Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1938)
- Date
- 1938-02-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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SST* Der Israelit N™i Erlebtes und Erlauschtes auf Vortragsreisen. IL In der Landgemeinde am Südrande. Am Sonntag vormittag rattert der „Eilzug" ohne übertriebene Eile zwischen den weißbetupften Bergen des Schwarzwaldes. In Singen aber steige ich aus — und trete unvermittelt in die weite Ebene Randpolens und die heiße Felsenwüste im Jordantal. Denn dort steht am Auto Freund Bohrer, das geistige Oberhaupt Gailingens, mit dem mich heilige Erinnerungen an die Vierländer fahrt und die Palästinareise verbinden, Wir waren gute Fahrtgenossen — erst durch die jüdischen Zentren des Ostens und dann, ein halbes Jahr später, auf dem Mittelmeer in den palästinensischen Frühling hinein. Stunden gemeinsamen tiefen Erlebens, seit fünf Jahren schöne Erinnerung, werden Wieder wirklich und gegenwärtig. Wie war es doch damals am langen Tische in L u b 1 i n , da wir wie einen Abglanz der Schechina auf einem menschlichen Gesichte schauen durften, und sich aus der Kehle eines schmächtigen Jüngers zur Einleitung der Tafel eine Stimme erhob, wie wir sie nie gehört, ein Gesang erklang, wie wir ihn nie vernommen haben! . Und in der kleinen Stadt an der Weichsel, wo der kleine große Rabbi, der „Gerer", seine Residenz hat! Und im Garten bei Wilna, im Lichtkreise Rabbi Chajim Osers! . . . Und dann bei Radin; der Heilige im Lehnstuhl, dessen Auge in die Weite gerichtet war und nur eines sah: Moschiach und die Erlösung! . . . "~- Wo^ wa.r_.am. Sonntagabend, da wir in Wilna gemeinsam die Rückreise: antrete^ sollten, nicht bei. uns — dieweil er sich nach Sabbatausgang leise von uns fortschlich, um auf mühsamen Wegen noch einmal ganz allein zu jenem Lehnstuhl, von dem sich Lichtströme ergossen, zu gelangen? ... — Und andere Bilder stürmen auf uns ein, so weit zurückliegend und doch so greifbar nahe. Die Mittelmeerfahrt auf der „Carnaro". Der erste Schritt auf den heiligen Boden, da wir am kleinen Hause auf dem Ungarischen Platz leise pochten wie an den Pforten des Vaterhauses. Und als nach einer Weile die Türe aufging, schauten wir in Augen, die etwas von der Farbe und der Tiefe des eben verlassenen Meeres hatten. Ganz vergeistigt, unirdisch stand Rabbi Chajim Sonnenfeld vor uns, der sich uns zu Ehren mit großer Mühe aus dem Krankenbett bringen ließ. Und die erste Träne, das erste Gebet an der Westmauer, einige Minuten später, war nur wie eine Fortsetzung dieses ersten Jerusalemer Besuches ... Und später bei Mutter Rahel und noch etwas später an der Außenmauer der Vätergräber in Hebron, und dann mit dem sinkenden Tag an den weißen Grabmälern der Thoramärtyrer von Hebron, und noch später auf dsr Jordanbrücke vor den Toren Transjordaniens, und noch später . . , Nun rattert unser Auto am Südrande Badens der kleinen Residenz meines Freundes zu. An Randegg vorbei, wo noch kurz der Vorsteher begrüßt wird, dann weiter die wellige Straße hinunter, Links die Schweiz, rechts deutscher Boden und eine scheidende Spätherbstsonne grüßt herüber und hinüber, als gäbe es keine Grenzen auf Erden. Im Dorfe, früher der größten jüdischen Landgemeinde im Reiche, hängt vor Synagoge und Rabbinerhaus hoch oben die Kiddusch-Lewana- Lampe noch genau so wie vor dreieinhalb Jahrzehnten, als ich in der schweizerischen Nachbargemeinde lebte. Alles, was Beziehung zum Rabbinerhaus hat, ist vor dem Eingang zur Begrüßung versammelt. Vor allem die „Rebbezin", strahlend, wohlgemut, frisch und gut aufgelegt inmitten ihrer blühenden Kinderschar. Sie spickt ihre Worte so reich mit Talmudzitaten, wie den guten Kuchen, der nun zum Kaffee erscheint, mit Rosinen. Auch die zwei Ziegen, die Milchquellen dieser prächtigen, rotwangigen Kinder, stellen sich meckernd zum Empfange ein. Auch ein Mann, der, rocklos und mit einer Tellerkappe auf dem eckigen Schädel, mit Bibelsprüchen den nahen Weltuntergang ankündigt und derweil ein Vorschuß-Chanukahgeld