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Der Israelit · 1938-03-17 · Heft 11 (17.3.1938) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 11 (17.3.1938)
Date
1938-03-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 11 1938 Londoner Notizen. ii- Häuser und Menschen. Jede Großstadt hat ihren eigenen Charakter, ihre eigene Farbe, ihr eigenes Gesicht- London kann das seine nicht verleugnen, auch wenn es sich eine graue Maske umhängt. London empfängt uns am Freitagmorgen mit bleigrauem Himmel, dem obligatorischen „Londoner Nebel", durch den erst um die Mittagszeit" eine kleine, runde Sonnenkugel kühl und reserviert dann und wann durchblickt, eine vornehme kalte englische Sonne in tiefer undurchdringlicher Verschleierung. Aber schon die ersten . Straßen hinter dem verwirrenden Getümmel des Bahnhofsplatzes sind eine angenehme Ueberraschung. Wer hätte in diesem Riesenbabel diese breiten, ruhigen, von Bäumen flankierten Promenaden, diese netten Häuschen, wie uniformierte Formationen in endlosen Reihen nebeneinander stehend, vermutet. Ein- und zweistöckig sind die Häuser und Häuschen, mit bescheidenem Giebelwerk, mit Vorgärtchen und* Gittertor.' Man schellt nicht wie anderswo, sondern klopft mit einer Art von „Sabbatklopfer" auch an Wochentagen und wird dann durch den schmalen Korridor rechts oder links oder eine Treppe hinauf in die einfach, praktisch und ohne Aufwand nett eingerichteten Wohnräume geführt. Jeder Familie ihr Häuschen, jedem Häuschen sein Gärtchen und eigener Treppengang, Es ist nicht englische Art, das Heiligtum seiner Familienwohnung mit einem Anderen zu teilen. Jahrzehnte wohnen Nachbarn nebeneinander und bleiben, Menschen von Herz und Blut, streng nebeneinander wie ihre Häuser aus Stein und Ziegel. Wenn es hochkommt, grüßt man sich, aber keiner weiß und keiner will wissen, was in des Anderen Haus vorgeht, was der Nachbar für ein Geschäft und Gewerbe betreibt, wie er arbeitet und seine Freizeit verbringt; Im Omnibus und in der Untergrundbahn sitzen die Menschen in Reih und Glied, jeder und jede eine Welt für"~sich, wie ihre Häuser, in denen sie wohnen. Man liest die Zeitung oder schaut geradeaus und schweigt. Jeder überläßt das erste Wort dem Anderen, und der Andere schweigt auf englisch. Wen ich auf einstündiger Fahrt die Menschen so im stillen Nebeneinander sehe, denke ich: „Nun könnten sie eigentlich bald einmal von etwas anderem schweigen." Bedarf man aber einmal ihrer Hilfe, dann sind die großen Schweiger da, geben höflich Auskunft und führen den Fremden auf den rechten Weg. Aber auch das ohne Aufdringlichkeit, ohne Geräusch, fast wortlos. Als ich in Paris einmal morgens einen Arbeiter nach dem Weg zur Rue Cadei fragte, hielt er mir unter lebhaften Gestikulationen einen ganzen Vortrag über das Pariser Straßennetz, was beinahe einen kleinen Menschenauflauf absetzte. In Italien kann es einem passieren, daß man von Passanten, die man nach dem Weg gefragt hat, einfach am Arm gepackt und nahezu zwangsweise zum Ziele vorgeführt wird. Dem Engländer ist seine Sprache zu schade, um sie da zu gebrauchen, wo es > eine stumme Geste tut. An der Ecke bei der Kreuzung steht ein Riese von einem Schutzmann in dickem, blauen Tuch mit Pickelhaube und Sturmband da, wie eine Säule,-der Westminsterkathedrale. Auch seine Handbewegungen, mit