Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1938)
- Date
- 1938-03-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 9 1938 Der Jeschiwa-Schneider. Kulturbild von Max J» Salzberg. Alle .Schüler der Sboloder Jeschiwa wußten, daß Rabbi Chaim der Magid (Prediger) der Jeschiwa- Schneider war. Für ein paar Kopeken flickte er das Zeug und zwar mit eigenem Stoff, den er sich aus Lumpen heraussuchte. Man wußte aber auch, wie sehr er sieh dieses Handwerkes schämte; denn er verhandelte mit den Kunden im Flüstertone über den Preis und schloß immer mit der Bedingung; „Gut, ich flicke es dir für drei Kopeken, aber du sollst niemandem erzählen, daß ich dir so etwas gemacht habe, daß ich mich überhaupt mit Schneiderei beschäftige; verstehst du? Ich will nicht, daß man es erfährt!" So schloß er selbst bei den Kunden, die er eben vorher gebeten hatte, ihn andern zu empfehlen, Ihm gehörte die Eeke zwischen dem großen Ofen und den Strohääekeü, Welche die armen Schüler nachts auf die Bänke legten, um darauf zu schlafen. Den ganzen Tag saß er dort an seinem wackligen Ständer über einem aufgeschlagenen Folianten und schlummerte. Zwar gedachte er etwas anderes zu tun als zu schlummern; seine Absicht war zu lernen. Gleich nach dem Morgengebet setzte er seinen Ständer in die Ecke, legte den Folianten darauf, öffnete ihn und begann einige Sätze des Talmuds durch die Nase auszustoßen. Aber bald legten sich die Arme auf das große Buch, darauf senkte sich das Haupt und die frommen Töne verwandelten sich in ein leichtes Schnarchen, das nur unterbrochen wurde, wenn Rabbi Chaim sich erhob, um eine Prise zu nehmen. Rabbi Chaim war böse über diesen Schlaf, lllld ei* hatte auch guten Grund dazu; nur des Schlafes halber war ihm das Amt eines Totenwächters entzogen worden; denn der Schlaf überkam ihn auch, wenn er sich nicht auf den Ständer stützte. Freilich hatte diese Gewohnheit auch ihre guten Seiten; An den Tagen, an welchen er die vier Kopeken für die Schüssel Erbsen in der Jeschiwaküche nicht hatte, Und das geschah sehr oft, übertönte das Schnarchen das Knurren des Magens und der Schlaf verdrängte den Hunger. Seine Schneiderzeit war nur am Abend und in der Nacht. Sobald er mit Sicherheit feststellen konnte, daß niemand mehr aus dem Städtchen in die Jeschiwa kommen würde,-'um das Gebet zu verrichten, nahm er seine Nähgeräte hervor und begann zu flicken. Datin kam Leben in seine Ecke. „Nein, schrie eine Stimme Rabbi Chaim zu, wie können Sie denn einen blauen Flicken in meinen hellgrauen Rock setzen und gerade auf den Rücken?" „Tsch, tsch," flüsterte Rabbi Chaim, „regen Sie sich doch nicht auf, es paßt ja" sehr gut. Erstens habe ich keinen andern Flicken, und zweitens werde ich ihn so rund machen, daß es hübsch sein wird. Morgen, am Tage, Sie sollen es sehen, wird es ein ganz anderes Aussehen haben!" Der helle Tag vermochte dennoch nicht, den blauen Flicken hellgrau zu machen, obgleich er ,beinahe rund aussah, und so gab es oft Streit. Da geschah auch das Furchtbare für Rabbi Chaim. „Schneider", erscholl es aus dem Munde des gereizten jungen Mannes, und dieses Wort wirkte gewaltig auf den Alten. Er wurde noch bleicher als sonst, seine Züge verzerrten sich, und Tränen füllten die Unterlider. Er antwortete dann nichts und schlich gebeugter als sonst in seine Ecke. Eine Zeitlang blieb er dort steif sitzen, die Augen nach dem Fenstter gerichtet, ohne jedoch das Licht zu betrachten. Jeder kannte die Wirkung dieses Namens, und man nutzte ihn bei mancher Gelegenheit