Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1938)
- Date
- 1938-03-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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^Ä^A*s?;*V^?«f£gp; Seite 4 Nr. 11 ■•^^^^^^t^^^^i^^^¥i^^^S^^s!^^i Der Israelit SPt^llf^^jjlPPPIpp 17. März 1938 einem Worte, den Sabbat zu einem Sonntag Europas Die Lokalbesitzer begnügen sich aber mit diesen wenigen Stunden nicht, sie wollen die ihnen gebotene Lücke weiter aufreißen, bis zur weitgeöffneten Türe, wollen den Sabbat von Abend bis Abend frei für Arbeit und Verdienst haben und damit den Kaufleu ten und Arbeitern auf anderen Wirtschaftsgebieten einen Präzedenzfall schaffen, auch ihrerseits den Sabbat zu umgehen. Es handelt sich außerdem in . erster Reihe auch um die Cafes, um Bars, Varieter, und ähnliche Etablissements, die schon an Wochentagen eine sehr fragliche Kulturaufgabe lösen, am Sabbat aber ganz gewiß zu entbehren sind. So ist die Sachlage, nach deren Kenntnis es kaum einen ernsten und denkenden Juden in der- Welt . geben dürfte, der das Statut als ideal ansehen oder sich gar auf die Seite derer schlagen könnte, denen dieses Statut noch zu wenig ist. Man sage auch nicht, all dies sei eine Tel Awiwer Angelegenheit, in die wir uns nicht einzumischen hätten. Was in Palästina, vorab in der ersten jüdischen Stadt, geschieht oder nicht geschieht, geht unsere Brüder und unsere Kinder, geht u n s a 11 e an. Im Tel Awiwer „Hajessod" vom 30. Adar I lesen wir im Zusammenhange mit Betrachtungen über den Revisionismus ein Bekenntnis Jabotinskys, das er in einem Privatbriefe an einen Freund ablegte und folgendermaßen lautet: „Ich will Dir meine Ansicht ganz kurz mitteilen: Ich gehe nicht darauf aus, in die Gassen hinauszurufen, daß unsere Bewegung sich zum Herrn der Welt absolut restpektvoll verhält. Lassen wir dieses Spiel mit. Worten und Gesten der Linken und den Mitläufern dieser Partei, die alles darauf anlegen, die Spendensumme zu vermehren. Mein Ideal ist einzig und allein die Herbeiführung einer elementaren geistigen Umwälzung im Judentum, die für alle Lebensfragen ausschließlich die Lösung in jenem Schatze sucht, den wir als unsere Tradition bezeichnen. Insbesondere gehen unsere Bestrebungen dahin, einen idealen Staat zu gründen, der musterhaft für alle anderen gelten soll und dessen Grundpfeiler in der Tradition und Anschauung der Bibel, der Mischna und des Rambam ruhen. Nicht etwa so, daß wir die Bildung und Weisheit Europas ablehnten, aber wir wollen nicht alles unbesehen übernehmen, sondern sorgsam prüfen und uns überzeugen, daß alles, was an sittlichem und Wahrheitsgehalt in der modernen Wissenschaft enthalten ist, seine Wurzel in unserer Lehre und Tradition hat und das, was wir von ihnen gelernt, eigentlich nur Kommentar ist zu dem, was sie von uns übernommen haben." Wir hören die Botschaft, und — es fehlt uns auch nicht der Glaube. Aber wir müssen noch abwarten, bis Taten diesen schönen Worten folgen, Taten im Einzelnen und im Leben der revisionistischen Führer, und auch Taten auf der ganzen Linie der revisionistischen Palästinapolitik. Italien winkt ab. So veröffentlicht die italienische Wochenschrift „L'Azione Coloniale" unter dem 7, März einen Leitaufsatz, in welchem die Gerüchte über eine jüdische Einwanderung nach Abessinien entschieden in Abrede gestellt werden. Italien habe in keiner Weise die Absicht, in irgend einer seiner Kolonien ein jüdisches Nationalheim zu errichten, um die zerstreuten Juden dort zu sammeln. Es sei überhaupt nicht einzusehen, warum Italien, das von dem ganzen jüdischen Problem nur wenig berührt werde, daran denken solle, dieses Problem innerhalb seiner eigenen Territorien zu• lösen, — Wenn irgendwelche derartige Gerüchte zu dieser Richtigstellung Veranlassung gaben, so können sie nur aus jener auch bei uns wiedergegebenen offiziösen italienischen Presseäußerung v kommen, wonach Italien sich die Gesamtlösung der Judenfrage in; der Welt auf dem Wege einer Konzentration der jüdischen Menschen und Kräfte in einem eigenen Land und Staate d enke, aber nicht in Palästina. Also auch Tucht Abessinien! Von der organisierten Treue. Unterwegs geschrieben von Dr, Isaac Breuer. Jetzt ist wohl schon Frühling im Heiligen Lande. Der Regen hat es