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Der Israelit · 1938-01-06 · Heft 1 (6.1.1938) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
79 (1938)
Issue
Heft 1 (6.1.1938)
Date
1938-01-06
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 1 1938 Kaddisch vor Kol Nidre*) Isaak Solan stammte, aus Polen; nach der Sitte der polnischen Judenheit vermählte ihn sein Vater früh mit einem siebzehnjährigen Mädchen. Schon das erste Jahr der jungen Ehe wurde mit einem Knaben gesegnet. Die Liebe Solans zu seinem Weib wuchs in den kommenden Jahren, und das Kindlein gedieh zur Freude seiner Eltern. Eines Tages jedoch wurde Isaaks Vater die Nachricht hinterbracht, daß sein Bruder, der als Bettelknabe ausgewandert war, kinderlos in Amsterdam gestorben sei, ein reiches Erbe Zurücklassend, Da brach Isaak Solan auf, für sein eigenes Kind die Erbschaft heimzuholen, obgleich das Herz seines Weibes von böser Ahnung schwer war. Bald nachdem Isaak sein Vaterland verlassen hatte, riefen die Franzosen Heinrich von Anjou, der damals über Polen herrschte, auf den Thron ihres Reiches. Neunzehn Monate lang stritten die Parteien Polens: der Kanzler rief Maximilian IL zum Köni.o aus, während der Adel und die Geistlichkeit durch den Mund des Grafen Zamoiski Stephan Bathori, den Fürsten von Siebenbürgen, als Regenten forderten. Da brach Bürgerkrieg aus. Isaaks Geburtsort, nahe der Grenze gelegen, wurde zerstört, alle Einwohner wurden gefangen genommen und in unbekannte Gegenden verschleppt. Nur die Fügung, daß ein Anführer der kaiserlichen Truppen bei Solan Quartier genommen hatte, bewahrte sein Haus vor völliger Vernichtung. Solan aber wanderte dem Erbe nach, das einst sein Sohn erhalten sollte. Am Tage der großen Messe gelangte er nach Amsterdam. Die Straßen waren von der geschäftigen Menge erfüllt, die Wirtshäuser bis unter das Dach von Gästen besetzt. Kaum aber halte Isaak Solan am Tore der Stadt eine kleine Stube gefunden und sich, müde wie er war, in seinen Kleidern auf das Lager gestreckt, da brach ein Brand aus, der von Haus zu Haus übergriff, so daß die ganze Gasse bald in Flammen stand. Schon sprang in Isaaks Stube das Glas der Fenster zu Scherben, schon barsten die Wände, schon schwankte der Boden. Isaak eilte zur Türe, da brach die Treppe prasselnd zusammen und riß ein Stück der Diele und die Schwelle mit. Er schloß die Augen und dachte noch einmal an die Seinen. Stimmen riefen ihm zu, sich hinabzuwerfen; er folgte den Rufen, ein straffgespanntes Tuch fing ihn auf und rettete ihn vor dem sicheren Tode. Als er wieder zur Besinnung kam, umgab ihn eiü helles Zimmer. Ein Arzt legte ihm kühlende Verbände auf und sprach freundliche Worte des Trostes zu ihm. Ein seidenes Hemd, wie er es noch nie getragen hatte, umhüllte seine Glieder. Sogleich fragte er nach den alten Kleidern. Sie seien zu Fetzen verbrannt, antwortete man ihm. Und die Papiere, die er in der innersten Tasche getragen habe? Man habe keine gefunden. Da vertraute er sich seinem Gastfreunde an; Moses Tauer war betagt, klein und hager, er trug vornehme Gewänder und wußte seine Worte wohl zu setzen. Als sich der Wirt erbot, dem Gaste Kleidung und Kost, Wohnung und Geld solange freizustellen, bis der Heimgesuchte aus der Heimat neue Mittel erhalten hätte, da ergriff Isaak die runzlige Hand des Alten und küßte sie. Das Leben in Tauers Haus verlief eintönig. „Meine Freunde lieben mich so sehr, wie meine Feinde mich verfolgen," pflegte der Gastfreund zu sagen, doch blieben Freunde wie Verfolger aus. Bald sandte Isaaks Weib, zu jener Zeit noch. Herrin