Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1938-01-27 · Heft 4 (27.1.1938) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 4 (27.1.1938)
Date
1938-01-27
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2451012-2451016--83513-2541517
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 4 1938 Erlebtes und Erlauschtes auf Vortragsreisen. i. Flucht aus dem Werktag. Der D-Zug, der, von Ostende kommend, durch die Winternacht nach der Schweiz fährt, ermöglichte es, daß ich am Sabbatausgang in der Synagoge der Frankfurter Friedberger Anlage mit der Gemeinde noch das Psalmlied vom „braven Manne" sang, daheim mit dem Verlöschen der Hawdalakerze noch rasch den Propheten Elijahu begrüßte und schon wenige Stunden später in Badens Hauptstadt am Katheder stand und dem zahlreichen Auditorium etwas über Israels Rechte und Ismaels Argumente referieren konnte. Die kurze Fahrt durch die nächtlichen Gefilde des Odenwaldes und der Bergstraße ist wie eine Flucht aus dem Werktag, der uns unmittelbar mit dem Verglimmen der vieldochtigen Kerze anfällt. Man hat noch den Sabbat im Herzen, wia den Sabbatrock am Leibe. Durch die angelaufenen Fenster huschen hinter dem Spalier der Bogenlampen und Telegraphenstangen wie Schatten im Schatten die Bergwälder vorbei, auf deren höchsten Spitzen Ruinen wie mit erhobenem Finger in die Dezembernacht gespenstisch winken und weisen. Zwischen Bensheim und Weinheim gleiten wir ins Badische hinüber. In Mannheim steigt zu uns der verdiente Leiter des „Vereins zur Wahrung", der keine Gelegenheit verpaßt, jüdische Kraftströme durch die badischen Lande zu leiten und auch der Initiator und Organisator dieser Vortragstournee ist. In Karlsruhe müssen wir unverzüglich ins Auto steigen, da die Menschen im Saale sich ungefähr schon um die gleiche Zeit zu sammeln begannen, als ich in Frankfurt erst an die Bahn hinausfuhr. Im 'geraumen Viereck des Saales herrscht gutes Licht und gute Stimmung. Die Sabbatseele ist auch hier noch nicht gewichen, das spürt der Redner und fühlt sich auf Heimatboden. Der Professor, der in Mannheim wohnt, Darmstädter heißt und nun in Karlsruhe spricht, nimmt die Gelegenheit wahr, einleitend wieder einmal die Belange des „Vereins zur Wahrung" in empfehlende Erinnerung zu bringen. Man sieht es den dankbaren Gesichtern an, wie populär hier der Verein und sein Leiter ist. Der Rabbiner der Karlsruher Religionsgesellschaft schließt den Abend. Er hat eine eigene liebe Art zu reden, dieser Rabbiner, einfach, schlicht und kurz, und stets das Wesentliche treffend. Aus irgend einem beiläufigen Satze des Vortrages improvisiert er witzig so etwas wie ein Motto, das den Kern der Sache trifft wie zugleich ein Dankwort an den Referenten ist. Eine „Stunde" bei gutem Tee und guten Reden bei „unserem lieben Doktor", als Nachfeier schon nachgerade traditionell, dehnt sich bis zu dem Zeitpunkte aus, da für die Anderen schon der Sonntag beginnt. Im Hotel, das einen jüdischen Besitzer hat und darum doch noch kein „jüdisches Hotel' ist, empfängt mich rauschende Musik. Es bedarf keines Seherauges, um gleich festzustellen, daß die Musikkapelle nicht zu meinem Empfange bestellt ist, eben so wenig wie die vielen in großer Toilette herumtänzelnden jungen Damen mit ihren dito feierlich aufgemachten Herren. Es ist Chanukahball im Hause. Chanukahball? staune ich ein wenig. Die Herren sind ja noch gar nicht so weit. Ich meine, die Herren von Modin aus der Makkabäerfamilie. Die Schlacht ist ja noch gar nicht entschieden, es ist ja