Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1938)
- Date
- 1938-01-13
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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''"I^'-^'S^*5^^ Seite 2 Nr. 2 ten Chillul Haschern kommen muß nach außen und zu einem erbitterten Kulturkampf um die religiösen Forderungen im Innern. Auch die nicht-orthodoxen Kreise sollten dies berücksich tigen und die Pläne einer übereilten Staats gründung, die den Keim des inneren Zwistes von vornherein in sich trägt, kritischer betrachten Die Orthodoxie, die am besten weiß, wie sie sich für die Gebote und die Thora einsetzen müßte „ und auf welchen Grundlägen die Verpflichtungs kraft der Thora ruht, die am besten weiß, wes sen Name ignoriert und verhöhnt würde, wenn ein jüdischer Staat in Mißachtung der Thoragesetze entstehen würde, die auch am besten weiß, welche drohende Schicksalsreihe, gezeugt durch diesen wie jeden Chillul Hasckem, sich eröffnen müßte über ein armes und auf Erlösung hoffendes Volk — sie müßte diese ihre Entschlossenheit und dieses ihr Wissen der Mandatarmacht und der jüdischen Welt offen und unzweideutig erklären. Aber sehen wir einmal ab von der messianischen Anmaßung und der Gefahr des Chillul Haschern und der drohenden religiösen Kämpfe im Innern — sehen wir auch ab von der Kleinheit des Judenstaates, der große für die Ansiedlung geeignete Böden und den religiösen Mittelpunkt der Judenheit außerhalb seiner Grenzen läßt und sehen wir ab von dem Sturm der jüdischen Massen, die der jüdische Staat auszuhalten hätte, vön den Ländern her, aus denen die Juden samt Ünd sonders auswandern wollen, gezwungen durch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse und dann auch durch den Druck der Regierungen, die darauf hinweisen können, daß die Juden ja ihren Staat haben, in den sie soviele Einwanderer hineinlassen können, wie sie wollen — sprechen, wir nur von der politischen Sicherheit, die der "geplante Judenstaat besitzt. Sicherheit ist die Parole geworden, nach der die Großmächte heute^ihre Maßnahmen ausrichten. Um wieviel mehr muß es der Zwergstaat am Mittelmeer und zwar an seiner gefährlichsten Ecke, wo sich politische, wirtr schaftliche und religiös - kulurelle Interessen überschneiden, und sich die Spannungsfelder der Macht, des Geldes und des Glaubens von Tag zu Tag stärker laden. Hüten wir uns davor, daß wieder einmal eine der erbittertsten Auseinandersetzungen der neuesten Geschichte auf unserem Rücken ausgetragen wird. Der Orient erwacht. Jeder, der Augen hat zu sehen, weiß es. Die jungen Völker recken sich mächtig aus der europäischen Vormundschaft empor. Europa jwird durch Europa besiegt werden. Die Zwingnerren sind zu Lehrmeistern und die-Sklaven zu gelehrigen Schülern geworden.^ Schon sind rings um Palästina fünf arabische Staaten entstanden. Aegypten ist beinahe ein selbständiger Staat. Saudi-Arabien ist fast ganz unabhängig. Der Irak ist Mitglied des Völkerbundes und Syrien ist eben im Begriffe, der französischen Vormundschaft zu entwachsen. Transjordanien endlich hat sich schon längst vom Palästinamandat frei gemacht. Die Türkei und auch Persien sind diesen Staaten erfolgreiche Vorbilder der Europäisierung. Nationalismus, Aufklärung und Technik sind die europäischen Mittel, durch die der erwachende Orient seine Selbständigkeit erringt. Bis nach Indien und von dort mit neuen Impulsen zurück schlagen die Wellen der panarabischen Bewegung. Und wenn auch die Fürstennbic ihre realen Sonderinteressen höher veranschlagen^als die selbstlosen Ideale des Panarabismus — ein Bund dieser erstarkenden Staaten, zumindest eine Kooperation in allen außenpolitischen Dingen zeichnet sich immer deutlicher am politischen Horizont ab. Im Negativen: „Los von Europa mit Hilfe europäischer Methoden" sind sie einig. Diejenige europäische Macht, die, am weitesten diesen nationalen, wirtschaftlichen, kulturellen Methoden entgegenkommt, die die Heere schult,die Wirtschaft entwickeln hilft und im