Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1938)
- Date
- 1938-03-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451023--83610-2541621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
' ^^^^^^f^^^^f^^p^^^^^^^^p^^^p^^ Seite 10 Nr. 11 1 i t 1-7. März 1938 ■;"(''!■; <.:K il'i1 :w--. konimen würde; da er jedoch nur durch das Flicken etwas verdienen konnte, was nicht einmal täglich geschah,'wurde die Wanderung von Tag zu Tag auf geschoben. Allmählich gelangte jene Idee zur Herr schaft, welche bei der Katastrophe der letzten Pre digt in ihm aufgetaucht war und die er vergebens zu verscheuchen versucht hatte, die Idee, seine Lauf bahn sei abgeschnitten, denn das Wandern mußte mit dem Tode seiner Frau enden, dieses Wandern, das ihr Dasein so furchtbar gemacht hatte. So war es gekommen, daß Rabbi Chaim wieder Schneider geworden war. * * * Drei Jahre verstrichen, seitdem Rabbi Chaim Be wohner der Ofenecke in der Jeschiwa geworden war Er lernte und nähte allmählich weniger, aber er schlummerte viel und hungerte noch. mehr. Zwar hatte er zu dem Schlummer noch eine zweite Waffe gegen den Hunger bekommen, nämlich die Erinnerung an den vorhergegangenen und die Sehnsucht nach dem nächsten Schabbos, wo er als Maggid immer zwei gute Mahlzeiten in dem Hause eines Krämers bekam. Dennoch magerte er ab und in dem bleichen Gesicht traten die Züge so scharf hervor, daß selbst die übermütigen Schüler nie mehr Spott mit ihm trieben, wie sie es am Anfang zuweilen getan hatten. Im Gegenteil, manches helle, fröhliche Lachen verstummte, wenn man abends die hagere, gebeugte Gestalt Rabbi Chaims längs der Bänke schwanken sah(.»wenn er seine Runde machte, um zu sehen, ob man ihm nicht etwas zum Flicken anbieten würde. Viele Schüler bemühten sich sogar, ihm Arbeit zu verschaffen, und manche hätten ihm sogar mehr für seine Arbeit bezahlt, wenn nicht der redliche Alte jede Lohnerhöhung verweigert hätte. Rabbi Chaim befand sich nun bereits" in dem Zustande, wo das Gehirn nicht mehr fähig ist, irgend einen Plan, eine Hoffnung zu verschaffen und wo es zu stumpf, zu starr ist, um etwas auszumalen, was in der Zukunft liegen könnte, und wo nur noch die Erinnerung an Vergangenes es vermag, zuweilen das Herz zu erfreuen. Dennoch wurde Rabbi Chaim gezwungen, noch eine Wanderung, die letzte, zu unternehmen, unbewußt und willenlos, wie alle Taten seiner letzten Jahre. Im Winter wurde das Städtchen vom Typhus heimgesucht. Wie sehr auch der Aufseher des kleinen Jeschiwahauses dieses, wie es im Winter Sitte warj durch Schließen und Verkleben der Fenster ' vor Kälte und so auch vor frischer Luft absperrte und dadurch auch vor der Epidemie geschützt glaubte, die tückische Krankheit scheute sich dennoch nicht, in die Synagoge einzudringen und unter der zusammengepferchten Jugend erbarmungslos zu wüten. Anfangs begnügte man sich damit, daß man 1 ein Vorgebäude des Schulhauses für die Erkrankten einräumte, wo sie unter der Behandlung des Feldschers genasen oder starben. Aber als der Kreisarzt von der Epidemie und der mangelhaften Aufsicht erfuhr, befahl er dem Aufseher unter Drohungen, die Schüler für einige Monate nach Hause zu schicken. Die Synagoge leerte sich, und nur ein paar heimatlose Schüler blieben zurück. Zwar erwiderte Rabbi Chaim manches Lebewohl, doch staunte er, als er am Abend seine Runde machte und die Jeschiwa leer und dunkel fand. Er blieb eine Zeitlang nachdenklich sitzen, doch plötzlich weckte ihn eine helle, klingende Stimme: „Rabbi!" David Kowner stand vor ihm, der junge Mann, der sehr oft mit dem Rabbi zu sprechen