denen er den hier schwachen Verkehr" regelt, kommen fast mechanisch, puppenhaft, wie durch eine Sprungfeder in diesem mehschichen Turm ausgelöst. Dieser Goliath hat das gutmütige Größjungengesicht des kleinen David und spricht ein verständliches Deutsch. Er wurde hier hingestellt, weil in diesem Viertel sehr viele Juden aus Deutschland wohnen. Im Herzen von Whitechapel sah ich einen solchen Riesen, der sich vortrefflich in Jiddisch verständigte. Auch das ist englisch! Ist diese stille, zurückhaltende Art des Engländers Stolz, Vornehmheit oder Herzenskälte? Wer Gelegenheit hatte, ins Innere eines dieser isoliert und uniformiert nebeneinander stehenden Häuser zu schauen, empfindet alles eher denn eine Kälte, In der Familie meines Gastgebers —■ es ist einer der Führer der englischen Orthodoxie —, wo ich selbstverständlich ebenfalls so ».etwas wie, mein eigenes .„Häuschen" mit allem Zubehör erhalte, wetteifert alles, von den Eltern bis zum jüngsten der vier prächtigen, ebenso gut englischen wie gut jüdischen Boys/ mir auf jede denkbare, aber diskrete Art Liebe und Aufmerksamkeit zu erweisen. Eine latente, fast wortlose Gastfreundschaft. Nichts wird vom Gaste gewünscht und nichts wird von den Gastgebern angeboten, und alles ist da . , . Das Ist englisch. Frankfurt in London Nord. In der Synagoge der Adas Jisroel in London Nord, der schon vor Jahrzehnten der früh dahingegangene Rabbi S c h ö n f e 1 d seinen Stempel aufgedrückt hat, wirkt jetzt dessen Sohn, ein junger Rabbi, der sich an litauischen Jeschiwoth mit Thora- und Mussargeist — zu der an englischen und deutschen Schulen genossenen Profanbildung — vollgesogen hat. Fast vergesse ich hier am Freitagabend und Sabbatmorgen, daß ich in Englands Hauptstadt bin. Vormir unser Jacob Rosenheim, der, wie in Frankfurt, Andachtswellen um sich verbreitet. Neben mir, vor mir, rechts und links von mir, hinter mir, oben und unten, wohin ich auch schaue, lauter liebe, vertraute Frankfurter Gesichter, unter ihnen solche, mit denen man beinahe drei Jahrzehnte daheim in engster Freundschaft verbunden war ... Selbstverstnädlich ist die Gemeinde älter als die neue Zeit - Ordnung in Mitteleuropa, und der englische Altbestand vorherrschend, aber zweifelsohne haben Gemeinde und Synagoge durch die neueste Wanderbewegung eine eigene Note erhalten, und gewiß nicht zu ihrem Nachteile. (Dieses läßt sich in noch höherem Maße von der jüngeren Dr. Münk-Gemeinde in Golders Green in NW, sagen.) Ein Chasan singt mit weicher, wohllautender Stimme uns fremde Melodien.' Als er aber zu Mussaf — es ist Sabbat Schekalim — irgendeine Melodie intoniert oder improvisiert, summt einer die vertraute Frankfurter Schekalimmelodie vor sich hin, und schon geht ein Summen und Brummen durch die ganze Reihe, die ganze Ecke „Aur Ponecho olenu Odaün nesso . . ." Wie viel zitternde Sehnsucht liegt in diesem Chore der Summstimmen! ... Sehnsucht nicht allein nach dem Tempel in Jerusalem, sondern zunächst auch nach jenem Tempel in der beliebten heimatlichen Anlage und nach so vielem, was damit zusammenhängt . . . Am Freitagabend nach Schul hält Jacob Rosenheim seinen Mussarkurs aus Messilas Jeschor i m. Eine kleine, aber erlesene Gemeinde, vorweg aus Freunden aus Deutschland bestehend, erlebt eine Weihestunde wie das goldene Tor zur Sabbatburg. Es ist der Schlußvortrag