Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1938)
- Date
- 1938-02-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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, - » fj*S^*8^ö^5W%?W^W»i»^sr!We!raä Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 8 1938 Juden beschließen auszuwandern. Von Alberto Gerchunoff. Der bekannte argentinisch-jüdische Schriftsteller Alberto Gerchunoff hat in seinem Buch „Los Gauchos Judios" mit feiner Einfühlungsgabe Szenen aus dem Leben der jüdischen Kolonisten in Argentinien wiedergegeben. Nachstehend bringen wir in der Uebersetzung von Jeanne Bachmann eine dieser Episoden; I. Erinnerung an die Heimat. In der jämmerlichen, ewig schneebedeckten Stadt Tultschin, dieser Stadt der ruhmreichen Rabbanim und der uralten Synagogen, erfüllten die Berichte aus Amerika die Seelen der Juden mit Träumereien. Wenn einer der Wander-Rabbiner im Tempel predigte, wenn in den Telegrammen irgendeiner Zeitung von Odessa die Rede war von fernen Ländern der Neuen Welt, fanden sich die Juden im Hause eines angesehenen Gemeindemitglieds zusammen, um das Projekt der Auswanderung mit talmudistischer. Gründlichkeit zu erörtern. Jakob erinnerte sich dieser Zusammenkünfte wohl: Es war in jenen Zeiten, da der Ausnahmegesetze im Heiligen Russischen Reich immer mehr wurden. Die Picken der Kosaken zerstörten die ehrwürdigen Synagogen und die alten Heiligtümer. Aus Deutschland hatte man sie mitgebracht, diese geweihten Heiligtümer, an deren edlen Formen die Geschichte haftete. Das salomonische Doppeldreieck glänzte an ihrer Spitze, als sie auf Gemeindekarren durch die Straßen geführt wurden. Das alles konnte Jakob nicht vergessen. Er gedachte der Worte der Rabbanim, des Wehklagens der Frauen, als die Kosaken die heiligen Bücher in der Hauptsynagoge verbrannten, die die Vorväter der Stadt geschenkt hatten. Alles Volk trug Trauer. Es war am Vorabend von Schawuoth. Selbst die jungen Bäume, mit denen das Fest des Frühlings begangen wird, waren schwarz umflort, in Schwarz gingen die Frauen und Kinder und die Alten fasteten. — Damals war es, daß der Dajan, Rabbi Jehuda Anakroi, nach Paris reiste, um mit den Leuten des Baron Hirsch über die Organisation jüdischer Kolonien in Argentinien zu verhandeln. Und als er wiederkam, scharten sich die Juden um den greisen Gelehrten, der ihnen die frohe Botschaft brachte: „Dar Herr Baron Hirsch — G'tt mög' ihn segnen — hat versprochen, uns zu helfen, und mein Begleiter, Rabbi Zadock Kahn wird ihm bei der Durchführung des Plans zur Seite stehen." Und der Dajan nahm all seine in geistlichen Disputen geschulte Beredsamkeit zusammen, um eine wunderbare Zukunft des verfolgten Volkes auszumalen. Vor Rührung zitterte seine Stimme, als redete er im Taumel vom Gelobten Land. Mit den vom vielen Umblättern knotig und trocken gewordenen Händen strich er sich den langen weißen -Bart; seine kleinen lebendigen Augen aber glühten in prophetischem Feuer „Ihr werdet sehen, ja, ihr werdet sehen! Das ist ein Land, wo alle arbeiten, wo uns der Christ nicht haßt, weil dort der Himmel anders ist und Ehrfurcht herrscht in seiner Seele und Gerechtigkeit!" Die Worte des Rabbi Jehuda Anakroi gössen Frieden in die Seelen der Traurigen. Durch die hohen Fenster drang der Schein der Nacht und