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Der Israelit · 1938-01-20 · Heft 3 (20.1.1938) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 3 (20.1.1938)
Date
1938-01-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 Nr. 3 Der Israelit 20. Januar 1938 Personalien. Prof. Jacob Obermeyer ^"XT* Würzburg, 17. Jan. In der Nacht von Freitag auf Sabbat, den 28. Tebet, verschied in Würzburg Prof. Jacob Obermeyer im hohen Greisenalter von 92 Jahren. Man macht sich wohl keiner Uebertreibung schuldig, wenn man behauptet, daß mit diesem Lehen eines der merkwürdigsten und interessantesten Schicksale unter Juden neuerer Zeit sein Ende gefunden hat. Jacob Obermeyer wurde im Jahre 1845 im mitteifränkischen Dörfchen Steinhart geboren und genoß bereits in früher Jugend eine gründliche talmudische Ausbildung. Dieses .Lernen" der Jugendzeit sollte für Obermeyer zum entscheidenden Erlebnis werden, das für ihn weiterhin bis an sein Ende schicksalhaft geblieben ist. Seine Jugend fiel in eine Zeit, die durch das Aufblühen der modernen jüdischen Wissenschaft weiten Kreisen des deutschen Judentums neue Impulse zu geben versprach. Als Obermeyer jung war, schrieben Zunz, Grätz und Steinschneider ihre bekannten Werke, Von dem Forschungsdrang seiner Zeit wurde auch er ergriffen, und doch in so ganz anderer Weise, als es unter deutsch-jüdischen Gelehrten damals üblich war. Seine Leidenschaft, Geschichte und Gegenwart des Judentums zu erforschen, zwang ihn nicht hinter den Schreibtisch, sondern hinaus in fremde Länder und Erdteile. Besonders der jüdische Orient interessiert ihn. Er durchstreifte die ganze Nordküste Afrikas, besuchte Aegypten, Palästina, Syrien und wurde schließlich im Jahre 1869 Lehrer an einer Alliance- Schule in Bagdad. Angehörige des persischen Herrscherhauses, die in Bagdad im Exil lebten, wurden auf ihn aufmerksam, und so wurde Obermeyer für längere Zeit — Romantik aus 1001 Nacht; — Erzieher eines persischen Prinzen. Jetzt begannen seine eigentlichen Forscherjahre; sein Amt ließ ihm noch genug Muße übrig für ernste wissenschaftliche Tätigkeit. Er studierte arabisch, persisch und die klassischen Sprachen des europäischen Altertums, bis er sich eine profunde Kenntnis dieser Literaturen angeeignet hatte. So ausgerüstet, konnte er nun an sein Lebenswerk herangehen. Es führte ihn zurück zu den talmudischen Studien seiner jungen Jahre und verfolgte kein geringeres Ziel, als die Erforschung Mesopotamiens, der alten Heimat des babylonischen Talmuds und des Gaonats, um so den Buchstaben des Gelernten das Leben der unmittelbaren Anschauung einzuhauchen. Eine Geographie des Talmuds sollte sein Buch sein. Es erschien — allerdings erst im Jahre 1929 — unter dem Titel: „Die Landschaft Babylonien im Zeitalter des Talmuds und des Gaonats". „Dort unten in Mesopotamien", schreibt Obermeyer an anderer Stelle, „am Rande der großen arabischen Wüste, an den Ufern des Euphrat und Tigris habe ich aus dem Born der arabischen Klassiker meine Bildung geschöpft und an den Bä-' chen Babyloniens, an dem Urquell des Talmud, meinen Durst nach der Lehre gelöscht." Nach dreijährigem Aufenthalt in P e r s i e n erhielt er im Jahre 1884 einen ehrenvollen Ruf nach Wien als Dozent für arabische und persische Sprache und Literatur an der k. k. Lehranstalt für orientalische Sprachen. Ueber drei volle Jahrzehnte bekleidete