Lehrbetrieb ünd in der wissenschaftlichen nationalen Forschung und der Auferstehung der eigenen Sprache Handlangerdienste leistet, ist; ► als willkommener Bundesgenosse gegen jdiejeni gen erwünscht, die" Disher*"weniger Freiheit gewährten und kann sich noch jeinem begrenzten Einfluß eine Zeitlang sichern. So muß sich ^Europa gegenseitig unterbieten, um sich im Orient be haupten zu , können. Es ist leicht vorauszusehen, daß es am Ende so zur völligen Ausschaltung Europas kommen muß» Am Ende wird der Okzident und seine Mächte vollkommen aus dem Orient verdrängt sein. Wer Augen hat zu sehen, wird mit Schrecken an das Schicksal des Judenstaates denken, der iieute auf den englischen Bajonetten scheinbar sicher ruht, gegen den aber, wenn die Entwicklung fortgeschritten ist, ein furchtbarer Sturm aus der Wüste" losbrechen kann. England wird mehr' und mehr auf die nationalen Regungen des erwachenden Orients Rücksicht nehmen müssen. Und was wird dann das Schicksal des Judenstaates sein? Diejenigen, die, obwohl sie es wissen müssen, wie es mit der Sicherheit des geplanten Staates in Wahrheit bestellt ist, ihren Anhängern dennoch die Annahme des Judenstaats-Projektes empfehlen und damit eine blinde Masse von Gutgläubigen sehend ins Verderben treiben, sollen nicht sagen, daß die Entwicklung jahrelang dauern wird und wir heute nur Pläne auf beschränkte Zeit machen können. Denn die nationale arabische Bewegung marschiert. Niemand wagt es zu. leugnen. Ihr Marschtempo können wir nicht voraussehen. Jede Komplikation kann den Lauf der Dinge ungeahnt beschleunigen, von größeren Verwicklungen ganz zu schweigen. Es gibt nur eine Lösung. Die' Aufrechterhält tung des Mandats ist es nicht. Alle Betrachter der Situation geben zu, daß jede nennenswerte Erhöhung der jetzt fast ganz gedrosselten Einwanderung die arabischen Leidenschaften wieder zum Entflammen bringen wird und dem Jischuw tödliche Verluste und lähmende Krisen zufügen muß. Es gibt nur eine Lösung, die den messianischen Ereignissen freie Bahn laßt und dem g'ttlichen Plan nicht vorgreifen will. Es gibt nur eine Lösung, die ' nicht die, religiösen Ge fühle der. Thörätreuen beleidigt. -Es gibt nur eine Lösung, die politische, Sicherheit nach menschlicher Voraussicht bietet. Es ist die ein^ zige verantwortungsvolle. Lösung. Es' ist keine jüdische Lösung. Aucfc Jkeine „englische,? uncf auch nicht' eine ' paritätisch. arj^isch-jüdische — diese "war immer nur. eine Wunschkonstruktion, ohne reale Ausgestaltung. Um es rundweg zu sagen: Die einzig mögliche Lösung ist die — arabische. WohL; verstanden im p o litis c hüe.n Sinne. Ich verstehe darunter die Einordnung des künftigen palästinensischen Staates "in die arabische Linie, seine Einbeziehung in den kommenden arabischen'[Staatenbund und in die schon bestehende arabische Kooperation mit dem erklärten Ziel der politischen Befreiung mit Hille europäischer Methoden vor der Bevormundung durch irgendwelche europäischen Mächte. -Die* Juden — sobald sie sich nur ehrlich zu einer solchen Zielsetzung bekennen, die vollkommen in der Richtung der Gerechtigkeit liegt, und ihre europäische Schulung und in Europa erprobte Tüchtigkeit der arabischen nationalen wirtschaftlichen und kulturellen Befreiung rückhaltlos zur Verfügung stellen, die Juden sind die vollkommensten Bundesgenossen der in vollem Gang befindlichen arabischen Bewegung, um so mehr, als unsere Herkunft aus dem Orient, die Verwandtschaft unserer Religionen und die jahrhundertelangen Erfahrungen der jüdisch-arabischen' Kooperation auch einer neuen jüdisch-arabischen Zusammenarbeit eine günstige Prognose stellen. Auch früher gab es schon Versuche zur Zusammenarbeit mit den Arabern;; Aber soweit sie von jüdischer Seite übernommen wurden, erregten sie nur das Mißtrauen der Araber. Denn im Hintergrund stand der Judenstaat, stand England, stand der europäische Imperialismus, stand der Okzident. Die Araber müssjen merken, daß wir als, Orientalen kommen, daßrin uns die