Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1938)
- Date
- 1938-03-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 10 1938 Londoner Notizen. In der Schiffskabine. ' Wenn Jemand eine Reise . tut — so kann er nicht s erzählen. Man setzt sich mittags in Frankfurt in den D-Zug, stellt sich am Rheine, in dem sich die sinkende. Sonne wie im Silberrahmen spiegelt, zum Minchogebete, verrichtet in Emmerich, an der Völkergrenze, das Abendgebet, geht, in Holla n d— in der Schiffskabine — zu Bett und erwacht morgens in Engl a n d. Man hat gesessen, gegessen, gebetet, gelesen, geschlafen und vom Leben, Leiden und Lachen unter den Dächern der Millionen Häuser dazwischen nichts gemerkt, von Physiognomien, in denen Menschenschicksal eingezeichnet ist, weniger gesehen, als auf einem einstündigen Spaziergang durch die schmalen Gassen alter Städte- Wenn ich aber dennoch hier etwas erzähle, so hat das zunächst mit der Reise weniger zu tun;;:o ist es eine kleine „Komödie der Irrungen", die eher mit Pur im als mit London in Zusammenhang zu bringen ist. Als ich gegen 11 Uhr nachts, nach neunstündiger Eisenbahnfahrt, in Hoek von Holland den Dampfer zur Ueberfahrt betrete, ist das eine Hängebett meiner Kabine schon belegt. Ich sehe im Halbdunkel mir gegenüber ein volles, mit Bartstoppeln bedecktes, aufgedunsenes Gesicht, mit, wie mir scheint, in bleiernem Schlaf geschlossenen Augen. Mit wem hat mich da der Zufall, wenn es einen gibt, für eine Nacht auf dem Weltmeere zusammengeführt? Eine durch lange Bahnfahrt gesteigerte Phantasie setzt sich in Funktion und sagt: „Gangster aus Chicago!", „Rauhreiter aus Wildwest Amerikas!" Dieses rote Fragment von menschlichem Gesicht deutet auf nichts Anderes und nichts Besseres hin . . . Ich suche im „Wege: und Meeresgebet", das ich dem Nachtgebete anschließe, irgend "ein Schutzwort auch für solche Fälle,-gegen solche gefährliche „Begegnisse". Ja, da ist die Rede von Meeresungeheuern, Masikin, bösen Geistern, gewissenlosen Matrosen und Seepiraten .. . Beim abgedrehten Licht nehmen die Pharitasiebilder an grellen Farben gewaltig zu. War es nicht so etwas wie ein Messer oder ein Dolch, was da auf der Pritsche neben seinen Kleidern leuchtete? Auf alle Fälle nicht die Türe schließen. Sicherlich gibt es auf Schiffen eine Art SOS-Ruf auch für „Einzelgefahren". Aber die Schrauben und Maschinen vollführen einen Höllenlärm, der gewiß jeden Hilferuf übertönen und restlos verschlingen würde. Es ist auf alle Fälle beruhigend, zu wissen, daß man kein Star ist, den man in der Erwartung eines großen Lösegeldes entführen könnte , . . Ein geschichtliches Problem steigt in mir auf:"" Wie ist anno dazumal Man asse ben Israel von Holland nach England hinübergesegelt? War dieses Stück des Kanals damals schon fahrbar? Fürchtete er keine Seeräuber? ... Darüber schlafe ich ein und werde gleich wieder aus dem ersten Schlaf aufgeschreckt. Mein Nachbar, der „Gangster aus Chicago", zieht alle Register auf und wetteifert in gewaltigen Schnarchtönen mit den Maschinen und Schrauben. Im ersten Morgengrauen, eine knappe Stunde von der Landung, erwache ich definitiv. Sturm und Geräusch at'.s den Maschinen- und Nasenlöchern meines Gegenübers