er dieses Amt. In dieser Zeit schrieb er u. a. ein Buch über „Modernes Judentum im Morgen- und Abendland" (Wien u. Leipzig 1907), in dem er uns zeigt, mit welchem Forscherblick für alles, was jüdisch war, er seine Weltreisen unternommen hat. Mit schonungsloser Wahrheitsliebe werden hier alle jüdischen Erscheinungen, besonders diejenigen des. westeuropäischen Judentums, in ihrer Echtheit gemessen an der alten, unverfälschten, legitimen Tradition, und an nicht wenigen Stellen seines Buche« reißt er dem als hohl und unlauter erkannten Reformjudentum seinerzeit die Maske ab. Von 1920 bis 1931 lebte Obermeyer in Berlin, im Jahre 1931 übersiedelte er ins hiesige Altersheim. Seit dieser Zeit kannten wir Würzburger Professor Obermeyer und wenn er jetzt in die Ewigkeit abberufen wurde, so mögen Judentum und Judenheit in der weiten Welt den Tod des bedeutenden Gelehrten beklagen, wir in Würzburg trauern außerdem noch um den Menschen Jacob Obermeyer. Nicht etwa, daß er hier in Würzburg abseits von der wissenschaftlichen Welt ein „Privatleben" geführt hätte, er hätte vielleicht als 90er das Recht dazu gehabt. Nein, wir alle, die das Glück hatten, mit Jacob Obermeyer in seinen letzten Jahren öfters zusammen zu sein, konnten an dieser ehrwürdigen Greisengestalt so recht einmal sehen, wie echtes Gelehrtentum seinen Träger innerlich und äußerlich zu einem Menschen zu form,en und zu prägen vermag. Das, was an der Gestalt Obermeyers auf alle, die ihm nahestanden, besonders aber auf junge Men- SChen, SO faszinierend wirkte, war ein© absolute und doch so demütige Wahrheitsliebe, Allen Erscheinungen gegenüber, ein unzerstörbarer Lebensoptimismus und vor allem eine tiefe Liebe zum Judentum und zum jüdischen Volk. Und dadurch war sein Wesen zu einer Lehrer- und Erzieherpersönlichkeit geformt, die er bis zu seinem letzten Atemzug geblieben ist Und deren Eindruck sich schlechterdings Niemanä entziehen konnte. Er hatte in seiner Art etwas Väterlich-gütiges und liebenswürdiges. Der ganze Cham seines Greisenalters umfing einen in seiner Umgebung. Und doch, wenn er vom Judentum und seiner Lehre sprach, erfüllte ihn stets Ernst und — Sorge. Wie oft konnten wir seine Mahnung hören: „Ja, junger Freund, Sie und Ihre ganze Generation müssen arabisch lernen, Sie müssen den Saadja Gaon in seiner Ursprache, ^müssen seine Bibelübersetzung lesen lernen. Sonst bleiben Ihnen mit die wertvollsten Quellen des echten Judentums verschlossen." Am ergreifendsten aber war sein Optimismus, eine geradezu heitere Lebenszuversicht, wie man sie selten "bei einem Mensehen antrifft. Niemals hörten wir den 92jährigen klagen, es sei denn, daß er das Nachlassen seines Augenlichts bedauerte, was ihn daran hinderte, bis zuletzt noch wissenschaftlich tätig zu sein. Er ließ sich aus Büchern und Zeitungen vorlesen, und so staunte der Besucher immer wieder darüber, daß der Greis bis in seine letzten Tage stets mit den neuesten Ereignissen vertraut war. Am liebsten aber las er — in seinem Buche, dem wissenschaftlichen Hauptwerk seines Lebens. Mit der Lupe in der Hand suchte er sich mühsam die Buch- Prof. Jacob Obermeyer staben zusammen und blätterte so gleichsam in seinem reichen und vielgestaltigen Leben. Bei aller Demut und Bescheidenheit, die ihn beherrschte, war er doch erfüllt von dem beglückenden Bewußtsein, sein Leben mit Arbeit ausgefüllt