Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1938)
- Date
- 1938-02-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Die Gemeinschaff in der Zerstreuung. (Fortsetzung von Seite 1.) iralinstanz zur Regelung der jüdischen Auswanderung und Ansiedlung* unter Beteiligung sämtlicher Organisationen, die sich mit Auswanderung befassen, geschaffen werde, ist hie und da gehört und erörtert, aber noch nicht durchgeführt worden. Inzwischen verschärft sich die jüdische Situation in der ganzen Welt von Tag zu Tag. Pie Lage ist insofern schlimmer als zu allen anderen Notzeiten der Geschichte, als Vater Jakobs Gebet: „G'tt möge die Lager und Leiden -verteilen," nicht in Erfüllung geht, weil heute ein Ueberflüssigseiu der Juden sich aur der ganzen Welt bemerkbar macht, weil in unseren Tagen kein Kolumbus neue Welten entdeckt und sich nicht, wie beim Gerusch in Spanien, irgendwo eine neue Heimat in Nordafrika oder Holland auftut. Es ist ein 15?0v| ohne urPI Nordamerika, das mit 4l/2 Millionen Juden das größte Judenland der Welt ist, ist heute nur Einwanderundsland für Einzelne, die von Verwandten unter Garantie angefordert werden. Eine Generalanforderung im Großen an die heimatlosen jüdischen Wandermassen erfolgt von keinem Lande Amerikas oder Europas. Man sprach in alter Zeit von einem S a m b a t j o n , hinter dem Judenstämme ein glückliches Leben führten, zu denen man aber nicht gelangen konnte, weil auf dem Flusse Steinwellen hochgingen Heute ist für uns der ganze Ozean ein gro,- ßer Sambatjon. Hinter ihm leben Millionen Brüder glücklich und zufrieden, im Vollgenusse aller Rechte. Aber keine neuen Brüder können zu ihnen hin —, dieweil das Meer mit Steinen in Form von Bestimmungen und Einwanderungsgesetzen um sich wirft ... Gingen frühere Judenwanderungen noch in kompakter Masse vor sich, woraus die neuen Judenzentren entstanden sind, so gilt heute wie nie das D^B^n "pH YTlSöl "lTIDö- Nach verschiedenen Gegenden und Kontinenten gehen die Briefe an unsere Kinder, Freunde und Verwandten, die wir am Freitagabend auf dem Wege zur Synagoge in den Postkasten werfen, und Marken fremder Länder tragen die Briefe, die uns die Säbbatpost morgens auf den Tisch legt. Jüdische Briefmarkensammler haben es heute leicht . . . Was die g'ttliche Vorsehung mit dieser neuen Galüthzersplitterung, wie sie die Geschichte noch nicht kannte.^vor hat, — wir wissen es nicht. Eines aber wissen wir: Wir haben die Verpflichtung, dai§; Wanderheiligtum mit auf die Reise zu nejimen, d. h., überall, wohin wir kommen, die jüdischen Heiligtümer der Heimat zu verpflanzen, und das kann nur auf dem Wege der G r-u p p e n a n s i e d 1 u n g geschehen. Die Agü^las Jisroel arbeitet auf diesem Gebiete emsig imd findet Verständnis bei den Organisationen. Wir haben unsere Kinder selbstverständlich so auszubilden, daß sie sich überall zurechtfinden,sie mit Sprachkenntnis, allgemeiner Bildung, - handwerklicher Fachkenntnis auszurüsten, aber vor allem auch im Jüdischen so zu ertüchtigen, daß sie uns draußen im Strudel der neuen großen Welt nicht . verloren gehen. Man lese die Schreie aus der Seele derer, die in nichtjüdisehe oder un- und antijüdische Umgebung in Argentinien oder Brasilien einzeln geraten sind, in jäen Briefen an die Agudas Jisroel; uml zu wissen, was jenes Rundschreiben der Aguda bedeutet. Der Brief, den wir am Freitag vor Schul in den Kasten werfen, sei ein Aufruf an die Lieben in der Fremdp ,13313 IdV- ,,Wir bleiben im Geiste zusammen", und am Sabbatmorgen die fremde Marke auf unserem Kaffeetisch Symbol und Zeichen, daß unsere Kinder seelisch noch uns gehören. Der Lift, der vor dem jüdischen Hause steht, kann zur „heiligen Lade" werden, — wenn er die alten Heiligtümer in die rieüe Heimat überführt. Wo draußen der jüdische Mann das heimatliche Gebetbuch hervorholt, die jüdische Frau den heimatlichen Sabbatleuchter im-SabbatHcht erstrahlen läßt, da blinken Lichter aus der Heimat, und auch die Verbindung mit der alten Kehillo daheim, die kleiner und