ihres Hauses, ein Bündel mit Kleidern, Tuch und Backwerk, das 'von der langen Reise freilich trocken geworden war. Ein Brief mit neuen Urkunden, die Isaak beglaubigten, lag bei, doch war die Hülle autgebrochen. Das sei nichts als Vorsicht, beruhigte Tauer den Fragenden sogleich; zur Zeit der Messe käme viel Gesindel nach Amsterdam, das insgeheim mit dem Ausland konspiriere. Darum würden alle *) Die vorstehende Novelle ist aus dem soeben bei R. Löwit, Verlag Wien I und Jerusalem, erschienenen Werke „Die goldene Gasse, jüdische Sagen und Legenden" entnommen. Diese neu und modern bearbeiteten S i p p u r i m werden von der jüdischen Oeffentlichkeit mit Freude begrüßt werden. Die 32 Erzählungen bilden ein stattliches, reich und gut illustriertes Buch von 272 Seiten, und sind auch einige Geschichten, wie die aus Prag, aus dem Leben Raschis und Maimonides wohl bekannt, so werden auch diese gut und schön und überall mit dichterischer Pointe erzählt. Die obenstehende Probe, die wir mit Genehmigung des Verlages bieten, zeugt für das ganze Werk. Briefe, die über die Grenze kämen, peinlich über wacht und geöffnet. Solan wunderte sich nur, daß die Siegel auf der Umhüllung nicht erneuert worden waren, doch dachte er bald nicht! weiter daran, Tauer empfahl ihn an einen Advokaten, der, wie er sagte, so ehrlich wie fleißig war. Doch gegen alle Voraussieht wurde Solans einfaches Anliegen auf seltsame Ort verzögert und verschoben. Unbekannte traten auf und erhoben Ansprüche. Ein Weib war es vor allem, das Solans verstorbenem Oheim als Wirtschafterin gedient und ihm zwei Kinder geboren haben wollte; sie forderte den größten Teil des Erbes für sich und ihre Nachkommen, Und obgleich der Ruf des Toten unter allen, die ihn gekannt hat ten, der denkbar beste war, mußte das Gericht den noch einen Ausgleich verfügen, da sich zwei Zeugen gefunden hatten, die jenem Weib unter Eid beigestanden waren und ihre Aussage erhärtet hatten. Isaaks Anwalt aber ließ nun seinerseits nicht locker. In steter Anstrengung lief er von Gericht zu Gericht, von Behörde zu Behörde; es war klar, daß Solan an Vorschüssen nicht sparen durfte. Als er sich. nun in klagevoll besorgten Briefen an die Seinen um neue Unterstützung wandte, da kam keine Antwort mehr; zudem machten in Amsterdam die beunruhigendsten Gerüchte über den polnischen Bürgerkrieg die Runde, und selbst Tauer konnte, so sehr er sich auch bemühte, Isaak nicht vor ihnen bewahren. Zwei Jahre lang dauerte nun der Prozeß; endlich fällte das oberste Gericht die letzte Entscheidung und die Hinterlassenschaft sollte nun zwischen Solan und den Kindern jenes Weibes gleichermaßen verteilt werden, Isaak folgte dem Rate seines Gastfreundes, wählte die Edelsteine und die kostbaren Gemälde für sich und ließ das ganze Bargeld seinen Gegnern. Sogleich kam der Advokat und überbrachte eine hohe Forderung, die er jedoch mäßig nannte. Tauer aber war aus unbekannten Gründen verstimmt, so daß es Solan geraten schien, ihn nach den Kosten zu fragen, die ihm seine Gastfreundschaft während der beiden langen Jahre verursacht hatte. Tauer zögerte mit der Antwort nicht lange, und als Solan dem Hausherrn Schmuck und Bilder übergeben hatte, damit er sie 2U Geld mache, den Advokaten abfinde und sich selbst zufrieden gebe, da fand er, als er am nächsten Tage für eine Jturze Weile das Haus verlassen hatte, bei seiner Rückkehr die Tür verschlossen. Als der Erschrockene sie endlich aufbrechen ließ, stand das Innere des Hauses leer und verlassen, Als Solan nun einsam durch die fremde und mit einem Male ungeheuerlich