Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1938)
- Date
- 1938-03-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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5Blsälll5gl%^^ W^'^f'■■::■ ■ '?s— 24,TMärz 1938 D e r I 8 r a~e 1 i t Nr. 12 Seite 3 Wandlungen in der Judenheit Oesterreichs. (Fortsetzung von Seite 1.) meinde^ und Wohlfahrtsinstitutionen sahen, sich plötzlich" vor neuen Problemen, die in den. späteren zweieinhalb Jahrzehnten nicht nur nicht gelöst werden konnten, sondern noch riesig anwuchsen; Damals entstanden auch die vielen Klausen und Vereine, die den Eingewanderten die Möglichkeit gaben, auf heimische Art zu beten und ihr religiöses Leben zu ordnen. Die L eopoldss t a d t, schon vom Mittelalter her/ durch Förderung der Kaiser eine große Judenstadt, ein Ghetto ohne die engen, luft- und lichtlosen Gassen der Ghetti anderer Länder, bekam stellenweise einen mehr oder weniger östlichen Charakter. Neben dem zweiten Bezirk wählten die Neuangekommenen die noch primitiveren und billigeren Wohnungen des zwanzigsten Bezirkes. Viele sind später wieder, nach der alten Heimat zurückgekehrt oder nach sieben Gemeinden" Burgenlands und an deren Spitze Eisenstadt, die mit ihrem stark pulsierenden jüdischen Leben, mit ihren' alten Synagogen und historischen Schätzen, mit ihren Traditionen und alten Statuten Herz- und Kernpunkt der österreichischen Judenkeit bilden. Wien ist nach Warschau und Budapest die drittgrößte jüdische Gemeinde Europas". -Neben 19 Synagogen und Tempeln, die von der Kultusgemeinde unterhalten öder subventioniert werden, gibt es noch eine große Anzahl kleiner Zentren jüdisch-religiösen Lebens verschiedener Prägung. Die „Türkenschul" war bis vor wenigen Jahren noch eine blühende, reiche und autonome Gemeinde und Sammelpunkt der hier wohnenden Spaniolen aller Spielarten. Sie he.t aber infolge der Nachkriegsentwicklung an ihrem Glanz und Reichtum verloren und mußte sich in die Abhängigkeit der Kultusgemeinde begekalahbewegung. Wie kaum anderswo gelangen hier die ersten literarischen Früchte der „Aufklärung" zur Blüte. Hier erscheinen die Zeitschriften „Bikure Haiitim", „Kerem Chemed" u. v. a. Von hier aus lockert später der radikale Perez Smolenskin in seiner Monatsschrift „Haschahar" den alten Boden für die neuen Ideen und Strömungen auf, die später, nachdem 1867 die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden Oesterreichs in der Verfassung verankert war, über die nationale Haskalah zur völligen Assimilation führend Der Beitrag der Wiener Juden zur Weltkultur ist um diese Zeit groß, Adolf von Sonnentha.l am Burgtheater, (ein Jude von konservativer Gesinnung), die Komponisten Gustav M a h 1 e r und Karl Goldmark, um nur wenige zu nennen, sind Namen, die in der Geisteswelt ihren Klang behalten werden. Als etwas später, einerseits aus der Assimilation heraus geboren und andererseits um die Baron Salom ou Rothschild, der fünfte Sohn Mayer Amschel Rothschilds (einer der „fünf Frankfurter"), starb in Wien 1885. Samson Wertheimer . wurde 1658 in Worms geboren und starb in Wien 1724. Er diente als Hofjude Leopold I. und Joseph I. und führte auch den Titel eines „ungarischen Landesrabbiner". Uebersee abgewandert, aber die kleine und .große Armut hat dadurch in der Judenstadt Wiens nicht abgenommen. Einige Zahlen aus der Gegenwart. Im Jahre 1923 zählte