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Der Israelit · 1938-02-17 · Heft 7 (17.2.1938) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 7 (17.2.1938)
Date
1938-02-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 7 1938 AKIBA. Szenen nach dem Lehmann'schen Roman,' zusammengestellt von Karl Darmstädter. (Schluß.) 5. Bild. Volksmenge auf den Straßen. Unruhe und Aufregung. Einer: Habt ihrs gehört. Heut' kommt er heim. Die Schüler begleiten ihn. Ein großer Lehrer sei er geworden! Ein Anderer: Vor einem Jahr soll er unerkannt dagewesen sein. An der Tür soll er gehört haben, wie eine Nachbarin sein Weib Rahel veranlassen wollte, zu ihrem Vater zurückzukehren. Sie aber wies ein solches Ansinnen ab. Er käme bestimmt, wenn seine Zeit in Jabne vorüber sei. Stolz sei sie auf ihn. Das habe Akiba alles gehört und sei ganz still wieder fortgegangen. Jetzt wird Rahels Treue ' belohnt! Ein Dritter: Sie kommen! Viele Schüler sind bei ihm! Wie sie ihn alle verehren! Wahrscheinlich ist er schon ein großer Lehrer. Wir können uns rühmen, daß er hier in unserer Mitte wohnen wird! Ein Vierter: Eben geht Rahel ihm entgegen1 Sie kommen schon näher — — Viele: Friede mit Rabbi Akiba! Friede mit unserem Lehrer! Akiba tritt ein. Rahel mit ihm. Die Schüler folgen. Akiba: Dank euch allen für euren Gruß. Ewig währet G'ttes Gnade. Seht, meine Schüler. Da ist Rahel, mein Weib. Wäre sie nicht stolz und stark, bescheiden und bereit gewesen, alle Entbehrungen zu tragen, da wäre ich heute noch ein unwissender Hirtel Alles verdanke ich ihr! Und nun gehen wir, Rahel und ich, hin, um den alten Vater Kalba Sabua aufzusuchen. Wahr gemacht hat G'tt unsere Wünsche. Laßt uns ein wenig verweilen, Ruhe und Rast finden nach dem langen Weg. Auch euch, meinen Schülern, wird im Ort Lager und Speise bereitet. Morgen werden wir uns aufmachen. Bis dahin, Rahel, laß' uns des Wiedersehens uns freuen, du, die Kinder, der Vater. Rahel: Wie soll ich G'tt danken, daß er mich nicht kleinmütig werden ließ zu deT Zeit der Not. Er erhörte unser Flehen. Und nun gab er uns Segen. Vollkommen wird es sein, wenn zu G'ttes Segen der Segen des Vaters sich gesellt. Morgen werden wir ihn sehen. 6. Bild. Im Hause Kalba Sabuas. Kalba Sabua. Ein alter Freund. Der Freund: Du hast nicht recht, daß du so harten Sinnes bist. Weißt du, ob deine Tochter glücklich geworden wäre, wenn sie reich geblieben und nicht die Not des Lebens erfahren hätte? Du kennst die Worte der Weisen. K a 1 "b a Sabua: Ich kenne das Wort der Thora, das vom Kinde Gehorsam verlangt gegen das Gebot der Eltern! Der Freund: Und wenn nun deiner Tochter Gewißheit sich erfüllt hätte, und jener Mann ihrer Wahl ein gelehrter Führer in Israel geworden wäre? Kalba Sabua: Der unwissende Rinderhirt! Der Fre'und: Auch große Propheten in Israel waren schon Hirten, ehe sie den Ruf an ihr Volk ergehen ließen! Kalba Sabua: Wäre er es geworden, ich hätte es erfahren-- Der Freund: Was willst du erfahren in deiner Einsamkeit. Du verschließest dich vor der Welt, nagst an deinem Gram, bist verbittert. Ueberlege, wäre es da nicht besser gewesen, du hättest deiner Tochter deinen Besitz gegeben, auch wenn sie