große Stadt strich, mit den Menschen zerfallen und ärmer als er gekommen, da erkannte er verzweifelt den Betrug: Der Gastfreund war es gewesen, der die Briefe aus der Heimat anfangs erbrochen, späterhin dann vollends unterschlagen hatte. Das Weib und die Kinder, die sich vor Gericht gegen ihn erhoben hatten, waren von Tauer gedungen und eingeweiht; die Zeugen endlich, die ihnen zur Seite standen, die waren Tauer selbst gewesen und der Anwalt, der sich mit dem Gastfreund in das leicht und findig erworbene Vermögen teilte. Das Bild der Heimat stieg vor Solans Augen auf, die Tage wurden ihm lang, er sehnte sich nach der vertrauten Sprache, nach seinem Weib und seinem Kinde. Als ein Bettler wanderte er heim. In dunkler Nacht gelangte er über die Grenze; der Morgen war noch nicht gekommen, als er vor seinem Hause stand. Die Türe war nicht verschlossen, und er schalt in Gedanken das Gesinde. Er stieg die Treppe durch das schlafende Haus hinan. Er horchte lang vor dem Schlafraum seiner Frau und ihm war, als höre er schon die Atemzüge seines Kindes. Dann trat er ein, neigte sich über das dunkle Lager und glaubte, seine Frau zu begrüßen. Da wurde die Tür des anstoßenden Gemaches aufgerissen, ein Haufen bewaffneter Männer dran;' in die Stube; im Schein ihrer Fackeln erkannte Solan, daß er eine Fremde begrüßt hatte. Der Führender Rotte warf den Juden zu Boden und hätte ihn, den er für den Verführer seiner Frau hielt, erdrosselt, hätte man nicht, selbst im Bettlerrock noch, die Tracht des Juden erkannt. Da beschlossen sie, ihn den Hunden vorzuwerfen. Solan flehte, sie mögen ihn anhören. Ein alter Mann, dem eine Narbe die Stirn tief durchzog, unterstützte seine Bitte, So ließen sie ihn denn reden, Da aber alle Einwohner dos Dorfes vertrieben worden waren und ihn keiner mehr kennen konnte, lachten sie bloß über den Bericht seines Schicksals. Der Alte aber, der hohe Ehre zu genießen schien, war es wiederum, der sich ins Mittel legte und Solan endlich dem kaiserlichen Gericht überweisen ließ. Nach kurzer Zeit war das Urteil gefällt. In vier- und zwanzig Stunden sollte Solan dem Scharfrichter überantwortet werden. Isaak betete den ganzen Tag lang, der sein letzter sein sollte. Nicht nur die eigene Not, auch die Not der Seinen, die Ungewißheit ihres Schicksals bedrängte ihn. Sein Sohn, um dessentwillen er einst ausgezogen, sein Weib, das der unschuldige Grund dieses Elends war, die Eltern, zu denen ihn die Sehnsucht heimgetrieben hatte, sie waren fern, und er wußte nicht, ob sie noch lebten. Zur bestimmten Stunde führten ihn Verhüllte durch Gänge und Türen in einen schwarz ausgeschlagenen Saal. An einem halbrunden Tische saßen sieben Gestalten, verhüllt wie die Männer, die ihn hergeführt hatten. Zu ihrer Linken erhob sich, aus rohem Holz gefertigt, das Blutgerüst; schon hielt der Oberste des Gerichtes den Stab bereit, um ihn über den Verurteilten zu brechen, da bat Solan um ein letztes Wort. Noch einmal legte er seine Unschuld dar, und er sprach so eindringlich, daß die Richter bewegt schienen und der Oberste den Stab wiederum sinken ließ. „Der Jude Isaak ist zum Tode verurteilt. Allein in dem Augenblick, in dem er die Taufe empfängt, ist . der Jude Isaak gestorben. Den Christen Isaak aber wol- " len wir aufnehmen und niemals verlassen." Da wandte sich Solan an den Priester, der zu ihm getreten war, und flehte auch ihn an: „Laßt mir mein Leben, laßt mir meinen Glauben!" Die Gewalt seines Schmerzes war so groß, daß selbst der Priester für ihn bat. Doch das Gesetz ist unerbittlich, und der Spruch, einmal