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Der Israelit · 1938-03-24 · Heft 12 (24.3.1938) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 12 (24.3.1938)
Date
1938-03-24
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Die KEREN HATORÄH-Sammeldose gehört in jedes jüdische Hau5! Sie gibt jedem die Möglichkeit, durch kleine tägliche Spenden die Arbeit des Keren Hatorah zu fördern. Bitte Dosen anfordern: Keren Hatorah, Hamburg 13, Heinrich Barthstraße 21 öl a ImiHwnRMt Tungshilfe geboten wird, die nachweislich irgendeiner j ü d is che n Partei — egal welcher — angehören. Wir sind nicht der Meinung, daß das jüdische Parteibuch allein ausschlaggebend für die zü gewährende Hilfe sein darf. Wenn man aber aus den pa-_ lästinensischen Zeitungen erfährt, wie viele unjüdische" Juden, sogar solche, Hie in Mischehe leben, mit Hilfe Grünbaums und des Warschauer Palästinaamtes auf Kosten gutjüdischer Menschen nach Erez Israel gebracht wurden,' muß man zugeben, daß obige Ausführungen, so weit die Alijah nach E. J. in Betracht kommt, sehr zu beachten wären. Freilich muß es für die jüdischen Qualitäten des Auswanderers andere Prüfsteine geben als der Parteibeitrag. Die f r ie d Ii che Beilegung des Konfliktes z w i s c h en Polen und Litauen wird nirgendwo mit so freudiger Genugtuung begrüßt werden, als in der jüdischen Bevölke r u n g diesseits, und jenseits der polnisch-litauischen Grenze. Wenn in polnischen Zeitungen jetzt, nach Entspannung der Lage, die Litauer als Brudervolk begrüßt werden, so ist. von den Juden hüben und drüben zu sagen,' daß sie in Wirklichkeit stets Brüder waren und sind, Brüder im Geiste, Brüder im Glauben, Brüder im Schicksal, aber auch brüderlich verbunden durch Art, Sprache und Mentalität. Die religiöse und kulturelle Einheit des jüdischen Teiles, den wir von jeher mit „Litauen" bezeichneten, konnte durch irgendwelche Friedensverträge nach dem Weltkriege nicht durchschnitten werden. W i 1n a und K o w n o gehörten von jeher zusammen, verbunden ebenso durch grobe Fäden des Geschäftsverkehrs wie durch die feinen Fäden hochentwickelter Thorakultur. Das Erbe des Wilnaer Gaon gab und gibt dem Reiche des jüdischen Geistes an der Wllia und dem Njemen das Gepräge. Aber seit 18 Jahren war der Verkehr zwischen den "beiden Gebieten unterbrochen. Wilna und Kowno waren um ganze Tagesreisen (über Lettland) auseinandergerückt. Den jüdischen Kauf leuten und Handelstreibenden auf der einen und auf der anderen Seile ytaien Handelsmarkt und Absatzgebiet genommen, was zu einer weiteren Verschärfung der wirtschaftlichen Lage führte. Die Gemeinschaft im Geistigen blieb. Die Jeschiwoth in Slabotko und Telsiai auf dieser und Mir und Baranowicze u. a. auf der anderen Seite.-erhielten ihre geistigen Brücken über alle Grenzen und Wälle hinweg. Nun ist Frieden zwischen den beiden Ländern, der Grenzverkehr wieder aufgenommen, die Bahn- und Postverbindungen hergestellt. Wieder einmal ein weltpolitisches Ereignis, das tief in das jüdische Leben der' Ostzentren einschneidet, und. wie wir hoffen, sich zum Guten auswirkt. ben an Ruhe, Gelassenheit, strenge Körperdiszipün gewöhnt, können sich in kühlerer Form besser sammeln — wie im Allgemeinen die westjüdische Art. Es wäre verfehlt, beide Anschauungen gegeneinander auszuspielen. Und die eine der anderen gegenüber als" falsch zu erklären. Symbolisch wäre dies der Streit zwischen R. Josua und R. Gamliei. Ersterer meint: Nur was vom Feuer ganz erfaßt werden "kann, führt zur Keduschoh, Rabbi Gamliei bricht auch für die andere Methode eine Lanze: „Was auf den Altar kommt, und sind es auch naturgemäß kalte Flüssigkeiten, wird heilig." Und entscheidet auch die Halachah für Rabbi Joschua und