man in Wien 201.513 Juden, ungefähr 25.000 mehr als vor dem Kriege (11 Proz. der Gesamtbevölkerung). Elf Jahre später, 1934, ergab aber die Volkszählung eine Zahl von nur 176;000 Juden, die nicht mehr ganz 10 Proz. der Bevölkerung ausmachten. Dieser Hückgang resultierte nicht allein aus der Abwanderung, sondern in erster Reihe aus der starken Sterbeziffer im Vergleich zu den Geburten und Eheschließungen und auch aus den Austritten aus dem Judentum. Ganz Oesterreich hatte nach der Volkszählung von 1934 noch nicht ganz 200.000 Juden, und in den folgenden Jahren trat eine Veränderung eher nach unten als nach oben ein. Für die Juden in der Provinz und in. den Bundesländern sind bei der letzten Volkszählung keine Zahlen veröffentlicht worden- Schätzungsweise zählte man früher im Burg e n 1 a n d e 4500, in Niederösterreich knapp 10.000, in Oberösterreich etwas über 1000, in Steiermark 2500, in Salzburg, Kärnten, Tirol , je 300 bis 400 Juden. Neben Wien . sind es „die ben. Die Schiffschul, obwohl auch nicht absolute Austrittsgemeinde im Sinne des preußischen Austrittsgesetzes, ist in ihrer religiösen Führung unter einem greisen Rabbiner von Weltruf vollkommen autonom und heute noch Nervenzentrum, aus dem Ströme religiösen Lebens sich nach allen Seiten ergießen. Neben dem ausgedehnten Schulwerk der Kultusgemeinde hat die Adaß Jisroel (Schiffschul) ihre eigenen Schulen, die, von. einem verantwortungsbewußten Lehrerstab geleitet, für gutjüdischen Nachwuchs sorgen. Viele Institutionen rein oder halb religiösen Charakters, wie Mikwah, Volksküche u. sl„ hat die Kultusgemeinde ganz in die Hände und in die Regie der Organe der Adaß Jisroei gegeben. Die Wirtschaftskrise in Wien in Zahlen ergibt ein erschreckendes Bild. Schon 1933 mußte 'das Budget der Kultusgememde von seinen 7 Millionen Schilling nicht weniger als 2V> Millionen Schilling für Fürsorgezwecke auswerfen. Seitdem und bis zuletzt wurde das Bild noch weit kritischer. Geistige Entwicklungen. Zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts war das jüdische Wien eine Hochburg der Hasverheerenden Folgen der radikalen Assimilation ein wenig aufzuhalten, die Reform und zu ihrer Stütze die „Wissenschaft des Judentums" entstanden, sehen wir in Wien Adolf Jellinek, Eisik Hirsch W e, iß u. v. a. -■?^^tj.-fj am gleichen Strange ziehen, — oft noch;stärker und schwungvoller, — wie Geiger, Zunz und Holtheim (selbstverständlich sind da wie dort diese Namen nicht alle in einem Atem zu nennen, da sie in ihrer Einstellung zum positiven Judentum merkliche Nuancen , aufweisen). Es war zu spät. Die Assimilationswelle bis zur Mischehe und Taufe, die Wien, wie kaum eine andere Stadt, erfaßte, war nicht mehr aufzuhalten. Das Erwachen. Als der Umschlag in der Gesinnung Mitteleuropas gegen die Juden in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen? Jahrhunderts einsetzte, erkannten die Männer von Einsicht die Lage, und es erhoben sich mahnende und wekkende Stimmen. Theodor H e r*z 1 schrieb seinen „Judenstaat", eines der wenigen Bücher in der Geschichte, denen es beschieden war, ein Werk nicht allein im literarischen Sinne zu werden und zu bleiben. Man wurde zur Erkenntnis ge- IÜbergangs- Mäntel ' für Herren'und Knaben LUDWIG Frankfurt a. M. Hlndenburgplatz 12 am Hauptbahnhof. m im STRUMPFHAUS METZGER ZEIL 87 auch Herrenwäsche, Trikotagen und; Bade wasche