Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1938)
- Date
- 1938-02-24
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 8 Der Israelit 24. lebruar 193« Kampf zwischen Zionisten und Nichtzionisten. London, 21. Febr. In der gestrigen Sitzung des „Board of Deputies' wurde der durch den Rücktritt von Lionel L. Cohen freigewordene Sitz des Vizepräsidenten neu besetzt Die Wahl war eine Kraftprobe zwischen den zionistischen Elementen, die den „Board" seit langem systematisch zu beherrschen suchen, und der älteren Führerschicht, die zwar ebenfalls pro-palästinensisch ist, aber innenpolitisch den jüdischen Nationalismus ablehnt. Die Zionisten trugen mit der knappen Mehrheit von sechs Stimmen den Sieg davon, indem Dr. Israel F e 1 d m a n n mit 127 Stimmen gewählt wurde, während der bekannte verdienstvolle Philantrop Otto Schiff, trotz seiner überparteilichen Beliebtheit es nur auf 121 Stimmen brachte. Zur Förderung der sachlichen Zusammenarbeit im „Board" wird dieses Hineintragen parteipoliti scher Prestigefragen in das Gebiet der kommunaler. Arbeit gewiß nicht beitragen. Sir Oswald E. d'Avigdor Goldsmid wurde zum Ehrenmitglied gewählt. Der „Board" beteiligte sich an der Ehrung von Chief-Rabbi Dr, H e r4 z , der diese Woche sein fünf *ndzwanzigjähriges Amtsjubiläum beging. Eine offi »ielle Feier wird noch stattfinden. Australien. Einwanderungsmöglichkeiten in Australien. (Aus einem Privatbrief an das Organ des Reichsbunies jüdischer Frontsoldaten „Der Schild" Nr. 7.1 Sydney, 20, Febr. ... Weiter will ich Ihnen nun über die Aussichten hier berichten, muß mich jedoch kurz fassen wegen Luftpost. Gute Aussichten haben: Elektriker, Werkzeugmacher, Metallarbeiter, Feinmechaniker, (Optiker, Uhrmacher), Radiofachleute (Monteure), Schlosser, Bauhandwerker, Maurer, Zimmerleute, Automonteure, Goldschmiede, Tischler (Maschinenarbeit.'), Schuster, Pelzfärber, Damenschneider, Gärtner, Farmarbeiter, Ingenieure jeder Kategorie, aber nur dann, wenn sie perfekt englisch sprechen (Fachausdrücke!) und auch praktisch arbeiten können. Grundbedingung für alle: Englisch wenigstens soviel, daß Verständigung möglich ist. Neu umgeschichtete Kräfte haben wenig Aussicht auf Erfolg, das Tempo ist amerikanisch, es wird enorm viel verlangt, es wird aber auch sehr gut bezahlt; jüngere Leute zwischen 17—22 Jahren können nach meiner Ansicht wohl immer untergebracht werden. (Und wie ist es. mit dem Sabbat? Red.) - . ' Schlechte Aussichten sind z, Ztv. für; Herr©»- Schneider, Bäcker, Schlächter, Kürschner'ttrid Klempner. Kaufleute ist ein Kapitel ftir sich; nur wenn sie ganz JEb:ef$£nd Englisch" sprechen (Wort und Schrift) und außerdem über Mittel verfügen, sonst ist es aussichtslos für Kaufleüte. Das wären im großen und ganzen wohl die Hauptberufe, welche in Frage kommen. Natürlich kann außerdem jeder nach Australien, wenn er über L s t. 10 0,— Landungsgeld verfügt (bei Fachleuten nur Lst. 50.