aus. * * * Der Vater von Rabbi Chaim war ein Dorfschneider gewesen. An jedem Montag nahm er seine Schere, ein Plätteisen und Kreide und ging mit seinem ältesten Sohn, dem Bruder von Chaim in das Dorf, wo sie die ganze Woche Pellkartoffeln, Heringe und trockenes Schwarzbrot aßen und dabei den Bauern ihre Kleider anfertigten. Jeden Freitag kehrten sie nach Hause zurück, um in ihrer Familie den heiligen Sabbat zu feiern und auch ein Stück Fleisch zu essen, das sie. während der Arbeitszeit entbehrten. Der zweite Sohn, Chaim, sollte kein Schneider werden, denn er war schon als Kind sehr fromm und hielt sich lieber in der Synagoge unter den Talmudisten auf, als im Hause und auf der Straße. Sein Vater schickte ihn daher auf die Jeschiwa, und er hoffte, durch ihn zu Ehre zu gelangen, denn Chaim lernte fleißig, und seine Lehrer meinten, er werde noch ein großer Rabbiner. Aber da geschah das Schreckliche, und der alte Dorfschneider mußte selbst seine Illusionen zerstören: in den ältesten Sohn, den blassen, schwarzäugigen jungen Schneider, verliebte sich die Tochter eines wohlhabenden Bauern, und beide flüchteten nach Amerika, wo, wie das Gerede im Städtchen lautete, sie sich verheirateten. Der alte Dorfschneider verlor nun einmal die Stütze, die er an seinem Sohne gehabt und das Dorf, wo er seit vielen Jahren gearbeitet hatte; denn die Bauern beschuldigten ihn, dem Sohn seine Zustimmung zur Flucht gegeben zu haben und duldeten ihn nicht mehr im Dorfe. Auch in seinem Wohnstädtchen büßte er sein Ansehen ein. Er wußte auch, daß einer, der einen getauften Bruder hat, nie Rabbiner sein wird und nie eine anständige Partie machen kann; er beschloß daher, den Chaim von der Jeschiwa fortzunehmen, in eine fremde Gegend zu ziehen, um dort zusammen mit ihm, die Schneiderei fortzusetzen. Chaim füllte zwar den Posten seines älteren Bruders treu aus, aber die Sehnsucht nach der Jeschiwa und den Träumen, die er darin hegte, brannte in seiner Brust, und er war sehr unglücklich. Er hoffte zwar noch, aber seine Hoffnungen waren so unbestimmt, so unklar. Allerhand Pläne blitzten in seinem Geiste auf, aber sie erloschen bald wieder, und der junge Mann sah mutlos und niedergedrückt eine wirre Zukunft vor sich. Mit seinem Vater sprach er sehr wenig und dann nie über seine Lage. Nur wenn sie auf ihrem Wege in einem Walde ausruhten und ihre Mahlzeit einnahmen, sagte Chaim plötzlich zu seinem Vater, indem er ihm seinen träumerischen, in die Ferne gerichteten Blick zuwandte: „Höre zu, ich will dir etwas Tauroh sagen!", und er begann Agadas aus dem Talmud zu erklären mit demselben Ton und Pathos wie der Stadtmaggid, von dem man so viel hielt. Der Vater hörte zu, ohne ihn zu ver- . stehen, sah ihn an, dachte an seinen älteren Sohn und an die verlorene Zukunft seines jüngeren und autele. Mit dem achtzehnten Lebensjahre heiratete Chaim die Tochter eines Fuhrmanns, welche für einige Rubel Kolonialwaren und ein Buch voll Forderungen hatte, die sie nie einkassieren konnte. Die Partie entsprach nicht den Träumen, die Chaim in der Jeschiwa gehegt hatte. Es gab keinen Schwiegervater, der Wohnung und Kost für zehn Jahre versprach, keine Mitgift, und so auch keine frohen Stunden, die im Beshamidrasch beim aufgeschlagenen Folianten im Wettstreit der Geister verbracht werden konnten. Genug, die Eltern beiderseits kannten sich längst und gefielen sich, und die Kinder würden sich wohl auch mit der Zeit gut gefallen. Die schweigsame,* schüchterne junge Frau gab ihre Krämerei auf und nahm ihrer Schwiegermutter