Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1938)
- Date
- 1938-01-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 Nr. 4 Der I s r a e I i t 27. Januar 1938 Geiste, alles sieht und miterlebt. Geben wir darum dem Kinde, das keine kritischen Untersuchungen, sondern etwas Gewisses, Bestimmtes haben will, reliigöse Gestalten. Sie verkörpern die Religion, bringen g'ttliche Lehren und wandeln doch auf der Erde und bleiben uns nahe. Mit ihnen erlebt das Kind alle Angst und Pein, aber auch alle Zuversicht und Unverzagtheit. Die Persönlichkeit ist dem Kinde die Hauptsache. Hier ist Leben, an dem sich wieder Leben entzündet. Und diese „erlebte" Erfahrung bleibt, sie ist ein Stück echter Religion. Also nieht viela Reden biete man den Schülern, sondern man zeige ihnen die vorbildlichen Männer der Tat, man lasse ihr Werden und Wirken an den Kindesseelen vorüberziehen, dann wird das Gemüt erfaßt werden und gespanntes Interesse vorhanden sein. Auch in dieser Hinsicht hat ja die neuere Methodik des Religionsunterrichts bereits neue Gedanken gewiesen, so daß es bei aller Freiheit der Auffassung möglich ist, etwas Positives zu bieten. Lassen wir vor unseren Schülern ein Drama nach dem andern sich abspielen, so werden sie erschüttert und ergriffen, aber auch erhoben und getröstet werden. Nie werden sie die Hauptpersonen vergessen. Vieles von dem. was Haus, Schule und G'tteshaus ihnen bot, wird ja wohl bei späterer Prüfung fallen, manches in einem anderen Lichte erscheinen, aber es wird nicht alles leichtfertig und leichtherzig über Bord geworfen werden. Die im Thema gestellte Aufgabe wird die Schule auch dann erfüllen, wenn es ihr gelingt, die Schüler an den regelmäßigen Besuch des G'ttesdienstes zu gewöhnen. Das kann auf folgende Weise geschehen. Die Schule macht die Schüler für den G'ttesdlenst empfänglich, bevor sie zu demselben eingeführt werden, indem sie durch den gesamten Religionsunterricht, der von Herzen kommen und zu Herzen gehen muß, direkt darauf vorbereitet werden. Der Lehrer lehrt seine Schüler die Reihenfolge der Gebete, die besonderen Gebete für Sabbat und Festtage, die Wiederholungen des Vorbeters, die Einschaltungen, die von der Gemeinde gesprochen werden, die Gebete beim Ausheben und Zurückbringen der Thora und dergl. mehr, er leitet sie ferner zum Verständnis der Predigt an, indem er sich vom Rabbiner oder Prediger den Thoravers nennen läßt, auf welchen er seine Predigt aufbaut, und diesen mit seinen Kindern bespricht. Nie lasse es der Lehrer an freundlichen Ermahnungen an die Schüler, den G'ttesdienst nicht zu versäumen, fehlen. Volles Interesse wende der Lehrer auch dem Kinderg'ttesdienste zu. Die gehörte Predigt mache er in der darauffolgenden Religionsstunde zum Gegenstande einer kurzen Besprechung. Wo sich nur irgend Gelegenheit bietet, interessiere der Lehrer das Elternhaus für diese erziehlichen Absichten der Schule. Unserem Volke soll und muß die Religion unserer Väter erhalten bleiben; denn mit ihr steht und fällt unsere Existenz, unsere Wohlfahrt, sie ist das mächtigste Bollwerk gegen die Sittenlosigkeit und gegen die verheerenden Folgen der Unreligiosität. Darum müssen alle Faktoren, Haus, Schule und Religionsgemeinschaft, Hand in Hand gehen, ihr Möglichstes tun, damit dieses hohe Gut unserem Volke für alle Zeiten erhalten bleibt. Fortbildungstagung der jüdischen Lehrer Mitteldeutschlands. Die Fortbildungstagung wurde einberufen und gefördert durch die Reichsvertretung, Schulabteilung, den Sächsischen israelitischen Gemeindeverband, die israelitische Religionsgemeinde zu Leipzig, die Leitung der jüdischen Schulen in Leipzig und den Verein der israelitischen Lehrer Mitteldeutschlands. Die Eröffnung vollzog Direktor Dr. Weikersh e i m e r; den Vorsitz führte Steinhart, Dresden. Die Tagesordnung umfaßte wesentliche Punkte der Unterrichtsgestaltung an den jüdischen Schulen und wichtige Fragen der Schulen und ihrer Lehrer