—), und wenn er einen Australier hat, der für fünf Jahre fü fi h n bürgt, oder aber wenn er selbst eine dementsprechende Summe mitbringt, D a s Leben an und für sich in Sydney oder im Lande selbst ist nicnt sehr teuer, z. B. kann eine vierköpfige Familie in Sydney gut mit 4% Pfund leben, ein Junggeselle, je nach : dem, mit IV2—21/» Pfund. Gehälter für gute Fachleute z. B. Feinmechaniker, wöchentlich Lst. 5]/2 bis Metallarbeiter Lst. 5 bis 7, Damenschneider Lst. 5 biß 8 USW., jüngere Leute unter 20 Jahren haben natürlich weniger, z.B. Automonteure von 18 Jahren wöchentlich Lst. 3, Es gibt keine Kündigungsfristen hier. Leistet man nicht genug, dann fliegt man; ist dagegen der Chef zufrieden, so bekommt man sehr schnell Aufschlag, Das Klima spielt auch >eine große Rolle; manche können es nicht vertragen, speziell den, Hochsommer, die Temperaturen schwanken zwischen 25—35° Celsius im Schatten und außerdem ist meis-.. tens die Luft mit Feuchtigkeit, gesättigt, pft bis 30 bis 85 Prozent; es dauert eine gute Weile,-: bis man akklimatisiert ist. Adelaide, Perth, Freemantie, Bris^ bine sind heißer; Melbourne und Sydney ungefähr ein Klima, wie oben angegeben; in Melbourne ist es im Winter kalt, in Sydney dagegen nicht; z. B. wo ich bin, 120 km von Sydney, im Sommer sehr heiß, im Winter kalt mit Frost und Eis. Der Durchschnittsaustralier ist stark einwanderungsfeindlich; auf jeden Fall hat man hier als Fremder alles „very. nice" zu finden, und man muß alles nur loben. Sonst ähnelt das Leben hier in vielen .Dingen dem englischen Leben (englischer Sonntag'Äsw.) Nach fünf Jahren kann man ohne weiteres Australier werden. Vermischtes. Berlin, 15. Febr. Vor einer lebhaft interessierten Zuhörerschaft fand in der an der Peripherie der Stadt gelegenen Synagoge „Ohel Jizchok am 12. Februar ein Geraeindeabend statt. Der Vorsitzende der Synagoge, Herr Daniel Baruch, eröffnete die Veranstaltung mit der Erklärung des Wertes einer Kehilla/' zu deren Bestand jedes ein zelne Synagogenmitp;ied durch rege Teilnahme an den g'ttes dienstlichen Veranstaltungen beiträgt. Be sonders hervorzuheben und bedeutungsvoll für den Bestand der Kehilla ist die Tatsache, daß die Syna goge eine sehr bewußte, aktive Jugend hat. R.-A. Dr. Alfred Klee erörterte das Problem der Auswanderung. Es kommt nicht darauf an wohin man auswandert, sondern, wie man auswati dert, Jedem Auswanderer muß es eine Selbstver ständlichkeit sein, mit dem Daheimgebliebenen in reger schriftlicher Verbindung zu bleiben. Der Aus gewanderte soll in der Ferne seine jüdische Solidarität beweisen, im'geschäftlichen und, privaten Umgang mit den Schicksalsgenossen. Im Gegensatz zur äußeren Assimilation muß eine innerjüdische Assi milation vor sich gehen. Auch in glücklichen Ver hältnissen soll der Ausgewanderte seine Ausrichtung nach Osten beibehalten und in Erez Israel seine Zukunft sehen. Rabbiner Kurt Klappholz gab einen Ueberblick der Lebensweise der Juden nach der Tempel Zerstörung bis heute; Das geistige jüdische Leben spielte sich bis zum 17, Jahrhundert hauptsächlich im Beshamidrasch ab. Die Aufklärungsarbeit.brachte einen grundlegenden Wandel, Die geistigen Interes sen galten den äußeren Kulturgütern. Heute steht im Mittelpunkt des -Interesses die Auswanderung Mit der Umwandlung der äußeren Verhältnisse muß beim Auswanderer ein innerer Umbruch vor sich ge hen, wenn die Auswanderung, keine Enttäuschung bringen soll. Die Wirtschaftsstruktur muß sich wan dein. Landarbeit, körperliche und Handarbeit sind die Stützen einer guten Wirtschaftslage. Die Arbeit erhält ihren höheren Sinn von der Thora her. Das Erziehungsideal