versucht hatte, und von dem er sich manchmal überreden ließ, einen Apfel anzunehmen. „Rabbi", sagte re, indem er seine Hand ergriff, „Rabbi, wir alle müssen die Jeschiwa verlassen, es bleiben nur noch die Heimatlosen, wißt Ihr das?" „Ja", klang es gleichgültig aus Rabbi Chaims Mund. „Aber woher werdet Ihr dann etwas zu arbeiten bekommen?" Rabbi Chaims Augen öffneten sich weit und schauten gerade in die großen, feurigen Augen des Jünglings. „Mein Kind, G'tt wird schon helfen." „Rabbi, versprecht mir etwas zu tun!" „Was?" „Ihr könnt es. Ich komme ja nach Pessach wieder. Ich habe ja immer etwas zu flicken . . . Rabbi, tut mir den Gefallen, borgt drei Rubel von mir! Ich schenke es Euch nicht!" Er sprach so kindlich, so treuherzig, daß Rabbi Chaim seine zweite Hand ergriff und sie fest drückte. „Gib sie mir her, mein Kind!" „Ich danke Euch, Rabbi!" Zwei Tage vergingen. Es war an einem Mittwoch. Rabbi Chaim saß aufrecht in seiner Ecke, seine Muskeln zuckten und die glühenden Augen waren nach dem mit Eis bedeckten Fenster gerichtet. Der Hunger, wütete in dem dürren Körper. Zwar hatte er die' drei Rubel im Taschentuch eingebunden, aber die waren fremder Besitz. Schön als er sie annahm, war er entschlossen, sie nie auszugeben. Die Uhr schlug elf. Mechanisch erhob er sich und machte seine Runde durch die Synagoge. Eine ungeheure Dunkelheit füllte sie. Nur in einigen Ecken schössen die brennenden Talgkerzen Lichtstrahlen wie lange Spieße auf die gewaltigen Schatten, die . sich wie ungeheure Tiere wanden, und ihre Köpfe «zur Decke reckten. Rabbi: Chaim kehrte nicht in seine Ecke zurück, sondern ging gerade zur Tür hinaus. Die Nacht war kalt und finster. Kein Stern war am Himmel sichtbar; der' eisige Sturm rüttelte die dicken Schneeschichten und wirbelte heulend die kleinen,; harten Flocken auf, .die Wagenspuren der Landstraße - und die Gräben 'Verschüttend. Rabbi Chaims: hagere Gestalt durchschritt die. eisige LiuL Seine Pulse und sein Herz schlugen laut und schnell, und jeden Augenblick fühlte er, wie etwas Heißes nach dem Herzen strömte und es umspülte.. Die Augen hielt er starr durch die Dunkelheit in die Ferne gerichtet, als fürchtete er, etwas aus dem Blicke zu verlieren. Un der sah auch etwas trotz Nacht und Dunkelheit. In der Stunde, wo er die Gewalt über seine Sinne verlor, trat aus seinen Gedanken der brennende, lang gehegte Wunsch verkörpert hervor, stellte sich vor ihn und zog ihn mit aller Kraft an sich; der Wunsch, sein Heim wiederzusehen, um dort wie seihe,Frau zu sterben. Die Reihen der niedrigen Holzhäuser wichen zurück, und Rabbi Chaim befand sich außerhalb der Stadt. Freier und mächtiger tobte der Sturm. Dichter und schneller flohen die Schneewirbel, alle Spuren nach dem Städtchen verlöschend. Plötzlich lokkerte sich der Boden unter Rabbi Chaims Füßen, und er sank in den Schnee, Er war in den Graben am Wege geraten. Einen Augenblick wurde er ermuntert. Er stützte sich auf beide Arme und versuchte sich aufzurichten, aber der Schnee gab nach, die Arme stachen hinein, und Rabbi Chaim sank tiefer. Vor seinen Augen wurde es hell. Er glaubte sich anzustrengen, um sich zu erheben, in Wirklichkeit jedoch tat er nichts. Seih Geist wurde von den wirren Bildern gefesselt, die vor ihm aufstiegen. Plötzlich war er in seiner Wohnung. Die Frühlingssonne füllte die kleine Stube mit ihrem goldenen Licht. Es ist so warm! Vor ihm, am Herd, steht seine Frau, den Schaumlöffel in der Hand und hält ihre großen Augen auf Chaim gerichtet. Aber merkwürdig, sie schauen gar nicht so traurig wie sonst. Im Gegenteil, sie