schwächer wird, bleibt. Der Jude wandert,;das Judentum, die Schechina, mit ihm. c Das ist der Sinn der von der Landesorganisation der Agudas Jisroel; in Deutschland ausgeschickten Fragebogen. Wochenrundschau, Die Revisionisten beschließen. — Man kämpft um ein Minimum an Sabbat. Unerfreuliches aus einer österreichischen Kultusgemeinde. Die groß aufgemachte Konferenz der R e v i sionisten in Prag ging nach einer ausgedehnton Generaldebatte und der Fassung von für die Revisionisten grundlegenden Resolutionen am Montagabend zu Ende. In den Beschlüssen kommen einige Wunschträume der Revisionisten in so bestimmter Formulierung zum Ausdruck, als wären sie schon lebendige Wirklichkeit. Innerhalb von zehn Jahren, heißt es da, bildet eine jüdische Mehrheit in Erez Israel die Grundlage für die Schaffung eines jüdischen Staates. Bis dahin bleibt das englische Mandat, ausgedehnt auch auf Trans Jordanien, in Kraft. Die Jewish Agency wird in eine weltjüdische Nationalversammlung verwandelt, die aus allgemeinen Wahlen hervorgegangen ist und der alle zionistischen Institutionen unterstellt werden, Selbstverständlich fehlt auch' die Garnison, ausschließlich aus jüdischen Regimentern bestehend, nicht. Den Minderheiten wird nationalkulturelle Autonomie und den Heiligenstätten aller Konfessionen voller Schutz versprochen. Eine entsprechende Bündnispolitik wird in Aussicht genommen. Für die allernächste Zeit wird die Einberufung einer internationa 1 e n Staatenkonferenz zum Zwecke der Lösung der Judenfrage gewünscht und die baldige Einberufung einer jüdischen Nationalversammlung. In den Beschlüssen wird auch über die Ernennung - des High Commissioners der Mandatarmacht bis zur Bildung des Judenstaates verfügt, und zwar könne diese Berufung nur nach Beratung mit der erneuten Jewish Agency erfolgen. Außerdem beeilt sich der Konvent in der „politischen Resolution" die L iquidieru n g des Teilungsplanes festzustellen und diese Preisgabe des erstgefaßten Planes mit Genugtuung mzu begrüßen. Daß letztere Feststellung-in krassem Widerspruch zu der jüngsten Erklärung des Kolonienministers O r ms by-Gore in der Mittwoch-Sitzung des Unterhauses.steht, stört die Herren in Prag sehr wenig, so wie sie sich überhaupt von den Dingen, wie sie heute einmal sind, in ihren Plänen, Entschlüssen, Bestimmungen und Verfügungen nicht im geringsten beirren lassen. Man muß zugeben, daß in vielem von dem, was in Prag gesprochen und. beschlossen wurde, mehr als ein Körnchen Wahrheit enthalten ist. Auch müssen die Gedankengänge, aus denen heraus sich der bestimmte und kategorische Wunsch nach Umwandlung der Jewish Agency ergab, im ganzen als richtig befunden: werden. Nur meinen wir, daß es doch ein wenig naiv, um nicht zu sägen kindisch, anmutet, so viele große Rechnungen ohne alle zuständigen Wirte zu machen ... Die Sabbatfcrage in. Tel Awiw ist immer noch nicht .gelöst. Man kämpft dort zur Zeit offiziell um den Sabbat — aber wie? Nach dem Statute der Irijah dürfen die Restauratioüen und Cafehäuser „nur" an bestimmten Stunden des siebenten Tages ihre Betriebe dem Publikum offenhalten. Wer denkt nicht dabei an die Sonntagsruhe in vielen Ländern der Diaspora, in denen man loyalerweise den sabbathaltenderi Juden einige Stunden am Sonntag'jfür die Arbeit frei' gibt? Hier aber, in der jüdischen. Stadt, gibt es keziieJSonntagsruhe und die absolute jBetriebsschließung amfjSabbat, wenn sie allgemein durchgeführt wird, bedeutet für keinen irgend einen Ausfall. Aber die Toleranz,; der kommunalen Gesetzgeber in Tel Awiw geht eben über die aller Verwaltungen in Europa hinaus ~ auf Kosten des Sabbat. , '; Die Orthodoxie war selbstverständlich mit dieser Regelung nicht einverstanden, glaubte aber, daß dadurch wenigstens die :Sabbatentweihüng gemindert wird. Auch diese bescheidene Hoffnutijj wurde getäuscht. Die Restäurateure und Cafetfere aller Art fügen sich der Verordnung nicht und lassen sich lieber bestrafen, bringen somit der Sabbatentweihung Opfer, wie ihre Väter der