dein Aermsten in Israel heiratet, statt nun in Kummer deine Tage zu verbringen? Kalba Sabua: Es geht nicht um den Reichtum und um die Armut. Ich wollte keinen Unwissenden, den jedes Kind hätte belehren können über die Gebote in Israel. Der Freund: Vielleicht ist er heute ein Lehrer, der die Kinder unterweist in den Geboten — Kalba Sabua: Dann freilich wüßte ich, was aus meinem Reichtum werden sollte. So aber, gehe du und suche mir einen Weisen, den ich um Rat frage, der mir sagt, wie ich mit meinem Vermögen Gutes tun und armen Schülern der Lehrhäuser Lebensunterhalt beschaffen kann. Du weißt, ich bin alt und krank geworden in meinen Sorgen, in meiner Trauer und Einsamkeit. Ich kann keine beschwerlichen Wege gehen. Bringe mir einen Gelehrten in mein Haus. Er sei mein Gast, solange er wolle, und zeige mir, welchen Weg ich gehen soll mit meiner Habe. Der Freund: Ich will mich bemühen, den Mann zu finden, der würdig ist, dich zu beraten. 7. B i 1 d. Im Hause Kalba Sabuas. Kalba Sabua. Ein Fremder. Kalba Fabua: Du bist mir geschickt worden als Rabbi, der Bescheid weiß in den Gesetzen des Besitzes und Erbes. Ich möchte Deinen Rat erbitten. G'tt hat mich gesegnet mit — viel Hab und Gut. Es soll dienen zu guten Dingen, den armen Schülern und dürftigen Gelehrten die Möglichkeit geben, zu forschen in der Lehre des Ewigen. Berate du mich, in welcher Weise ich Bestimmungen treffen soll über die Verwendung meines Reichtums. Der Fremde: Naheliegend ist doch, daß du an die Menschen deines Hauses, deine Angehörigen denkst. Hast du niemand, der würdig wäre, dich zu beerben?Kein Kind oder Enkelkind? Da du nichts davon erwähntest, muß ich glauben, daß der Ewige dir den Segen der Kinder versagte. Kalba Sabua: Der Ewige segnete mich und machte mich reich. Er machte mich auch wieder arm. Eine Tochter hatte ich. Aber gegen den Willen des Vaters nahm sie meinen unwissenden Hirten vom F'elde zum Mann. Ehrlich war er und diente mir treu. Aber ich versagte meiner Tochter die Heirat mit dem Unwissenden. Sie gehorchte nicht, da verwies ich sie aus dem Hause und entzog ihr im Gelübde mein Erbe. Traurig ist mein Alter und einsam. G'tt strafte mich, indem er mein Kind ungehorsam sein ließ gegen den eigenen Vater. Ich habe keine Freude mehr am Leben. Der Fremde: Vielleicht tatst du vorschnell dein Gelübde. G'tt macht arm und macht reich. Er erniedrigt und erhöht. Er gibt den Menschen Weis-- heit und Wissen. Vielleicht erhöhte Er jenen armen Hirten und ließ ihn trinken an den Quellen der Lehre. Kalba Sabua, G'tt kann auch arme Hirten der Weide erheben, daß sie werden zu Hirten und Hütern in den Gärten und Weinbergen der G'tteslehre. Wenn dein Knecht nun begnadet worden wäre, zu lernen, zu forschen, um dann zu lehren und zu leiten, würdest du anders denken von ihm? Kalba Sabua: ^Willkommen wäTe er mir, und gastlich würde ich ihm mein Haus öffnen, doch weiß ich nicht, ob er in der Not und in der Armut nicnt überdrüssig wurde seines Weibes, und ob sein Eheweib, die Fülle und Behagen gewohnt war, nicht Überdrüssig wurde deT ewigen Not und des Plagens. Schwerverschuldete meine TochteT sich gegen mich. Vielleicht ist auch sie gestraft