Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1938)
- Date
- 1938-03-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nr, 10 £ Wander jähren war er oft genug der Laune des Sturms ausgesetzt gewesen, aber nie hatte er es so wie i heute empfunden. Wie wenig er auch sonst an sein kHaus und seine Frau dachte, waren sie doch in sei- [■•' nem Geiste der Mittelpunkt, um den seine Gedanken I kreisten, während er in die Ferne zog. Er wagte es, f in den entferntesten Gegenden herumzuwandern, jj." denn vor seiner, Seele stand sein Haus, wie ein | Leuchtturm am Meere, obgleich er sich dessen, nicht ( bewußt war. Heute war ihm zu Mute, wie einem Ein- [ siedler in der Wüste, der seine sichere Hütte ver- |- nichtet fand * und nun auszieht, in der unbekannten £, Wildnis eine neue Wohnstätte zu suchen. Auf ein- I . mal sind Rabbi Chaim alle Plätze fremd geworden, V die er doch so oft durchschritten hatte. Aus dem Regen und Nebel tauchte der Wald auf, .- der nicht weit von seinem Städtchen lag. Der Sturm l. peitschte die Bäume so heftig, daß Rabbi Chaim eine Art von Furcht empfand. — Käme doch nur ein . Fuhrwerk dieses Weges gefahren, dachte er, ich würde von den wenigen Groschen, die mir noch " übrig geblieben sind, etwas geben, um mitfahren zu können. — Plötzlich drang ein Pfeifen an sein Ohr. Er . blieb stehen und horchte: da vernahm er aus der Ferne das Stampfen von Hufen im Schlamm. Ein Wagen wurde sichtbar; als er näher kam und Rabbi Chaim den Fuhrmann erblickte, begann er weiter zu gehen; denn es war ein junger Bauer, und Rabbi Chaim wußte, daß man in dieser Gegend nicht mit jungen Bauern allein fährt. Er besann sich jedoch anders, als ihm der Bauer zurief: „Willst du nicht mitfahren, Jud? Das Wetter ist doch so schlecht!" „Wohin fährst du?" fragte Rabbi Chaim. „Nach Rogol". „Wieviel willst du bis Rogol?" „Zwanzig Kopeken.'" „Gut", sagte Rabbi Chaim und näherte sich dem Wagen. „Du mußt mir aber im Voraus bezahlen," sagte der Bauer, indem er anhielt. Rabbi Chaim hegte keinen Argwohn mehr, denn dieses verlangen die Bauern in Litauen sehr oft. Außerdem waren zwanzig Kopeken Geld genug, und der Bauer würde wohl nicht so viel verlangen, wenn er böse Absichten gehegt hätte. Er hob daher seinen langen Mantel auf, nahm aus der Hosentasche das Leinwandsäckchen, in welchem er sein Geld hatte, steckte seine Hand hinein, um ein paar Münzen herauszuholen. Aber im selben Moment zog der Bauer mit einer Hand die Zügel an, und mit der andern entriß er schnell wie der Blitz dem Rabbi Chaim das Säckchen. Der Wagen rollte von dannen. Rabbi Chaim stieß einen Schrei aus und begann hinterher zu laufen, aber der Bauer drohte ihm mit der Peitsche. Rabbi Chaim blieb allein im Walde, ohne eine Kopeke, nur mit einem drei Meilen langen, aufgeweichten Weg vor sich und mit matten Beinen. Bespritzt von dem Lehm der Landstraße, hungrig und durchkältet, gelangte Rabbi Chaim erst gegen Abend nach Rogol. Die leeren Taschen, der* leere Magen und die müden Glieder zwangen ihn, zum ■ Synagogendiener zu gehen und ihn um Erlaubnis für eine Predigt zu bitten. Dieser wunderte sich anfangs über die Bitte und wollte sie ihm verweigern. „Was. sagte er, „Sie wollen wieder bei uns predigen? Sie waren ja