ist es wohl auch die höhere Stufe, in einem Körper und Geist erfassenden Feuer die Tefilloh zu verrichten, so ist es doch auch zu begreifen, wenn andere infolge ihrer Lebensart mehr Andacht in gelassener Ruhe finden. Vom Kern der jüdischen Lehre. Die in Ihrer .geschätzten Zeitung gebrachte Erklärung „Vom Kern der jüdischen Lehre" befindet iich bereits im ma T\W\s »n fninn hv -isio ana von Ihnen. Die in dem veröffentlichten Artikel gebrachte Deutung ist eine wörtliche UebersetZUng jener Stelle im löia aha ' Die große Persönlichkeit des Herrn Jakob S. Posen Vrst in höchsten Ehren. Jene Erklärung steht in vollstem Einklang mit Charakter und Weltanschauung des Mannes, dem wir sie verdanken, des Kesaw Saufer, des großen Gestalters der selbständigen Orthodoxie in seinem Heimatland, in Ungarn. . Wolf S. Jacobson. Thora und Religion. Von Rabbiner Ph. Fischer in Sarospatak, Samson Raphael Hirsch b""S.t will in einem seiner herrlichsten Aufsätze (Hirsch, Ges, Schriften i, S. 80 u. f.) in der ihm eigentümlichen unvergleichbaren Klarheit und kritischen Schärfe den Beweis erbringen, daß die Thora keine „Religion" im landläufigen Sinne des Wortes ist. Ja, diese Bezeichnung sei geradezu vernichtend! für die wahre Wesenheit der Thora. „Und doch hat man mit diesem Namen das Wesen der Thora getötet." Denn unter der Bezeichnung „Religion" wird gewöhnlich ein Komplex von Ansichten und Meinungen verstanden, die sich Menschen in den einzelnen Stadien ihrer wechselreichen kulturellen Entwicklungen über das Dasein und das Wesen einer höheren Macht, über dessen Verhältnis zu den Geschöpfen, besonders zu den Menschen erklügelt und konstruiert haben. Und es ist nichts selbstverständlicher, als daß eine derartig definierte „Religion" im Laufe der Zeiten, mit der Entwicklung der menschlichen Kultur, sich ebenfalls entwickeln, ändern, modernisieren, den geänderten Zeitverhältnissen anpassen muß Demgegenüber ist aber die Thora, ihrer eigenen Aussage und unserem überlieferten Glauben gemäß, nicht der Menschen, sondern G ' 11 e s Wort, das uns darüber belehren will, welches Bild sich der Mensch von G'tt und seinem Verhältnisse zum Menschen und vom Verhältnis des Menschen zu G'tt zu machen hat, und welche Pflichten G'tt den Menschen, in erster Reihe Israel, auferlegt, -jayö VKW "pj?VK "1 navUnd eben ihres g'ttlichen und nicht menschlichen Ursprungs wegen ist die Thora aVltt fij?tV ö*n „ewiges Gesetz"; nicht das Produkt wechselnder menschlicher Kulturstufen, sondern eine der moralischen und kulturellen Entfaltung der Menschheit wegweisende vorangehende Feuersäule ... Des weiteren werden unter der ^Bezeichnung „Religion" gewöhnlich die innerlichen Erlebnisse des Menschen: Gedanken, Empfindungen, Stimmungen, Gemütsbewegungen usw. verstanden. All diesem gegenüber bilden die äußeren Formen, welche sich noch zu den erwähnten* „religiösen" Aeußerungen gesellen, unwesentliche , .Formen'', „Zeremonien*'. Es ist wohl richtig, daß dementgegen die zwei Philosophen von jüdischer Abstammung. Spinoza und Moses Mendelssohn, besonders aber ersterer, bei der Definition des Judentums in das entgegengesetzte Extrem verfallen, indem sie die Thora für ein ausschließliches Geset Z e sbuch deklarieren. Diese extreme Auffassung hatte natürlich die gefährliche Annahme zur Folge, daß sie a u s s c h 1 i e ß- 1 i c h auf das Einhalten der gesetzlichen Vorschriften das Hauptgewicht legte, andererseits auch solchen irrigen rationalen Ideen und Lehren das Tor öffnet«, die den Grundlehren der Thora widersprechen, wenn nur die Anhänger dieser Ideen den Anforderungen des Gesetzes in der Praxis entsprachen. Daß ein derartiges Zwitterjudentum den Anstürmen, den feindlichen Denkströmungen keinen Widerstand