gab den elenden und hageren Gestalten ein gespenstisches Aussehen. Die Juden standen in Verzückung und stammelten: „Amen!" Sabbat Nachmittag trafen sich die angesehensten Juden von Tultschin im Hause Jakobs. Man sprach über religiöse Angelegenheiten, wobei der Dajan schwierige Fragen mit Argumenten auslegte, die er in denkwürdigen Disputen gesammelt hatte. Die talmudistische Gelehrsamkeit ebenso wie die populäre Schulweisheit, die Gesetze und die geheimsten Geheimnisse der Kabbala, sie waren ihm vertraut. Einmal erging sich der Rabbi von Tolno in Lobeshymnen auf Spanien, er schwärmte von dem freundlichen Klima und gedachte seufzend der Zeiten, da das Volk Israel auf spanischem Boden lebte. „Spanien", sagte er, „es könnte für uns das herrlichste, Land sein, ruhte darauf nicht, der Cherein der Synagoge." Der Dajan machte eine unwillige Geste. In Spanien war es, wo die Juden aufgehört haben, das Land zu bestellen und das Vieh zu hüten. Vergeßt nicht, geliebter Rabbi, was gesagt ist in Seraim, im ersten Buche des Talmud über das Leben des Landmanns: „Es ist das einzig heilsame und wert der Gnade G'ttes." Deshalb, als Rabbi Zadock - Kahn die Auswanderung nach Argentinien ankündigte, vergaß ich in meiner Freude sogar der Rückkehr nach Jerusalem, und ich dachte, vorerst gilt das Wort: „Zion ist dort, wo Freude herrscht und Frieden." —■ Alle werden wir nach Argentinien gehen, wieder das Land bebauen und unser Vieh hüten, das der Höchste segnen möge. Wenn wir zu diesem Leben zurückkehren, kehren wir heim zu unserer früheren Existenz, und so G'tt will, werde auch ich in meinem Alter diese Erde grüßen und unter ihrem Himmel die Kinder meiner Kinder segnen können!" Also sprach Rabbi Jehuda Anakroi, der letzte Vertreter jener großen Rabbanim, deren Weisheit über den Gemeinden von Spanien und Portugal leuchtete. Und indem ich diese seine Worte hier wiederhole, grüße ich in seinem Namen die Erde, äie mir Fredde gibt und Frieden, und wie die Juden, die ihn reden hörten, sage auch ich: „Amen!" II. Erster Drusch. Es war noch früh am Morgen, als die Taglöhner die letzten Säcke unseres ' Weizens 'wegschafften. Die Dreschmaschine stand still und im Schatten der Tenne tranken die Leute Kaffee; eine kräftige Sonne dörrte uns aus und ' streute ihre sengenden Strahlen über das gemähte Feld, das aussah wie eine goldene Bürste. Weiter weg, auf dem Weideplatz, in den trockenen Wasserläufen, rund um die kleinen Tümpel, grasten die Rinder mit langsamen, müden Bewegungen inmitten des Gekreisches der Teros (Sporenkiebitze). Der Bürgermeister der Kolonie, ein beredter und schlauer Alter, den die Nachbarn in einer Synagogenversammlung gewählt hatten, kommentierte die Ergebnisse der Ernte und lobte die Güte unseres Weizens. Er konnte kaum lesen und schreiben und aus der Schrift wußte er nur einige Stellen auswendig, die .er oft und gern zitierte, wenn er bei Lieferung einer Pflugschar oder beim Kauf einer Rolle Draht intervenieren mußte. An jenem heißen Morgen hielt er im Schatten der Tenne den Nachbarn eine Rede, in der er* die Vorzüge des Landlebens pries. ,Jch weiß sehr wohl," sagte er, „daß wir nicht in Jerusalem sind, ich weiß sehr wohl, daß diese Erde nicht die unserer Vorfahren ist. Aber wir säen und ernten Weizen und wenn wir des abends