Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1938)
- Date
- 1938-01-27
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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IHllh- —fllHIIh- =UUü=UU— —1IIOJOIO I o—o I ölololl 1— -HIIHIIh- -HIIHIIH- -HIIHI Erziehung und Lehre Pädagogische Beilage zum „Israelit" Organ des Bundes gesetzestreuer jüdischer Lehrer Deutschlands IHlh- -HIIHIII— ^IMQ= ■Hlojo o||o—o|o o|o||h™ ^][H]Ü= —HUHU*— HIHI Die Mischnah als Lehrstoff im Religionsunterricht. - "2 pns ,wn rcm 'oa Zeugen gesucht! Von Rabbiner Dr. Michalski in Karlsruhe.1) Vorwort: Das Judentum kennt und billigt eine konstitutionelle Führung, die bedingt und begrenzt ist durch die Vorschriften des G'ttesgesetzes. Das religiöse Oberhaupt darf nur Bestimmungen treffenr die im Religionsgesetz begründet sind.'-) Wirkungslos und hinfällig sind sie, wenn sie auf Irrtum beruhen. Gegen besseres Wissen und Gewissen darf man ihnen nicht Folge geben. Irrtümer des Synhedriums und ihre Strafbarkeit bilden den Inhalt des Talmudtraktates «Wiirr „Entscheidungen".3) Lediglich bei der Neumondsbestimmung ist der obersten Gerichtsbehörde unbeschränkte Vollmacht eingeräumt. Dort ist ihr vom G'tteswort ein absoluter Führungsanspruch zugebilligt. Gerade hierdurch soll dem Volke zum Bewußtsein gebracht werden, daß sein religiöser und sozialer Monatsbeginn nicht vom Gestirnenkultus, nicht von der astronomischen Planetenstellung abhängig ist, die den Anderen Wohl oder Wehe bedeutet. Freier Wille und freie Entschließung nimmt die Monderneuerung zum Anlaß eigener Erneuerung.4) Das Zusammentreffen des Mondes mit der Sonne bewirkt seine neue Bestrahlung durch diese. Naturgesetz leitet zum G'ttesgesetz. Im abgelaufenen Monat kann die Erleuchtung des Volkes durch das Feuergesetz, das m vx* vom Sinai, durch Schwäche und Sünde verblaßt und verdunkelt sein. „Dem Monde befahl G'tt", so bringt es roia mzbn, der Segensspruch beim Anblick des Mondes, zum Ausdruck, „daß er sich erneue als strahlendes Vorbild den von Geburt an besonders Beauftragten, die bestimmt sind, ihm gleich sich zu erneuern und ihren Schöpfer zu verherrlichen im Namen der Verehrung Seiner Herrschaft". „Die Gemeinde Israels soll umkehren, sich ihrem Herrn, ihrem G'tt, zu verbinden, nach dem Vorbild des Mondes, der sich erneut zur Sonne findet; denn es heißt5) „Sonne und Schild ist. G'tt."ß) Wenn G'ttes Liebe als Licht und Leben spendende Sonne uns blenden könnte, hält Er als Richter schützenden Schild uns vor, läßt Er nach bessernder Verdunklung erneut Seine - Güte uns strahlen. Heidnische Auffassung kennt nicht Erneuerung. Es erben Schuld und Missetat sich fort. Der Mund jüdischer Richter läßt in freiem Ermessen der Festsetzung den nicht erzwungenen, freien Willen erkennen, aus dem Dunkel der Sünde und Strafe erneut zum Lichte des G'ttesgesetzes den Weg zu f;.nden, erneut dem Lichte der G'ttessonne zum Volk den Weg zu ebnen.6a) Beobachtung des astronomischen Neumonds und Berechnung nach genauester Kenntnis der astronomischen Erscheinungsformen" lassen die Entfernung clcs Monatsbeginns vom astronomischen Neumond bestimmte Grenzen nicht überschreiten. In diesen Grenzen war Regulierung