Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1938)
- Date
- 1938-02-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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f^^^S^^^^^^l^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^S^^^^p^^^^^ Seite 10 Nr. 7 Der Israelit 17. jFebruar 1938 Die Indiskretionen eines & Sozialarbeiters, f Es ist nicht grade eine alltägliche Erscheinung, daß eine von Haus aus den „oberen Zehntausend angehörige Persönlichkeit, die sich um den eigenen Lebensunterhalt niemals Sorgen zu machen hatte, ihre ganze Lebensarbeit restlos den Armen und Enterbten widmet, ohne etwa durch ihren Beruf als Geistlicher, als Ar2t oder Pfleger dazu gedrängt zu sein. Basil L. Q. Henriques, der unter dem oben wiedergegebenen feuilletonistisch klingenden Titel dem Englisch lesenden Publikum seine Autobiographie*) darbietet, darf den Ruhm für sich in Anspruch nehmen, in der Tat sein ganzes Leben der ärmsten jüdischen. Bevölkerung des Londoner Eastend geschenkt und — in späteren Jahren gemeinsam mit seiner Gattin — an die wirtschaftliche Hebung, vor allem aber an die moralische und geistige Erziehung der heranreifenden Generation seine besten Kräfte gesetzt zu haben. Der junge Henriques ist in einem fashionablen liberalen Hause West- Londons aufgewachsen. Sein. Großvater war der Gründer der ersten Reformsynagoge in Lon don, mütterlicherseits ist er der Familie Moses Montefiores anverwandt. Mit bemerkenswerter Aufrichtigkeit schildert er die Atmosphäre wurzelloser und widerspruchsvoller liberaler „Frömmigkeit", die ihn als Jüngling in Haus und Synagoge umgab, und scheut sich nicht, die theologische Grundlage dieser Art von Judentum als „kurios" zu bezeichnen. Von irgendwelchem Studium des Hebräischen, der Bibel oder gar der rabbinischen Literatur war keuii1 Rede, dabei aber beherrschte die Eltern doch ein gewisser Stolz auf den jüdischen Monotheismus in seiner Verbindung mit authochtoner britisch-staatsbürgerlicher Gesinnung, bei völliger Ignorierung praktischer jüdischer Lebensführung außerhalb eine-» anglisierten Reformg'ttesdienstes. Die Folge war, daß Henriques mit der ihm eigenen Ehrlichkeit das Fazit seiner Erziehung in dem Bekenntnis niederlegt, er „finde es bis auf den heutigen Tag leichter, die Mentalität eines liberalen Christen zu verstehen, als die eines orthodoxen Juden," Wie ist nun dieser geborene Westeuropäer zu seinen durch eine Welt von ihm geschiedenen östlichen Brüdern in Whitechapel gekommen? Charakteristischer Weise auf dem Umweg über die christliche Settlement-Bewegung, die er wäh rend seines zweiten Universitätsjahres in Oxford kennen lernte. Es war das im tiefsten Grunde heroische Leben der Aermsten der Armen in den slums von Bermondsey, wie es in Alees berühmtem Buche „Aeross the bridges," beschrieben war, das die idealistisch-humanitäre Gesinnung des jungen jüdischen Studenten mächtig ansprach und ihn schließlich zu dem Entschlüsse trieb, nach dem Ende der Studienjahre aus eigener Initiative und ganz der eigenen Kraft vertrauend in Stepnev einen „Klub für jüdische Knaben" zu eröffnen. Zwischen diesem unscheinbaren, improvisierten Klub mitten unter den armseligen, ungeheuerlich übervölkerten Häusern von St. George, den Henriques 1913 eröffnete, dem ersten jüdischen „Settlement" (soziale Siedlung) im eigenen Hause, das kurz nach dem Kriege im Januar 1920 zur weiteren Betreuung der inzwischen zu Zwanzigjährigen herangewachsenen Klub-Knaben und darüber hinaus als soziales Zentrum von ihm ins Leben gerufen wurde und dem schließlich 1930 mit einem' Kostenaufwand von Lst. 60.000 eröffneten