worden, weil sie ungehorsam "war gegen den Vater. Der Fremde: Warum sprechen die Menschen immer von der Schuld und der Sünde der Anderen und denken an die Strafen, die G'tt anderen Menschen auferlegte? Hast du in allem recht gehandelt, Kalba Sabua? Stehst du nicht heute einsam und traurig in deinem Hause, in einem leeren und stillen Hause, weil du dein Kind aus ihm verwiesest? Es mag sein, daß der Ungehorsam ein Unrecht war. Es mag sein, daß dein Gelübde auch ein Unrecht war. So hebt sich vielleicht beides ineinander aui. Unrecht ist mit Unrecht vergolten, wenn du es so nennen willst. Und über dem, was war, steht eine neue Zeit. Ich hörte davon, Kalba Sabua, deiner Tochter Mann sei ein Gelehrter geworden, in Treue sei er mit deiner Tochter durch die dunkle Not gewandelt. Aber er sei gestlegen von Stufe zu Stufe. Und nur eines fehle seinem und seines Weibes Glück — die Wiederkehr ins Haus des Vaters und die Auslöschung vergangenen Grames — — Kalba Sabua: Woher weißt du um diese Dinge? Kennst du gar selber Akiba ben Joseph, meinen ehemaligen Hirten? Der Fremde: Ich kenne ihn und weiß um seine Gesinnung. Und wie Joseph sich zu erkennen gab seinen Brüdern, so gebe ich mich zu erkennen dem Vater meines Weibes: ich bin Akiba.ben Joseph. Kalba'Sabua: Träume ich in meinem Alter? Sind meine Sinne schwach geworden, daß ich nicht mehr weißf was die Menschen reden in meiner Nähe? Akiba: Du bist wach, und deine Sinne täuschen dich nicht. Ich bringe dir Rahel, deine Tochter und deine Enkelkinder. Kalba Sabua: Akiba, mein Hirt und nun mein Behüter und der Hüter meines Kindes, du bist es. Ich erkenne deine Züge. Auch in den langen Jahren deines Lernens im Haus der Gefährten wich die Frische des windumwehten Gesichtes nicht von dir, bliebst du stark und kraftvoll, wie einst als du die starken Ochsen in die Furchen zwangest und dis Schafe über die Triften führtest. — Ach, nun lebt alles in mir auf, was einst war. Kannst du mir verzeihen? ■ Akiba: Du tatst ein allzu rasches Gelübde, mein Vater. Du warst ein wenig kleingläubig, wie jene sind, die am Anfang schon das böse Ende, am Beginn schon den Mißerfolg zu sehen meinen. Du glaubtest, die Erfahrung deines Lebens zwinge dich, so zu handeln, wie du tatst. Ich löse dein Gelübde. Es ist, als sei es nie gewesen. Du hättest es nicht gelobt, wenn die Zukunft dir bekannt gewesen wäre. Wir alle lernen aus den Erfahrungen des Lebens. Die Lehrjahre sind oft hart und grausam. Aber den Mühen entspricht der Lohn. Dir und uns werde er nun zuteil. Kalba Sabua: Besser seid ihr alle als ich, Ich habe doch gefehlt. Ich werde es gutmachen. Ihr werdet alles besitzen, was ich habe. Nun weiß ich Rat und bedarf deines Rates nur noch in anderen Dingen, mein weiser Sohn. Aber jetzt ist eine große und unendliche Sehnsucht in mir nach meinem Kinde, der Tochter meines frühverstorbenen Weibes. Mein G'tt, was habe ich getan, daß ich Rahel mir und diesem Hause fernhielt so viele Jahre lang. Bringe sie hierher, Akiba, so daß ihr hier seid, ehe der Abend hereinbricht. Ich will Sorge treffen, daß das Haus geschmückt werde mit den Blumen der Gärten und den Zweigen der Bäume, Ich will die Gewänder der Einsamkeit ablegen und das Gewand des Sabbat und Festtags anlegen an diesem Tage. Denn einzieht mein Kind in das Haus seines Vaters. Akiba: Lebe wohl. Bald sind wir alle froh vereint. 