gestattet, ja geboten.7) Das erneute Zusammenfinden G'ttes mit Israels und Israels mit G'tt nach lichtlosem Düster findet im astronomischen Neumond von der Seite G'ttes, in richterlichem Ermessen von Seiten Israels eine leise Andeutung. „Dies sind die Begeghungszeiten8) G'ttes, wenn Ihr sie verkündet", so deutet xx>?9 9) nach der Tradition das Wort ans in seiner ungewöhnlichen, überlieferten Schreibweise ohne den Buchstaben V und findet hierin das autoritäre Führerprinzip nur für die Festsetzung des Monatsbeginns ausgespro- ') Aus oma« "-TW^ einem Mischnahkommentar nach dem Forschungssystem Rabbiner S. R. Hirschs b"W Kap. 10. ') Nur eine scheinbare Ausnahme bildet die rWYirt ns». 3) Vgl. S. R. Hirsch; Gesammelte Schriften Bd. V, S. 422. *) Vgl. S. R. Hirsch Pentateuchkommentar zu II. B. M. 12, 2. ') Psalm 84, 12, vgl. Kommentar z. St. 6) nj3>n ir an irapn mv nbyn prnnrfr mmn ntr noasi niaaa ">j>b rsh ">e tri« »'» "» }5»i »»» '3«? n»nn aj> nBHnnan 8a) bv isnp 3"Kt? \>tb fowj ribvn bv t'a ]•>& :'n rrn ">9 &"inn ns non 7) Vgl/3 rrn s) Einschließlich n"*i vgl. '03 n'ayn 'Dö ") ns n"i 'D» vgl. auch ""iV n'Tin tpo 8*3 rri 'oa 10) III, B. M. 23, 2, 4, 37; vgl, o-*a>» z, St, chen. Dreimal10) erscheint dieser Satz in dieser Form, er gibt Rechtskraft dem unabsichtlich falschen, dem absichtlich falschen, dem irrtümlich falschen Richterspruch, der den religiösen Neumond vom astronomischen abweichen läßt. Am Schluß der vorhergehenden, letzten nwn des ersten P"is steht dieser Satz als Beweis für die unbedingt erforderliche rechtzeitige Mitteilung der Beobachtung des astronomischen Neumonds. Dieser Satz bildet nun das Leitmotiv des zweiten pia und stellt damit den Zusammenhang mit dem ersten her Genaueste Nachprüfung und Berücksichtigung der Beobachtung des astronomischen Neumonds, wie sie der erste Teil des p")3 in n»a 1—7 lehrt, wird ergänzt und berichtigt durch sorgfältige Berechnung und autoritative Festsetzung in ms?» 8—9. Wie vermag die Schule zur Erhaltung unserer Religion beizutragen? Von Konrektor i. R. J. Speyer in Frankfurt/M. b'i- (Schluß.) „In den kleinen Pflichten des häuslichen Lebens, der Wohnstube, wurzelt die Kraft zu den Tugenden des öffentlichen Lebens; und in den Gefühlen der Liebe, des Vertrauens, der Anhänglichkeit, des Gehorsams, der Dankbarkeit, die sich der Mutter gegenüber im Kinde instinktiv entwickeln, bildet sich der Mensch zu den Gefühlen der Liebe, des Vertrauens, der Anhänglichkeit, des Gehorsams, der Dankbarkeit gegen den ewigen, heiligen Willen der G'ttheit empor." (Kehr). Das Erste und Grundlegende in dem engen, innigen, durchwärmten Kreise des Hauses ist also das Erleben der kindlichen Pietät. Dazu kommt dann die Gewöhnung des Kindes an kindliche Gebete. An die Gebete schließen sich später biblische Geschichten an, wobei die Mutter mit Erfolg sinnige Bilder verwenden kann. Da jedoch das Kind im Eltemhause in der Gegenwart eine religiöse Grundlage und Erziehung meist nicht empfängt — seien nun Armut, Reichtum, Gleichgültigkeit oder gar Religionsfeindlichkeit die Ursache — so hat die Schule die Pflicht, sich der religiösen Erziehung der Jugend anzunehmen; denn „wer die Jugend hat, der hat die