Sabbatheiligung Opfer brachten ... Ihre Kollegen demonstrieren, um so ihre Solidarität mit der „Antisabbatgemeinde" zu bekunden. Und damit die Komik nicht fehlt: Jüdische Aufseher werden von der Irijah angestellt, die diejenigen, die über die Freistunden hinaus ihre Betriebe offen halten, an Ort und Stelle, also am Sabbat aufschreiben und den Hergang protokollieren. Der jüdische Polizist in Tel Awiw, der den Autofahrer durch die Straßen am Sabbat als Verkehrsverbrecher aufschreibt, früher nur ein ausgiebiges Motiv für Witzblätter, gehört jetzt, wie wir dem Berichte des „Kol Israel" vom 20. Januar entnehmen, wirklich zum Straßenbilde . . . Wer lacht da noch? In einem öffentlichen Verweis, der vom Bürgermeister und den Stadträten an die Gesetzesübertreter ergangen ist, ist lediglich die Rede von einem „Verstoß gegen eine Verordnung der Irijah '. Kein Wort von der empörenden öffentlichen Uebertretung einer Grundlehre und eines Kardinalgesetzes der heiligen Thora im Lande der Thora! Sie erhalten den Rat, „auf legalem Wege" gegen die Verordnung anzukämpfen. Also legaler Kampf gegen den Sinai! . . . Schuld an diesen unhaltbaren Zuständen sind neben den Konsumenten, die in so reicher Zahl am Sabbat die Cafes frequentieren, auch die Mitglieder der Gemeinde in der jüdischen Stadt, einschließlich der gesetzestreuen Elemente. Haben sie doch die Männer als ihre Vertreter in die Stadtverwaltung geschickt, denen der Sabbat lediglich „ein Statut der Irijah" ist, dessen Einhaltung nicht einmal in den wenigen Stunden, auf die es sich beschränkt, durchgeführt werden kann. * * Der Kulturstand einer jüdischen Gemeinde spiegelt sich in ihrem Verhalten zu ihrem geistigen Führer, ihrem Ra b b i n e r wider. In einer bekannten Kehilla bei Wien sind die jahrelangen Streitigkeiten zwischen Kultusvorstand und Rabbiner in den letzten Tagen so weit gediehen, daß der Vorstand in einer Sitzung kurzerhand beschlossen hat, den R a b.b iner fristlos zu entlassen. Die Sache ' ist nun bei den zuständigen Gerichten anhängig, was gewiß nicht „zur Hebung der Ehre Israels" beitragen wird. Wir müssen darauf verzichten, zu der unerquicklichen Angelegenheit im Einzelnen Stellung zu nehmen. Grundsätzlich schließen wir uns aber den Bemerkungen unseres gesinnungsverwahdten Organes in Wien an, das u. a. darüber schreibt: „Es ist eine überaus peinliche Erscheinung, wenn ein Kultusvorstand, noch dazu ein solcher, der sich aus Männern zusammensetzt, die von religiösen Fragen nicht viel verstehen, sich herausnimmt, da den entscheidenden Faktor zu spielen. Diese Affäre ist allenfalls eine weitere Illustration dafür, wie wenig das geltende Kultusgemeindegesetz den religiösen Belangen entspricht und wie dringend da eine Remedur geboten ist. In einer Zeit geschaffen, da der sogenannte liberale Geist vorherrschte, billigte dieses Geset2 der Leitung der Kultusgemeinde die. weitestgehenden Rechte zu, schränkte aber die Kompetenz der Rabbiner überaus ein. Und so ist es möglich, daß ein Rabbiner auf Grund irgend eines Paragraphen des Gemeindestatuts fristlos entlassen werden kann, daß das geistige Oberhaupt einer Kehillo dem Gutdünken von Laien, zuweilen sogar der Animosität parteimäßig eingestellter areligiöser Elemente ausgeliefert ist . . . Das ist unter allen Umständen ein unhaltbarer Zustand, der dringend Abhilfe erheischt." Wie man hört, sieht die neue österreichische Verfassung u. a. auch die Schaffung eines neuen K u I - eindegesetzes vor. So darf t u s g e m man heute "schon die maßgebenden Faktoren darauf aufmerksam machen, daß im neuen Gesetze die Rechte und die Autorität des geistigen Führers in der Gemeinde etwas besser geschützt und gewährleistet werden, als es bis jetzt in Oesterreich der Fall war, Wochenkalender. Vom 19. - 26. Februar 1938 /Vom 18. — 25. Adar 5698 w sn nww Samstag 19 |18 n - Sonntag 20 19 i Montag 21! 20 *•>"' Dienstag Febr, 22 2 . 31 Mittwoch 23 22 y Donnerstag 24 23 T» Freitag 25 i24 n> Samstag 26 bs it) Kt&n 'a mip D^pP 's ^np'i Mtf wmn ]-o-!ao