Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 9 (3.3.1938)
- Date
- 1938-03-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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März 1938 . Der Israelit Die fiinfklassige jüdische Oberschule. (Fortsetzung von Seife 1.) für die große Mehrzahl unserer Jugendlichen die Volksschule als die Regelschule anzusehen sei, daß aber, wenn nicht der Frequenz, so doch der Bedeutung nach die höhere Schule ein gar nicht hoch genug einzuschätzender Faktor des deutschen Judentums sei. In der Grundlegung 2ur Neuordnung des höheren Schulwesens weist der Reichs- und Preußische Minister für Wissenschaft, Erziehung und Vollsbildung auf zwei Momente hin, die der höheren Schule ihre größere Bedeutung sichern: „Das größere Maß von Verantwortung und Selbständigkeit" sowie „die Fähigkeit, über die Grenzen des eigenen Volkes . Tierauszuschauen, seine Eigenart und sein geschichtliches Schicksal im Vergleich mit anderen Völkern zu begreifen." Was für andere in normalen Verhältnissen lebende Volksgemeinschaften nur Ausnahme, und nur für diejenigen gilt, die später zur selbständigen Lösung von Lebensaufgaben der Nation herangezogen werden, ist angesichts der Tatsache, daß unsere Jugend insgesamt im Auslande ihre Existenz wird finden müssen, eine Notwendigkeit für alle, die in der Lage sind, den intellektuellen Anforderungen, die die höhere Schule stellt, zu entsprechen. IL Wenn die höhere Schule mit ihren erhöhten Anforderungen an Geist und Willen die für diese Zukunft erforderliche geistige und charakterliche Reife, eine vertiefte Kenntnis vom Juden- - tum, seinem Wesen, Werden und Wollen, und ein grundlegendes, sprachliches und reales Wissen vermittelt, dann arbeitet sie nicht nur an der Bildung, sondern bereits an der unmittelbaren Ausbildung unserer Jugend für die ihrer harrenden Aufgaben. - Das gilt vor allem für die Mittelstufe. In der Mitte zwischen Volksschule urtd der zum Abitur führenden Oberstufe haben sich die sogenannten mittleren Schulen (was nicht gleichbedeutend mit Mittelschulen!) einer besonderen Beliebtheit bei uns erfreut, auch nachdem das „Einjährige" seine Bedeutung eingebüßt hatte, weil sie der Jugend mit dem Abschluß einer bedeutsamen seelischen Entwicklungsstufe eine bemerkenswerte Erweiterung des geistigen Horizontes und Abrundung des Weltbildes, und, besonders auf äer^Realschule, ein praktisch verwertbares reaies. Wissen gab. Stoff und Darbietung-.trügen >fder Tatsache Rechnung, daß sich nachiErla.ngffng3ier 'mittleren Reife ein großer Teil , der Scmilef^ und Schülerinnen praktischen Berufen zuwandten. 'Die Neuordnung des höheren Schulwesens; in Deutschland bringt aber nun eine -Verkürzung der Mittelstufe und hat die Frage' auftauchen lassen, welchen Wert diese dann noch für diejenigen Schüler darstellt, die nicht weitergehen wollen. Auf der anderen Seite muß aber darauf hingewiesen werden, daß gerade j,die Verkürzung der Mittelstufe um ein Jahr ihre zwei Seiten hat. Sie zwingt wohl dazu, den Stoff zusammenzudrängen, das muß aber nicht notwendig ein Nachteil für die Schüler sein. In einer Zeit, wo alles darauf ankommt, das notwendigste Rüstzeug so früh als möglich und so übersichtlich als möglich zu geben, kann das eher zum Vorteil gereichen. Selbstverständlich nicht auf Kosten der Intensität. Der jüdische Lehrer wird in sechs bis acht Stunden schon Erkleckliches leisten, wenn richtig vorbereitet und wiederholt wird. Der englische Unterricht, der nunmehr drei Jähre früher und ohne Konkurrenz von seiten einer "andern lebenden europäischen Sprache einsetzt, wird aus der Neuordnung sicher Nutzen ziehen, aber auch die Realien, die Elementarmathematik, Physik und Chemie müssen in ihren wesentlichen