gebadet, so zärtlich und so gründlich, wie eine Mutter ihres Kindes wartet. Allen Staub hat er weggefegt und hat sich ins Erdreich eingenistet, daß die bescheidenen Olivenbäume die langen Sommermonate davon zehren können. Nun grünt es im Heiligen Lande, Regen und Sonne haben das Ihre getan, und selbst die kahlen Felsen ziert ein leiser Schimmer. Dem Erlösungsmonat rüstet sich das Heilige Land, und neuen Mut und neue Hoffnung fächeln seine Lüfte. Wie herrlich dehnt sich jetzt, in all ihrer Armut, die Terrassenlandschaft, die von den Höhen Jeruscholajims zur Meeresebene führt, regengesättigt, lichtdurchflutet, zukunftträchtig; und blauer als je umspült die Flut die einzige Stadt der Juden. Uns aber trieb die Not erneut in die Ferne, Zwei Jahre schwerer Wirrnis lasten auf der Heimat. Bewundernswert ist die durch Solidarität gestärkte Widerstandskraft der jungen Wirtschaft. Bewundernswerter das Ausharren jener, die auch die Blüte nur wenig genossen: der Agudisten des Landes. Worauf harren sie? Als Agudisten waren sie angekommen. Wir hatten sie gelehrt, Organisationen ferne zu bleiben und Institutionen nicht in Anspruch zu nehmen, denen die Thora nicht als herrschendes und geltendes Recht Ziel und Wege weist. Unsere Lehre wollten sie leben. Anders leben, wie in der Diaspora. Was in der Diaspora letzten Endes dennoch nur in der Wahl der religiösen Gemeinschaft, allenfalls noch in der Wahl des gesellschaftlichen Milieus, sich als praktisch herausgestellt, wird im Lande, in dein der Einzelne nichts und die Organisation alles bedeutet, buchstäblich Schicksal und Berufung zugleich. Dort erfaßt unsere Lehre die gesamte Wirtschaft bis in ihre letzte Verzweigung, und wer sich ihr hingibt, bindet an sie sein ganzes Dasein. Denn dort ist die Wirtschaft jüdisch, und der Herrschafts- und Geltungsanspruch der Thora macht dort an der Schwelle von Bet- und Lehrhaus nicht Halt, sondern fängt dort erst recht eigentlich an. Worauf harren sie? Als ein neuer Menschen^- typ sind sie ins Land gekommen. Die Thora wollten sie ins Leben tragen, als Handwerker* als Bauarbeiter, als Landarbeiter; wollten von der Arbeit ins Beth Hamidrasch und wollten aus dem Beth Hamidrasch den Sinn der Arbeit und die Kraft für die Arbeit schöpfen. Weder Nation noch Land sollten neben der Thora Platz haben. Vielmehr die > Nation für die Thora und auch das Land für die Thora. Nicht in die Abhängigkeit von der Untreue wollten sie sich begeben, um von dort die Mittel zu erkämpfen, deren die Thora bedarf, um Erziehungsstätten zu gestalten, Existenzen zu errichten und Boden" zu bestellen. Wie sie aus der Tiefe ihrer Seele die Untreue ablehnen, wollten sie auch nicht die Nutznießer der organisierten Untreue sein. Der Kampf der Treuen innerhalb der organisierten Untreue geht ja schon längst nicht mehr um die Treue, sondern um — Geld. Mit diesem Geld aber erkauft sich die Untreue das Recht zur Untreue. Frei wollten sie bleiben. Unabhängig nicht nur in „Kultus" und „Erziehung", sondern auch in Wirtschaft. Die Lehre des „Austritts ' auf die ganze Wirtschaft bezogen: das war ihr wahrhaft heroisches Programm. Worauf sie harren? Auf die organisierte Treue, auf die Weltaguda! Noch wollen sie es nicht wahr haben, daß die Weltaguda es mit ansehen kann, wie die Vollzieher ihrer Idee im Heiligen Lande — und nur im Heiligen Lande ist die Idee der volkumfassenden Herrschaft der Thora zu verwirklichen, — in Not und Elend verzweifeln, daß die Weltaguda sich dem Wahne hinzugeben vermag, es genüge, die Idee als Lehre zu verbreiten, indes der erste Versuch, dieser Lehre das Leben nun wirklich zu erringen, an Kaltherzigkeit, an Opferunlust, an Leistungsunfähigkeit kläglich scheitert. Nicht der Idee als solcher würde, dieses Scheitern Abbruch tun, denn sie ist eine ewige Wahrheit, eher die Weltaguda wäre nicht mehr legitimiert, sich als ihr bahnbrechender Fahnen- 'w^^H^K^jfi. •>#^r t ■ Vom Kern der jüdischen Lehre. Zur Jahrzeit für Jakob S. Posen ^"xj. Von Joel Jelen in Frankfurt a. M. Am 19. Adar II jährt sich zum 14. Male der Tag, an dem der hervorragende Thoragelehrte und Thoralehrer Jakob S. Posen das Zeitliche segnete. Auch von diesem Manne gilt der bekannte Ausspruch pm ^tu in vollster Bedeutung des Wortes. Viel mehr als mancher