Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1938)
- Date
- 1938-03-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 11 Der I s r a e 1 i t 17/ März «8 Die Entwicklung in Oesterreich* Die schlagartige Neuentwicklung der Dinge in Oesterreich stellt Oesterreichs und Deutschlands Juden vor, neue Probleme. In Oesterreich leben, nach der* letzten Volkszählung "im Jahre 1934, im Ganzen knapp 200 000 Juden (gegen 220.200 im Jahre 1^(23), von denen der größte Teil (185.00Ö) in, Wiän wohnt. In den elf Jahren hatte die öster^eicfiische Judenheit eine Verminderung von über 12 Proz; erfahren. Der Häuptgrund fürfdies'e Abnahme liegt ih der geringen Geburtenziffer im Vergleich zu der Sterbeziffer, im Aufhören der jüdischen Zuwanderung, nachdem die beim Kriegsausbruch eingesetzte Wandrwelle aus Galizien und anderen Grenzgebieten nach Wien abgeebbt hatte; aber auch in der Flucht aus dem Judentum- Diese „Flüchtlinge" werden jetzt einzusehen haben, daß sie mit der Taufe aus der jüdischen Schicksalsgemeinschaft nicht entschlüpfen konnten. Die Judenheit Deutschlands, die seit 1933 durch Abwanderung auf etwa 360.000 Seelen zurückgegangen ist, erreicht nun mit dem Hinzukommen der Juden Oesterreichs zur Judenheit des Gesamtreiches ungefähr den Vorkriegsstand von einer runden halben Million, womit, sich aberf in Anbetracht der Erweiterung des Reiches; uer jüdische Prozentsatz nicht vergrößert. Noch läßt sich im Moment nicht, sagen, ob, wie und wann die für die Juden im Reiche mit Genehmigung der Behörden bestehende Regelung auch auf Oesterreichs Juden ausgedehnt werden wird. Große ungeahnte Aufgaben werden sich, bei einer Zusammenlegung . der Interessen, auf alle Fälle den zentralen Wohifahrtsorganisationen in Deutschland eröffnen, da innerhalb der österreichischen Judenheit immer schon viel Not und Armut herrschten, der beizukommen sich die Wiener Kultusgemeinde und andere örtliche Organisationen und Institutionen redlich bemüht haben. Die ungünstige wirtschaftliche Läge der Juden in Oesterreich geht klar daraus hervor, daß bei den letzten Wiener Kultusgemeinde wählen nicht mehr als 45.000 jüdische Männer und Fräuen. kaum ein Viertel der jüdischen Bevölkerung, wahlberechtigt waren, weil der große Rest nicht imstande ist, das für die Wahlberechtigung nötige Kultussteuerminimum zu entrichten. Der Fürsorgekataster der Wiener Kultusgemeinde wies im Jahre 1937 nicht weniger als 65.000 Unterstützungsbedürftige auf. Neben»- den^Wohlfahrtsorganisationen werden auchdie jüdischen Auswanderungsorg än i s a t i öjh e n im Reiphe reiche Arbeit bekommen. Marffidarf hoffen, daß der Apparat und die ErfahrunJgjn des H (1 f.tv;e r e ins der juden in Feütschla n d auch fürdiese neuen Aufgaben ausreichen. Bei aflvüem dürfen, aber nicht die aktiven Kräfte der österreichischen, vorab der Wiener Judenheit üebrsehen werden, die dem Judentum Großes gegeben habeh >und auch, jetzt innerhalb des der jüdischen Gemeinschaft gewährten Raumes in Wirksamkeit treten werden. Wien war von jeher eine Zentrale jüdischen Lebens. Es ist indes nicht so, wie in anderen Blättern gesagt wirdr daß Wien nur die Geburtsstätte und die Heimat des Nationaljudentums sei. In der Wiener Leopoldstadt und den angrenzenden Bezirken pulsiert ein starkes jüdisch-religiöses Leben, das sich nicht allein in den Synagogen und Lehrhäusern, vor allem der Schiffschul und den sich um sie