überhaupt, besonders in den Orten, die durch Abwanderung in ihrem Bestand und ihrer Leistungsfähigkeit erschüttert sind. Die Zahl der Teilnehmer und die Verhandlungen zeigten, daß sich die Körperschaften und die Lehrer der großen Aufgabe bewußt sind, die dem jüdischen Schulwerk zukommt und die unter Ausschöpfung aller methodischen und inhaltreichen Werte gelöst werden muß. Gemeinderabbiner Dr. Ochs, Leipzig, gab im ersten Vortrag der Tagung einen Ueberblick über die Stellung der Mischnah im jüdischen Schrifttum und in der Erziehungs- und Bildungswelt des Juden aller Zeiten. Die Mischnah bildet die naturgegebene Weiterführung des Pentateuchs und vermittelt dem „Lernenden" den Geisteszug der Mischnahlehrer, die das große Gebiet der mündlichen Ueberlieferungen hier zusammengetragen haben, um so das Gesetzeswerk des jüdischen Volkes zu schaffen, das über den Talmud zum Schulchan Aruch führte. Das Pflichtenleben und die Sittenlehre des Judentums erfahren erst im Mischnahunterricht die quellenmäßige Belegung und Vertiefung, auch der hohe Wert der Darstellungsart bringt dem Schüler eine ungeahnte Welt jüdischer Geisteskultur nahe, heute noch lebendig wie ehedem. Prof. Dr. Richard, Leipzig, führte aus seiner Lehrerfahrung richtunggebende Beispiele für lebensvolle Gestaltung des biologischen Unterrichts vor, : ■ ■ — : r in dem den Schülern nicht nur ein naturkundliches: Wissen nach dem gegenwärtigen Forschungsstand, sondern in erster Linie eine klare, beobachtende Erkenntnis von dem vielförmigen Leben der Umwelt vermittelt werden sollen, aus denen dann Hie Seele und Gemüt entspringende Liebe zu Tier und Pflanze als Bereicherung des menschlichen Lebens selbst folgen. Buch und Bild und, von ihnen niemals erreicht, die Wirklichkeit müssen dem Schüler geboten werden, seine eigene Arbeit am Mikroskop, am Aquarium und Terrarium, an selbstgefertigten Modellen, wie sie der Redner vorzeigen konnte, bildet das praktische Lehrziel des Unterrichts. Auch die kleine Schule kann hier Vieles leisten und Versäumtes nachholen und so dem jüdischen Kind einen reichen Schatz von Lebensfreude für immer mitgeben. Dieses Unterrichtsziel steht im Einklang mit dem hohen Verpflichtungsinhalt des jüdischen Gesetzes, das dem jüdischen Menschen Liebe und Sorge -.na Tier und Pflanze als Weiterführung g'ttHcher Waltung auf Erden zuweist. Studienassessor Dr. Joel, Leipzig, gab ein fachlich durchdachtes Bild von der Durchnahme erdkundlicher Stoffe im allgemeinen und des Landes Palästina im besonderen. Ueberall körinen Vergleiche Und Hinweise von dem dem Schüler näher liegenden Erdgebiet auf Palästina gegeben werden, um sich dann bei Behandlung der Mittelmeerländer und Vorderasiens zur strengeren Zusammenfassung auf Pa.- lästina zu verdichten. Auch der geopolitische Grundzug der heutigen Erdkunde kann für Palästina im Geschichtsunterricht oder für sich fruchtbar gemacht werden. Das Land um den Jordan, gleichsam „eine Oase mit ihrer Doppelküste des Mittelmeers und der arabischen Wüste", rückt damit aus dem gewohnten Bild in die Sphäre gegründeten Wissens um seine Bodenform, Bodenart, sein Klima, die Vegetation, Wirtschaftsform und das Volkstum, Zwei innerlich zusammengehörige Tagungsinhalte: Unterricht im Deutschen und in der Geschichte (Direktor Dr. Elias, Frankfürt a. M. und Studienrätin Herrmann, Leipzig) rollten eine' große Zahl vc-n Fragen auf, die den jüdischen Lehrer aller Fachgebiete angehen. Es ist innerhalb eines Berichts unmöglich, die Vielzahl der Gegenstände zu berühren, die sich hier dem verantwortungsbewußten jüdischen Jugendbildner darbieten. Aber es war mehr als ein Hauch dieser lösbaren Unterrichtsproblematik zu spüren, als die Redner den Wert des Unterrichts im Deutschen in allen seinen Formen und Stufen darstellten, beginnend mit dem freien Erlebnisstoff des ersten Jahrgangs bis zur Durchnahme literarischer Stücke, die wiederum zu einer schöpferischen Analyse allgemein menschlicher