die Sorge um das Hauswesen ab, während Chaim mit seinem Vater die Schneiderei fortsetzte. Nach dem Tode seines Vaters wurde Chaim sein Beruf unerträglich. Der hagere, blasse Schneider in Hemdsärmeln mit dem schmutzigen „Arbakanfauß", mit dem Käppchen auf dem Haupte, zog die übermütigen Bauernknechte an. Bis jetzt hatten sie nur gespottet und sich an Chaim nicht herangewagt aus Respekt vor dem Alten. Jetzt jedoch wurde Chaim der Gegenstand ihrer Belustigung: Man übergoß seine armseligen Kartoffeln mit Fett, steckte ihm mit Gewalt Speck in den Mund, und derartige Spaße mehr wurden mit ihm getrieben. So geschah es, daß er einmal zur Verwunderung seiner Frau schon an einem Mittwoch nach Hause zurückkehrte. Während der nächsten Tage stöberte er in Folianten des Talmuds und in andern heiligen Büchern, zitierte und deklamierte bald leise, bald laut, mit Pathos. Am Montag verließ er wie gewöhnlich sein Haus, aber ohne Schere und Plätteisen, im Hochzeitsrock, statt der Mütze den alten schäbigen Hut auf dem Kopfe, unter welchem das fettige Käppchen herausguckte, den großen Talisbeutel unter dem Arm. Er ging die drei Meilen zu Fuß bis zum nächsten Städtchen. Dort erbat er sich von dem Synagogendiener die Erlaubnis, vor dem Abendgebet eine kleine Predigt zu halten. Freilich waren in der Synagoge nicht mehr als 15 Menschen, die gewöhnlichen Synagogenbesucher, darunter auch einige Frauen; aber Chaim gab sich so viel Mühe, als stände er vor der größten Gemeinde. Er redete gut, gewandt, trotzdem es seine erste Droscho war, Um sich und «auch aus den kleinen Fenstern der. Frauenschul sah er begeisterte Gesichter. Nach der Predigt hörte er Münzen in einem Teller klappern, deren Klang in seiner Seele freudig widerhallte, und eine Hoffnung stieg in ihm auf. Als das Abendgebet beendet war, reichte ihm ein Mann vierzig Kopeken und lud ihn zum Abendbrot und Nachtlager ein. Vierzig Kopeken, welch eine Summe! Soviel hatte er mit seiner Schneiderei in einem ganzen Tage nie verdient. Und so wurde Chaim wandernder Maggid (Prediger). Zwar mußte er sehr viel wandern, denn sein Vorrat bestand nur aus drei Predigten, und er konnte daher nicht länger als drei Tage an einem Ort zubringen. Aber sein neuer Beruf befriedigte ihn dennoch; er verstand, das Geschäft zu seinem Vorteil auszuüben. Ab und zu gelang es ihm, jemanden zu finden, der für ihn eine Runde durch die Stadt machte, um auch von denjenigen für ihn zu sammeln, die seiner Predigt nicht beigewohnt hatten, und dies brachte ihm viel ein. Wenn er auf der Durchreise in einem Städtchen gerade einen Leichenzug sah, erkundigte er sich gleich, was für eine - Persönlichkeit der Verstorbene war. Erfuhr er, daß dieser einigermaßen zu den besseren Familien des Ortes gehörte, so folgte er dem Zuge und hielt auf dem Friedhof die Leichenrede, die er am Anfang ^seines Wanderns einstudiert hatte. Daheim bei seiner Frau verbrachte er jetzt nur die größeren Feiertage. So redete er und wanderte, bis sein Bart und sein schwarzer, langer Schoßrock ihre Farben änderten. Der erstere wurde grau, der letztere schließlich auch grau, aber zunächst grün. Der Hut und das Käppchen waren noch dieselben, und dennoch beugte sich das Haupt, als drücke eine schwere Last darauf. Er redete immer noch, obgleich in vielen Städtchen die Zuhörer die Nase rümpften, wenn sie ihn die Kanzel besteigen sahen und sich im voraus den Inj halt der Predigt zuflüsterten. Sie irrten sich nicht; sie konnten die alten Predigten wieder erkennen, wie undeutlich auch Rabbi