prachtvollen „Bernhard Baron St. Georges Jewish Settlement" mit Vortragssälen, Theaterraum, Kinderspielplätzen, Synagoge, Verwaltungsraum. Wohnräumen, Restaurant, Klubs für Knaben und Mädchen, Turn- und Sportsäle, Apotheke, Kantinen, Bibliothek usw. — liegt ein Leben ununterbrochener, durchdachter Liebesarbeit an Körper und Seele der Aermsten der Armen durch Beratung und tatkräftige Hilfe in jeder Lebenslage. Der Reiz des Buches, in dem sich dieses Leben widerspiegelt, liegt . nicht in den an sich überaus wertvollen Betrachtungen über die wichtigsten Probleme der sozialen Arbeit, über Schulerziehung und Jugendpflege, Krankenversorgung, Rechtsberatung, Jugendgerichte, Gefängniswesen, Klubs und Hospitäler, Coedukation und religiöse oder moralische Beeinflussung, sondern in der Fülle der aus der Praxis geschöpften Einzelzüge, in den Anekdoten und Episoden aus dem Leben, die der Verfasser in seine autobiographische Darstellung verwoben hat. Als ein Beispiel diene die einfache Geschichte eines Eastend-Jungen, mit der Henriques seine Erinnerungen an den , Krieg abschließt: . David R. war, glaube ich, mein größter Held in Frieden und Krieg. Er war der Aelteste von acht und sie lebten zu Zehnen in der bittersten Armut, die denkbar ist. Die Mutter war siech, der Vater eine Bestie. So vernachlässigt, schlecht gekleidet und halb verhungert waren die Kinder, daß schließlich die „Nationale Gesellschaft zur Verhütung von Grausamkeit gegen Kinder" in Aktion trat und fünf von ihnen sogenannten Industrie-Schulen anvertraute. The Indiscretions of a Warden. By Basil L. Q. H e n r i q u e s. London. 1937. Met h u e n u. Co., Ltd. David betete seine Mutter ebensosehr an, wie eisernen spielenden Tunichtgut von Vater haßte, Er beklagte sich aber nie über die Leiden, die er zu ertragen hatte; er bat nie um Hilfe. Eines Abends, als er in meinem Zimmer furchtbar krank aussah, wagte ich ihn zu fragen, ob ich etwas für ihn tun könne. „Nein, ich glaube nicht," antwortete er. „Wie ist's mit Deiner Familie — kann ich ihnen irgendwie helfen?" Sein Gesicht strahlte, als er schüchtern um Nah rungsmittel für seine Mutter bat. „Aber, David, was ist mit Dir? Deine Kleider zum Beispiel — brauchst Du keine mehr?" „Sie sind ganz in Ordnung," sagte er. „Deine Stiefel," fragte ich, Er schaute mich etwas verlegen und unangenehm berührt an und sagte dann: „Nein, ich glaube nicht „Laß' mich sehen," bat ich. Er ging tatsächlich barfuß, weder waren Sohlen an seinen Stiefeln, noch hatte er Strümpfe an. Als ich bei meinem Regiment eintrat, meld&te er sich sofort bei derselben Truppe in der Hoffnung bei mir sein zu können. Er kam in ein anderes Bataillon und wurde dann entlassen, da er erst fünfzehneinhalb Jahre alt war. Als ich dann einer anderen Truppe überwiesen wurde, ging er gradewegs zur Maschinengewehr-Abteilung. natürlich wieder mit dem Erfolg, daß er nicht in meine Nähe gelangte. Er kam nach Frankreich, wo er verwundet wurde, rückte dann ein zweites Mal ein und wurde bis zum Waffenstillstand Kriegsgefangener. Als er befreit wurde, war er drei Tage und Nächte dem November Wetter ausgesetzt, zog sich eine Lungenentzündung zu, aus der sich Tuberkulose entwickelte. Er wanderte von einem Hospital und Sanatorium ins andere, immer höchst optimistisch in Bezug auf seine Genesung. Es gelang mir, seine Aufnahme ins „London Hospital" zu erwirken, wo er sich, wie Tausende vor ihm und nach ihm, außerordentlich glücklich fühlty Er wurde aus „dem London" entlassen, um in Sana toriums-Behandlung zu kommen. In der Zwischenzeit war seine geliebte Mutter gestorben und das einzige