haben nachgelassen. Ein leises Murmeln kommt von der anderen Seite. Jetzt, denke ich, ist der Gangster erwacht, aber nun ist die Gefahr vorüber. Man hört bereits Schritte auf Deck, ein Gewirr von Stimmen und ein Gerassel von Ketten. Ob ich nicht jetzt efhen Blick hinüberwagen sollte, um der Gefahr direkt ins Auge zu schauen? Ich fasse Mut. Und was sehe ich? Ein Mann in den mittleren Jahren, mit gutem Gesichte und schütterem Spitzbärtchen, das ich in der Dunkelheit nicht gesehen hatte, sitzt aufrecht im Bette, hat ein breites Käppchen auf dem runden Tellerkopfe und ein kleines Büchlein in der Hand. Er singt leise mjt schattk.elnder Bewegung in einer mir allzubekannten Melodie recht vertraute Worte. Ein Jude sagt Till im. Der Spuk der Nacht ist verschwunden, vom „Gangster" und-. „Wildreiter" keine Spur mehr ... Der Mann sieht jetzt von seinem Buche' auf und schautmich erstaunt mit großen Augen an. Dann entringt sich seinem Munde ein breites Schalom, nicht . eigentlich Schalom, sondern „Scholäum Aleichem Reb Jid!" in der unverfälschten polnisch-jüdischen Aussprache! Ich habe in Gedanken dem Manne so viel abzubitten,, aber: ich erwidere nur den Gruß und sage-. ..Schon sofrüh auf? Ich, glaube, es ist noch nicht Zeit zum Morgengebet." Er; „Noch viel Zeit, ist noch nicht Tog in England. Aber Emmes gesogt, ich hob die Nacht a bissei Mäure gehat .var Eich" (in Wahrheit gesagt, hatte ich die Nacht etwas Angst vor Ihnen). Er hörte nämiich, berichtet er mir, im Halbschlummer, wie ich mit dem Steward in fremder Sprache sprach und glaubte, wer weiß, was er da für einen getährlichen Schiafkameraden bekommen hätte. So gntf er nach sehr unruhigem Schlaf in aller Frühe zum Tillim . . . Als ich nach Sabbatausgang in später Abendstunde vor einer großen Versammlung ia Whitec h a p e 1 einen Vortrag halten und der in unzähligen Gruppen, Klubs und Klausen zersplitterten Menge den Einheitsgedanken der Agudas Jisroel klarmachen sollte, knüpfte ich an dieses Erlebnis in der Kabine an. Juden weilen nebeneinander, kennensich nicht und fürchten einander, denken, wer weiß was voneinander. Dabei sind sie alle auf dem gleichen Schiffe, alle den gleichen Wellen ausgesetzt ... Es ist an der Zeit, daß Juden Furcht und Vorurteil ablegen, einander in die Augen schauen . . . Wie rasch werden sie sich erkennen, sich ihrer unbegründeten Furcht schämen und mit einem „Schalom" sich" die Hände reichen . . . Man hat in diesen Kreisen viel Sinn und Verständnis für solche anschauliche Gleichnisse aus dem lebendigen Leben. Am Eingangstore. Vor der Barriere am Eingang ins englische Imperium, in Harvich, tut man gut, sich seine ganze Lebensgeschichte in all ihren Phasen noch einmal in Erinnerung zu rufen, um Fragen zu beantworten, für die sich sonst höchstens ein Untersuchungsrichter zu interessieren -pflegte. In Reih und Glied sitzen, wie am Eingang zu einem Zirkus, fünf Beamte hinter ihrem Schalter, die sehr höflich, sehr sachlich, bestimmt und entschieden die Einreisenden ausfragen und Dokumente prüfen. Die Herren-steigen von der Höhe ihrer englischen Amtssprache womöglich zur Mundart der Fremden herab. Diese wiederum mühen sich, ihre Rede mit möglichst viel englischen