Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1938)
- Date
- 1938-02-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 6 Der Israelit 10. Februar 1938 zen, die heute über den Mangel an Gesamtführung klagen. Gewiß, nicht das ist gemeint, das wissen wir.. Wir wissen auch, daß sich jene verlorene geistige Ein heit nach bald hundert Jahren Emanzipation nicht über Nacht wieder herstellen ließe. Was sich aber herstellen ließe und als Erstes uns so bitter nottut, wurde nicht deutlich genug ausgesprochen, nämlich der Zusammenschluß aller Parteien, Organisationen und Stellen, die sich mit der Auswanderung befassen, damit in einer Zeit, in der sich der jüdische Lebensraum in der Welt immer mehr verengt, nicht kostbare Kraft durch Parteipartikularismus unnütz vergeudet wird. Dieses Einheitswerk kann freilich nicht einseitig von der Zionistischen Vereinigung in Deutschland geschaffen werden, Auswanderungsprobleme sind aber heute nicht allein auf zionistischen Tribünen das gegebene Thema. In einer Berliner Synagoge unterhielt man sich im Rahmen eines Gemeindeabends über die jüdische Situation in dieser Zeit. Natürlich kam man über den Appell zur gesteigerten Anspannung der jüdischen Kräfte und die bekannten Ratschläge zur Berufsumschichtung hinaus auf die Auswanderung zu sprechen, und Moritz Rosenthal riet denjenigen, die sich zur Auswanderung entschließen, sich mit der Auswahl des für sie geeigneten Landes zu beschäftigen, bevor sie die Beratungsstellen aufsuchen. Grundsätzlich empfiehlt er die Gruppensiedlung und lenkt die Aufmerksamkeit auf die dünn bevölkerten Gebiete, die zumeist zum British- Empire gehören, wo sich weitgehende Möglichkeiten eines Ausgleichs eröffnen, der für die Hunderttausende auswanderungsfähiger und auswanderungsbereiter Juden in Mittel- und Osteuropa von großer Bedeutung werden könne. Gruppenwanderung! Gebiete des British-Empire! Wir wären nicht neidisch, wenn diese Anregungen, die zum Gedankengut der Agudas Jisroel gehören, nun auch Andere übernähmen und zu Leitmotiven der Auswanderungsfürsorge machten, Ueber den misrachistischen Chinnuch schreibt Oberrabbiner A m i e 1, Tel Awiw, in palästinensischen und polnischen Zeitungen u. a. wie folgt: „Wir haben GsD. nicht bloß allgemeine und lmksnationale Schulen, sondern auch Misrachischulen in ansehnlicher Anzahl. Leider vermissen wir den Aufstieg, vielmehr macht sich ein Niedergang bemerkbar. In früheren Zeiten betrugen die Schüler der Misrachischulen 40 Proz. der allgemeinen Schülerzahl im Jischuw, jetzt nur noch 24 Proz. Immerhin noch eine angesehene Minderheit. Leider aber ist nicht bekannt, wie viele von dieser Minderheit im Misrachi, d. h. auf dem Boden der Thora und Tradition bleiben. Hält man Umschau in den Misrachikreisen des Landes, einschließlich des Poel Hamisrachi, so kann man feststellen, daß all diese Gruppen sich aus Neueinwanderern zusammensetzen. Wo bleibt aber der Nachwuchs aus den Misrachischulen? Es müßten doch bereits Zehntausende da sein, die aus dem Chinnuch des Misrachi hervorgegangen sind. Wir suchen sie vergebens, während die Reihen der Anderen sich immer und dauernd durch den Nachschub füllen. Das liegt zum Teile an äußeren Faktoren, in der Hauptsache aber doch am Programm der Misrachischulen. Die oberflächliche Parole.: „Erez Israel für das jüdische Volk nach der jüdischen Lehre.'" genügt nicht, um die Grenze zwischen den, zionistischen und Misrachischulen genau abzustecken. Dieses Programm erweckt den Anschein, als gäbe es in der Auffassung der Begriffe „Erez Israel" und „jüdisches Volk" gar keinen Unterschied zwischen rechts und links. Die „jüdische Lehre" kommt als zusätzlicher Nachtrag und übt nicht die erwartete Wirkung aus. Die Erwachsenen, in deren H e.r z e n die jüdische Lehre an erster Stelle steht, nehmen an diesem Programm keinen Schaden, die jungen Kinder aber, die im Geiste dieser^ oberflächlichen Parole erzogen werden, gewinnen die Ueberzeugung, daß Land und Volk an erster Stelle stehen und es auf den kleinen Zusatz nicht