Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1938)
- Date
- 1938-03-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 10 Nr. 9 Der Israelit 3. März i938 Historische Notizen. Zusammengestellt von S. Geis in Jerusalem. Ein merkwürdiges Lehen. Der berühmte Oberrabbiner Jonathan Eibenschütz hatte vier Söhne. Sein jüngster Sohn Wolf, ein ta lentierter, phantasievoller Mensch, ging nach Oester reich und Ungarn, gab sich als Moschiach aus, mußte jedoch wegen Schulden nach Hamburg fliehen. Nach dem sein Vater durch Herausgahe seines Kommentars „Krethi" und „Plethi" zum „Jore Deah" ihm Geld verschafft hatte, ging er nach Wien, verkehrte mit dem Adel und erhielt die Verwaltung von Gü tern. Später siedelte er nach Dresden über, wurde Baron und baute sich einen prächtigen Palast. In seinem 60. Lebensjahre erschien sein Vater ihm im Traum und machte ihm über sein unjüdisches Leben Vorwürfe. Von da an lebte er nach dem jüdischen Gesetz, verheiratete sich auch (Amalie Bloch aus Breslau), bekam drei Töchter und starb 1806 im Alter von 66 Jahren. Aus dem Zeitalter der Assimilation. Der Wiener Oberrabbiner Dr. Güdemann (1835 bis 1918) wandte sich auf einem jüdischen Gemeinde tage unter allgemeiner Zustimmung gegen den „Un sinn" jüdischer Vornamen, da solche zur Taufe Ver Zulassung bieten können. Dr. Gustav Karpeles, Berlin, schrieb in seiner „Allg. Ztg. des Judentums" anläßlich des siebenten Zionistenkongresses; „Wir betrachten uns nicht länger als eine Nation, sondern als eine religiöse Gemeinschaft und er warten daher weder eine Rückkehr nach Palästina noch einen Opferdienst unter den Nachkommen Arons noch die Wiederherstellung irgendwelcher auf einen jüdischen Staat bezüglichen Gesetze," Die ersten jüdischen Zeitschriften in Polen waren assimilatorisch. 1823 und 1824 erschien in War schau „Der Beobachter an der Weichsel", herausge geben von Anton Eisenbaum, dem späteren Rektor der Warschauer Rabbinerschule, ohne dessen Genehmigung niemand einen Rabbinerposten in Polen bekleiden durfte. Auch die während des Jahres 1867 wöchentlich in Warschau erschienene „Warschauer jüdische Zeitung", herausgegeben von Hillel Gleitstern, diente nur der sogenannten Aufklärung. Trotz der bestialischen, von der Regierung selber inszenierten Pogrome in Rußland gehörte das Vorstandsmitglied der Wiener jüdischen Gemeinde, Ritter von Taussig, zu denen, die die große Anleihe Rußlands im Ausland ermöglichten. Auf die scharfen Proteste der jüdischen Presse reichte Taussig seine Demission ein, aber seine Kollegen im Vorstand ersuchten ihn um Zurücknahme seiner Abdankung. Diese Sympathie braucht nicht zu verwundern, denn um die gleiche Zeit (1906) erklärte in einer Sitzung dieses Vorstandes ein anderes Mitglied namens Wilhelm Kuffner: „Mit dem toten Plunder der hebräischen Sprache muß man aufräumen." In dem gleichen Wien traten von 1868—1903 nicht weniger als 9100 Juden zum Katholizismus über. Max Nordau und die Religion. Der aus der Orthodoxie stammende Philosoph Prof. Dr. Ludwig Stein — sein Vater war Dajan der Adaß Jisroel in Berlin — ließ im Jahre 1905 sein Werk „Der soziale Optimismus" erscheinen. Max Nordau widmete dem Buch in der Wiener Zeitung „Neue FreiesPresse" eine Besprechung, die zeigt, wie dieser große umstürzlerische