst die jüdischen Justizbeamten. Alle Richter und Staatsanwälte, die Juden oder Halbjuden sind, wurden, nach den amtlichen Verlautbarungen, ihres Dienstes enthoben. Für die Aufnahme von Juden oder Halbjuden, in die Rechtsanwaltschaft- oder Notariat wurde ,eine Sperre erlassen. Ebenso mußten jüdische Aerzte aus der Wiener R e ttungsgesellschaft ausscheiden. Die Ausschaltung von Juden m den Wiener Theaterbetrieben ist im Gange, auch müssen die jüdischen Funktionäre der aligemeinen Sportbewegung ihre Aemter niederlegen. Viele jüdische Redakteure mußten ihren Platz räumen. Von den jüdischen Zeitungen ist seit dem Umbruch keine einzige mehr erschienen, Ihr Erscheinen haben eingestellt „Die neue Welt", das Organ der Judenstaatspartei, „Die Wahrheit", die als Organ der „Union österreichischer Juden" galt, das Organ des zionistischen Landesverbandes „Die Stimme", ebenso das orthodoxe Blatt „Die jüdische Presse". Die zionistischen Büros, u. i. auch das des Nationalfonds wie des Keren Hajessod und des Palästinaamtes, sind vorläufig-geschlossen, jedoch hatte das Palästinaamt von der Behörde die Erlaubnis bekommen, den am Dienstagabend fälligen Transport von Chaluzim nach Palästina durchzuführen. Die Büros der Wiener Kultusgemeinde arbeiten ungestört. Die soziale Fürsorge funktioniert in allen Teilen, die jüdischen Volksküchen sind geöffnet.. Das kleine Leben in den Gassen und Bethäusern des zweiten Bezirks hat seinen normalen Verlauf. Zur Abstimmung am 10. April werden, wie schon berichtet, Juden nicht zugelassen. Die meisten Nachbarländer, so besonders die Tschechoslovakei, Rumänien und Ungarn, haben die Kontrollen an ihren Grenzen wesentlich verstärkt, um den Zustrom von Emigranten zu unterbinden. Amtlich wird darauf hingewiesen, daß die bisher geltenden Bestimmungen über den Reiseverkeh nach Oesterreich bisher nicht außer Kraft gesetzt sind. Das bezieht sich u. a. sowohl auf die devisenrechtlichen Bestimmungen als auch auf di Bestimmungen des Gesetzes über den Reiseverkehr mit Oesterreich vom 24. August 1936, wonach Pässe von Reichsangehörigen mit Wohnsitz oder ständigem Aufenthalt im übrigen Reichsgebiet für Reisen nach und durch Oesterreich hur gültig sind, wenn sie den Zusatzvermerk „Gültig auch für Reisen nach und durch Oesterreich" enthalten. Personen, die ohne diesen Zusatzvermerk nach Oesterreich wollen, werden zurückgewiesen. ausreisen Polen. Das jüdische Posen. Posen, 23, März Posen hatte bis 1918 160,000 Einwohner, Heute zählt es 300.000 Einwohner. Aber in. der Posener jüdischen Gemeinde, die bis 1918 mehrere hundert Mitglieder hatte, gibt es heute nur noch dreißig deutschsprechende Familien. Die Posener jüdische Gemeinde besteht heute zu 97 Prozent aus den aus Kongreßpolen Zugewanderten, die zu den alteinge sessenen deutschsprachigen Familien in nur sehr geringen gesellschaftlichen und sonstigen Beziehungen stehen. In der Provinz hat. sich das Bild noch mehr ver schoben. In T h o r n, wo es vor zehn Jahren noch e Gemeinde mit mehreren hundert Mitgliedern gab, leben heute, noch vier von den alteingesessenen deutschsprachigen Familien; in Bromberg, das heute 130.000 Einwohner zählt, dessen jüdische Gemeinde vor dem Jahre 1913 mehrere hundert Seelen zählte, gibt es heute noch knapp dreißig alteingesessene Familien, In der Stadt G r ä t z , wo es früher eine jüdische Gemeinde mit mehreren hundert Mitgliedern gab, lebt heute . noch eine einzige jüdische deutschsprachige Familie. In Krotoschin, wo früher eine große, blühende Gemeinde bestand, gibt es heute überhaupt keine Juden mehr. In G n e s e n. einer Stadt mit 30.000 Einwohnern, gibt es -heute noch zehn von den alteingesessenen Familien. In Hohen salza sind es noch acht Familien, die von der^ einst so bedeutenden Gemeinde übrig blieben. Die einzige größere jüdische Gemeinde gibt es noch in Czärnikau, das mit dreißig Familien heute die größte Provinz-Gemeinde von Posen ist. In Kempen, früher einer der reichsten Gemeinden im Posenschen, gibt es noch fünf von den alteingesessenen Familien, Die Folgen dieser zahlenmäßigen Schrumpfung der Posener Gemeinden äußern sich natürlich auch in wirtschaftlicher Beziehung. Wo es in diesen kleinen Gemeinden noch einen Rabbiner, einen Kantor gibt, zahlt man ihm sein (meist kläglich geringes) Gehalt, aber Neueinstellungen erfolgen nicht. Das Budget und die Juden. W a r s c h a u 21, März. Die Budgetdebatte wurde im Sejm zum Abschluß gebracht. Als Vertreter der Juden sprach Rabbiner Professor Dr. Mosche Schorr, der erklärte, daß sich die jüdischen Senatoren ihrer Stimme enthalten würden. Die jüdische Minderheit wünsche starkes Polen, für das sie jederzeit bereit