leuchten so fröhlich, so heiter. Auch um ihren Mund spielt ein treuherziges Lächeln. „Geh. Chaim, wandere weiter! Nimm die Stelle als Hauslehrer bei dem Gutsbesitzer nicht an! Ich habe keine Langeweile. Meine Nachbarinnen haben mir so viel zu erzählen." Auch Rabbi Chaim ist sof vergnügt. Aber er staunt dennoch über seine Frau. „Ich gehe nicht mehr fort, ich bleibebei Dir! Bist Du damit, zufrieden?" - t Es wurde ihm so leicht, er fühlte gar nicht mehr, daß er einen Körper hatte. Vor seinen- Augen wurde: es immer heller und heller. Nur summte' und sang es um ihn herum. Immer leichter wurde, es ihm,' bis alles von Licht überströmte, ihn langsam ferr£ und ferner entrückte ... Der Sturm tobte heulend fort. Rauschend floh der Schnee vor ihm. Die Bäume des nahen Waldes' bebten und ächzten, steckten wie geängstigte Schate ihre Wipfel zusammen und schwankten mit den nack-- ten Aesten, wie mit dürren Armen, aä's wollten sie sich wehren. Am Himmel begannen die, aufgetürmten Wolken von ihren Höhen hinabzugleiten, verteilten sich für einen Augenblick und entschleierten einen Stern. Der schaute hinab, sich mit seinem eigenen Schimmer leuchtend, und sah einen schwarzen Punkt, der sich vom Schnee abhob; es war der abgezehrte Körper des verscheidenden Magid. Doch gleich stürzte der Sturm herbei, eine große Schneewelle vor. sich herjagend, und begrub den Erfrierenden unter der weißen, eisigen Decke ... LITERARISCHE WARTE. Die Barmizwa-Droscho Dubnows. Von Saul Kaatz. Der Verfasser der vielverbreiteten „Weltgeschichte des jüdischen Volkes", Simon D u b n o w , hat außer diesem großen Werke und zahlreichen anderen Schriften auch ein Buch veröffentlicht, das seine „Lebenserinnerungen" enthält. Dasselbe ist in russischer Sprache geschrieben und umfaßt zwei umfangreiche Bände. Diese „Lebenserinnerungen" wurden in verkürzter Form in deutscher Uebersetzung als dritter Band der Jahresreihe 1937 den Mitgliedern der jüdischen Buchvereinigüng unter dem Titel „Mein Leben" geliefert. Der Herausgeber dieses ebenso fesselnden .wie belehrenden, durch seine plastische Formung wie durch seine frische Beschwingtheit sich auszeichnenden Buches, Dr. Elias Hurw i c z , betont in der Einleitung, er sei bestrebt gewesen, aus dem Originalwerk Dubnows das Wesentlichste hervorzuholen und nur das wegzulassen, was für den westeuropäischen Juden von geringerem Interesse sei. Er hebt ferner hervor, daß in der rückhaltlosen Wahrhaftigkeit der Dubnow'schen Autobiographie ihr besonderer Wert liege, und 'daß Dubnöw nicht ausschließlich ' ^seine -Gedfi.chtniskraft in Anspruch zu nehmen brauchte, sondern auch eine~ sichere Grundlage für seine Memoiren' in 1 den T a g eb ü c h e^r n besaß, die er seit seiner frühesten . Jugend führte. . Es ist nun überaus bemerkenswert, wie trotz der großen Geistes- und Gedächtniskraft des Verfassers- und trotz seiner Tagebücher, welche die Erlebnisse seiner Jugend schriftlich festhielten,' sich ein arger und peinlicher Irrtum in seine Darstellung einschleichen konnte. Im zweiten Kapitel von „Mein Leben", das überschrieben ist „Rebellion gegen den Talmud" heißt es nämlich folgendermaßen:; „Im September 1873 wurde ich dreizehn Jahre alt, also Bar-Mizwah. Ich legte Tefillin an und kam mir selbst nicht mehr als Kind, sondern bereits als „Bachur" (Jüngling) vor. Es ist bekanntlich Sitte, daß bei der Bar Mizwah-Feier von demjenigen, der an diesem Tage die religiöse Reife erlangt, eine Deraschah (Vortrag) gehalten wird, um^dadurch einen Beweis für seine Reife zu geben. Ich hielt aber die Deraschah nicht. Das kam so: Ich hatte