Zukunft". Das Leben der Unmündigen wächst allmählich in die Arbeit, in das Ringen, Sorgen und Schaffen der Erwachsenen hinein. Es kann nicht gleichgültig sein. was die Jugend für ihre Lebensaufgabe mitbringt aus Mitteilung von außen und aus eigener innerer Verarbeitung. Der Staat erwartet von ihr tüchtige Beamten, die Gemeinde nützliche Arbeiter, die Religionsgesellschaft gläubige und fromme Verehrer G'ttes. Und mit Recht! Denn was sollte aus Staat und Gemeinde werden, wenn die erwachsene Jugend, mit destruktiven Tendenzen erfüllt, ihre Aufgabe etwa nur im Einreißen sehen und ihre Kräfte in nutzlosen Dingen verbrauchen wollte? Und was würde das Schicksal der Religionsgemeinde sein, wenn ein religionsfeindliches Geschlecht nach dem andern aus der Schule hervorginge? Viel, sehr viel kommt es also auf die Grundlage an, die in den Bildungsanstalten gelegt wird. Rechtfertigen sie dies Vertrauen? Hinsichtlich der Religionsgesellschaft: Sehr oft nein. Die vielen Austritte aus den Religionsgemeinden, sei es durch innere oder äußere Entfremdung, sei es durch finanzielle oder, persönliche Gründe, sind unter Gebildeten und Ungebildeten bemerkbar. Aber soll daran die Schule schuld sein? Zum Teil ja. Bisher bestand und besteht auch heute noch der Religionsunterricht der Schule in der Einprägung der religiösen Lehrsätze, der Gebräuche, der Sittenlehre, der biblischen und nachbiblischen Geschichte und Kenntnis der hebräischen Sprache zum Verstehen der Gebete und Thoravorlesung. Vor allem wird von der Schule gefordert, die Jugend auszurüsten mit einem bestimmten Quantum religiösen Wissens. Dem heranwachsenden Geschlechte sollen bestimmte Kenntnisse beigebracht werden, die das Leben nötig hat. In gleicher Weise kann man auch verlangen, daß die Schule die heranwachsende Jugend durch den Religionsunterricht zu lebendigen Gliedern der Religionsgemeinde heranbildet. Diesem Verlangen ist aber bisher nicht in vollem Umfange entsprechen worden, weil ihm nicht entsprochen werden konnte. Die Hauptschuld lag und liegt zunächst darin, daß man den Gegenstand des Religionsunterrichtes in gleicher Weise behandelte und behandelt wie die übrigen Stoffe des Schulpensums. Ehrenhalber legt man diesen Unterricht (meistens) nur auf die ersten Unterrichtsstunden des Tages, in denen die Kinder noch frisch sind. Aber die tiefen Unterschiede, die in den religiösen und weltlichen Materien liegen, machten und machen wohl auch heute noch wenig Kopfzerbrechen. Das vorgeschriebene Pensum muß eingepaukt werden, wie das Einmaleins, die Geschichtszahlen usw. Die Ueberschätzung des religiösen Lehrstoffes hat sich aber bitter gerächt. Das Wissen allein tut es nicht. Ein weiterer Fehler bestand darin, daß man Religiosität durch die Masse des Unterrichtsstoffes erzwingen wollte und es auch heute noch will. Man hoffte bestimmt, dadurch würde sich echte, innige Frömmigkeit einstellen. Aber auch hier folgt die Enttäuschung auf dem Fuße nach. Die Masse allein tut es auch nicht. Was kann nun die Schule dazu beitragen, damit die gekennzeichneten Mißstände beseitigt werden und die Jugend und somit auch unser jüdisches Volk zum religiösen Leben erzogen werde? Schon in den letzten Jahren