heute erst der 2 3. K i s 1 e w. Das macht nichts, man darf Feste vorverlegen, und, denke ich, immer besser als n a c hverlegte Silvesterbälle . . . Der Frankfurter Sä'obat, die kurze Fahrt, der Karlsruher Vortrag arbeiten im Gehirn fort, wie in einem Kessel, den der Werkmeister abzustellen vexgessen hat, und auch der gute Tee in der Doktorfamilie und der Gleichtakt der Tanzschritte bei schmissiger Musik sind kein gutes Schlafmittel. Man hat Zeit, im guten Bette über . dieses und jenes gesammelt nachzudenken, Als der Sturm bei uns ausbrach, vielu unserer Brüder und Schwestern mit der Gewalt des Elementes packte und zur Besinnung aufrüttelte, da gab es sehr Viele — nicht gerade im badischen Lande, anderswo drängte sich uns dieses Bild noch viel krasser auf — die da glaubten, die jüdische „Rückkehr" bestehe darin, daß man aus dem nichtjüdischen Cafe Sich im jüdischen Restaurant — zum Kartenspiel sammelte, aus dem großen Tanzlokal, wo man nicht mehr gern gesehen war, sich auf einen eigenen jüdischen Tanzboden flüchtete. Wäre dies allein die Ein- und Rückkehr gewesen, wir müßten wahrlich mit Jeremias sagen: „Vergebens schlug ich Eure Söhne, eine Lehre habt Ihr daraus nicht gezogen." Es war aber nicht ganz so, und Einzelerscheinungen zeigten nur die erste Verwirrung an, das Surren eines Motors, nachdem er längst abgestellt ist. Auch eigener Kartentisch und Tanzboden waren zunächst eine Form des jüdischen Gemeinschaftslebens, die erste Form, aus der sich die wahre Gemeinschaft dann heraus entwickeln wird. Daß eine neue Generation mehr daraus lernt und eine Vertiefung will, konnten wir auch im Vortragssaale wahrnehmen. Dem großen chassidischen Meister in Berditschew, Rabbi Lewi Jizchak — das sei hier keineswegs mit Bezug auf irgend eine bestimmte Stadt und einen Anlaß erzählt, sondern ganz allgemein, weil die Geschichte sehr hübsch und charakteristisch für jenen „großen Judenanwalt" ist — wurde einmal berichtet, daß welche in seiner Gemeinde die Nächte zum Tag emachen bei Tanz und Tand und Schmaus und Spiel. „Herrlich!" rief der Rabbi aus. „Diese Menschen ahnen selber nicht, wie nahe sie schon an die Pforten der Teschuwa herangerückt sind. Was hindert uns zumeist an der gebotenen Umkehr? Nichts als unsere Lässigkeit, unsere Müdigkeit, unsere Schwerfälligkeit, die übermäßigen Ansprüche unseres Körpers auf Ruhe Und Schlaf. AI] diese Hindernisse haben jene Menschen bereits überwunden, es bedarf nur eines Schrittes, und sie sind mit der gesammelten Kraft, mit dem geübten Schwünge, mit den dem Schlaf und der Ruhe abgerungenen Stunden auf dem Wege zur Selbstbesinnung". Und schon begab sich der Rabbi zu den Menschen, um ihnen diesen Gedanken klarzumachen, und ihnen die Türen zu den G'tteshöhen aufzureißen, vor denen sie sich bereits unbewußt befanden... Gegen drei Uhr brechen unten die Geigen mitten im Spiele ab. Tanz und Taumel verstummen. Man hat noch reichlich Zeit, einem Morgen, der, nicht zu früh, zu neuen Aufgaben weckt, ungestört entgegen zu träumen. —tz. (Fortsetzung folgt.) Jossei, der alte Fiedler, Von M. K. Zu meinen Warschauer Erinnerungen gehört Jos- Sel, der alte Fiedler, der vor dreißig Jahren auf Nalevski, der Franziskanergasse und in allen umliegenden Straßen des jüdischen Viertels eine bekannte und charakteristische Figur war. Er gehörte gewissermaßen mit zum Straßenbilde und war ein Stück des jüdischen Lebens in diesem lebendigen jüdischen Zentrum. Er kam vor vielen Jahren aus der Berditschewer Gegend und hatte in Polen keine Verwandten. Er