scharenden Vereinen, und in den unzähligen chassidischen Bethäusern ausdrückt, sondern auch in der religiösen Tätigkeit der in der Agudas Jisr o e 1 organisierten jüdischen Orthodoxie. Eine kraftvolle, zielbewußte Agudajugend war und ist stets auf dem Plane, religiöses Wissen und religiöse Weltanschauung zu verbreiten und den Kampf gegen alle destruktiven Ideen und etdas Strömungen zu führen. Bei einer waigen Zusammenlegung der Kräfte kann religiöse Leben der Juden Deutschlands von dieser Seite nur profitieren. Wie dem auch sei: Die Entwicklung, die gewiß nicht unvorbereitet kam, wird auch unter den Juden Oesterreichs eine inn'ere W a n d- 1 u n g hervorrufen. Eine' Umstellung wird auch in d e n jüdischen Kreisen, die länger, als anderswo noch in den Früchten der Emanzipation ejn ewiges, unantastbares Gut, wertvoller als alle eigenen jüdischen Güter, sahen, nicht ausbleiben. Werden sie alle zur Erkenntnis ihres Judeseins geweckt, so wird sich ihnen ganz gewiß die Bruderhand zur gemeinsamen philantropischen und religiösen Betätigung entgegenstrecken. Verschlechterung des Teilungsplanes, London, 13. März. Auf einem Empfangsabend, der gestern zu Ehren von Rabbi Mosche Blau aus Jerusalem stattfand, hielt der politische Sekretär der Welt- Aguda, Mr. H. A. Goodman, eine R,ede, in der er ausführte, daß nach seinen persönlichen Informationen das Colonial Office eine weitere Einschränkung des von der Peel-Kommisston dem jüdischen Staate zugedachten. Areals ins Aug.e fasse und daß die neue Kommission, die die Grenzen festzustellen hahß, »diese Grenzen so ziehen werde, daß die Juden "schließlich ein noch kleineres Stück erhielten, als der Peel- Bericht vorsah. 11 Für die orthodoxe Judenheit, fuhr Mr. Goodman fort, sei die Lage vollkommen klar. Kein Jude und keine Partei, so stark und mächtig sie auch sei, habe das Recht, im Namen der jüdischen Nation ein verkrüppeltes Palästina zu akzeptieren. Es bestehe auch die Absicht, einen jüdischen Staat ohne Thora aufzubauen,,-{,}Auch hier sei die Antwort klar. Wirt; könneneinen verkrüppelten jüdischen Staat5'weder -in Apolitischem, noch in geographischem, ii$ch .'in^jgcistigem Sinne annehmen. Das jüdische Eirez Israel muß im volle Sinne des Wortes total sein und die Antwort der englisch-jüdischen Orthodoxie müßte die Stärkung des Werkes des Keren Ha.-, jischuw sein. * * *~ Bei einem aus Anlaß der in London beginnenden Sitzung des zionistischen Zenträlrates veranstalteten Empfang hielten Dr. _W e i z - mann, die Abgeordneten . Herbert . Morrison und Capitän Cagalet sowie Stephen Wise< längere Reden über die politische Lage. Weizmann erklärte, die gegenwärtige Einwariderungspplitik der Regierung für willkürlich und. gänzlich ungerechtfertigt. Währendder Peel-Bericht diese einschneidende ' Reduktion der; Einwariderütig und des ßodenkauf es durch Juden nur'für den Fall empfohlen habe, daß der Teilungsplan nicht verwirklicht werde, habe sich die Regierung wohl zunächst : zu ..diesem Teilungsplan bekannt und seine Ausführung in die Wege geleitet, auf . der anderen Seite1 aber-ganz im..Gegensatz zur Peel-Kor/fmission', deren''Vorschläge insoweit verwirklicht, als sie den Jlld&riVu.h güns(titgt sind,,,Dadurch werde, eine verzweifelte Lage geschaffen in einem Äugenblicke, in dem die jüdischen Majsjtenj;injehrjfc; inagh dem Heiligen Lande* als einem Rettungsanker f aus blicken. Auch die