erst vor kurzer Zeit hier. Noch ist unsere Synagoge nicht an der Reihe." Als er jedoch das blasse Gesicht des zitternden Predigers sah, willigte er ein, mit dem Abendgebet etwas zu warten, damit Rabbi Chaim vorher eine kleine Predig! halten konnte. Der trübe Tag wich früher als gewöhnlich dem Abend, und die Bewohner des Städtchens begannen, sich in der Synagoge zu versammeln. Ein Ständer wurde auf die Erhöhung vor der Lade gestellt, in welcher die heiligen Rollen liegen, darauf ein Talith, und Rabbi Chaim stand wieder auf demselben Platze, wo er vor dreißig Jahren seine Laufbahn als wandernder Prediger begonnen, Schon fing er an, langsam die Vorbereitungen zur Predigt zu treffen, denn sie wurden stets auf Kosten der Predigtzeit ausgeführt: Er zog sorgfältig seinen Mantel aui-\ legte ihn behutsam zusammen und hing ihn über den Ständer; dann nahm er den Hut ab, setzte das Käppchen zurecht und breitete das große, rote Taschentuch über der Handfläche, um eine noch für die sNase geeignete, halbwegs saubere Stelle zu finden. Schon erhob er seine Augen zu dem Winkel zwischen der Decke und der Wand und "begann leisa einen Spruch aus der Bibel zu zitieren, als sich die Tür l>astig öffnete, und der Vorsteher Mendel .Wo!ff in Begleitung eines fremden Mannes eintrat. „Was, eine Predigt?", schrie er, „heute ist keine Zeit dazu! Bitte, wir wollen beten," wandte er sich an seinen Begleiter. „Beginnen Sie!" und er selbst begann laut den Anfang des Gebetes. Diese Katastrophe hatte der Synagogendiener nicht voraussehen können. Er wußte, genau, wann die Besucher seiner Synagoge Jahrzeit (den Todestag ihrer Angehörigen) hatten;,, aber dies war nicht der Jahrzeittag des Vorstehers, sondern der seines Gastes, der heute plötzlich eingetroffen war, und den der Vorsteher mit in die Synagoge brachte. Traurig, mit zusammengeschnürter Kehle, verlie/3 Rabbi Chaim die Kanzeh denselben Platz, auf welchem er vor dreißig Jahren Mut und Hoffnung auf ein besseres, schöneres Leben, als das eines Dorfschneiders bekommen hatte. Eswar nicht das erste Mal, daß man ihm die Predigt abgechnitten hatte, doch verletzte es ihn nie so, wie' dieses Mal. Nicht, weil er die paar Kopeken heute nötiger gehabt hätte als je, sondern weil er immer an das Ende seiner Frau dachte, sich der ganzen Schuld, wie an ihrem Todesabend bewußt war, und er sah nun dieses Ereignis als eine Strafe an. Ein fester Glaube entstand allmählich in ihm, seine Laufbahn sei nun zu Ende. Nach dem Gebete trat der Vorsteher auf ihn zu und wollte ihm ein Zwanzigkopekenstück geben, aber er wies es schnell zurück mit den Worten: „Ich bin kein Schnorrer, ich nehme nur, was mir zukommt.,; Die Synagoge leerte sich. Rabbi Chaim trat vor die Tür und betrachtete die öde Straße. Die Fensterläden waren schon geschlossen und durch ihre Spalr ten drang das Licht aus den Häusern und bildete auf dem schwarzen, nassen Boden schräge, helle Streifen. Nur vor der Herberge, wo er stets während seines Aufenthaltes in diesem Städtchen wohnte, war es hell. Denn die Fensterläden waren offen, und das Licht der großen Lampe ergoß sich ungebrochen auf die Straße und lockte, große Behaglichkeit versprechend, die vorübergehenden Bauern und Fuhrleute ins Haus. Rabbi