Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1938)
- Date
- 1938-01-06
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Die Juden Prags fasteten viele Tage lang. End lieh trat Solan beim Rabbi ein und berichtete ihm; daß sein Plan gelungen, der Soldat begraben und alle Gefahr von der Judenstadt abgewendet sei „Heute wurde ich selbst einvernommen, ich gab an daß der Soldat betrunken gewesen und im Rausch erschlagen worden sei, und da mein Oberst mir Ver trauen schenkt, seid ihr alle gerettet." Da. reichte ihm der Rabbi seine Hand; zu seiner Verwunderung sah er ,daß der Kriegsmann sie an die Lippen führte Der Rabbi bat Solan sodann, mehrere Rollen Goldes als Geschenk anzunehmen. „Nein, Rabbi, verteilt die Münzen unter die Armen Eurer Gemeinde. Doch bitte ich mir eine wahrhafte Gnade von Euch aus laßt für ewige Zeiten in Eurer Schule vor Kolnidre ein Kaddisch für mich beten. Denn seht, Herr, an diesem Tage wurde ich als Jude geboren." Und er berichtete die schmerzensvolle Geschichte seines Lebens. „Ein Toter bin ich nun in den Augen der Kinder Israels; darum bitte ich, daß ihr meiner als eines Toten gedenkt!" Da legte der [Rabbi "seine Rechte auf den Scheitel Solans: „Der' Allgerechte ist auch allerbannend.*' Seither betet man in der Alt-Neu-Schule Kaddisch vor Kolnidre. Solan, aber zog weiter. Die Männer, die ihn zur Taufe überredet hatten, hielten ihr Versprechen und verließen ihn nicht. Als er Hauptmann geworden war* nahm er Urlaub und reiste unerkannt in seine Heimat. Als Hauptmann konnte er leicht erfahren, was ihm als Juden verborgen geblieben war. Sein Vater war in jenem Bürgerkrieg erschlagen worden. Der Tod hatte bald darauf auch sein Weib und sein Kind von den Leiden der Verbannung erlöst. Als aber von neuem der Krieg ausbrach und Soalns Truppen im Felde standen, da hielt den Unglücklichen nichts mehr. Er suchte den Tod, er stürzte den Kanonen entgegen, sein Pferd brach unter ihm zusammen, und dennoch blieb er unverletzt. Wider seinen Willen wurde er berühmt. Er stand in Ungarn und in Deutschland, in Oesterreich und in Böhmen vor dem Feind; nach der Einnahme von Ofen wurde er zum Obersten ernannt, endlich befehligte er als Feldherr die Kroaten, Panduren und alle ungarische Reiterei. Das Schwarze Meer und der Belt fürchtete ihn. Man nannte ihn einen der Tapfersten; doch seine Siege waren nicht aus Mut, sie waren aus Verzweiflung errungen. Er schonte das Leben der Menschen,' wo immer er nur konnte; wenn ihn auch viele fürchteten, so lieble ihn doch die große Zahl derer, die er gerettet hatte, um so inniger. Sein Haar ergraute im Kriege, und als er achtzig Jahre alt geworden war, bat er um seinen Abschied. Man ließ den Alten ungern ziehen. Er wandte sich nach Polen, um nahe den Seinen begraben zu werden. Auf der Heimreise aber kehrte er in Prag ein. Da fügte es sich, daß er selbst das Kaddischgebet mitsprechen konnte, das, wie jedes Jahr, auch diesmal vor Kolnidre für ihn gebetet wurde. Die Juden staunten, als sie in ihrer Mitte einen Feldherrn, ordengeschmückt, friedlich lächelnd entschlafen fanden. Tragödie des Heimkehrers. Belgrader Zeitungen berichten: Der ehemals sehr gutsituierte Bauernsohn Franz M u 1 e z rückte 1914 an die Front, geriet bald darauf in Gefangenschaft, und seit 1919 hörte seine Frau nichts mehr von ihm. Als Mulez dieser Tage nach einer abenteuerlichen Fahrt aus dem äußersten Nordosten Asiens in die Heimat zurückkehrte, fand er seine Frau als die Gattin eines anderen vor. Er nahm sich diese Tatsache so zu Herzen, daß er seinem Leben ein' Ende setzte, In einem Abschiedsbrief vermochte %r\«einen Hof seinem Sohn und teilte in schlichten Worten mit* daß er den Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen auf die Fortsetzung seines früheren Famfliehiebens nicht ertragen könne, :auch seine Frau nicht''Unglücklich machen wolle. Man*' sieht' gratis, wie berechtigt die Vorsicht ist, mit derfy; cheN Rabbinen bei Entscheidungen in Agühotn-Fäll&h' vprgehen, wenn es sieh um kriegsverschollene Männer handelt. Ausgrabungen alter Festungswerke in der Mündung des Jarcon-Flusses, Während der letzten Wochen haben'., in der Mün- V dung des