soll der Typ des jüdischen Jugendlichen sein, der Thora, wa Awoda verkörpert, Gute liturgische Gesänge, von Herrn Kantor Ja mes L e v y und Herrn Kantor Hartenberg wir kungsvoll vorgetragen, gaben dem Gemeindeabend einen würdigen. Rahmen. F. K, Personalien. Zum 25. Jahrzeitstag Louis Feist's V'^T- Nachrufe nach, dem Tode erscheinen , üm=-vieles häufiger und ausgeschmückter, als-die Wahrheit' es erlaubt. »Wenn aber nach 25. Jahren ekfem Zeitgenos-- sen das Bild .einer Persönlichkeit noch .greifbar nahe: und verehrungswürdig vor Augen steht und ihm der Verlust noch frisch fühlbar ■ ist, dann geschah die Würdigung zu Recht. Wer Louis Feist kannte« der am Rosch-Chodesch Adar scheni 5673 in der Kraft seiner Jahre mitten aus großzügigem^ materiellen und .ideellen Schaffen abberufen wurde, hat ihn nicht vergessen und bestätigt sicherlich das jüngst beim Austausch' vonErinnerungen gesprochene Wort eines ernsten Mannes: „Soweit ein Mensch vollkommen sein kann, war er es," Als Edelschüler Rabbiner'S. R. Hirschs verwandelte sich in seiner Seele die Himmelgsgabe der Thora zum irdischen Manirah und erhielt ihn auf dem Gang durch die Wüste, zu der die Menschheit auf G'ttes gesegneter Erde ,das Leben gemacht hat. Seit unserm Vater Awraham haben die Besten Unseres Volkes 'stets erstrebt, zum: Segen, zu sein. In diesem Wollen •fühlten': sie sich 'schon'gesegnet unabhängig davon, ob sie wenig oder; viel ari materiellen Gütern erreichten.' Reichtum werteten sie als verantwortungsvolle Verpflichtung, als , von G'tt gestellte Prüfung. Louis Feist kam aus einem Bürgerhaus des Frankfurter Ostends, Das Ostend bedeutet schlichtes Bürgertum. -Louis Feist blieb auch, als -'er schon der Großindustrielle war, dem Ostend und; dessen Tendenzen treu und lächelte Verzeihend und gütig, wie es ihm eigen war, über den Zug nach?, dem Westen, nach Glanz und Repräsentation. Dabei fiel er in. jeder Gesellschaft durch sein natürliches, unbewußtes vornehmes und repräsentables Auftreten unwillkürlich auf, trotzdem ihn an Wuchs viele überragten. Er, der rastlose, weitsichtige Seniorchef eines Weltunternehmen, ist in keinem Augenblick zum Sklaven seines Berufes geworden, daß die .Hast den Atem gekürzt und die Ueberfülle als schwere Arbeit seine Kraft aufgezehrt hätte. Mitten aus der Tätigkeit heraus war er stets frei für jegliches gute Werk, mochte es einem einzelnen oder einer Gesamtheit gelten. Aber auch in seinem Berufe kannte er nur die Prinzipien der Ethik vom Berge Sinai. Immer blieb er sich gleich: im Haus, im Berufr im öffentlichen Wirken. Seine große Allgemeinbildung, seine reiche Weltkenntnis, seine bedeutende soziale Position, all dies unterstand nur einem Richtmaß, der Erfüllung der Thora. Ein Freitagabend im Hause des früh Verwitweten im Kreise seiner Kinder war umstrahlt von reia ner, heiliger Sabbatatmosphäre. Kein nichtiges Wort fiel. Politik, Neuigkeiten und dergl. gehörten nicht zur Tagesordnung. Jüdische Interessen bewegten den Hausherrn. .. Eng war Louis Feist mit dem Wohl und Wehe der, Frankfurter orthodoxen Gemeinde „Israelitische Religionsgesellschaft" verbunden, und häufig war er ihr Präsident. Doch die Sorge um sie genügte ihm nicht. Sein Blick umfaßte das Schicksal des gesamten jüdischen Volkes, besonders von der