wird vielfach in den jüdischen Lehrervereinen und -Versammlungen referiert, beraten und beschlossen, wie auf* dem Gebiete des Religionsunterrichtes eine durchgreifende Reform an Stoff und Methode bewirkt werden kann. Dar christliche Theologe Rothe fordert mit Recht: „Sehr wichtig ist, daß in der Schule durch ein recht besonnenes Maßhalten mit dem Religionsunterricht die parte Pflanze der Frömmigkeit in ihrer ersten Entwicklung mit wahrhaft religiöser Vorsicht geschont werde. Lauter recht innig fromme Lehrer und recht wenig Religionsunterricht, das ist nach dieser Seite hin die Aufgabe." Ueber die Menge des religiösen Unterrichtsstoffes will ich hier keine Ausführungen machen. Dies will ich anderen, berufenen Autoritäten überlassen. Nur soll man mit der Stoffmenge vorsichtig sein, um den Religionsunterricht bei den Kindern nicht verhaßt zu machen. Denken wir an die Methode. So manches gute Werk haben uns die Methodiker geschaffen, das einen wesentlichen Fortschritt bezeichnet. Aber unter den vielen Büchern finden wir keines von einem jüdischen Verfasser. Von den vielen Seminarlehrern an den früheren sechs jüdischen Lehrerseminaren, von den Herren Dozenten an den Rabbinerseminaren, von den vielen Herren Rabbinern, die so gerne Schulinspektoren und Vorgesetzte der Lehrer spielen wollten, hat sich bis heute niemand daran gesetzt, um ein mustergültiges und vorbildliches Methodikbuch für den jüdischen Religionsunterricht zu schreiben. Alle jüdischen Lehrer wären dem Verfasser von Herzen dankbar gewesen. Zur Vorbereitung für den biblischen Religionsunterricht müssen wir zu Lehrbüchern greifen, die von Christen ausgearbeitet sind. Wir müssen da oft Meinungen lesen, die uns die Schamröte ins Gesicht treiben. Ein großer Fehler bei der Behandlung der biblischen Geschichte besteht auch darin, daß wir bei derselben oft die Hauptsache aus den Augen verlieren. Es kommt uns gemeinhin bei der einzelnen Geschichte auf die Entwicklung des religiösen Inhalts an. Nicht Religions k e n n t n i s , sondern Religiosität des Herzens ist das Endziel aller religiösen Unterweisung. Darum sollen die Kinder die Hauptsache in aller Größe und Erhabenheit schauen. Der Lehrer führe seine Schüler in die Situation hinein, daß sie genötigt werden, diese mitzuerleben, denn Religion will weniger gelernt, als vielmehr erlebt sein. Das Kind muß mit seinem Fühlen und Wollen in der Situation stehen, sonst ist alle Mühe vergebens. Der Religionsunterricht sei darum anschaulich! (Siehe darüber meinen Aufsatz in Nr. 10 vom 14. Oktober 1932 der Jüdischen Schulzeitung: „Wie maß ich den Religionsunterricht gestalten, daßer anschaulich ist?") Die Forderung der Anschaulichkeit des gesamten Unterrichts ist mit Recht eine Hauptforderung der Pädagogik. Anschaulich wird der biblische Geschichtsunterricht nicht durch Auflösen der Geschichte in lauter kleine Fragen, nicht durch Einschieben einer Menge von Bibelsprüchen, die oft den Zusammenhang zerreißen, nicht durch wörtliches Einprägen des Textes, nicht durch Herausheben eines einzelnen Gedankens, sondern dadurch, daß man die konkreten Gestalten und Begebenheiten dem Kinde so lebendig vor die Seele treten läßt, daß es im