Jarconflusses erfolgreiche'.'Ausgrabungen Vtattgefundeni die von Dr. E. L. Sukenik im Aufträge der hebräischen Universität geleitet wurde. Es wui\"de der Ueberrest einer Mauer in 4J4 Meter Höhe entdeckt, die zeigt, daß an der Stelle früher eine FestuW stand. Die' verschiedenen Schichten der römischem, byzantinischen und arabischen Zeit lassen sich aufweisen. Nach dem Buche Josua 19, 46 muß die Grenzte des Stammes Dan nahe ai dieser Stelle i-gewesen sVin? 1 L, ^'[ffi Vom „Baal Hataniä". Am 24. Tebet waren es 125 Jahre, daß der große „Raw", der „Baal Hatania", im Alter von 66 Jahren abberufen wurde. In der Galerie der unsterblichen Chassidimführer nimmt Rabbi Schneur Salman einen der ersten Ehrensitz'e ein, und der Chassidismus sei" ner Prägung ist in noch höherem Maße als die anderen Observanzen dieser Bewegung ein Garant des Thorastudiums und der einfachen, hingebungsvollen Frömmigkeit. Wenn ein moderner Kritiker meint, die litauische Schule habe uns nur Bücher, die chassidische aber Menschen hinterlassen, so muß von dem „Lädier Raw" gesagt werden, daß er uns Menschen und Bücher, ewige Werke, geschenkt hat Sein wundervolles Werk „Hatania" gilt als Klassiker des Chabad-Chassidismus. Wir haben seinen * „Schulchan Aruch", neben einer gewaltigen Reihe von kleineren kabbalistischen und Mussarschriften. Die gänze Ideologie der Chabadrichtung ist seine Schöpfung, und die große Gemeinde der Tin spricht heute noch den Namen ihres Meisters mit tiefem Erschauern aus. Der „alte Rebbe", oder schlechthin „der Raw". wie er allgemein genannt wird, wurde im Jahre 5507 in einem polnischen Städtchen geboren. Schon mit dreizehn Jahren bezeichneten ihn alte Schriftstücke als ibsia Dsn Mit achtzehn Jahren hatte er den ganzen Talmud mit Kommentaren ausgelernt und war bereits so vertraut mit der halachischen Literatur, daß er sich der Kabbala hingeben durfte. Auch nach der Verheiratung mit der Tochter eines reichen Mannes aus Minsk oblag er Tag und Nacht dem Thorastudium. Mit zwanzig Jahren wurde er Lieblingsschüler des Maggid von Messeritsch, der der Nachfolger urfd Sachwalter des Erbes vom Baal Schemtow war. Am 19. Kislew 5533 begab sich der bekannte Rabbi Mendel aus Witebsk, nach dem Tode des Maggid, nach Erez Israel, wo er den ersten chassidischen Kibbuz gründete. Rabbi Schneur Salman begleitet ihn bis Mohilew, in der Absicht, die Reise nach Erez Israel mitzumachen. Die Chassidim flehten ihn aber an, als ihr Führer hier zu bleiben. Von dieser Zeit an begann die Größe und die Führerroile des Raw, er wurde geistiger Spender und Wegweiser Im Jahre 5556 ließ er seine Aufzeichnungen im Buche „Hatania" erscheinen. Man erzählt, daß der Wilnaer Gr-on, dem man das Buch vorlegte, sich weigerte, einen Einblick in das Werk zu tun. Erst nach dem Tode des Gaons spitzten sich die Streitigkeiten durch Einmischung gewissenloser Elemente in den misnagdischen Kreisen bis zu Denunziationen zu. Es kam dann die Verhaftung des Raw nach Sukkoth 5559. Bis zum 19. Kislew schmachtete der Rabbi in der berüchtigten Peter Pauls-Festung in Petersburg. Der 19. Kislew, der Befreiungstag, wird heute noch als Feiertag unter den Chabad-Chassidim gehalten. Zwei Jahre später wurde der Rabbi wieder verhaftet und er siedelte nach seiner Befreiung nach der Stadt L a d i über, seitdem wird er auch „der Lädier" genannt. Hier wohnte er 11 Jahre und hatte noch manchen Kampf zu bestehen, nicht allein von misnagdischer Seite, sondern auch von chassidischen Kreisen, die seine Richtung nicht billigten. Als im Jahre 5572 Napoleon gegen Rußland zog und viele Juden im Osten im Kaiser den Erlöser sahen, blieb der Raw auf der Seite des Zaren und flüchtete ins innere Rußland, bei grimmiger Kältfe, obwohl er bereits im vorgerückten Alter war. Er äußerte sich: „Lieber sterben, als unter Napoleon leben." Er fürchtete aus dem von Napoleon verbreiteten Geist Gefahren für das alte Judentum. Am Rosch Haschana 5573 sprach der Raw zu seinen ihn umgebenden Familienmitgliedern wörtlich: „Heute sah ich mitten im Gebete eine große Veränderung, zu« unseren Gunsten. Er wird wohl Moskau nehmen, wird: aber nicht vom Bestände sei«." Am folgenden Sabbat Schuwah vor.!ctem