war ganz allein und auf sich gestellt. Keiner erfuhr, ob er einmal ein Familienleben führte oder nicht, ob ihm die Frau jung gestorben oder er von ihr geschieden war. Andere wußten, daß er eine Tochter in Buenos Aires, der Hauptstadt Argentiniens, hatte. Er selbst wollte nicht einmal den Namen dieser Tochter nennen. Er war damals schon ein Achtziger, konnte aber seinem Aussehen nach auch hundert Jahre alt sein. Das ganz eingeschrumpfte gelbe Gesicht war rundherum von weißen Haaren umgeben. Der Bart begann schon gleich unter den Augen und umwucherte die knochigen Backen so, daß man vom Gesichte eigentlich nur die herausragende Nase sah. Alles war an diesem Greis alt und verfallen, bis auf die Augen. Diese Augen blieben jung und feurig, voll Milde und Wärme. In ihnen lag so etwas wie das Bruchstück von einem blitzenden Denkmal frühzerstörter Jugend. Auf der Höhe seines Lebens ernährte sich Jossei, wie viele andere, als Händler, Makler und Warenkommissionär. Mit vorgerücktem Alter konnte er diesem Berufe, besonders nachdem neue Bestimmungen kamen und neue Geschäftsmethoden einrissen, nicht mehr nachgehen. Die Sorge um die Zukunft, den Lebensabend, bedrückte ihn sehr. Er hatte keine Verwandten und keine Annehmer. Gegen den Gedanken, im Alten- und Armenhaus zu landen, sträubte sich sein ganzes zähes Wesen. Noch schrecklicher war für ihn der Gedanke, in den alten Tagen von öffentlichen Spenden leben zu müssen. Die Sorge lastete auf ihm und machte ihn noch älter als er wer. und diese Sorge war es, die ihm zuletzt die Fiedel in die Hand drückte. Der Alte erinnerte sich, daß er in ganz jungen Jahren einmal an der jüdischen Dorfkapelle seiner Heimat mitgewirkt und, ohne Spur von Notenkenntnis zu besitzen, einige Märsche, Bauernlieder und chassidische Weisen seinem alten Kasten, der aber nicht in dem Sinne alt war, daß er wundersame Töne von sich gab, abzuringen gelernt hatte. Diese morsche Fiedel nahm er wieder vor, fing an, mit zittrigen Händen an den Saiten herumzutasten. und siehe, die Töne und Weisen der jungen Jahre stellten sich wieder ein, erst stockend und zögernd, dann aber ganz geläufig und melodisch genug für Twarda und Nalevski von damals. Was gilt aber eine einzelne Geige, wenn man bei kleinen Hochzeiten oder bei der Feier aus Anlaß der Beendigung eines Talmudtraktates oder einer Thoraeinweihung aufspielen soll? Man mußte eine richtige Kapelle zusammenstellen, wie damals im Dorfe bei Berditschew, von mindestens vier Mitgliedern, damit sie zusammen ein „Quartett" ergeben. Das Wort ist ihm aus seiner musikalischen Jugend im Gedächtnis haften geblieben. Aber es waren eben andere Zeiten. Die Jungen hatten keine Ideale, entweder sie gingen dem Handel nach oder auf die 'Jeschiwa und waren nicht mit einer Spur vom g'ttlichen Funken der Harmonie begnadet. Die neuen Schüler des Konservatoriums, selbst die Spieler im jüdischen Orchester lachten laut auf, als der Alte mit dem Bogen über die Saiten kratzte und ihnen zumutete, mit ihm zu spielen. So mußte man sich an die Alten, die von der gleichen Sorge wie er bedrückt waren, wenden. Zwar hatten diese bis auf einen noch niemals ein Instrument in Händen. Aber es war keine Hexerei und mit g'ttlicher Hilfe mußte es gehen. Drei gleichaltrige Kollegen gingen begeistert auf seinen Vorschlag ein. Einer besaß, wie er selbst, aus der Jugendzeit her eine brüchige Geige. Man kaufte dazu beim Trödler auf Abzahlung eine Flöte und eine Pauke. Der Pauker hatte die leichteste aber wichtigste Arbeit, denn er