Brocken auszuschmücken, und aus dem gegenseitigen Entgegenkommen der Sprachen ergeben sich die köstlichsten Mißverständnisse. Mein Nebenmann versteht die Frage des Beamten so, als müßte er Auskunft geben, warum er geboren sei . . . Alles, bis auf den Beamten, lacht. Ein englischer Beamter im Dienste hat nicht zu lachen , , < * Was ich in England zu tun gedenke? Eingeladen, Freunde besuchen. Beleg? Ja, damit kann ich schon dienen. Ob diese Miß Israel, die auf den Vornamen Agudas hört, (Auf dem Kopfe des 'Briefbogens steht Agudas Israel) auch zuverlässig sei? Das will ich glauben. Gut situiert? Es dürfte besser gehen. Verwitwet oder geschieden? Nein. Agudas und Israel gehören im Gegenteil von jeher zusammen, die Firma sei gut genug, um ganz Israel in all seinen Teilen und auf allen Kontinenten einzuladen . . . Ganz versteht mich der Gute ja doch nicht, so darf ich noch viel mehr sagen. Er ist schließlich überzeugt, daß die gute Tante Agudas mich nicht verleugnet, daß ich, G'tt behüte, der Oeffentlichkeit des englischen Empire zur Last fiele, und ich darf durch die Barriere, Wenn es nur der armen Frau, die hinter mir mit drei kleinen Kindern, die sich verschüchtert an ihre Rockschöße hängen, um Einlaß bittet, so gut geht! Ich kann und darf mich ihrer nicht annehmen. Ich werde als „erledigt" von einem Portier in der Haltung eines Lord mit gemessener, aber entschiedener Handbewegung aus dem Räume auf den Perron gewiesen, wo der Zug nach London meiner harrt. —tz. (Fortsetzung folgt.) ZUM LACHEN! Vom jüdischen Eherecht. Im „Israelitischen Familienblatt" Nr. 9, S. 14, schreibt ein Dr. Curt Rosenberg unter dem Titel: „Vom jüdischen Eherecht" u. a.: „Verboten ist ferner die Ehe mit dem Bruder des verstorbenen Mannes oder der Schwester der verstorbenen Frau, außer im Falle des Levirats . . . Auch die Ehe mit einem Nicht-Israeliten ist verboten, doch ist dies Verbot rein religiöser Natur." Daß man solchen Unsinn schon zwei Wochen vor Purim verzapft! ... Hebräisch. Ein palästinensischer Redner wird in einer westlichen Stadt vom Präsidenten mit einem kräftigen „Schalom" begrüßt. „Sprechen Sie sonst hebräisch?", fragt der Palästinenser. „Ossur", lautet die ehrliche, lakonische Antwort. "Immerhin zwei Worte! „Volk des Buches". Wir Juden werden „Am Hassefer", Volk des Buches genannt — weil das jüdische Vermögen nicht im Kassenschrank, sondern in den Büchern enthalten ist. An der Grenze. » Grenzbeamter: „Sie wollen als Fremder bei uns arbeiten?" Fremder: „Nein, ich will nur einen Posten bekommen." Kurios und bezeichnend. In zionistischen Blättern sieht man ein Bild, das den Abschiedsbesuch Sir Arthur Wauchope in „Kfar Schmarjahu" zeigt. Dem scheidenden Hochkommissar wird auf freiem Platze "in Palästina ein Album überreicht, das er mit Interesse besichtigt. Drei bekannte zionistische Führer stehen neben ihm und erklären die Illustrationen. Von den vier Herren hat nur einer unter dem klaren Himmel Palästinas den Hut auf — es ist Arthur Wauchope. Im Nebel ... Im Londoner dichten Nebel ist es schwer zu unterscheiden, ob. England zur Zeit mit den Arabern oder mit den Juden geht. Der Jeschiwa-Schneider. Kulturbild von Max J. Salzberg. (Fortsetzung.) Die Flammen