Radikale in seinen älteren Jahren die Bedeutung der Religion zu würdigen gelernt hat. Er schreibt wörtlich: „ . . . Optimismus ist eine Weltanschauung, und eine solche verträgt die Einschränkung nicht, die im Beiwort „Sozial" liegt. Ein Philosoph, der sich als Optimist bekennt, muß menschlich befriedigende Antworten auf die furchtbaren Ewigkeitsfragen „Woher", „Wohin", „Warum", „Wozu" haben. Was soll das Leben, wenn es doch im Tode endet? Was taugt uns das Bewußtsein, da die letzte Ursache ihm doch immer verborgen bleibt? Welchen Sinn hat das Werden, da alles Gewordene alsbald ein Gewesenes ist? Warum Wollen, warum Streben, da alle Entwicklung des Einzelnen, der Gattung, des Planeten, des Sonnensystems, des Weltalls doch im Chaos und zwecklosen Wiederbeginn aufgeht? Wenn die Kreatur die Anklagefragen der Natur ins unbewegliche Sphinxantlitz schleudert, kann keine Philosophie Beschwichtigung säuseln. Antworten auf sie hat nur die Religion. Sie allein wagt zu versichern, daß dem suchenden Menschen einst die volle Erkenntnis gegönnt sein wird, daß sein Leben mit dem Maße der Unendlichkeit gemessen ist, daß Gut und Schlecht ihre Wurzeln in einer Allweisheit haben, daß strebende Tugend das Paradies erobert, die Religion allein hat das Recht, Optimismus zu predigen ..." So hat also Nordau, der Nachkomme Abarbanels, und damit auch ein Nachkomme Königs David, zuletzt doch das begriffen, was seinen, großen Vorfahren das Heiligste und Höchste war. Die „Ica". Der große Philanthrop Baron Hirsch in Paris gründete im September 1891 die Jewish Colonisation Association (Ica) mit fünfzig Millionen Francs in der Form einer Aktiengesellschaft. Vor seinem Tode — er starb 1896 kurz nach seinem einzigen Sohne — schenkte er den jüdischen Gemeinden in Brüssel. Frankfurt und Berlin, der Anglo-Jewish Association in London und der Alliance Israelite Universelle in Paris die Aktien; außerdem vermachte er der Ica noch 150 Millionen Francs. Der Zweck der Ica ist: Unterstützung der wegen politischer Unterdrückung auswandernden Juden. Gründung von Kolonien für landwirtschaftliche, kaufmännische und andere Zwecke. Gründung und Förderung von Schulen, Bauten, Industrien usw., die zur Auswanderung vorbereiten. Subventionierung von Vereinigungen oder Gesellschaften mit dem gleichen Zweck wie die Ica. Lehre und Leben. Zum 60. Geburtstag von Martin Buber (siehe Aufsatz Rosenheim in Nr. 6 des „Israelit", Seite 10) gibt der Schocken-Buchverlag einige Broschüren heraus, in denen prominente Männer, u. i. Franz Rosenzweig und Dr. Leo Baeck, über Martin Buber und sein Werk einiges sagen. Ernst Simon referiert vor Kindern und Jugendlichen über Martin Buber. In all diesen Würdigungen, besonders aber in der Rede Simons, wird die j ü - dische Wandlung Bubers durch seine Berührung mit dem Chassidismus und der Bibel s^ä«)i hervorgehoben. Daß der große Denker die Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen für sein praktisches Leben nie gezogen und auch nicht eindeutig genug gelehrt hat, sie zu ziehen, wird auch von Ernst Simon dön .Kindern verschwiegen. Dabei sagt doch Martin Buber selbst in einer seiner Schriften („Die Stunde., der Erkenntnis"): „Nicht der Umfang des geistigen Besitzes also gilt, nicht die Gründlichkeit und nicht die Schärfe des Gedankens, sondern, daß man, was man weiß, so wisse, und was man meint, s o meine, daß es sich unmittelbar ins gelebte Leben umsetzt und in die Welt wirkt". Aber auch das ist nicht eindeutig genug. Bücherbesprechungen. Eine Notwendigkeit. Dubnow oder . . .? Dubnow „Weltgeschichte des jüdischen Volkes". 