konnte nach eigenem Belieben und Taktgefühl pauken oder pausieren, wie und wo er es für nötig erachtete, hatte aber dem Ganzen den „Ausschlag" zu geben. Klappte einmal die Harmonie nicht, so war es der Pauker, der kräftig zuzugreifen und alle Disharmonien zu überdecken hatte. Mit einem Worte, es ging. Das Quartett war da und bestand aus vier Leuten, die zusammen beinahe 400 Jahre ergaben. Der Volkswitz nannte sie „Das vierhundertjährige Quartett". Aber die vier Männlein waren vor Hunger und Armenhaus geschützt. Und es gab bei festlichen Anlässen, die sie durch ihr Spiel verschönten, auch einen guten Bissen und einen guten Tropfen. In den Teller kollerten die Kupfermünzen der Gäste für die Kapelle. Es war ehrlich verdient und kein Almosen. Beinahe konnten es schon die Vier ein ungeahnt gutes und schönes Alter nennen. Wenn ich Jossei auf der Straße traf, pflegte ich ihm zuzurufen: „Wie gehts immer, Reb Jossei?" Ich mußte noch einmal, lauter, und noch lauter "wiederholen, da nicht allein das musikalische, sondern auch das einfache menschliche Gehör des Meisters viel gelitten hatte. Hatte er mich endlich verstanden, so rieb er sich vergnügt die Hände: „G'tt sei gedankt, gut, mein lieber junger Freund, man ißt und trinkt und lebt einen guten Tag . . ." Nach einigen Wochen begegnete ich wieder Jossel auf Nalevki. „Nun, wie gehts, Meister?" fragte ich und erwartete keine besondere Antwort. „Nicht gut," hieß es aber diesmal, „mein erster Geiger hat mich verlassen." „Ein besseres Engagement bekommen?" beliebte ich zu spotten. „Sicherlich. Er ist vorgestern gestorbe n." „Nun, Ihr werdet Ersatz bekommen", versuchte ich zu trösten. „Nicht so leicht", seufzte der Dirigent. „Ein Kind war er zwar nicht mehr, über die Neunzig bereits, aber er war doch meine erste Kraft, hatte wie ich, schon in jungen Jahren damit zu tun, konnte sogar allein Kol Nidre spielen . . ." Nach zwei Wochen stapft mir wieder auf Nalevki Jossei mit der Fiedel unter dem Arm in den Weg. Er schien mir in den letzten paar Tagen schon wieder um ein Jahrzehnt älter geworden. „Was ist, Reb Jossei, warum so gedrückt?" fragte ich. „Es geht schlecht und schlechter," ächzte der Meister. „Hat man schon je so was gehört? Fehlt es etwa oben im Himmel, wo doch jeden Morgen die Engel ihre Schiroh singen, an Spielern? In zwei Wochen wurden sie alle Drei dahin abberufen .. . . Ich stehe wieder ganz allein mit meiner Fiedel da. Mit achtzig Jahren bin ich wieder ein Waisenkind." Tränen traten in die alten Augen. Schon nach drei Tagen ging ich hinter der Bahre von Jossei, dem Fiedler, her. Kaum zehn Menschen bildeten das Geleite. Kein Verwandter weinte eine Träne. Nur Jeckel Spirt, in dessen Teehaus der Alts oft ein Gläschen zu genehmigen pflegte, sprach über das offene Grab hinweg: „Ein aufrechter Mann geht von dannen, der bis zuletzt sich dagegen gewehrt, das Brot der Gnade zu essen, hat bis. ans Ende vc" seiner Hände Arbeit im buchstäblichen Sinne des Wortes gelebt. Die Hände zitterten, aber er fiedelte und verdiente sein tägliches Brot. Und er liebte auch sein Spiel. Wer weiß, was aus diesem Jossei geworden wäre, wenn er nicht erst mit achtzig, sondern; schon mit acht Jahren zur Fiedel gegriffen hätte!'1' Winterschlußverkauf Frau f. maier ww. HERRENKLEIDUNG Ecke Fahrgasse/Battonnstraßa DAS LICHT DER EWIGKEIT S^""1"«1" von Rabb. Dr. Elie Münk in Ansbach ntKMUll uMDH., ManKluri 3. M. broschiert RM. 4.oo Lwbd. RM. 5.oo Schfltzenstr. 12 Postsch. 19802

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.