hinterm Pflug vom Felde heimkehren, können wir den Höchsten lobpreisen, weil er uns weggeführt hat von dort, wo wir gehaßt wären und in Elend und Verfolgung lebten." " „Aber der Weizen Beßarabiens ist weißer, als der der Kolonie," warf der Schächter ein und gab bedächtig seiner Unzufriedenheit Ausdruck: „In Rußland," sagte er, „lebt man schlecht, aber in der Furcht G'ttes und im Einklang mit seinen Gesetzen. Hier aber werden die Jungen zu Dörflern!" Der schrille Pfiff der Maschine trieb die Nachbarn auseinander. Nun war Moses Hinlein mit dem Drusch an der Reihe-; schweigsam stellte er sich neben dem fahrbaren Häuschen des Maschinisten auf. Er war klein und schmal und in dem kurzsichtigen Blick seiner runden winzigen Aeuglein glomm verhaltene Fröhlichkeit. Neben ihm stand sein im Elend des heimatlichen Dorfes alt gewordenes Weib und überdachte das Tagewerk, während Deborah, die robuste, geschmeidige Tochter, das Mittagessen bereitete. Die Arbeit begann. Wir stiegen auf Moses' Tenne, um die Garben herunterzureichen, indes die Taglöhner die wunderbare Maschine ölten. „Moses", rief der Bürgermeister, „hast du in Wilna auch gedroschen? Als Uhrmacher hast du dort gearbeitet, alte Uhren gerichtet und ein paar Rubel im Monat verdient. Hier aber, Moses, hier hast du Weizen, Land und Vieh!" Er erhob ein Glas Zuckerrohrschnaps und trank ihm zu: „Moses, wie sagten wir in Rußland: Ich wünsch* dir, daß dein Land stets fruchtbar sei und du die Frucht vor Ueberfluß nicht einbringen kannst!" Moses blieb schweigsam neben der Maschine stehen. In seinem Kopf gingen verschwommene Erinnerungen um an sein trauriges Leben in Wilna, an sein gequältes, bitteres Judenleben . . . Das große Rad drehte sich und das Körn fing an. sich zu ergießen wie ein Goldregen des gebenedeiten in Licht . getauchten Himmels. Feierlich hielt er die Hand unter den lichten Weizenstrom und Heß sie da lange Zeit. Sein Weib neben ihm sah voll Andacht zu und auch Deborah schaute. „Seht, Kinder! dieser Weizen ist unser . . ." Und über seine von langen Entbehrungen zerfurchten Wangen rannen zwei Tränen; sie fielen zusammen mit dem dicken Körnerstrahl in den ersten Sack seiner Ernte ... SprechsaaL Zur Beachtung. Man schreibt uns: Zum Thema „Zählung der hilfsbereiten Juden in Deutschland" möchte ich darauf hinweisen, daß die Spendenscheine den Aufdruck des Verses Exodus 30, 12 unter voller Ausschreibung des G'ttesnamens enthalten. Aus diesem Grunde dürfen die Scheine nicht unwürdig behandelt werden, insbesondere auch nicht verbrannt werden. Es empfiehlt sich, dieselben als Lesezeichen in die Gebetbücher zu legen. S. M. Briefkasten. R. L. L. in B.-K. Die Dr. Biberfeld'schen Aufsätze „Der jüdische Staat" erscheinen in den nächsten Tagen in Buchform. K. P. Wie uns vom Rabbinate der IRG. mitgeteilt wird, ist beim Genüsse von Zwieback größte Vorsicht geboten. Es darf nur solcher Zwieback genommen werden, der unter Aufsich des Rabbinats hergestellt wird. A. M. in D. und Andere. Der Bescheid steht noch aus. H. S. in D. Betrag eingegangen. Besten Dank! Kleidung für Auswanderer Frau F. MAIER M a ß K o n f e k t i o n p a hrgasse9 4 1 W D - Verarbeitung 1 Minute von der Konstabier. Wache Kauft im STRUMPFHAUS METZGER ZEIL 87 auch Herrenwäsche, Trikotagen und Badewäsche •/