in dieser Wintersaison und hat etwas Abschließendes, so daß der Fremde sich ein Bild über Geist und Art dieser Vorlesungen im Ganzen leicht machen kann. Zu den Worten des Textes komm! viel anderes Wissens- und Anschauungsgut, aus jüdischen und nichtjüdischen Quellen und aus Eigenem, hinzu, tiefste Gedanken in strahlender, philosophischer Rundung. Litauischer Mussar —■ Messilas Jeschorim ist, obwohl italienischer Provenienz, längst von den litauischen Jeschiwoth annektiert — gestreckt durch Midrasch und Aggada, alte und neue Philosophie, das Ganze eine schöne Synthese von Luzzatto, S. R. Hirsch und Jacob Rosenheim ... Am Sabbatmorgen bekommen wir eine kurze englische Predigt aus dem Munde des jungen Rabbiners zu hören über die Schekalim als Bild und Symbol der jüdischen Gemeinschaft. Wie vertraut werden uns die fremden Laute, wenn sie in dieser schönen, klaren Form schillern und sich um hebräische Zitate, Bibelverse und Talmudsprüche, wie silberne Einfassung um goldenen Kern schmiegen.' Es ist noch nicht gar so lange her, daß ich in Paris am Sabbat eine französische Predigt hörte. Keine Sprache und kein Idiom der Welt,- die nicht geeignet wären, ewige jüdische Wahrheiten zu vermitteln. Und hinter den fremden Worten scheint doch eine andere eigene Sprache des jüdischen Herzens mitzuschwingen, die überall und von allen verstanden wird ... Eine Stunde vor Nacht verwandelt sich aber der Synagogenraum in London-Nord in ein Mekor Chajimlokal oder den Hörsaal der Frankfurter Friedberger anläge. Der Frankfurter Dozent spricht in der Art und Sprache der Heimat aus Sidra und Midrasch und das Auditorium setzt sich zum größten Teile aus früheren Frankfurter Hörern zusammen. . Das Ganze hat mit der Person des Redners wenig zu tun, ist etwas wie Botschaft aus der geliebten Heimat, wie Fortsummen der Frankfurter Schekelmelodie beim Mussafg'ttesdienste ... Aus der gleichen seelischen Haltung ist an diesem wie auch am folgenden Abend die starke Beteiligung bei den Agudavorträgen in der Aula der Avigdor-Schule und in Golders Green zu erklären. Man hat dabei auch Gelegenheit, den Präsidenten der Weltorganisation zu hören und eine frische, temperamentvolle englische Rede des Führers der englischen Aguda, H. A. Goodman, wie das mahnende -Gewissen über sich ergehen zu lassen. All das ist in London, der Residenz der Agudas Jisroel, nicht so alltäglich, wie mans glauben möchte. (Schluß folgt.) —tz- Purim-Brocken. Der unangemeldete Besuch. R. Chaim Sonnenfeld, Jerusalem, teilte man am Sabbat mit, daß im Hause seines Nachbars Feuer angemacht wurde und gekocht wird. R. Chaim warf sich in seinen Sabbatmantel und begab sich sofort ins Nachbarhaus. Die Frau des Sabbatschänders sah R. Chaim kommen und gab dem Mann ein Zeichen, worauf dieser rasch einen Eimer Wasser in die Glut goß und das Feuer löschte. Rabbi Chaim fand nichts. Der Hausherr lud R. Chaim ein, Platz zu nehmen und bedauerte, daß er so plötzlich und unangemeldet erscheine. R. Chaim antwortete: „Ich habe gehört, daß bei Euch brennt, da beeilte ich mich, um bei der Rettung dabei zu sein. In solchen Falle muß man von Formalitäten absehen . . ." Er wärmt den Sabbat. R, Abraham Sochaschewer weilte in Nauheim zur Kur. Am Sabbat sah man R, Abraham in seinem Kolpak und schweren Pelzmantel im Kurpark spazieren gehen. Ein benachbarter