und jüdischer Themen führt. Reizvoll War ein Querschnitt durch vier dramatische Meisterwerke deutscher Sprache, der die vereshiedenartige Darstellung des jüdischen Menschen zeigt und jedesmal eine charakteristische Note trägt. Die Durchdringung des deutschen Unterrichts mit jüdischen Elementen ist eine Angelegenheit, die mit literarischem Geschmack und psychologischem Gefühl gefaßt werden muß, um die Verbindung von Aeußerlichkeiten freizuhalten und sie zu einer Vertiefung des deutschen Sprachgutes innerhalb des jüdischen Wesens unserer jungen Menschen werden zu lassen. Gebührende Anerkennung fanden hierbei die Bestrebungen der, .Reichsvertretung zur Förderung des deutschen Unterrichts an jüdischen Schulen, die Veröffenlichungen 'des Verlags Schocken und anderer jüdischen Verlage in Deutschland. Der Stellung des Iwrith im Betrieb der jüdischen Schulen dienten zwei Arbeitsgemeinschaften (Jakobsohn, Berlin), in denen unter ausschließlicher Verwendung des Iwrith Stoffe aus dem Thenach schulgerecht dargeboten wurden. Voraussetzungist, daß der Lehrer selbst über die nötige Sprachgewandtheit verfügt, die Quellen unseres Schrifttums und die Erklärer kennt und im Vorunterrieht die Schüler bereits so weit gebracht hat, daß sie die erklärenden Iwrithworte neben dem Text verstehen. Eine solche Thenachbehandlung ist ein Leistungsziel; dem die ihm gebührende Achtung und der Raum zu geben sind, um jüdischen Kulturboden in der Schule zu bereiten. Im Rahmen der Verhandlungen stand schließlich noch ein Vortrag über Berufsberatung und Berufsvorbereitung der schulentlassenen Jugend (Frau Levy-Zobel, Berlin). Die in der sozialen Arbeit stehende Rednerin entwickelte die Grundzüge dieses Zweiges der umfassenden sozialen Tätigkeit, die heute die jüdischen Gemeinden leisten, und legte das Hauptgewicht darauf, den Lehrern und Angehörigen der sozialen Aemter praktische Hinweise zu geben, wie sie ihren Schulentlassenen beratend und helfend zur Seite stehen können, wenn sie sich zur Wahl des Berufs und zumeist auch eines neuen Berufsorts anschicken. Vorbildliche Einrichtungen (Beratungsstellen, Vorlehren, Bildungskurse) in den größeren Städten stehen bereits seit Jahren zur Verfügung, viel Mühe und Geld werden diesem Werk geopfert, um der jüdischen Jugend wenigstens von der Heimat aus, die sie verlassen, den Weg ins neue Leben zu ebnen. Die vielen Einzelheiten, die damit zusammenhängen, können hier nicht angeführt werden; aber es ist, wie Dir. Alterthum als Leiter des Sozialamts der israelitischen Gemeinde zu Leipzig sagte, von den Juden in Deutschland auch auf diesem Gebiet Großes und Geschichtliches geleistet worden. Unsere Jugend kann sich allen diesen Stellen anvertrauen Steinhart, Dresden, behandelte die Stellung des Lehrers in der kleinen Gemeinde, zeigte die vielfältigen Aufgaben und Pflichten auf fastallen Gebieten des jüdischen Lebens, die ihm heute in einer früher nicht bestandenen Dringlichkeit obliegen. Erschwert wird ihm oft die Aufgabe durch die eigene Sorge, der zu steuern eine Ehrenpflicht der jüdischen Gemeinschaft ist. Nach den Vorträgen entwickelten sich Aussprachen, die noch wertvolle Erfahrungen und Gedanken brachten und das allseitige Ringen um den neuen Schulinhält zeigten. Der Verein der israelitischen Lehrer Mitteldeutschlands verband mit der Tagung seinen eigenen Jahrestag. Der von der Gemeinde Leipzig und der Leipziger Schule gebotene Begrüßungsabend ver-. einigte die Teilnehmer zu einer angeregten Unterhaltung, wozu künstlerische Darbietungen aus dem Kreise der Lehrer und Schüler beitrugen. Der vom Vorsitzenden (Steinhart, Dresden) und dem Kassier (Heilbrunner, Arnstadt) gegebene Bericht zeigte, daß die engeren und weiteren Vereinigungen auch in den vergangenen Jahren ihre Aufgabe erfüllt haben, den Stand der Schule und ihrer Lehrer zu bewahren und Kulturarbeit innerhalb des Judentums in Deutschland zu leisten. Nach vollzogener Neuwahl (Schäler, Dresden, Vorsitzender, Steinhart, Ehrenvorsitzender) wurde dem durch Zugang einer großen Zahl von Lehrern aus Leipzig, verstärkten Verein die Richtung für das kommende Jahr gegeben, treu den Ueberlieferungen seit mehr als zwei Menschenaltern die Aufgaben der Gegenwart mit voller Hingabe anzugreifen. —hn. Ein neues agadisches Werk *?tfw,>z nättn rman •isik Vor uns liegt zur Besprechung ein neuerschienenes Agadah-Sefer (herausgegeben von Rabb. M. Feuerwerger, Ffm., zu beziehen im Selbstverlag des Verfassers, Ffm., Fichtestr. 