leisten kann, dafür erbrachten die Nachfolger Mendelssohns den traurigen Beweis. Daher schreibt S. R. Hirsch sehr richtig: „Mit nichten hat diese Thora es vorzugsweise mit unserem Innern zu tun, mit nichten ist ihr unser Inneres mit seinen Gedanken und Vorstellungen. Empfindungen und Gefühlen das Wesentliche, der eigentliche Kernpunkt ihrer Institutionen; um das sie alles Andere nur als unwesentliche Form, als Rahmen, Schale, oder Hülle füge. Was sie regeln will, ist nichts weniger als der ganze Mensch, der ganze Mensch mit seinen Gedanken und Gefühlen, aber auch mit seinen sinnlichen Trieben und Begierden, mit seinen sinnlichen Bedürfnissen und Genüssen, mit seinem seelisch-leiblichen Einzelleben, sowie mit den Beziehungen seines ehelichen, häuslichen Familienlebens und mit seinem menschen-gesellschaftlichen Gemeinde- und Staatenleben! Es ist das einzige Wort G'ttes, an den ganzen Menschen, für den ganzen Menschen (Ges. Sehr. I S, 85)," Also: die Thora ist nicht bloß ein Gesetz . . . Die Thora umfaßt das ganze j ü - dische Leben ,. . Im Talmud (Sabbat 88), lesen wir, daß als Moses hinaufstieg, um die Thora in Empfang* zu nehmen, die Engel ihm verdrängen wollten, um die Thora dem Himmel und sich selbst zu erhalten. Es gelang aber Moses, aus dem Inhalte der Thora heraus die Engel davon zu überzeugen, daß die Thora nicht für sie, die Himmlischen, sondern für die Erdgeborenen bestimmt sei. Diese Auseinandersetzung mit den Engeln widerspiegelt die Grundidee, wonach die Thora es keinesfalls ausschließlich oder auch nur hauptsächlich mit in Himmelshöhe schwebenden Ideen, mit gen Himmel emporstrebenden verschwommenen Vorstellungen zu tun hat. n,fl D1»*^ S1?» Die Thora appelliert vielmehr an das wirkliche, schaffende, von Leidenschaften, Trieben, eigensüchtigen Bestrebungen durchwühlte Leben. Dieses rauschende, wirksame Leben auf Erden will sie dem Willen G'ttes unterordnen, terordnen. pxn "pv TTO Hö- Auch im alltäglichen Schma-Gebete kommt diese unzertrennbare und restlose Verknüpfung von Thora und Leben zum Ausdruck. Das „Höre Israel" und das Bekenntnis, das Haschern einzig ist, sprechen zum Intellekte des Menschen, zu seinem Verstände. Das rninKV das Gebot, den Ewigen unseren G'tt mit ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Sein'zu lieben, spricht zu der Gefühlswelt des Menschen, zu seinem Gemütsleben. Zuletzt folgt das "M ">m „Und es sollen sein die Worte, die ich dir heute befehle, in deinem Herzen usw.", was sich auf das tägliche lebendige Leben bezieht. In dem vor kurzem erschienenen Werke Q'pIQb von Rabbiner Dr. J. Weinberg las ich folgende Begebenheit: Einst war der weltberühmte Schauspielkünstler Ritter von.Sonne n t h a1f den keine Verlockungen in Fürstenhöfen von seinem Väterglauben abbringen konnten, der bis zu seinem Lebensende jeden Jomkippur stehend und fastend im Gebet versunken im Wiener Seitenstätten-Tempel verbrachte, in Amsterdam, wo er den ebenfalls eines Weltruhmes sich erfreuenden Maler Israels aufsuchte. Doch war es ihnen unmöglich, miteinander zu sprechen. Sonnenthal sprach und verstand nur deutsch, Israels hingegen nur holländisch. Da begann nun auf einmal Sonnenthal mit seiner begnadeten Stimme das Schma vorzutragen. Und Israel, aufs tiefste erschüttert, fiel ein: ö'O WV *]VO' Und die zwei großen Künstler — zwei alte Juden — fielen einander weinend um den Hals ... In dem Schma-Bekenntnisse drückt es sich am wirksamsten aus, wie die Thora, wie das Judentum mehr als bloße Religion und auch mehr als bloße Gesetzeslehre ist. Thora ist Judentum und Thorajudentum setzt voraus: auf der Grundlage der Thora ein Leben in G'tt, durch G'tt und für G'tt!

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