19 25. Jüd. Verlag. Bd. I, S. 15. In den Erzählungen von der Verzweigung der Familien Abrahams, Lots, Isaaks, Esaus und Jakobs kommt die Tatsache der Rassenverwandtschaft und der politischen Rivalität zwischen Israel einerseits und Ammon, Moab und Edom andererseits zum Ausdruck. Dazu gesellt sich eine ganz offenkundige nationale Tendenz; zurückschauend sucht der biblische Geschichtsschreiber der späteren Zeit die Herkunft und die Eigenheiten der mit Israel wetteifernden Völker in einem unvorteilhaften Lichte erscheinen zu lassen. So haftet an Moab und Ammon der Makel ihrer Herkunft von einer blutschänderischen Vereinigung Lots mit seinen Töchtern. Ismael, der sagenhafte Stammesführer . . ., wird als außerehelicher Sohn- Abrahams hingestellt . . ." S. 22. „Man gewinnt sogleich einen Ueberblick über das Kulturmilieu, in welchem auf die allernatürlichste Weise, ohne jegliches Wunder, der Kern des sogenannten „Mosesgesetz.es" sich nach und nach entwickeln konnte. In dieser Aehnlichkeit offenbart sich aber zugleich die ursprünglich nahe Beziehung Israels zu den Quellen der babylonisch-kanaanitischen und ägyptischen Kultur der Urzeit." S. 56 „Das Vergeltungsrecht („Auge um Auge") war die Norm der Rechtsprechung." S. 64. „Das Volk schuf den G'tt nach seinem Ebenbilde." Diese kurzen Ausschnitte von wenigen Sätzen aus einem Werke von fünftausend Seiten genügen zur Charakterisierung der Tendenz des Ganzen. Es sind freilich schon zwölf Jahre verflo'ssen, seitdem das Werk — und zwar zugleich in russischer, hebräischer und deutscher Ausgabe — erschien. Diese Zeit hätte wahrlich genügen sollen, die thoratreue Judenheit, gegen deren heiligste Interessen D. deutet und schreibt, zu einer aktiven Tat aufzurütteln. Wohl hat ein Mann (Dr. Moses Auerbach) die Notwendigkeit verstanden und ein Geschichtswerk geschrieben,1) — doch der thoratreue Zibbur hat seine Pflicht flieht erfüllt, den Druck zu ermöglichen. So, greifei» denn Jahr für Jahr gerade Menschen, die wissen wollen, was die jüdische Geschichte ihrer durstenden Seele zu sagen hat, zu Dubnow. D. ist; bei jenen nicht jüdischen Bibelwissenschaftlern in die Schule gegangen, hinter denen instinktiv die Absicht wirkt, „den Nimbus des aus erwählten Volkes" zu verkleinern. Diese Wissenschaft sucht nach Aehnlichkeiten zwischen dem jüdischen Volk und den Völkern, mit denen es in Berührung gekommen ist. Hat man auf den Hammurabi-Täfeln das Wort „Schabatu" entdeckt, flugs! haben die Juden ihren „Schabbath" von den Babyloniern übernommen, trotzdem zwischen beiden so durchgreifende Unterschiede bestehen, dal) irgendwelche Beeinflussung nicht stattgefunden haben kann. Aehnlichkeiten müssen sich selbstredend feststellen lassen, — die Frage aber ist, ob die Unterschiede prinzipieller Natur .sind. Um einen Vergleich heranzuziehen: Zwischen einem Genie und dem Durchschnittsmenschen gibt es hunderte Aehnlichkeiten, — doch die eine Unähnlichkeit, die eben das Genie