wirtschaftliche Lage in Palästina werde dadurch * in katastrophaler Weise verschlechtert. Keinesfalls selten durch!'diese Maßregeln die Terrorföten abgeschreckt worden. We4zr/iannJ entwickelte^ dann die günstige% moralischen Wirkungen, die auf der. anderen-Seite für die Juden Erez Israels aus der Prüfung4 der letzten''zwei Jahre n ^vorgegangen seien.' ' Tagung des Zionistischen Generalrates. w London, 13. März. Der Zionistische Zentralrat, der ' seit voriger Woche tagt, hörte gestern Abend! eine große Rede Dr. Weizmanns, worin fieser zunächst gegenüber den Bemängelungen5' von 1 StepKan VV^ise versicherte, er habe dem Generalrat keinerlei Tatsachen verschwiegen und besitze keine authentische Informatiori über irgendwelche beabsichtigten Aenderungen im, Teilungsplan. Alles, was man in dieser Hinsicht höre, seien nur Gerüchte. Er habe den Eindruck, daß die Regierung an dem Peel-Plane als Bas i s festhalte. Unter keinen Umständen werde er irgendwelche Reduktion des im Peel^PIan vorgesehenen Territoriums annehmen und erkläre schon heute, daß er einen etwa eingeschränkten Plan dem Kongreß nicht vorlegen werde. Aul der anderen Seite aber müsse er sein Amt niederlegen, wenn der Generalrat von der Linie der in Zürich angenommenen, Resolutionen, die den Teilungsplan für grundsätzlich diskutabel erklärt, abweiche. Ben Gurion sprach in ähnlichem Sinne. Der jüdische otaat, auch in der vorgesehenen Form, sei immer noch besser, als die Fortdauer des Mandates, weil er einer größeren Anzahl von Juden als das Mandat die Einwanderung in den nächsten -10—15 Jahren ermöglichen werde! In der Sitzung des Jewish Agency- Councils, die am Sonntag stattfand, übte Dr. Weizmann scharf Kritik an der« „Feinden des jüdischen Volkes", worunter er die Antizionisten und auch einen Teil der amerikanischen Nichtzionisten innerhalb der Agency verstand. Diese Gegner des jüdischen Staates seien, Assimilanten, die kein Recht hätten, im Namen, des jüdischen Volkes zu sprechen. Ebenso wandte er sich gegen diejenigen, die von einer Beschränkung der Zahl der Juden in Palästina bis zu 30 Proz. reden, und auf dieser Gründlage einen Frieden mit den Arabern erstreben.. In. der Sitzung kamen weiter Dr, Goldmann und Eüeser Kaplan zu Wort. Den Standpunkt der Nichtzionisten vertrat Prof. Norman Bentwich. Es sei unwahr, daß die Nichtzionisten eine permanente jüdische Minderheit in Palästina wünschten. Sie wollten lediglich 'ein zeitweiliges Arrangement mit1 den Arabern, um die Ordnung herzustellen und die Teilung zu vermeiden. Bentwich trat für das Ideal eines bi-nationalen Staates in Palästina ein. Die amerikanischen Nichtzionisten in der Agency schickten ein von Dr. Karpf, Geförge Backer ünd Dr. Cyrus . Adler unterzeichnetes Begrüßu^gstelegramm, in; dem;sie sich gegen die Teilung;-erklärten und>lden Agency Council aufforderten; > eine arabisch-jüdische1; Round Table- Konferenz einzuberufen, mit dem Ziele eines binationalen jüdisch-arabischen Staates in Palästina. Die von >der Jewish Agency •angenommenen Resolutionen fordern die Wiederzula&sung der Einwanderung gemäß der wirtschaftlichen Aufnähmet ähigkeit; die Uriterdrütiküng 1!des Terrors, stärkere Bete'iliguhg der jüdischen' Gemeinschaft in Palästina-" an ,dem ^Sicherheitsdienst jünd" 'eme rasche/ Entscheidung, die]: dem jetzigen gefährlichen wirtschaftlichen Stagnationszustand;> eint Ende1 mächt. / , : ,: Jetzt MODISCHE