für ein „Gläschen" erheischt . . . Ich kenne den Typ von früher her. Auch er gehört zum Bilde einer echten jüdischen Landge-. meinde. In Synagoge und Vortragssaal. Eine Stunde später ist die ganze Gemeinde im sauberen Schullokal versammelt, das im ,Wihter zur Entlastung der Synagoge als Betsaal dient. Es ist zu Ehren des ersten Chanukahlichtes eine Art Festg'ttesdienst improvisiert,, und ich kann, da das „Moaus Zur" brausend erschallt, feststellen, , daß die vielgerühmten Gailinger Synagogensänger,- die sich früher, in der „Blütezeit", "Preise auf Sängerfesten geholt haben, an Schwung und Stimmkraft nichts eingebüßt haben. Hier treffe ich auch unseren lieben Doktor und meinen Kollegen von der Feder wieder, der unser Reisegenosse nach und durch Palästina war und seitdem als Teilhaber all jener Erlebnisse mir in Freundschaft verHunden ist. Abends ist aber das große jüdische Cafe, wo in früheren Jahrzehnten sich der weltberühmte Gailinger Purimschanz, unter Beteiligung auch der nichtjüdischen Bevölkerung der ganzen Umgegend, abspielte, bis an den Rand besetzt. Es herrscht eine Stimmung, wie ich sie aus Erfahrung nicht kenne. Gailingen ist in seiner Art einmalig, ohne Präzedenzfall, Es weht hier die traute, milde Luft eines litauischen Städtchens, gepaart mit der impulsiven festfrohen Treue einer chassidischen Niederlassung, und das Ganze ist überstrahlt von der schon in der Sprache sich widerspiegelnden frischen, natürlichen Herzlichkeit des badischen Oberlandes, Wer die Hunderte im Saale sieht, vermag an den „Niedergang der Landgemeinde" nicht zu glauben. Freilich sind auch die Nachbargemeinden diesseits und jenseits der Grenze, vorab die gleichgeartete Schwestergemeinde R a, n d e g g , fast vollzählig vertreten. Spricht man vom „lauschenden Publikum", so ist hier damit zu wenig gesagt; die Menschen erleben hier das Dargebotene, mit- und nachschaffend. Die Worte verklingen, aber in Herz und Hirn hallen sie fort — bis zum nächsten Erlebnis, zum nächsten Vortrag. So vergehen beinahe zwei Stunden in gemeinsamer Arbeit, bei der man bald nicht mehr weiß, wer der Gebende und wer der Empfangende ist. Die Uhr an der Wand, eine gute, alte „Schwarzwälderin", si&lli höflicherweise ihr Ticken ein und verwischt alle Zeitgrerizen ... Noch lange bleiben die Mensehen im jüdischen Gasthause, das in Wahrheit ein Haus jüdischer Gastlichkeit ist, beisammen, und es ist wohl lange nach Mitternacht, als die Auswärtigen endlich „über dem Berge" sind, der sich zwischen Gailingen und Randegg erhebt, ohne sie dennoch voneinander zu trennen. Ueber diesen Berg wandert oft der Rabbiner, der beide Gemeinden und noch andere dazu mit gleicher Liebe und Aufopferung betreut. Ein wahre*- Bohrer, der tief in die Gewissen, Herzen und Gemüter bohrt, bis das Grundwasser des jüdischen Empfindens aus angeblich verschütteten Tiefen wieder hervorsprudelt . . . Heiße Gluten wohnen" in diesem, schmächtigen Körper, und jeder, der ihm nahe kommt, ist von ihnen erfaßt und hingerissen, Er darf seiner Gemeinde alles sagen, und er tut es auch an diesem Abend in reichlichem Maße im Anschluß an den Vortrag, ohne daß ihm jemand etwas übel nimmt. Man spürt die Liebe des Herzens, aus der die Mussarworte kommen. Er hat nicht umsonst zu Füßen der Meister in Telsiai gesessen, vor dem Krankensessel des Chofez Chaim gestanden, dieser Rabbiner der Landgemeinde am Südrande Badens ... Wer Gailingen vor drei und vier Jahrzehnten in der sogenannten „Blütezeit" gekannt hat und es heute wieder sieht, hat keineswegs das Gefühl, daß hier die Jahre etwas zerstört hätten. Gewiß hat sich die Gemeinde numerisch etwas verkleinert, und für rauschende Purimmaskeraden durch die Straßen liegt heute weder Voraussetzung noch Veranlassung vor. Aber ich weiß nicht, ob jemals die Sabbate und die Feste inniger und schöner gefeiert wurden in Gailingen als heute, ob die Edelpflanze der jüdischen Gastlichkeit und Gemütlichkeit zu irgend einer Zeit dort höher in die Halme schoß als jetzt. Am Montag besichtige ich noch die zwei herrlichen