der Kerzen bogen sich von der geöffneten Tür weg, indem sie ihre roten Köpfe zeigten, als wichen sie vor dem Eintretenden zurück, und die alte Wächterin sprang schnell von ihrem Sitze auf. Rabbi Chaim blieb starr an der Schwelle stehen. Sein -Kopf wurde ihm' auf einmal so schwer, als wäre er mit Blei gefüllt. „Wann?" stammelte er. „Gegen Abend", erwiderte die Wächterin, mit ihrem zwar dumpf traurigen, aber teilnahmslosen Ton, der Leuten solchen Berufes eigen ist. „Bis zum letzten Augenblick war sie bei vollem Verstand", fuhr die Alte fort, „ihre letzten Worte waren: „Chaim, wo ist Chaim?" Sie war vier Wochen krank, die Nachbarin Beile fand sie ohnmächtig an einem Abend vor der Schwelle, seit der Zeit konnte sie das Bett nicht mehr verlassen. Beile hat sie gepflegt, und der Bader kam dreimal am Tage. Beile ist wirklich eine goldene Frau. Sie paßte auf, als ob die Kranke ihre Mutter wäre. Erst vor einer halben Stunde habe ich sie kaum überreden können, nach Hause zu gehen, um sich ein wenig auszuruhen." Rabbi Chaim sah zwar die Erzählerin mit weit geöffneten Augen an, aber er hörte nicht alles. Er begriff nur eins, in welch unglücklicher Einsamkeit und Verlassenheit seine Frau gelebt hatte und gestorben war. Eine Zeitlang blieb Rabbi Chaim regungslos wie die Leiche. Die Wächterin hatte unterdessen ihren Schlummer wieder aufgenommen, und ein leichtes Schnarchen rang sich durch ihre Nase. Dann erhob Rabbi Chaim sich und begann das Zimmer zu betrachten: Leer war das Regal, wo das blanke Kupfergeschirr gestanden hatte, leer, ohne Bettzeug das Bett, und selbst das Bort, wo sonst seine Bücher standen, war leer. „Sie ist auch in Not gestorben", durchstach ein Gedanke sein Hirn. „Verzeih mir, meine liebe Frau", murmelten seine Lippen, indem er. sich zu der Leiche hinunterbeugte. Langsam hob er die schwarze Decke ab. Ein schmales, furchtbar abgezehrtes Gesicht mit scharfen, feinen Zügen wurde sichtbar. Von dem leichten Wind, den er durch das Lüften der Decke verursachte, flackerten die Kerzen. Nur die obere Hälfte des Gesichts war schwach erleuchtet, während sich von unfen ein Schatten heraufzog, und eine Finsternis aus dem offenen Mund aufzusteigen schien. „Dir entfloh nun der Kummer aus dem Herzen, aber in mich dringt er erst ein." Und er ließ die Decke wieder fallen. Die Trauerwoche über blieb er im Hause. Es meldeten sich jeden Tag Leute mit Rechnungen. Er verkaufte seine Kuh und bezahlte alles, ohne viel zu fragen.:Am achten Tage trat er seine Wanderung wieder an, nachdem er Beile gebeten hatte, das Haus zu beaufsichtigen, bis er wiederkommen würde. Es war ein trüber, kalter Tag. Schwere, bleierne Wolken hingen tief über der Erde, ein feiner, dichter Regen fiel hernieder, in welchen der Sturm zeitweise heulend hineinstieß und die Tröpfchen aufwirbelte, wie den dünnen, trockenen Sand im Sommer. Mühsam bewegte sich Rabbi Chaim vorwärts, denn die lehmige Landstraße war aufgeweicht, und er glitt bei jedem Schritt aus. Dazu schlug ihm der. Sturm jeden Augenblick einen Strom Wasser ins-, Gesicht, daß er an allen Gliedern zitterte. Es war i nicht das erste Mal, daß er sich an einem solchen Tage unter freiem Himmel befand. In seinen vielen \