Chaim dachte an die gemütlichen Abende, die er in dieser warmen, hellen Herberge bei gutem Abendbrot zugebracht hatte, und eine Stimme begann, ihn in seinem Innern zu überreden, zum Wirt zu gehen und ihn um Abendessen und Nachtlager zu bitten. Aber er schauderte vor dem Gedanken zu borgen, denn er ahnte, obgleich unklar, daß er seine Schulden nie würde bezahlen können. Er kehrte in die Synagoge zurück und bereitete Sich ein Nachtlager auf der harten Bank am Ofen. Gleich nach dem Morgengebet trat er den Weg nach Sbolod an. Erst gegen Abend hatte er die vier Meilen zurückgelegt und begab sich klopfenden Herzens in die Synagoge. Als er aber die Tür öffnete, erblickte er sofort einen andern Prediger, der sich anschickte, die Kanzel zu besteigen. Nur eine Zufluchtsstätte für die Nacht, das Jeschiwahaus blieb ihm. Er ging dorthin und setzte sich in der Ecke zwischen den Ofen und den Strohsäcken. (Schluß folgt.) Personalien. Oberrabbiner Benzion Wesel y'XT' Klausenburg, 3. März. Oberrabbiner Benzion (Albert) Wesel, der Versitzende der Zentralkanzlei der orthodoxen Juden in Siebenbürgen (Neurumänien) ist im 75. Lebensjahre?n einem Herzleiden in Klausenburg verschieden. Oberrabbiner -Wesel war der Sohn von Rabbi Feiwel Rabbi Benzion Wesel b"St der heimgegangene Vorsitzende der Orthodoxen Landeskatizlei in Transsylvanien. Wesel, dem Verfasser des homiletischen Werkes „Kirjat Ssepher". Nachdem er in Kronstadt als Oberrabbiner fungiert hat, bekleidete er seit dem Tode seines Vaters, also seit Jahrzehnten, das Obevrabbinat in Torda, eniem kleinen Städtchen Siebenbürgens in der Nachbarschaft Klausenburgs. Durch sein gewinnendes Wesen und seine seltene Weisheit hat er sich großes Ansehen verschafft, und er wurde wiederholt zum Präsidenten der Zentralkanzlei gewählt, die er mit großem Geschick, die Gegensätze der Aschkenasim und Sephardim überbrückend, leitete. Er wurde am Sonntag, den 27. Februar, in seiner Gemeinde Torda bestattet. Rabbiner Hermann Klein, Berlin, RabbinerA d 1 e r , Schäßburg und Redakteur Abraham, Torda; Leiter des offiziellen Zenti'alkänzlei-OrganGS, „Hoemesz'' verlieren in 'Oberrabbiner Wesel ihren Schwieger vater. . x ' Mit den Angehörigen trauert das Thorajudentum in Rumänien und der Welt um~einen seiner führenden Männer. a yn Karlsruhe, 3. März. Am 27. Adar I hauchte Frau Gertrude Heinemann geb. Altmann, im Alter von 66 Jahren in Marienbäd, wohin sie vor einem' Jahre mit Gatten und Tochter übergesiedelt war, ihre reine Seele aus. Die Verstorbene, Tochter des allbekannten Leopold Alt mann, Kattowitz, sah ihren Stolz darin, in der Tradition dieses Patrizierhauses weiterzuleben und in ihrer zweiten ^Heimat Karlsruhe, als würdige Tochter dieses frommen Vaterhauses, weiter zum Segen Aller zu wirken, das echte Gemilas Chesed, die Zedoko in der Karlsruher Kehillo zu fördern. In diesem Sinne erzog sie ihre Kinder an der Seite ihres gleichgesinnterT Gatten zu wahren Jehudim und übertrug diese edlen Charaktereigenschaften auch auf Fernstehende. Ungebeugt von des Geschickes rauher Hand stand sie aufrecht, gestärkt durch seltenes G'ttvertraüen, immer vorwärts schauend. So spornte sie ihre Kinder an und wirkte charakterstärkend auf so viele Menschen, die ihre