Chaim sie mit der schon zitternden Stimme und dem zahnlosen Munde vor« ■ trug. Aber was schadet das! Das Rechtsgefühl beider, des Predigers wie des Zuhörers forderte, man solle Rabbi Chaim entschädigen dafür, daß er einen so weiten Weg zu Fuß zurückgelegt hatte, um zu ihnen zu gelangen, und sie gönnten einander ihre erbärmlichen Gaben. Wann hätte wohl Rabbi Chaim diesen Beruf niedergelegt? Diese Frage schien nie in ihm aufgetaucht zu sein. Vielleicht dachte er, sein Amt erst zusammen mit seiner Seele aufzugeben, aber nicht der Tod entriß ihn seinem Predigerberuf, sondern ein Mann zwantf ihn, wieder die Schneiderei au orgreifen, dieses ihm so -verhaßte Handwerk. Ein Mann, der Vor* steher. einer kleinen Gemeinde. Mendel Wolff! Dieser Name entschlüpft oft den dünnen, blassen Lippen, wenn Rabbi Chaim niedergeschlagen in seiner Ecke sitzt, nachdem er das furchtbare Wort „Schneider" von einem gereizten jungen Manne zu hören bekommen hat, oder wenn ihn der Hunger quält, und man ihm keinen Teller Suppe mehr borgt. Aber merkwürdig, der Name entschlüpft ihm, ohne daß Rabbi Chaim dabei zornig wird. Wirre Vorstellungen: eine quälende, unerklärliche Unzufriedenheit, wie sie oft Menschen überkommt, die nie über den Zweck ihres Treibens nachgedacht haben und mit ihrer Lebensweise sich und andern halb unbewußt großes Unrecht zufügen, Gewissensqual durch unerkannte Schuld, Reue über selbst zerstörtes Glück treten Rabbi Chaim vor die Seele zusammen mit den Ereignissen jenes Tages. Er fühlt, daß der Vorsteher Mendel Wolff ihm nichts getan hat; jemand anders ist sein Feind gewesen, aber er begreift nicht, wer der Feind war. Die Geschichte war so: An einem Novemberabend, als er eine Predigt beendet hatte und schon mit frohem Herzen das Klappern der Münzen im Teller vernahm, kam eiligst ein Jude aus seinem Geburtsstädtchen auf ihn zu und überreichte ihm einen Brief. Rabbi Chaim erschrak, als er den Boten und den Brief sah. — Ein Brief! Von wem konnte der denn sein? Doch nur von seiner Frau, und die hatte ihm doch niemals geschrieben! Wie sollte sie es auch, da er doch stets nur kurze Zeit an einem Platz verweilte! Er pflegte ja auch keine Briefe nach Hause zu senden. — Er konnte nichts Geschriebenes lesen; der Synagogendiener las ihm den Brief vor: Der Bader seines .Städtchens teilte Rabbi Chaim mit, er solle sofort nach Hause kommen, seine Frau liege im Sterben. Sogleich mietete er ein Fuhrwerk und fuhr ab. Die Wege aber waren aufgeweicht, und erst am dritten Tage gelangte er in sein Städtchen. Müde, hungrig und durchnäßt trat Rabbi Chaim in den dunklen Vorraum seines Häuschens. Es war schon nach Mitternacht. Er erschrak, als er dasselbe offen fand, denn es pflegte abends abgeschlossen zu sein. Einen Moment stand er im Dunklen an der Tür seiner Stube und horchte, aber er hörte nichts. Nur von der andern Seite des Vorraumes, wo der Stall für seine Kuh war, vernahm er das tiefe, schnelle Atmen und das Fletschen des Tieres beim Wiederkäuen. Rabbi Chaim drückte die Türklinke nieder. Mit dem ersten Blick sah er alles: In der Mitte der Stube, auf dem Boden, wie es in Rußland Sitte ist, barg eine schwarze Decke etwas, wie die Gestalt eines langen, hagern Körpers. Aus dem oberen Ende guckte ein weißes Kopfkissen hervor. Einige fast niedergebrannte Talgkerzen standen in den Messingleuchtern herum, in welchen seine Frau am Sabbat die Kerzen zu entzünden pflegte. Neben dem Fenster auf der Holzbank saß eine alte Frau, die Totenwächterin, und schlummerte. (Fortsetzung folgt.)