5) fnJHFl nsi« 1. Teil n:wn Ssie^a das in seiner Art uns geeignet erscheint, Rabbinern, Lehrern und Rednern gute Dienste zu leisten. Anknüpfend an die laufende Sidro wird hier in kurzen, aber inhaltsreicher! Worten nicht nur eine Erklärung des Schriftverses gegeben, sondern versucht — in die Tiefe steigend — die Denkart unserer tman zu erforschen, um auf Grund dieser allgemeinjüdischen Lebensauffassung die b~m 'insa zu begreifen. Der Verfasser beschreitet dabei einen eigenen Weg. Einleitend bietet er; jüdisch-psychologische Betrachtungen, um dann auf Grund der erkannten jüdischen Lebensauffassung den tieferen Sinn des plDB oder der emn -Stelle zu erläutern. Für psychologisch Interessierte gewinnt das Buch durch diese Art des Forschens erhöhte Bedeutung. Ein weiterer Vorzug des Werkes scheint uns in dem Bestreben des Verfassers zu liegen, Wahrheiten und Erkenntnisse dem Lernenden nicht einfach fertig zu bieten, sondern durch Andeutungen und Hinweise auf . bezügliche Stellen zum Weiterdenken anzuregen. Somit ist dem Vortragenden, dem Redner, die Möglichkeit gegeben, das an sich behandelte Problem — meistens ist es ein aktuelles — nach seiner Fassung mts'ar 's^ auszubauen und für die Verhältnisse in seinem Milieu zu verwerten. Wenn etwa zu iw 's — um nur ein. Beispiel aufzuzeigen — jene bekannte """En-Stelle zitiert wird: pVö» nanVwi epo nynp sm ynv nsiws? nn so wird vorerst der tiefere Sinn des =110 d1 dj und des pbnv 03 und der Unterschied zwischen beiden dargelegt. Es wird dann die Frage behandelt: Warum hat 'n die Rettung Jisroels am Meere nicht auf natürliche Weise — etwa durch siegreichen Kampf des schwachen Jisroel gegen das übermächtige Mizrajim — durchgeführt, getreu dem .Grundsatz KtJlJ?»^ tpw «caa? Kein Wunder ohne zwingende Notwendigkeit., Die Antwort erfolgt im Hinweis auf jenen Ausspruch von i6p n?a ■'ivd «V rfi'ra nvwt «Ta „Beschädige nicht einen Brunnen, aus dem du früher selbst getrunken hast". Bei allem Leid, das Jisroel von Mizraim erlitten hat, soll es das dort'genossene Gastrecht nicht vergessen und deshalb keinen Krieg gegen Mizrajim führen. Jene zwei Momente hätten einen Jithro so stark beeindruckt: Einerseits die mutige Entschlossenheit und Kampffähigkeit Jisroels zur Abwehr des Amalek; pVny nanV» andererseits die moralische Höhe dieses gedrückten Volkes, darin bestehend, seinem früheren Peiniger in gewissem Maße für geringe empfangene Wohltaten Dankbarkeit zu zollen und nicht gegen ihn zu kämpfen. Dieses eine Beispiel — viele ließen sich anführen — möge genügen, um aufzuzeigen, wie das Werk r-niNE? isns — Vs-iwa nswn aktuelle Probleme aufrollt und die Möglichkeit zum weiteren Ausbau offenhält. Ein gutes klassisches Hebräisch und auch die schöne Buchaufmachung sind äußere Vorzüge des Werkes. Am Schlüsse des ">s>o wird in einem nnsn •»Wa eine alphabetisch geordnete Uebersicht über alle. behandelten Probleme geboten. Sodann folgt eine übersichtliche Angabe aller Erklärungen, die. sich r-nai» rmwirny „zu besonderen Anlässen" verwerten lassen: für Barmizwoh, Hochzeit, Hesped, .AH schied usw. . , Das Werk hat in der „Literarischen Warte deä j Israelit" und in der „Jüdischen Rundschau" eine sehr gute Rezension erfahren. Seine inneren und äußeren Vorzüge machen es für Lehrer und Vortragende empfehlenswert, , lehrreich zum Selbststudium und nützlich als Wegweiser zum Vorlernen und Vortrag. L. Wahrhaftig, Darmstadt.