Häuser, auf die nicht allein Gailingen, sondern die gesamte badische Judenheit mit Recht stolz ist; das Altenheim und das Jüdische Krankenhaus. Ungemein idyllisch gelegen, von einer Vegetation und einem Klima begnadet, wie sie in keinem Kurplatz schöner und günstiger sind, sind beide Heime unter vortrefflicher Leitung eine Segensquelle für unzählige Menschen geworden. Das sog. „Krankenhaus" ist auch ein geeignetes Erholungsheim für Gesunde, die ein paar. Ferienwochen in gesunder Landluft innerhalb einer schönen jüdischen Gemeinde, bei guter Verpflegung und mäßigen Preisen verbringen wollen. Dieses nur so nebenbei. Nach einer weiteren schönen Stunde am gastlichen Tische im Lehrerhause geht es im Auto zurück nach Singen. Der Abschied von der 'Rabbinerfamilie und ^^^^^^^mmammmmmmmammmmmm von all den guten, rasch liebgewonnenen Menschei fällt beinahe schwer. In Singen kommen wir. sozusagen unter „Zollverschluß" bis zum Basler Reich;- bahnhof. Und von dort geht es gegen Abend nach Fre.iburg, das die letzte Etappe der badischon Vortragstournee bildet. Im Wandel der Zeiten. In Freiburg finde ich die Gailinger Herzlichkeit und Gastlichkeit wieder, etwas ins. Städtische übertragen. Die Orthodoxie in Freiburg, klein an Zahl, hat ihre feste Burg im Betsaal der'Kultusgemeinde. An Wochentagen, da die Häuptsynagoge geschlossen ist, sind die einzelnen liberalen Beter ebenfalls auf diesen Raum angewiesen, und am Sabbat und an Feiertagen haben hier die Gesetzestreuen unter Leitung eines thoragelehrten und zielbewußten Lehrers und Kantors ihren Sonderg'ttesdienstjund ihr eigenes fast autonomes Gemeindeleben. Für absolute Absonderung und reinliche Scheidung sind eben Zahl und Kraft zu gering. Hier war der Vortrag vom Jüdischen Lehrhause übernommen - worden und - so aus dem kleinen orthodoxen Kreise hinausgehoben. Und so kamen sicherlich Viele, nur um „mal was anderes' zu hören. Und gerade dieses „andere" war etwas Ureigenes.., Gab es "nicht einmah hier so etwas wie eine „jüdische Erneuerung", Entwürfe für eine konsistoriale Gesamtorganisation? Im Lande und in der Stadt, v/o noch vor wenigen Jahrzehnten der Kampf um e i n neues Gebetbuch — die jüngere Generation weiß kaum noch was davon — tobte, kommen sie zu : Hunderten, um sich über die neue Bedeutung der alten Gebete referieren zu lassen. Welch wundersamer Wandel der Zeiten! Noch nie hat die Zeit allüberall für unsere Thorabelange so intensiv gearbeitet wie heute. Haben w i r, was an uns liegt, a fl e s getan, um die Chancen auszunutzen? Wir preisen im Abendgebete G'tt, der „hiesch&ne ittim" die Zeiten ändert und Zeitabschnitte auswechselt; sprechen aber dann anschließend von „Ahavath. olam", der ewigen Liebe, die G'tt seinem Volke, dem Hause Israel, erweist. Wir sind am Abendgebete. Ein kurzer Tag, der etwas Sonne uns vorspiegelte, ist von Nachtschaffen abgelöst, von denen wir nicht wissen, zu welchem neuen Morgen sie hinüberleiten. Höre Israel/ ... Daß sich die Zeiten geändert -» wer, der Augen hat zu sehen, hätte es noch nicht begriffen! Daß dieser Erkenntnis die „große Liebe" folge, ist unsere Hoffnung; die Liebe, wie sie Brüder Brüdern schulden und erste Voraussetzung ist für jene „große Liebe" j G'ttes zu Israel, die im „Wandel der Zeiten" ewig; unveränderlich wirkt ... Mit diesen Gedanken, gleichsam als Fazit, kehre ich am Dienstagvormittag von meiner Vortragstournec durch Baden zu meiner Arbeit zurück. —tz. Sehnsucht. Von Saul Maus. Ich möeht': Du kämst.' Ich möcht' dich sehen, daß du beschämst mein Nichtverstehen des Rufs der Ferne; Weil ich den Himmel und die Sterne in Herzensnäjie begehr zu sehen! Ich möcht': Du kämst, du großer Morgen, daß du beschämet des Kleinmuts Sorgen: Es könnte währen noch lange Zeit, bis du gebären, was G'tt geborgen! v So komme bald, ein Meteor in dunkler Nacht.' Dich hört mein Ohr! Doch möcht* ich sehen dich, Lichtgestalt, in deiner Macht auf unsern Höhen \ im Sphärenchor der Welt und Sterne _ ■-, auferstehen!* Es ist noch kalt! ... Doch in der Ferne im Licht die Gipfel stehen . ,