bereits begonnen, mich zu ihr vorzubereiten und zwar an der Hand einer Sammlung rabbinischer Responsen unter dem Titel „Schaagath Arjeh". Allein das Muster einer Deraschah, das ich darin vorfand, benahm^ mir die Lust an der ganzen Sache überhaupt. In diesem Muster wurde nämlich die Frage erörtert, wie ein Linkshändiger dem Gebot der Tefillin-Anlegung entsprechen sollte: denn eins der Philakterien jnuß bekanntlich an dem linken Arm befestigt werden, dieser aber erfüllt doch beim Linkshändigen tatsächlich die Rolle des rechten Arms, also — was tun? Um diese verzwickte Frage zu lösen, befleißigte sich der Verfasser der Deraschah-Probe einer so offensichtlich schiefen Dialektik, daß mir völlig die Lust verging, selber in einer ähnlichen Gauklerrolle aufzutreten. Die Verwandten bestanden übrigens nicht auf der Erfüllung dieser Zeremonie, und so blieb sie mir erspart." So weit Dubnow. Das Verdammungsurteil, das er über ein so klassisches Werk wie es der „Schaagas Arje" ist, fällt und daß er offenbar auch zur' Zeit der von ihm gebilligten Herausgabe des Buches „Mein Leben" aufrecht erhält, ist "völlig unverständlich. Der „Schaagas Arje" spricht nämlich in seinen Responsen überhaupt nicht von der Frage, wie ein Linkshändiger dem Gebot des- Tefillin- Änlegens entsprechen solle. Er behandelt dieses Thema überhaupt nicht, Die Behauptung Dubnows, daß jler Verfasser des „Schaagas Arje" hinsichtlich des Tefillinle'gens eines Linkshändigen sich einer offensichtlich schiefen Dialektik' befleißige und eine Gauklerrolle spiele, ist daher mehr als befremdlich, und man begreift es bei aller Verehrung der Persönlichkeit des hervorragenden Forschers und bei aller Anerkennung seiner großen literarischen Leistungen nicht, wie er ein so ungerechtes und irriges Urteil über eine so anerkannte Größe des rabbini-, schea Judentums, wie es der Verfasser des „Schaadas Arje" ist, fällen konnte. Bücherbesprechungen. Hinneh wo auchel. Vorschriften für den jüdischen Haushalt, in populärer Form dargestellt und mit kurzen Erklärungen versehen von Rabb. Dr. Ansbach er. Wiesbaden, Dritte, erweiterte Auflage. Druck J, P e t r o v e n , Hamburg. 1 938. kl. 4°, 36 S. Es ist wie das Wiedersehen mit alten lieben Freunden, daß wir dieses äußerst nützliche Schriftchen nun schon in dritter Auflage vor uns _sehen; nachdem sie lange vergriffen war. In der Nachicriegszeit erstmalig erschienen, bringt sie in gegenwärtiger'Auflage alle neuen und: aktuellen Fragen und lehrt die angehende Hausfrau, — was die Hauptsache ist, — einsehen, wie oft sie einer rr?iw bedarf. Der $til ist populär, die Darstellung übersichtlich und ä'äbei die Ehrerbietung vor dein < Gegenstand aus jeder Zeile zu lesen und zu schöpfen. In jedem Kapitel findet der Leser denjenigen Bestand an Fragen; der immer wieder auftaucht, — und vor allem die Richtigstellung der verbreitetsten Irrtümer. -— Auch die Ausstattung ist bei'aller Schlichtheit ansprechend. Das Heft sollte in keinem jüdischen Haushalt und insbesondere auf keinem Brautgeschenktisch fehlen. Für die hoffentlich baldigen "weiteren Auflagen seien als Wunsch -erwähnt: Vorschriften über Fragen am rOP/ über '"m und. das Nötigste von den mbn pixa ni'i^nn sowie *eine folgerichtige Umschrift aller hebräischer Worte. - B. C. _} Ein jüdischer Katalog. Der Katalog Nr. 7 der Hebreeuwsche Boekhandel A. Packter (EC. DRS. 2de Boerhaavestraat"?8 Amsterdam-Oost) enthält Hebraica und Judaica in reicher Fülle und ist eine Fundgrube für Bücherfreunde . Der Katalog ist sehr umfangreich und ist mit großer Sorgfalt zusammengestellt. «MmtMiMwnwp