Warte* der Thora„aus gesehen. So gehörte er zu den Gründern (1911), aktivsten Führern und großzügigsten Förderern der Agudas Jisroel. Seine Absicht war, wie er im vertrautesten Kreise äußerte, sich zu Gunsten seines Sohnes Martin (dieser prächtige Jüngling war einer der Gründer der Agudas Jisrpel-Jugendorganisation; er fiel schon zu. Anfang des Weltkrieges) vom Berufe zurückzuziehen und sich ganz einer großzügigen Propaganda für die Agudas Jisroel zu widmen. Er, der mit Warburg verwandt war und auch sonst über die ersten Finanzbeziehungen verfügte, hatte die Absicht, nach Amerika zu fahren, um zum Besten jder orthodoxen Judenheit, die in ihren Massen sehr arm ist, aber die Kraft der jüdischen Gesamtheit bedeutet, grbße Summen aufzubringen. Der Herr des Weltalls ließ seinen, treuen Diener sein Vorhaben nicht ausführen. Er berief . ihn im März 19.13 zu sich. Im August 1914 begann-der Weltkrieg, dessen Ende dem jüdischen ^ölke:. seitens der. Völker wieder den Anspruch auf» Erez, fsrael gab- Nunmehr muß die Organisierung: der -Orthodoxie uqr ter anderen Auspizien vor sich ^eheon, .als. im Jähf.e- 1913 vorauszusehen war. , 'vi.Saly Geis, i, Altona, 23. Febr. Am 24. ds. Mts. vollendet Frau. Rabbiner Eya D u c k e s z ihr siebzigstes; ^Lebensjahr. Diese stille vornehme Frau ist nie ln. die' öeff entliehkeit: getreten und ist ihr Haus ihre glänze "Welt. Weri^ Schüler ihres Mannes früh morgens^öder •äjb'ät abend'i zum: Lernen kommen oder am SchaKbos die/Chewri kadischa sich; dorixzum Lernen und " Beten versammelt^ immer wir.d jeder mit . gleicher; Freuhdlichkeijt empfangen und .begrüßt. Besondere " Verdienste hat sich Frau Rabbiner Duckesz in den Kriegs- und- Nach« kriegsjahren-.erworben.iHunderte von' Soldaten, Verwundete und Kriegsgefangehe kamen! in ihr Haus. Ohne- Hilfspersonal und- -unter.-Zurücksetzung ihrer Gesundheit hat sie und ihre Töchter Nächte hindurch allesr vor- und zubereitet, 'iin diesen einige behagliche Stunden ,zu bereiten. Jeden Schabbos kamen mit .Be^leitmahnschaffehl die Kriegsgefangenen .vor* allen1 Werften ,und Fabriken, wo, sie beschäftigt wa« ren,; um dort5 ihre Gebete zu verrichten und-frohe Sabbatstünderi: zu, verleben,-... Wir; . wünschen! Frau .Rabbiner Duykesz, an der Seite;ihres:,;Von uns .allen, ^verehrten Gatten, einen: frohen: Lebensabend, .vvmi[ ", C. 'K. Hamburg; 21. Febr, Der weltbekannte jüdische Gelehrte, Prof, Dr, Isaak M a r k o n , verlegt seiner* Wohnsitz nach Amsterdam. Herr Professor Markon bekleidete hier mehrere Jahre das Amt des Bibliothekars der Jüdischen Gemeinde und konnte von hier eine-reiche wissenschaftliche Tätigkeit, entfalten, die vornehmlich" im Jüdischen Lexikon, ~der Enzyklopädie Judaica und wissenschaftlichen Fachwerken : niedergelegt ist. ( Er gehörte in jungen . Jahren dem;Gelehrtenkreise : Harkawi-Ginzberg usw> in: Petersburg : an. ~ Wir wünschen Herrn Prof,.! Markon, der auch als1 Mensch' und .Gesellschafter Jioch ^geschätzt - ist, daß er in der neuen Heimat gleiche/.:.Verehrung und gleich reiches wissenschaftliches r Arbeitsfeld; finde. . Tann (Rhön), 21. Febr. Frau1 Jette Moses- ^eb. Friedmann, vollendete in körperlicher und geistiger" Frische ihren 9 8. Geburtstag. Möge der ~Jubilarin noch recht lange Gesundheit beschieden sein- N ' »*S>1»£ '