mehr so sehr ankomme. Es kommt aber darauf an, dem Kinde beizubringen, daß Land, Volk und Thora keine drei verschiedenen Bezirke sind, sondern einen Einheitsbegriff bilden; es muß das Land der Thora und das Volk der Thora sein. Es ist damit nicht getan, daß wir zu der Ideologie von Achad Haam und Herzl noch die Lehren von Mosche Rabbenu hinzufügen. Das Kind muß wissen, daß die Lehren von Mosche Rabbenu oft im krassen Gegensatze zu jenen modernen Ideologien stehen. Und gerade das erfahren die jungen Kinder in den Misrachischulen nicht, die Kinder, die in einem Atem über die Lebensgeschichte und Wirksamkeit Yon Herzll, BialiK, Raschi und Rambam referieren." Wir geben hier die Ausführungen des verehrten Rabbiners und Misrachiführers wieder, nicht um gegen Misrachi oder sonst jemand zu polemisieren, sondern um uns selber zu sagen, worauf es auch beim orthodoxen Erziehungswerk in Erez Israel ankommt. Wir sind noch mehr als alle unsere Gegenspieler in Erez Israel darauf angewiesen, daß unsere Jugend bei uns bleibt, —- auch später und immer, auch wenn sie über die erste Jugend hinaus ist und durch Tat und Beispiel andere Jugend erzieht und anzieht. Unsere Erfahrungen in dieser Beziehung sind ermutigend. Von Dr. Ph. Biberfeld. (Schluß.) Das Land als Aufgabe, Ein grundlegender Irrtum ist es indessen, zu glauben, daß diese Schwierigkeiten erst in der Gegenwart entstanden sind. Soweit sie politischer Natur sind, ergeben sie sich aus der einzigartigen Lage des Landes und bestanden, wie bereits dargelegt, in ganz ähnlicher Form bereits seit Jahrtausenden. Nicht anders liegt es mit den ökonomischen. „Denn das Land, das in Besitz zu nehmen du hinkommst, ist nicht wie das Land Aegypten, aus welchem ihr ausgezogen seid, daß du deine Saat sätest und mit deinem Fuße, tränktest wie einen Krautgarten." (5, B. M. 11, 10). Das Gedeihen dieses Landes ist im Gegensatz zu anderen Ländern nicht den bloßen Konsequenzen einer einmal gegebenen Naturordnung überlassen. (S. R. Hirsch a. a. O. V. 12). Die politische und ökonomische Gefährdung des Landes ist demnach seine Bestimmung.' Der Verlauf der jüdischen Geschichte ist eine fortlaufende Illustration dafür, daß die sogenannte realpolitische Betrachtungsweise und die aus ihr ableitbaren Mittel demgegenüber unzulänglich sind, Umsonst hat der König Salomo sich aus realpolitischen Erwägungen mit Aegypten verschwägert. Seine Widersacher, insbesondere Jerobeam, werden von Aegypten unterstützt. Das führt zur Reichsteilung. Der frühere Untergang des Zehnstämmereichs ist im wesentlichen dadurch bestimmt, daß es vorwiegend mit Hilfe sogen, realpolitischer Maximen geleitet wurde, in denen das assimilierte Königtum das alleinige Heilmittel erblickte. Daraus erklärt sich die Verbindung Ahabs mit dem phönizischen Königshause mit all ihren verhängnisvollen Folgen. Schärfsten Kampf führten die Propheten gegen das Uebergreifen derartiger politischer Methoden auf das Reich Juda. Das Bündnis des Königs Josaphat mit dem König von Israel ist Frevel und Anlaß zum Mißlingen seiner Unternehmungen. (2. Chron. 20, 37). Als Chiskija eine Gesandtschaft des Chaldäers Merodach Baladan freundlich aufnimmt, der ihn in eine antiassyrische Bündnispolitik hineinzuziehen sucht, da trifft ihn die Unheilsverkündung des Propheten Jesa/a. (2. Kön. 20, 16.) Jirmija schließlich widersetzt sich mit der ganzen Glut seiner prophetischen Leidenschaft der auf Aegypten vertrauenden antibabylonischen Politik des Königs Zidkija. Die Nichtbeachtung seiner Verkündungen führt zum Untergang. All diese Bündnisbestrebungen verfolgten das Ziel, sich der dem Lande immanenten Gefahrenlage mit den Mitteln sogen. Realpolitik^zu entziehen. Daher konnten sie keinen Erfolg haben. Das Ergebnis nüchterner Ueberlegung wird durch geschichtliche Erfahrung bestätigt: E s i s t eine Utopie, zu glauben, daß man in diesem Lande mit den beschränkten Mitteln sogenannter Realpolitik einem staatlichen Gemeinwesen den Bestand sichern könnet Die g'ttlichen Waltungsweisen. Die Möglichkeit