Grundzügen nicht leiden, wenn die häusliche Arbeit die der Schule wirksam ergänzt. Freilich werden gewisse Extravaganzen, die die Arbeit besonders der oberen Klassen unserer Schulen mit allen möglichen Privatstunden belasten, und eine große Ueberbürdung zur Folge haben, wegfallen. Wenn die Verkürzung in Zukunft nur den einen Vorteil mit sich brächte, daß die Eltern mit dieser vielseitigen außerschulischen Inanspruchnahme der Kinder bis nach der Schulentlassung warteten, so wäre schon viel erreicht. Die Schulzeit wird zweckmäßiger in der Hauptsache auf die Schulfächer verwendet werden, die Zersplitterung der Kräfte und Vielfalt der Interessen, so bedeutsam sie sein mögen, führt oft genug nur zur Mittelmäßigkeit auf allen Gebieten. Es sieht freilich so aus, als ob die neueren Bestimmungen der mittleren Schule ihre Selbständigkeit nähmen. „Die gesamte Arbeit soll von vornherein auf das Ziel der Reife ausgerichtet werden." Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß der Stoff der früheren sechsklassigen Schule, die ein in sich geschlossenes Ganzes war, sich in Zukunft auf fünf Klassen verteilen und ein Ganzes bilden wird. Die Einführung des Lateinischjen in der dritten Klasse der Oberschulen für Jungen und der Wegfall der zweiten Fremdsprache (des Französischen) auf der Mittelstufe der Mädchenschulen wird nicht ohne Bedauern registriert, aber schließlich nicht nur formal, sondern auch praktisch nutzbar gemacht werden können. Welche von den drei Hauptsprachen des Romanischen für uns die Wichtigere zu werden verspricht, weiß heute niemand. Der eine wird Französisch, der andere Italienisch, der dritte Spanisch brauchen. Ihnen allen aber w.erden die Elemente des Lateinischen, die .in;;.dreijähriger Arbeit angeeignet werden, sehr''zu statten kommen. Die Mädchen aber werden mit einer gründlichen Ausbildung im Englischen, wozu für einige wohl auch private Kurse für Französisch eingerichtet werden könnten, vorlieb nehmen müssen. Im Zusammenhang mit der neuen Stundentafel muß noch auf einen Punkt hingewiesen werden, der nicht auf die leichte Schulter genommen werden soll: fünf Turnstunden hat die Woche! Soweit die räumlichen und technischen Verhältnisse es nur irgendwie gestatten, sollten sie dankbar in den Stundenplan der jüdischen Schulen hineingenommen werden. Sie bieten einen notwendigen Ausgleich für manche vei*~ Wochenrundschau, Zur Adaraktion des Keren Hajischuw. — Was ein Amerikaner in Frankfurt gesehen und nicht gesehen hat. — Vergessene Brüder. Zur Ada r - Aktion des Keren Hajischuw der Ä g udas Jisroel schreibt der Präsident der Agudas Jisroel-Weltorganisation, Jacob R o s e n heim: „Ein voller Erfolg der Adar-Aktion des Keren Hajischuw war sicherlich noch nie zuvor von so entscheidender Bedeutung für die ganze Zukunft des religiösen Aufbauwerkes in Erez Jisroel, wie heute. Die ganze Situation drängt zu einer großen, alle Widerstände überwindenden Kraftanstrengung. Wie auch die äußere politische Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Erez Jisroel sich gestalten möge, auf alle Fälle wird sowohl ihre innere Struktur, als auch ihr dauerndes Gedeihen von dem Einfluß abhängen, den die in Eres Jisroel siedelnde gesetzestreue jüdische Jugend auf ihre Umgebung auf die ganze jüdische Gesellschaft im heiligen Lande auszuüben vermag. Die Stärkung und der Ausbau der vorhandenen Hitjaschwut-Stützpunkte der agudistischen Jugend im heiligen Lande, und was nicht minder wichtig ist, die Vermehrung der Zahl dieser Stützpunkte in steigender Progression ist daher heute das ernste Anliegen der jüdischen Gesamtheit. Vau nicht geringerer Bedeutung ist es aber, der heran- _Nr. 9 Seite 3 Jprengegangene Gelegenheit zu gesunder Betätigung, die