hochklingende Titel, besagte der einfache schlichte Name Jakob S. Posen, dessen Ruf als Thorakünder und Thoraverbreiter weit über Frankfurts Mauern ins In- und Ausland drang. Ganz besonders aber ist noch seine Wirksamkeit in voller Erinnerung bei der Frankfurter Judenheit und Jüdischen Gemeinde, und ich glaube im Sinne seiner vielen Verehrer zu handeln, wenn ich in diesem Blatte eine von ihm eigenhändig aufgezeichnete Lösung einer schwierigen Talmudstelle der Oeffentlichkeit zugänglich mache. Im Traktat „Sabbat" wird uns von einem Heiden erzählt, der zu dem Nassi Hillel kam, mit der Bitte, daß er ihn zu einem Juden mache, unter der Bedingung, daß er ihn die ganze Thora lehre, während er auf einem Fuße stehe. Hierauf gab ihm Hillel die bekannte Antwort: „Was Du nicht willst, das man Dir zufügt, füge auch Deinem Nächsten nicht zu." So einfach und allgemein verständlich sich diese Erzählung anhört, bietet sie doch bei näherer Betrachtung große Schwierigkeit. Wie aus dem Talmud zu ersehen ist, haben wir es hier mit einem Heiden zu tun, der es ernst und aufrichtig mit dem Uebertritt zum Judentum meinte und ein wahrer „Ger Zedek"' werden wollte. Dafür aber konnte jener Grundsatz allein gewiß nicht ausreichen. J, Posen L7"St erklärt den Vorgang wie folgt: Bekanntlich geben die Kommentatoren als Grund dafür, daß die Thora erst am Berge Sinai gegeben wurde und nicht schon früher so an: Erst am Sinai herrschte unter Israel volle Einigkeit und Harmonie; deshalb steht an dieser Stelle „Wajichan" in Einzahl, „es lagerte", während bei den früheren Raststätten „Wajachana" steht.- Es herrschte Meinungsverschiedenheit und Uneinigkeit im. Volke, so lange keine volle Einigkeit existierte, war es' unmöglich, ihnen die Thora zu geben. Denn wie sollte jeder Israelit die ganzen 613 Gebote erfüllen, da dpch viele Gebote nur für den Priester bestimmt sind und manche wieder nur für den Nichtpriester; andere Gebote gibt es, die nur unter gewissen Umständen und Voraussetzungen zu erfüllen sind. Dem einzelnen Juden ist es also beim besten Willen ganz unmöglich, alle Gebote zu erfüllen; wenn aber ganz Israel in einem Bund vereinigt ist und einer den andern liebt wie sich selbst, dann wird die ganze Thora durch die Gesamtheit erfüllt, Diese Erfüllung durch die Gesamtheit kommt jedem jüdischen Individuum zu gut. Demnach ist alles abhängig von dem Gebot „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst". Damit" verstehen wir auch den Ausspruch Rabbi Akibas, der sagt, das Gebot der Nächstenliebe sei das Hauptprinzip der Thora, d. h. zur Erfüllung der Thora in ihrer Totalität sei Grundbedingung, die Nächstenliebe. - Ohne Erfüllung dieses Gebotes kann das Gesetz nicht als Ganzes in Israel verwirklicht werden. Nun verstehen wir auch die angeführte Erzählung. Dieser Heide, dessen sehnsüchtigstes Verlangen es war, sich dem jüdischen Volke anzuschließen und alle Gebote G'ttes zu erfüllen, begriff, daß dies keinem Menschen möglieh ist — erst recht ihm als Heiden nicht, der so viel Jahre überhaupt keine Gebote gehalten hat. Wie sollte er jetzt als Neuling die ganze Thora erfüllen können? Deshalb richtet er an Hillel die Bitte: „Lehre mich die ganze Thora, so lange ich auf einem Fuße stehe", d. h.,.er möge ihm etwas Prinzipielles angeben, worin alle Gebote,, eingeschlossen sind. Hierauf sagte ihm Hillel: Wenn er das Gebot der Nächstenliebe erfüllt, ist er verbunden mit der jüdischen Gesamtheit, seine Seele verknüpft mit ihrer Seele und auf diese Weise wird er Teil haben an der Erfüllung der Thora durch die Gesamtheit. Gerade diese kleine Kostprobe seiner Chidusche Tauroh spiegelt seinen Charakter und seine jüdische Weltanschauung wider. Der Ehrendajan Posen war nicht nur ein vortrefflicher Darschon, sondern er hat auch seine Ideen in die Praxis umgesetzt. Zahlreiche Thorajünger in den russischen Jeschiwos warteten sehnsüchtig auf den Moment, nach Frankfurt zu J. Posen reisen zu können, um sich hier auch weltliches Wissen anzueignen. Man erinnert sich noch des tiefen Eindrucks, den der Talmudschiur, von J. Posen, vorgetragen in einer formvollendeten Sprache, auf jeden Teilnehmer mächte. So können wir auch aus dieser kleinen Probe erkennen, daß das Bild J. Posens uns allen auch heute noch Vorbild sein kann.