zur Ueberwindung der dem Lande bestimmungsgemäß drohenden Gefahren liegt in einer Ebene, zu der sich die jeweiligen Von Mizrajim bis Mischkan. (Aphorismen, gesammelt in der Wochenausgabe „Der ThoraqueU", Warschau, Twarda 29.) (M. II 2, 23.) miayn tn o'pVsn awm bsm Das Wehegeschrei des jüdischen Volkes zu G'tt betraf weniger die körperlichen Leiden, als die seelischen, entstanden durch die Störung der A w od a h, durch die Beeinträchtigung oder Unmögliehmachung der täglichen Andacht und der Pflichterfüllung im Dienste G'ttes. * * "»338 />» Zwei Brüder, beide Söhne und Schüler großer Meister, waren nicht von einem gleich günstigen Geschicke bedacht. Während der eine von chassidischen Verehrern vielfach gesucht und besucht . wurde, blieb der andere einfach unbeachtet. Als die beiden Brüder einmal zusammenkamen, fragte der Benachteiligte den anderen, woran es wohl liege, daß er, der andere, so viel Zuspruch bekomme, während er selbst von keinem besucht werde. „Einfach daran," sagte der Bevorzugte, „weil ich mich täglich frage, warum die Leute zu mir kommen und du täglich fragst, warum die Leute n i c h,t kommen?" „Wer Ehrungen nachstrebt, dem entweichen sie, wer ihnen entweicht, den erreichen sie," heißt es im Talmud. * * Zweimal befindet' sich der Ausdruck nsnw. dort, wo die Rede von Erez Israel ist und ein änderes Mal im Zusammenhange mit der Thora n»» iaV mx ninn r-ranin. Erez Israel und Thora gehören als unser Erbe zusammen. Das Land kann nur als Boden und Basis für die Erfüllung der Thoragesetze seinen* "Wert haben. * * nya '3aV asvin Im Midrasch wird berichtet, daß zum Palaste Pharaos ein ganz niedriger Eingang führte. Vor der Innentüre war aber ein Götzenbild aufgestellt, damit jeder Eintretende gezwungen sei, die Knie und das Haupt vor dem Bilde zu beugen. Als Jakob aber vor Pharao trat, heißt es, nsna ->xb i m1 n v •> v er konnte gefade, ohne sich vor dem Götzenbilde zu bücken; vor Pharao treten. Das gleiche Wunder geschah bei Moses, darum axvr» er konnte aufrecht stehen. Aufrecht vor Königen stehen konnte Moses wie Vater Jakob. * * Zwei Zeichen des Bundes waren die erste Folge des Auszuges; Sabbat, wie es heißt cm>y\ rra irn nis und T e f i 11 i n, wie gesagt wird V nw* "m- Daher auch: 'a-ipa nV« ' n n i» »n» auf daß ich diese meine Zeichen in seiner Mitte präge. % sfc (M. II 13, 17.) in D'p^k aru «Vi Das Brot wächst aus der Erde, das Wasser kommt mit dem Regen vom Himmel. Hier aber erlebte man CS umgekehrt: Das Brot kam mit dem Manna vom Himmel und das Wasser mit dem Wanderbrunnen von unten herauf. Das jüdische Schicksal ist nicht dem p« T1 den Gesetzen der Natur unterworfen. * * Was die Menschen voneinander trennt, das ist vorwiegend der Kampf ums Brot. War mit der täglichen Mannaspende die Brotfrage gelöst, so verwandelten sich die Menschen so sehr zu ihrem Vorteile, daß der eine auf den Bruder hinweisend fragte Kin |n „Wer und wie ist der"? So kannte der Bruder den Bruder gar nicht. Und Moses gab Bescheid 'Mi DflVn «in, das macht das Brot, das sie täglich von G'tt erhalten. {M. II 18, 5.) aipVsn ">n o» min kw ->»k *u*t»n V« Auf welchem Platze wir auch ruhen, er kann, dieser Platz, durch uns zur G'tteshöhe erhoben werden. „Nicht der Platz ehrt den Menschen, sondern der Mensch den Platz." * * njnn «btz? anir Ein Chassidimrabbi pflegte dieses talmudische Wort so zu übersetzen: Alle Verzweiflung wnr> kommt aus Unkenntnis und Unverstand, nsn» Aus der Vorschrift, „die heilige Lade muß man von innen und von außen mit Gold. überziehen," schließt Talmud, daß jeder Thorägelehrte so sein muß, daß naa lain sein Inneres seinem Aeußeren entspricht. Von'R. Gamliel wird erzählt, daß er einen Wächter an die Türe des Lehrhauses stellte, mit dem Auftrag, keinen reinzulassen, der nicht dem 'Haa 13W entspricht. Wie konnte aber der Türhüter, der^doeh gewiß kein Gelehrter war, wissen, wie es um des Eintretenden Inneres bestellt ist? Der „Gerer Rebbe" meint, es habe gar keinen Türhüter gegeben. Der Befehl R. Gamliels, daß kein Unwürdiger eintrete.