Familienmitglied, das ihn besuchte, war ein Bruder, der immer , nur kam, um Geld zu verlangen. Aber David hatte einen so wundervollen Charakter, daß er überall Freunde erwarb und er hatte Haufen von Besuchern, außer den Klub-Kameraden, meiner Frau und mir selbst. Er war immer zuversichtlich, es, werde besser — oder ließ es uns wenigstens glauben. Wenn andere in der Station dahinschieden, pflegte er zu sagen das sei nur, weil sie nicht genügend Mut gehabt hal ten, durchzuhalten. Bei allem bewahrt er sich einen einfachen, aber tiefen Glauben an G'ttes Liebe. Er war ein Mystiker und fühlte zu allen Zeiten G'ttes Gegenwart sich nahe. Wir mußten bald erkennen, daß es immer schlechter ginge. Er sehnte sich danach, ins East-End zurückzukommen. Eines der liebsten Dinge, die mir das London Hospital erwiesen hat, war, daß sie ihn di« letzten wenigen Wochen dort zubringen ließen, obgleich sie wußten, daß keine Hoffnung auf Gesundung sei. Als das Ende näher kam, wollte er meine Frau oder mich nicht mehr außer Sicht lassen und wir übernahmen es, abwechselnd im Hospital zu sein. Auf seine Bitte beteten wir viel zusammen, indem er selbst Gebete extemporierte — nicht Gebete um seine Genesung, sondern Bekundungen der Dankbarkeit für seine Freunde, für die Liebe, die ihm d"'e Schwester und das Pflegepersonal erwiesen, für den Klub, für das Leben selbst. Ich denke, er muß gefühlt haben,, daß er nur noch eine Stunde etwa zu leben haben werde, denn er verlangte nach Champagner -und als er ihn getrunken hatte, setzte er sich im Bett auf und san£ ganz klar und deutlich, was damals-ein populäres Volkslied war: „Dies ist das Ende eines herrlichen Tages," dann legte er sich nieder zum' Schlafe, um niemals wieder zu erwachen, aber sicher, um zum ewigen Leben zu erwachen bei dem Vater, den er so sehr geliebt und dem er ehrlich gedient hatte. So schied einer der unbekannten Helden des großen Krieges dahin." Henriques hat schließlich noch die Genugtuung gehabt, im Anschluß an sein Settlement 1934 auch noch einige zwanzig menschenwürdige Wohnungen in St. George herzustellen, ein wichtiger, ob auch winziger Beitrag zur Lösung des slum-Problems, das erst in der neuesten Zeit von der Stadt London energischer angepackt worden ist. Wenn man die spezifisch religiösen Kapitel in Henriques Buch auf sich wirken läßt, den Bericht über die von ihm geschaffenen eigenen G'ttesdienste und die meist-, gutmütige, wenn auch verständnislose Kritik an den.; überkommenen religiösen Einrichtungen und Bräuohen, so faßt einen das tiefe Bedauern, daß ein so. ganz und gar dem Dienste an jüdischen Menschen gewidmetes Leben nicht aus dem tiefen Borne des Thqrageistes, aus dem Reichtum der religiös-jüdischenTraditionsliteratur gespeist und gestaltet worden : ist. Welch* tiefgehende, unberechenbare Wirkungeji unter den Zehntausenden der jüdischen Bevölkerung des Londoner Eastend hätte ein Jude alten Schlages, ausgerüstet mit -Thorabildüng und Thorapraxis, unter solchen Lebensumständen ausüben können! Diese Erwägung darf die, Dankbarkeit nicht schmälern, die alle Leser des Henriques'- sehen Buches für das Buch selbst und vor allem für die Lebensleistung, die-dahinter steht, empfinden müssen. J. In einem palästinensischen Gefängnis, i. Nach langen Wegmühsalen, von Jerusalem über Tel Awiw und Haifa, gelange ich nach Akko un«i beeile mich, um zwischen den ersten 10 in d«r „Reihe" der Besucher zu sein. An dem großen Eisentor, dem Haupteingang i* die Regierungs-,,Pension", drängten sich Dutzende von Juden, um ihre Verwandten zu besuchen, die in der historischen Akkoer Festung eingesperrt sind. Die Besucher