die Schule aus den verschiedensten Gründen nicht einfach den Sportverbänden überlassen kann. Abschließend kann zur Neuordnung des höheren Schulwesens für die fünfklassigen Schulen, die wohl in Zusammenhang mit der Mittelschule noch eine Korrektur erfahren dürfte, der Wunsch ausgesprochen werden, es möchte gelingen, für die jüdischen Anstalten ihrer besonderen Aufgabe entsprechend einige Abweichungen in der Stundentafel und Sprachenordnung zu erreichen. Vor allem aber müßte angestrebt werden, daß den fünfklassigen Anstalten ein sechstes Fortbildungsjahr, wenn auch unter Verzicht auf Berechtigungen, aufgesetzt werden kann, um die Schüler und Schülerinnen in diesem aufnahmefähigsten Alter, in einer großen Durcharbeitung der Werte des Judentums, in einer, ernsten Besinnung auf die Situation ihres Volkes und ihre eigene in ihm, und in einer Klärung der Forderungen des Tages jüdisch, geistig und praktisch auszurüsten für den Weg, den sie zu gehen haben. Das könnte gut mit einer Jeschiwa und einer Anlernwerkstätte für die Jungen und einem Frauenschuljahr für die Mädchen verbunden werden. III. Wir kommen auf unsere Eingangsworte zurück: Die jüdische Schule kann wieder Schule des Volkes sein. Das kann sie nur, wenn sie vom Geiste des Volkes getragen ist. Wir deutschen Juden, die die Not der Zeit zu besonderem Nachdenken über den bisherigen Weg unserer Erziehung gezwungen hat, haben besonderen Anlaß, eine den neuen Aufgaben entsprechende neue Erziehung zu wünschen. Und diese neue Erziehung hat nichts mehr mit dem Haskaia- Ideal vergangener Jahre zu tun. An die Stelle der Haskala trete die Hanhaga, das heißt nach jüdischem Sprachgebrauch nicht nur Führung, sondern auch Haltung. Die Schule hat nicht mehr gleichgültig zuzusehen, wie die Schüler sich persönlich führen. Ihr soll die verpflichtende Kraft innewohnen, die den Zögling von innen her und persönlich binde. Sie hat aber auch nicht zu be vormunden, sondern im Rahmen der Lehre den Willen zum eigenen Weg, zum eigenen5 Denken, zu eigener Verantwortung vor G'tt und zu eigener Aktivität zu wecken. ■^^■M^MH^HMBHMHÜ^HHMM^HHMMaiMaB wachsenden Generation eine Erziehung %a sichern, die imstande ist, Jungen und Mädchen zu aufrechten, tiefreligiösen und lebenstüchtigen Pionieren auf heiligem Boden zu erziehen. ' ri" Der Erlös der Adar-Aktion dient deh'hieitfangegebenen lebenswichtigen Gememschäftszvirecken. Möge daher keiner zurückbleiben, wenn es gilt, den Erfolg dieser Aktion zu sichern." * * .;• * l' In einem vom Tel Awiwer „Hazofe" wiedergegebenen Berichte eines amerikanischen Blattes aus Frankfurt lesen wir Dinge, über die auch der Frankfurter staunen muß. - Darüber kann man füglich hinweggehen. Was er aber in der Friedberger Anlage erlebt, ist dies: „Am Sabbatmorgen besuchte ich die große Synagoge, die vor 30 Jahren erbaut wurde und in all dieser Zeit ein Zentrum für Thora, Gebet und Wohlfahrt war. Hier waren Jeschiwoth, Talmud Thora-Schujen, Vereine für Brotverteilung, Krankenpflege usw. Und heute? . . ." Warum hat sich der Beobachter bei seinem Sabbatspaziergange durch die Friedberger Anlage nicht ein wenig weiter in Synagoge und Hörsäle hineinbemüht? Er hätte feststellen können, daß auch heute noch dort eine Jugend in der Jeschiwa frisch und froh dem Studium obliegt, daß im Hörsaal der Synagoge Menschen Kopf an Kopf sitzen und Vorträgen lauschen, daß auch die. Zahl der Beter hier GsD. nach -wie vor sehr ansehnlich ist. Auch die weiteren Angaben zeigen den wahren Wert einer amerikanischen Berichterstattung. * * * Der Vorsitzende des Jemenitenverbandes in Palästina, Herr S. Gulsko, veröffentlicht in der amerikanischen Presse einen Artikel, der den Notschrei der Juden in Jemen der Welt zu Gehör bringen will.