gesprochen, vermag wohl umgangen, nicht aber aufgehoben zu werden. Da entschied sich Solan für den Tod, Als sie aber an ihn herantraten und seinen Hals für das Schwert entblößten, erlag er der Versuchung. Er dachte; mein Leben ist rein gewesen und dennoch wurde ich auls fürchterlichste betrogen; wo waltet die Gerechtigkeit, zu der ich betete? Soll ich sterben, ohne die Meinen wiedergesehen zu haben, soll ich hingemordet werden ohne Sinn? Da erklärte er sich bereit, dem Glauben seiner Väter zu entsagen, doch als er die Taufe empfangen hatte, sank er ohnmächtig zu Boden. Am nächsten Morgen wurde ihm bedeutet, er müsse das Land verlassen, um dem Edelmann zu entgehen, der ihn in seinem Gemache gefunden hatte. Eine starke Begleitmannschaft werde ihn nach Böhmen bringen. Kniefällig bat er um die Erlaubnis, in Polen bleiben und, verkleidet, Weib und Kind suchen zu dürfen, Man entgegnete ihm, daß alle alten Bande aufgelöst und daß sein Weib und Kind nun nicht mehr die Seinen seien. Ein Reisewagen, von Soldaten begleitet, brachte ihn über die Grenze. Sein Empfehlungsbrief wies ihn nach Prag. Er ließ sich im Heer anwerben und bald befehligte er eine Schar von Gemeinen. Doch wurde er des Befehlens nicht froh. An einem stürmischen Freitagabend nun hatte er in der Judenstadt Wacht zu halten. Er war aus der Wachtstube auf die Gasse getreten; die Einsamkeit und die Gewalt des Unwetters taten seiner erregten Seele wohl. Ihm war, als spräche der G'tt seiner Väter aus dem Sturm zu ihm. Da rief ihn ein Mann an. „Herr," flehte er, „es ist Freitagabend, und mein Weib stöhnt in ihrer schweren Stunde. Schickt einen Mann mit mir, daß er uns Licht mache, derm es ist Feiertag und wir dürfen es nicht!" Solan hatte den alten Juden verstanden. Er sandte sogleich einen Gemeinen mit ihm und erlaubte dem Erfreuten nicht, ihm zu danken. Der Soldat aber kehrte nicht mehr zurück. Er hatte Licht in der Stube gemacht und für sich selbst einen Span an der Lampe angezündet, um die winkelige Treppe zu erleuchten und leichter hinabzufinden; doch der Sturm fuhr ihm durch das offene Haustor ins Gesicht und löschte das Licht aus. Er trat fehl und fiel so unglücklich, daß er auf der Stelle tot war. Als d?e Juden den Vorfall entdeckten, erhob sich lautes Wehklagen unter ihnen. Nachbar weckte den Nachbarn und bald drängte sich ein wimmernder Haufen im dunklen Flur des Unglückshauses. Da machte sich der Jude, der den Soldaten gerufen hatte, auf und suchte den Führer der Wache. Er fand ihn an der Stelle, an der er ihn verlassen hatte, und bat ihn in seiner Not um Hilfe. „Wenn der Morgen graut, und der Leichnam entdeckt wird, dann steht die ganze Judenstadt in Flammen. Sie werden sagen, daß wir den Christen getötet haben, sie werden an uns Unschuldigen fürchterliche Rache nehmen." „Nehmt den Leichnam", sprach Solan, „und tragt ihn zur Schwelle eines Wirtshauses. Dort legt ihn nieder, Für das andere laßt mich sorgen. Fürchtet euch nicht: ich werde zu euch kommen und euch Bericht erstatten, wenn die Gefahr abgewendet ist." Die Juden taten, was Solan dem Mann geraten hatte; / sie durften die Last tragen, obwohl es Sabbat war/' denn Arbeit in Lebensgefahr entweiht den Feierta/g nicht. Der nächste Tag war der Rüsttag des Ver/öhnungsfestel. Der Rabbi setzte, als er von der Gefahr erfuhr, Gebete zu außerordentlichen Stunden £»m; und als er dem Volk die Ursache seines strengen Gebotes mitteilte, da erhob sich ein großes jflammern; selten noch ward der Versöhnungstag mj.t inständigerer Klage begangen. /

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