haben es für nötig befunden, kleine Kinder mitzubringen (sicher Söhne, auf deren Anblick die eingesperrten Väter seit Monaten begierig sind) und auch aller Art Pakete, große und kleine, mit allerlei Gutem gefüllt. Der Himmel ist mit schweren Wolken bedeckt, die jeden Moment mit einem Wolkenbruch loszüprasseln drohen, der uns, die wir draußen stehen, von Kopf bis Fuß durchnässen kann. Stürmisch schlagen die Wellen an den Strand, wehen starke Winde; so warten Juden in der Reihe auf zehn Minuten Besuchszeit, die ihnen wöchentlich einmal gewährt werden. n. Ein arabischer Polizist erscheint, notiert die Namen der Besucher und der zu Besuchenden. Es wird eine lange Liste. Aber damit sind die „technischen Formalitäten" noch nicht erfüllt. Der Polizist geht mit der Liste hinein, die eiserne Tür schließt sich wieder vor uns und wir warten weiter. Es vergehen Minuten, die sieh zu Viertel- Und Halbestunden ausdehnen. Endlich öffnet sich das Tor und wir treten in einen breiten Raum. An einem kleinen Tisch stehen fünf Polizisten, deren Aufgabe es ist, die mitgebrachten Sachen zu; „untersuchen". (Diese Aufgabe erfüllten sie derart gründlich, daß alles durcheinander kam.) Wieder vergeht eine geraume Zeit — und alles für die wenigen Minuten Besuchszeit. Nachdem die „technischen Vorbereitungen" erfüllt waren, treten wir laut Befehl desenglischen Sergeanten — Typ: „Micky-Maus" — in den Besuchsraum. Und hier kommt es zum schweren Wettstreit zwischen denen, die eine gute „Position" arn Stacheldraht, der die Gefangenen von den Besuchern trennt, erobern wollen. Ein großer Lärm entsteht. Hier und dort ertönen Rufe: „Wo ist er?" — „Komm hierher!" — „Da! Dort! Schalom!" usf. Ich suche währenddessen noch meinen „Klienten", dessentwegen ich aus Jerusalem hergekommen bin. Da vergehen fünf kostbare Minuten auf „meine Rechnung", III. Um sich seinem Gegenüber verständlich zu machen, bedarf es eines Stimmwettkampfes; wer am lautesten schreien kann, wird am ehesten von seinem Partner, der einige Meter entfernt auf der zweiten Seite des Stacheldrahtes steht, verstanden. Jedenfalls ist es auch mir gelungen, mich einigermaßen durchzusetzen und zu erfahren, welche Sachen am dringendsten benötigt werden und was sonst erledigt werden kann. Einen Moment schweifte mein Blick auf die Reihe der „verhinderten Verbrecher", ' wie sie nebeneinander Stehen und ihren Gesprächen mit Gestikulationen Nachdruck verleihen. Ich erkenne in der langen Reihe Dr. Lubotsky, Aba Achimeier, Erl Jabotinsky, Arber, Ing' Ginsburg, Ing. Liebermann und noch andere ..aus der Reihe" der Bewegung, die man hier in Schutzhaft gesetzt hat. . Der britische Sergeant, der steif auf seinem P.osten steht, klopft mit seinem Stock an die Wand und befiehlt den Polizisten, die Besucher zu verjagen. Alle Gespräche brechen in der Mitte äb; mit einem abgehackten „Schalom", Hahdwinken und- Tränen, endet der Besuch zehn ganze Minuten, um.derentwegen viele volle Stunden geopfert werden. Eine« schnellen Blick werfe ich auf den Hof des Gefängnisses. Lange Reihen: Gefangene drehen sieh um den breiten Hof. Auf den Dächern spazieren Polizisten. Gewehr in der Hand. Wer heraus will, hat viele Eisentore zu durchschreiten, an denen jeweils ein Gefängnisbeamter steht.- Die lam'e Autokolonne rührt sich von der Stelle und nach langem Winker«, an' die Gefangenen, die *uf dem Dache der arten Festung stehen (auf dem si« den Tag verbringen), verlassen wir das arabische Akko und :das Gefängnis, in dem unsere jüdische« Brüder unschuldig eingesperrt sind. (Aus dem Hebräischen in der Berliner Zeitung „Das jüdische Volk" wiedergegeben.)!