Mussäfgebete fing er plötzlich an, bitterlich zu weinen: „Er wird auf seinem Rückzüge ganz Weißrußland verwüsten,'* sagte er. „Ein zweiter Chmelnitzki, aber diesmal nicht gegen die Juden." Zwei Tage vor Jomkippur wurde Moskau von Napoleon genommen und nach Jomkippur sah man in Wladimir, dem jetzigen Wohnorte des Raw,V viele Flüchtlinge aus Moskau. Der Raw sagte: ,,Er hat nun Moskau genommen, aber der Sieg wird ihm nicht bleiben." Es begannen schwere Wanderleiden für den Raw und seine Familie, denen seine geschwächte Gesundheit nicht gewachsen war. Am Sabbatausgang, den 24. Tebet dieses Jahres, hauchte er seine große Seele in einem einsamen Dorfe bei Krementschug aus. Einen Tag vor seinem Tode schrieb er den tiefschürfenden Aufsatz nbsv t?S3- Der nichtjüdische Inhaber) des Hauses, in dem der Rabbi gestorben war, hielt das Sterbezimmer lange Jahre als ein Heiligtum' in Ehren, und ließ keinen Menschen herein, es sei denn einen Juden, der darin beten wollte. Bestattet wurde der Raw etwa 80 Mei: len von diesem Dorfe entfernt, in der Stadt H a d i z bei Poltawa,, wohin viele Menschen heute noch jährlich pilgern, um am Grabe des großen Rabbi zu beten. KURIOSA. Die „Jüdische Rundschau" geißelt in ihrer Nummer vom 31. Dezember die Uebung christlicher Bräuche in jüdischen Familien und schreibt zum Schluß: v „Leider muß festgestellt werden; daß trotz aller Verurteilung derartiger Würdelosigkeiten, die man im Privatgespräch oft genug hört, der Unfug in, jüdischen Kreisen anscheinend nicht zu beseitigen ist. Man geniert sich nicht, derartige Feiern auch öffentlich anzuzeigen, und besonders pikant ist es, wenn (worüber uns gleichfalls zahlreiche Beschwerden aus des* Publikum zugingen), das Jüdische Gemeindeblatt in Berlin sich auf diesem Gebiet hervortut, und das, obwohl es sich obendrein um einen Freitagabend handelt — und um eine Gelegenheit, gerade von der Gemeinde aus erzieherisch einzugreifen," Wie recht das Blatt mit seiner Kritik hat, ergibt sich daraus, daß in der leizten Nummer des „Berliner Gemeindeblattes" allein auf Seite 11 „nur" fünf Tanzveranstaltungen am Silvesterabend angezeigt werden. Nur meinen wir, es müßte diese Kritik nicht allein am Gemeindeblatt, sonder« auch an einer ihm näherstehenden Zeitung üben, nämlich an der „Jüdischen Rundschau" selbst. In der gleichen Ausgabe der J. R. ist im Inseratenteil zu lesen: „Am 3 1. Dezember ab 21 Uhr in den neu eingerichteten Räumen . . . Gesellschaftsabend usw. Musikalische Unterhaltung. Voa 16 Uhr bis 19 Uhr und ab 21 Uhr Kaffeehausbetrieb. ~ Restaurant R." Und dann sehr geschmackvoll: „Ob spät — ob früh, Charly erwartet Sie, auch am 3 1. Dezember 1937." „Und das, obwohl es sich obendrein um eine» Freitagabend handelt," möchten wir mit de» eigenen Worten der J .R. hinzufügen. * * In dieses Kapitel gehört auch ein uns zugegangener Bericht aus Essen, wo ein jüdisches Cafehatis für Freitagabend, den 31. Dezember, Silvestertanz in Form eines Hausballs ankündigte. Rabbiner der Umgegend, auch Mitglieder der Essener Gemeinde, und nicht zuletzt der örtliche C. V. haben Protest eingelegt. Ob dieser was genützt hat, wissen wir nicht. Unser Gewährsmann glaubte am 30. Dezember noch nicht an den Erfolg der Protestaktion. Unsere Halacha verzichtet an unserem Jahresbeginn sogar auf Schofar zugunsten des Sabbat. Aber, ein jüdischer Cafehausbesitzer mit biblischem Familiennamen glaubt, daß am bürgerlichen Jahresbeginn der Silvesterball ni«? nnn> den Sabbat verdrängen kann . . . Wirksamer als, alle Proteste wäre, wenn in solchen Fällen das jüdische Publikum durch einmütiges Wegbleiben von solchen Veranstaltungen zeigte, da% es die Zeichen der Zeit besser versteht,, als gewisse Cafetiere. * * Den Rekord im Tanze um Baum und Silvester scheint die Gemeinde U. in Württemberg zu schlagen. In der dortigen Synagoge prangte am Freitag. 'den<24. Dezember, am Aushängebrett folgende Bekanntmachung : „Heute Abend den 24. Dezember (Heiliger A b e n dj findet der G'ttesdienst um 5 Uhr statt.'' Die gleiche Gemeinde hat, wie uns berichtet wird, einen Silvesterball veranstaltet, bei dem für warme und kalte Speisen von Gemeindewegen reichlich gesorgt war ...