zum Genie macht, entscheidet. Wie leicht macht D. es sich auch mit seinen Behauptungen! So sagt er, der „Verfasser" der Bibel hafte Moab, Ammon und Ismael (= Edom) „aus offenkundiger nationaler Tendenz" den Makel ihrer Herkunft an. Das wagt er 2u behaupten, trotzdem das jüdische Königshaus in Ruth, der Moabiterin, seine Stammutter hat, und trotzdem König Schlomoh2) von seinen Söhnen Rechaw'am, den Sohn seiner Frau Naama, der Ammoinitin, zu seinem Nachfolger bestimmt. Wie läßt sich „Ismael" als außerehelich bezeichnen? An 24 Stellen betont die Thora die Pflicht, Fremde brüderlich zu behandeln. Der Fremde hat diesen moralischen Anspruch nach der 3]4 Jahrtausende alten Verfassung des jüdischen Volkes, während noch heute selbst die zivilisiertesten Staaten dem Fremden nur nach ihrem Belieben Aufnahme gewähren. Mit den Männern des moabitischen und des ammonitischen Volkes (beide Völker hörten mit den assyrisch-babylonischen Einfällen auf zu existieren) war die eheliche Verbindung verboten, weil diese sich dem auf der Wanderung befindlichen jüdischen Volke gegenüber unmenschlich gezeigt hatten — und Herzlosigkeit für alle Zeiten in Israel als Schändung der g'ttlichen Seele gefürchtet sein soll. . Einzig in dem Schrifttum der Menschheit ist der Satz zu Beginn der Thora, daß der Mensch im Ebenbilde G'ttes geschaffen ist. Dieses Wort trägt den Siegel G'ttes an sich und konnte zum ersten Male nicht von einem Menschen gedacht werden. Da vermißt sich D. der Blasphemie, das jüdische Volk habe nach seinem Ebenbilde seinen Begriff von G'tt geschaffen. — Nun noch aus den kurzen Musterbeispielen Dubnow'scher Denkweise das Jus talionis („Auge um Auge") als Norm des Rechts der Thora! Diese Erfindung verdankt unser Volk seinen Feinden, den Verdunklern seines Nimbus. Wie aber kann ein jüdischer Geschichtsschreiber sich ihnen anschließen? Im ganzen jüdischesn Schrifttum seit Tausenden von Jahren hat kein Rechtslehrer in „Auge um Auge"3) usw. etwas anderes gelehrt als Bestimmungen für die exakte Festsetzung der Geldehtschädigung. '.* Zwölf Jahre schon vergiften Hundertevon Stellen in D.'s Geschichte die Leser., Gilt braucht ein Gegenmittel. Aber es scheint, daß-die Hast der Zeit und die Ueberfülle der Berufsarbeit (nvp nYOjhrrn "ixp) selbst die sich als Thorajuden Fühlenden an der Besinnung hinderte. Möchten sie endlich einen Teil der Kraft, die sie dem Sklaventum ihres Berufs widmen, für die Notwendigkeiten zum Segen des jüdischen Zibburs, für die jüdische Zukunft ihrer Kinder autwenden! G. Wochenkalender. Vom 5. - 12. MärZ 1938 / Vom 2." — 0. Adar II 569S vav sj-i Samstag ni/rns 5 2 33 Sonntag 6 3 53 Montag 7 4 Dienstag März 8 TtK 5?13 Mittwoch 9 6 13 Donnerstag 10 7 T3 Freitag 11 8 ns Samstag (12 9 a nb^vn npoan »Tips rat? tot 'a mp'i rav 1) Vor etwa 5 oder 6 Jahren antwortete auf eine Bemerkung von mir im „Israelit"^ die „Jüdisch-Lilerarische Gesellschaft" gleichfalls im „Israelit", da» sie Auerbachs Manuskript herausgeben werde. Wohl durch die Ungunst der Zeiten ist es aber nicht geschehen. -') Es ist endlich an der Zeit, die hebräische Schreibweise zu benutzen, also Schlomoh (und nichi Salome-), Rechaw'am (und nicht Rehabeam) usw. s) Die Uebersetzung von rnnn mit „um" entspricJii nicht dem hebräischen Sprachgeist.