und etwas Großes geleistet zu haben. Uns Allen, die wir in seiner Umgebung sein durften, war er Vorbild. Dr. F. G. * * * Die Beerdigung fand am Sonntag, den 2. Januar, uaf dem altehrwürdigen Beth Olam in Höchberg statt, da es des Verstorbenen Wunsch war, hier inmitten der D'Vna zu ruhen. Trotz des stürmischen Wetters hatte sich eine große Anzahl von Freunden des Verewigten zusammengefunden, die in stiller Ergriffenheit den hinreißenden Worten folgten, mit denen Bezirksrabbiner Dr. H a n o v e r unter Anlehnung an den Vers: „Wisset, ein Fürst und Großer in Israel ist gefallen" das getreue Lebensbild eines Mannes zeichnete, dessen ganzes Schaffen der Wissenschaft geweiht war, der aber durch seinen ungeheuren Wissensdrang auch den Weg zu allen Tiefen der talmudischen Literatur fand. Dr. Hanover hob besonders das Werk hervor, das das Leben der Juden im Orient behandelt, aus dessen Einleitung er einige Abschnitte zitierte. Darauf sprach ein Schwiegersohn als Vertreter der Familie, der u. a, auch auf Reb Joseph Steinhart ^"31, den „Sichron Joseph", einen Ahn des Verblichenen, hinwies. y"'T Hamburg, 18. Jan. Am tafr '3 ging Frau Mathilde Schloß geb. Kaufmann im Alter von 85 Jahren von uns. 56 Jahre war. sie mit ihrem Gatten vereint, der in stiller, selbstloser Arbeit an allen Stätten seiner amtlichen Tätigkeit, als Lehrer in Autenhausen, als Waisenvater in Emden, an der Klausstiftung in Mannheim und auch noch hier im Ruhestand, für die Erziehung und geistige Heranbildung in sich gefestigter, glaubensstarker Juden wirkte. Wer gesehen hat, wie diese Frau durch einen Lehrvortrag beglückt werden konnte, wie sie heldenhaft körperliche Schwäche überwand, um rrnS» zu üben, wie sie es trug, das schwere Geschick, erwachsene Kinder zu verlieren, der beugte sich in Ehrfurcht vor dieser Persönlichkeit, die zu den frommen Frauen gehörte, um derentwillen unser Volk der Erlösung würdig werden kann. Verschönt wurde ihr Älter durch die Beliebtheit ihres Sohnes, der schon in jungen Jahren vom Oberrabbinat durch den 'nan-Titel geehrt wurde und segensreich als Lehrer und Erzieher hier wirkt, und durch ihre Enkel, die sich durch Liebe zur min und besondere jüdische "Kenntnisse auszeichnen. Unser Mitgefühl gilt vor allem , dem zurückgebliebenen Gatten, dem aus seiner Frömmigkeit und Thoraliebe Trost erwachse. rraxan ' B. S. J. Freiburg i. Br., 17. Jan. Wieder ist eine klaffende Lücke im Kreise der Freiburger nw entstanden. Nur wenige Monate nach dem Heimgang seines Freundes und Nachbarn Jacob Picard nry ist N, L. W e i 11 leider plötzlich abberufen worden. N.L. Weill stammte von Kippenheim, war lange Jahre in Metz Mittelpunkt der gesetzestreuen Einheimischen und Fremden und verzog nach dem Weltkriege nach Freiburg. Hier hat er seine guten Eigenschaften besonders zur Geltung gebracht. Wie freute er sich immer, den nnsa nacheilen und insbesondere an allen ca»*iww teilnehmen zu können. Er war ein wahrer Freund der Thora und der Mittelpunkt des frommen Kreises und des konservativen Bethauses. Mit seinem heiterfrohen Gemüte schui er eine Atmosphäre des G'ttvertrauens um sich. . Bei der am Montag unter außergewöhnlicher Beteiligung von nah und fern stattgefundenen miap bezeichnete Herr Bezirksrabbiner Dr. Scheuermann in kurzen Worten den Verblichenen als naiasn in jeder Weise, in Anlehnung an die Worte der Sidra vmn sa