Söhne des.: Orients nach ihrer j Heimat; . zurückkehren. Sie,jmüssen erkennen, däß in uns' die alte' Trä . ditiqri, der Jahrhunderte überdauernde Geist \ Orients noch heute tlebendig ist,' gefaßt ri^ | die Form Europas, in das Kleid und das fr zeug der Moderne. Sie müssen merken, daß; nicht die Exponenten irgend eines europäisoj Imperialismus sind.. Sie müssen wissen,. daß in Palästina nicht einen neuen westliehen jj. sehen - Imperialismus errichten wollen,' daß nicht als Eroberer kommen, sondern als .So' der alten Heimat, die einen modernen a orientalischen politisch-arabischen und der ] völkerung nach jüdisch-arabischen Staat erst ben und mit aufbauen fielfen wollen. Sagt nicht, daß auch der High Commissioi;mit seinen Plänen des Legislative Council kei Gegenliebe bei den Arabern gefunden hat. von England kommt, wird abgelehnt,. erscho nur als neues Mittel zur Gefügigmachung arabischen Bevölkerung unter das englisc Joch. Der neue Plan muß von den Juden a gehen, von einem Volk zum anderen. Er d keine englische Lösung sein, sondern eine arl bische, im Sinne der Befreiung des palästinea sischen Staates von europäischer Bevormundut und der Einordnung in den arabischen Staate: bund. Selbstverständlich ist-, daß die Einwand rung der Juden unter diesen Umständen keir Gefahr bedeutet für die arabischen Bestrebui gen und sie soll auch ausschließlich gemäß d< wirtschaftlichen Fassungskraft des Landes vc sich^ gehen, also wesentlich höher sein als gegenwärtigen Augenblick und sie kann in Ze ten der Prosperity einen ähnlichen Umfang, ai nehmen wie in. den hinter uns liegenden-Jahr ei Ebenso bildet es keine Gefahr für die arabische Bestrebungen, wenn die Juden volle Freiheit ii der Erwerbung von Ländereien genießen, vor ausgesetzt, daß keine direkte oder indirekt Schädigung von Arabern daraus folgt. Wenn die Juden, die in Palästina sind oder dort hinkom^ men, sich' die politischen Zielsetzungen der arabischen nationalen Bewegung zu eigen macheil — auch hierin eine Fortsetzung der spanischen arabisch-jüdischen Zusammenarbeit unter Chasdai Ibn Schaprut und Samuel Ha-Nagid etwa — so kann in der Einwanderung wirtschaftlich fähiger Jüden und^in der wirtschaftlichen Erschließung des Landes,, sowie in der finanziellen Hilfe des jüdischen Kapitals des Auslandes, die ohne Gegenleistung gegeben wird, nur ein Vorteil für den arabischen Staat Palästina erblickt werden. Um es nochmals unzweideutig auszusprechen: Unter arabische Zielsetzung und arabische Bestrebungen sowie unter „arabischer Staat" ist hier und weiter immer nur die politische Ausrichtüng verstanden: nämlich die Tendenz der Emanzipa^ tion von der Bevormundung durch europäische Mächte und die Kooperation mit den, übrigen arabischen Staaten. Die Bevölkerung mag zu irgend einem beliebigen Prozentsatz aus Juden bestehen, deshalb .braucht die Einwanderung sich ausschließlich nach der wirtschaftlichen Fassungskraft zu richten und können den Juden alle Rechte auf Bodenerwerb in ganz Palästina'zugebilligt werden, soweit sie nicht Araber schädigen. . < -i :V - Woran könnte das .arabische Volk erkennen,: daß bei den Juden ein Wechsel de;r, politischen Zielsetzung vor sich gegangen ist? Daran, daß die Juden anfangen, arabisch zu sprechen' — neben ihrer hebräischen Spräche. " Daran, daß sie sich mehr altjüdischer Art und Sitte zuwenden, mehr sich in Bibel und Mischna verwurzelni die den Geist des Landes atmen und sich allmählich dem wurzellosen Denken der modernen europäischen Aufgeklärtheit entziehen. Indem sie die Bindung an Familie und Stamm wieder als erstrebenswert ächten im Gegensatz: zur sittenlosen Auflösung der Fämilienbände zu Gunsten der Wahlverw.andtsc.haft, des. Kollektiv- Indern sie anstelle der modernen europäischen materialistischen Dinglichkeit die ewige1 orientalische über die Dinge schauende G'tt^läübigkeit vfiedergewihnen. 'Auf diese Weise könnten - die Araber merken, daß jüdische Religion ujid jüdische Kultur sich ganz undigar unterscheiden/vonr.