sei, Opfer an Gut und Blut zu bringen. Sie wolle jedoch ihrem Protest Über die gegen sie gerichteten Maßnahmen Ausdruck geben. - 1 Zu dieser Stellungnähme trügen; auch die Vorkommhisse der letzten Tage bei. In Warschau wie in der Provinz kam es wiederholt zu Ausschreitungen, In Wars c h au allein wurden von 85 jüdischen Läden die Schaufenster zertrümmert. Der vierzigjährige Henryk Blumstein wurde schwer, seine Frau leicht verletzt. Vier Täter wurden verhaftet. v In Wilna kam es auf dem. Markt zu Ausschreitungen, in deren Verlauf. Marktstände umgestürzt und zwei Händler erheblich verletzt wurden. Auch ,in Krzep i c e wurden mehrere Personen verletzt. In anderen Städten mußten wegen Boykotts" jüdische Läden geschlossen werden. Besonders schwierig ist die Läge in Czenstochau. In Wärschau traf eine jüdische Ab- -ordnung aus dem dortigen Bezirk. ein, um die-jüdischen Hilfsinstitute über die trostlose wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung zu informieren. In einer Generalversammlung der Medizinstudenten in Warschau, wurde' der Arierparagraph beschlossen, wonach Personen . jüdischer Abstammung bis zur dritten Generation nicht. Mitglieder des Vereins werden können.- Lettland. Brie! aus Lettland. Riga, 22. März. Zu dem jüngst "aus Lettland eingelaufenen Bericht über die in der Tat beispielhaft gute Erziehungsarbeit, die an den in der Kulturarbeit maßgebenden agudistischen Kreisen geleistet wird, ist nur berichtigend nachzutragen, daß es auf Grund der Neuordnung in Lettland nur das allgemeine Lehrerinstitut gibt, die früher existierenden pädagogischen Institute der Minderheiten (somit auch der Ju» den) sind seit geraumer Zeit nicht mehr vorhanden. Jedoch ist für die Ausbildung- und Fortbildung der Lehrer in jüdischen Disziplinen anderweitig gesorgt. Am 4. Adar fand eine in der Mehrheit von niehtdrthodoxen Jugendlichen überaus gut besuchte Veranstaltung der Rigaer Aguda statt, auf der Ari Wohlgemuth über „Uriel da Costa" und das historische Judentum" referierte. Einleitend wies der Vorsitzende, Ministerialrat Chodakov, auf die Notwendigkeit hin, immer wieder neu genährte Vorurteile bezüglich der Bewertung wichtiger Fakta der jüdischen Geschichte zu bekämpfen. Die Persönlichkeit des Referenten garantiere eine umfassende und gründliche Behandlung des im Thema angedeuteten Fragenkomplexes. Sodann sprach Ari Wohlgemuth zunächst über die Literatur, wobei er vor allem das zweifellos bedeutsamste Buch Josef Kasteines, da Costa, eine»1 kritischen Würdigung unterzog. Darauf entrollte der Redner ein packendes Bild der Umwelt, in der da Costa groß wurde und die die falsche Blickrichtung da Costas für immer bestimmte: die durch jesuitische" Erziehungsmethoden aufgerissene' Spaltung zwischen dem durch Phantasie und aufgepeitschte Affekte genährtem Gefühl und dem sich mit formalen Leistungen begnügenden Verstand. Wir erhielten eine Schilderung der geistigen Verfassung der Neujuden Amsteradms, deren Majorität von dem festen Willen beseelt war, sich in das Gesamt des traditionellen Judentums einzufügen, da Costa war aber nicht der einzige, der revoltierte, die Gefahr geistiger. Irreführung' war bei diesem von katholischer Weltanschauung stark beeinflußten ehemaligen Marranen ungemein groß. Der Redner sprach ausführlich über die Maßnahmen der jüdischen Führer gegen da Costa, der es ablehnte, hebräisch zu lernen und sich doch unterfing, Reformen vorzuschlagen und das Judentum in übler Weise zu kritisieren, Hierbei äußerte sich der Referent auch über die Frage der Gewissensfreiheit im Judentum und wußte einleuchtend aufzuzeigen, wie groß die Geduld und die Langmut da Costa gegenüber gewesen. Im zweiten Teil des Vortrages besprach Ari Wohlgemuth das Gutzkow'sche Drama, dessen Bearbeitung und Inszenierung in Riga durch die „tiabimah" die eigentliche Veranlassung für den Vertrag; bildete. Es war eine vernichtende Kritik, die man zu hören bekam, sowohl im Hinblick auf die historische " Wahrheit und ihren ewigen Sinn als auch im Hinblick auf die Aufgaben des jüdischen Theaters. Sodann erörterte der Redner in Auseinandersetzung mit Kastein den historischen Sinn der da Costa-Tragodie. Ihr Held hätte weder Charakter besessen noch gälte es, ihn „heimzuholen" ins Judentum. Er sei eine beklagenswerte Nachwirkung der Verirrung an der Peripherie der jüdischen Gemeinschaft. Reichen Beifall zollte das bis zuletzt gespannte Auditorium den bedeutsamen Ausführungen. . Estland. Auszeichnung der jüdischen Minorität. Reva.l, 20. März. Am zwanzigsten Jahrestag der Unabhängigkeit des Landes hat Staatspräsident Konstantin Pae i lück

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