nims TT 'n'V bei dessen .Eingang die reine Seele N. L. Weills in die Höhen stieg. Herr Prof. L .D. M a i e r dankte als Gemeindevorsteher dem verewigten Mitgliede des Synagogenrats herzlich, besonders wegen, seiner eifrigen Mitarbeit und seiner Friedensliebe. Im Namen der man 7~w>ip Kippenheim, deren eifriges Mitglied N. L. Weill bis zu seinem Ableben blieb, sprach Herr Lehrer Schwab warme Dankesworte. Möge sein n'DT der gleichgesinnten Gattin und den in der Ferne weilenden Söhnen beistehen und ihnen reicher Trost zuteil werden. n"3S3ri Sprechsaal.. Richtigstellung. Zu unserer Bemerkung in einer unserer letzten Nummern unter der Rubrik „Kuriosa": „Den Rekord im Tanz um Baum und Silvester scheint die Gemeinde ... zu schlagen" geht uns vom Vorstand der angedeuteten Gemeinde ein Schreiben zu, dem wir folgende Tatsachen entnehmen: 1. Eine Umlegung des G'ttesdienstes hat tatsächlich stattgefunden, aber nicht, um unseren Gemeindemitgliedern die Gelegenheit zu bieten, den Baum anzuzünden, sondern um den christlichen Hausangestellten ihre religiöse Feier zu ermöglichen. Wir glauben, daß diese Toleranz auch nicht im Widerspruche zu den Anschauungen des von Ihnen vertretenen traditionstreuen Judentums steht. 2. Am Aushängebrett der Synagoge erfolgte überhaupt keine Bekanntmachung. Richtig ist nur, daß der Gemeindediener den Wortlaut des Anschlages verfaßt und den letzteren, ohne ihn uns erst zur Durchsicht vorzulegen, am Aushängebrett der jüdischen Gaststätte angebracht hat. Die von ihm gewählte Ausdrucksweise wird selbstverständlich auch von uns nicht gebilligt, auch nicht von unseren Gemeindemitgliedern, von denen unseres Wissens keines einen Weihnachtsbaum anzündet. Auch die Angaben des Berichterstatters, daß die Gemeinde einen Silvesterball veranstaltet hätte, bei dem „für warme und kalte Speisen von Gemeinde wegen reichlich gesorgt war", entspricht in keiner Weise den Tatsachen. Es hat nämlich überhaupt kein „Silvesterball" stattgefunden, so daß auch nicht von Gemeinde wegen für warme und kalte Speisen gesorgt werden konnte, wobei wir in Parenthese bemerken, daß auch die Vertretungen liberaler Gemeinden ihre jüdischen Aufgaben nicht in einer solchen Betätigungsart zu erblicken pflegen. Rabbinat und Vorsteheramt haben von vornherein den Gedanken, eines Silvesterbälles am Freitag Abend strikte abgelehnt. Wahr ist, daß der Wirt der jüdischen Gaststätte von sich aus zur Hebung seines Umsatzes am Samstag Abend eine TanzunterhaltunjS veranstaltet hat, mit der die Gemeinde als solche absolut nichts zu tun hatte. (Es wird uns auch von anderer Seite bestätigt, daß der „traditionelle" Ball nicht am Freitag, sondern am Samstag abend stattgefunden hat, und muß die unrichtige Angabe unseres Gewährsmannes in diesem Punkte bedauert werden. Die Verlegung des Freitagabendg'ttesdienstes am 24. Dezember auf 5 Uhr bleibt — auch wenn man von der famosen Begründung absieht — reichlich unklar. Der Sabbatbeginn schwankte am maw 'S in den dortigen Gemeinden zwischen 4 Uhr 15 und 4 Uhr 20. Wie konnte man ■ dann „mit Rücksicht auf das Personal" den G'tteS' dienst auf 5 Uhr vorverlegen? Wäre es nicht viel* leicht richtiger gewesen, mit Rücksicht.: auf das nichtjüdische Personal und auf Jiatf twnp den Sabbat rechtzeitig nach Angabe des Kalenders zu empfan' gen? Red.).

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