8. Bild. Auf dem Felde. Ak i b a. — Rahel. Rahel: Was sollen wir reden von den Freuden und von dem Weinen dieses Tages. Es gibt viele Tage und viel Geschehen im Leben, das voller Unbegreiflichkeiten ist und immer sein wird. Weißt du. wie Nachum, dein seliger Lehrer, der Friede sei mit ihm, zu sagen pflegte? Auch dies ist zum Guten. Akiba: Ja, auch dies ist zum Guten. Nun stehen wir am Ende dieser Zeit. Oder, wenn du willst, vielleicht auch wieder am Beginn. Es ist ein. doppelter Beginn. Die Vergangenheit kehrt wieder. Der Hirt stellt am Felde, da siehst du die Weideflächen. Da stehst du, mein Weib, die du einst standest beim unwissenden Hirten Akiba. Alle Jahre scheinen ausgelöscht, und alles kehrt wieder und zieht vorüber. Aber der andere Beginn gleicht jenem. Du stehst mit mir am Anfang des neuen Lebens. Glück ist uns zuteil geworden. Die Sorgen sind gewichen. Aber eine neue Herde schart sich um uns. Die Schüler im Weinberg des Ewigen, und das Volk, das bang in die Zukunft sieht. Es gilt, von neuem ein starker Hirt zu sein. Hilf mir in den Tagen, die kommen, und: werden wir schwach, und droht es, uns niederzubeugen, dann wollen wir den Blick zur Erde senken, mit der wir verbunden waren, die wir bearbeiteten und auf der wir stark wurden und heranwuchsen. Da sehen wir den Staub der Erde und denken an die Verheißungen der Urzeit. Und wenden wir schwach, dann blicken wir nach oben und sehen die Sterne und denken wieder an die Worte, die von Ihm ergangen sind an den Vater des Volkes, an Abraham. Rahel: Mein Akiba, versprachst du mir nicht für diese Stunde eine Gabe, ein Zeichen der Erinnerung? Akiba: Ich weiß es, Rahel, ich weiß, woran du denkst. Aber vergessen habe ich es nicht. Und auch ich tat ein Gelübde. Die Segnungen, die deines Vaters Güte uns zuteil werden läßt, sollen vor allem zugute kommen den Armen des Volkes, denn wir selber waren arm und wanderten durch die Stätten der Not. Und ein Künstler wird mit meisterhafter Hand den Schmuck verfertigen, den ich dir einst versprach. Eine goldene Münze soll das Bild der Heiligen Stadt tragen. Die Sonne soll aufgehen über den Höhen Jerusalems. Von Sabbat zu Sabbat verwahre es, aber wenn die Braut des siebenten Tages begrüßt wird, dann schmücke dich mit dem Bilde Jeruscholajims. Trage es im Glück und im Segen bis in die Tage des Alters. Vererbe es auf Kind und Enkel, Zeichen der Erinnerung an unser Geloben in schweren Tagen, Zeichen der Erinnerung an die Stadt des Heiligtums. Wir wollen nichts vergessen. Die Vergangenheit nicht, die Zeit meines Hirtenlebens nicht, und nicht die Zeit unserer Not. Und Jeruscholajims Bild an deinem Halse sage uns immer: Um unserer Brüder und Schwester willen, um unseres Landes und unseres Volkes willen, um Jeruscholajims willen, beginnen wir von neuem unser Leben und unser Werk. Rahel, du an meiner Seite, der Ewige über uns, — so schreiten wir von der Stätte der Jugendtage in das neue Leben hinein.

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