G'ttesfurcht und Gastfreundschaft bewunderten und ihrem hingebungsvollen Wirke"h ein unvergängliches Denkmal setzten. Wir alle, die ihre Freundschaft, ihre Uneigennützigkeit, ihre Aufopferung zu erproben, mehr als einmal Gelegenheit gehabt haben, wollen ihr Andenken hochhalten, rriiin S, Th. Aschaffenburg, 1. März. Am 24. Februar wurde ein vorbildlicher Jehudi, Lazarus Tannenwaid, zu Grabe getragen. Herr Rabbiner Dr. BTo c h entwarf ein getreues Lebensbild des Heimgegangenen. In sinnreicher Rede hob er die Verdienste hervor, die sich Herr Tannenwald in unserer Gemeinde erworben. An der Seite der Führer der Gemeinde habe der Verblichene treu und hingebungsvoll seine schwere und verantwortungsvolle Aufgabe als Kultusbeamter erfüllt. Daß die Gemeinde Aschaffenburg alle jüdischen Institutionen in gesetzestreuem Sinne habe erhalten können, verdanke sie neben den Gedolim, die als Führer der Gemeinde wirkten, nicht zuletzt dem Entschlafenen. Auch sein harmonisches Familienleben wurde gewürdigt. — Als Vertreter der Kultusgemeinde erstattete Herr Landgerichtsrat Kahn den Dank für sein vorbildliches Wirken. Tannenwald habe in seiner schlichten Art über seine Kräfte hinaus länger als zwei Jahrzehnte treu und unverdrossen der Gemeinde gedient und sich dadurch die Sympathien der Gemeindemitglieder errungen. Sein Andenken werde deshalb in der Gemeinde ein gesegnetes bleiben. Herr Hauptlehrer Schloß widmete sowohl im Namen der Kollegen des Bezirks als auch im Namen des Israelitischen Lehrervereins in Bayern dem Heimgegangenen Worte der Anerkennung. Bescheiden in seiner Lebensauffassung, war er doch energisch, wenn es galt, für die Interessen unserer heiligen Lehre einzutreten. Die Lehrer des Bezirks werden ihm ein treues Andenken bewahren. rrawn Wallertheim (Rheinhessen), 2. März. Im Alter von 70 Jahren starb Emma Mayer. Wenn sich auch ihr Wirken nur auf ihre eigene Familie beschränkte, so muß man doch ihre aufopfernde Tätigkeit registrieren. Sie bewährte sich sowohl als treue Tochter ihres der Gattin so früh beraubten Vaters Salomon Mayer S. A. in Weisenheim a. Sand, als auch später im Hause ihrer Schwester und ihres Schwagers Karl Isaac s. A. in Wallertheim. In frischer Erinnerung ist es noch bei allen, mit welcher unendlicher Hingabe und Aufopferung sie ihren Schwager pflegte. Sie lebte und wirkte nur für das Wohl ihrer Angehörigen. Ihr Andenken sei zum Segen. n"33Hfl Literarische Notiz. Zum Andenken an Ahron Marcus y'XT* Am 'a ns n"t war die Jahrzeit für den berühmten jüdischen Gelehrten Ahron Marcus ^rsr« Aus diesem Anlaß nennen wir hier nocheinmal einige der Meisterwerke Marcus', die alle in der Buchhandlung S. Marcus, Harburg (Elbe) Bremerstr. 58, zu beziehen sind: Hartman ns" induktive Philosophie i m C ha ssidismus. Lemberg 1889, I. und IL Teil. nvjwtj?, 2 Hefte. Die babylon.-assyr. Entdeckungen und die heilige Schrift. iawn nsp Kommentar zu n"W H7'VTOÖ »tfn 3p?» "l, B ar sil ai, Sprache als Schrift der Psyche. 365 ■Seiten. Neue Theorie der Entstehung der Sprache. Teil II. Enzyklopädisches W urzel Worte r b uc h d e s Hebräischen in Tenach, Mischnah, Talmud und rabbinische Literatur; Der Chassidismus, von Verus. Eingehende Darstellung dieser Bewegung und ihrer Literatur.