Rabbiner begegnete ihm und fragte restpektvoll, warum er an einem so heißen Tage — es war im Juli — eine so schwere Pelzmütze und einen so schweren Mantel trage. R. Abraham antwortete; „Ich beobachtete, wie hier allüberall der Sabbat so kalt gefeiert wird, da muß ich Pelzmütze und Mantel anziehen, um mich und ihn, den Sabbat, zu erwärmen . . ." Rabb. Rosenwasser Der Jeschiwa-Schneider. Kulturbild von Max J. Salzberg. (Schluß.) Die Uhr schlug elf. Der Aufseher klopfte dreimal mit der flachen Hand auf den Tisch, zum Zeichen, daß die Tagesordnung beendet war. Es entstand ein Gepolter mit den Ständern, ein Geräusch von den zugeschlagenen Folianten und die Schüler, die außerhalb des Hauses wohnten, verließen es eilig. Die ärmeren, denen die Schule auch als Schlafstätte diente, begannen zwischen den Bähken umherzulaufen, um ihr dürftiges Abendbrot zu bereiten und dann ihr Nachtlager herzurichten. Rabbi Chaim verließ seine Ecke und durchschritt den großen, aber mit dicker Luft gefüllten, warmen Raum. Man sah ihn verwundert an, grüßte ihn, und kümmerte sich weiter nicht um ihn. Man hielt ihn schließlich für einen Gast, wie man sie oft genug im Jeschiwahaus übernachten sah. Als er in die Ecke zurückkehrte, bemerkte er an der andern Seite des Ofens bei einer Talgkerze zwei junge Leute. Der eine in Hemdsärmeln hielt seinen Rock auf den Knieen und bemühte sich, einen Flicken einzusetzen. Aber es wollte ihm nicht gelingen; „Ja", sagte er zu seinem Freunde, welcher sich Knöpfe an ein Hemd nähte, „ich hatte gern zehn Kopeken für das Flicken gegeben und meinen Rock zum Schneider gebracht, aber ich habe keinen andern anzuziehen." Rabbi Chaims Augen blitzten auf, aber gleich verzog sich sein Gesicht; einen Augenblick kämpfte er mit sich, dann wandte er sich dem jungen Manne zu und sagte mit heiserer Stimme: „Ich flicke dir den Rock, ich verstehe es sehr gut, gib mir deine Nadel und die Schere!" Der junge Mann willigte ein, und nach einer halben Stunde fühlte Rabbi Chaim eine Münze in seiner Tasche. Aber er konnte für sein Geld nichts mehr bekommen, denn es war schon zu spät geworden. Erst gegen Mittag fiel es einem Schüler auf, daß der alte Mann noch immer ausgestreckt auf der Bank hinter dem Ofen lag und daß er so merkwürdig aussah. Er rief den Aufseher herbei. Dieser redete den Greis an, und als er keine Antwort bekam, ließ er den Feldscher holen. Rabbi Chaim wurde in das Häuschen gebracht, welches von dem Städtchen als Krankenhaus für arme Leute unter der Leitung des Feldschers eingerichtet war. Einige Wochen später sah man Rabbi Chaim wieder, bleicher und abgezehrter in der Ecke des Jeschiwahauses sitzen, am Tage über einem aufgeschlagenen Folianten und am Abend mit seinem Nähgerät über einem Kleidungsstück, das ihm ein Schü ler zum Ausbessern übergeben hatte. Zwar hatte er beim Verlassen der Krankenstube beabsichtigt, das Wandern und das Predigen fortzusetzen, aber der Feldscher vermochte nur, ihn vom Fieber zu befreien, nicht von der Schwäche, die er in allen Gliedern spürte. So mußte Rabbi Chaim wieder in das Jeschiwahaus zurück, und da der Hunger ihn dorthin begleitete, war er gezwungen, den Schülern Kleider auszubessern, Freilich sollte der Aufenthalt in der Jeschiwa nur so lange dauern, bis er zu Kräften

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