Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1938)
- Date
- 1938-01-06
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2451012-2451013--83460-2541461- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 Nr. 1 Der Israelit 6. Januar 1938 jüdischen Individuen, die, er im 5 jugendlichen Alter in England kennen lernte, waren zwei oder drei jüdische Kämeraden aus liberal-jüdischen Häusern in der Volksschule. Aber eine gründliche wissenschaftliche und künstlerische Bildung ließen den jugendlichen Verwalturigsbeamten, als er, kaum ein Dreiundzwanzigjähriger, seinen ersten Dienst bei der britischen Finanzverwaltung in Aegypten antrat, seine Laufbahn nicht als bloßes Mittel zur Existenzgründung öder als Leistung für das Wohl des Vaterlandes auffassen, sondern als eine willkommene Gelegenheit, den eigenen geistigen Horizont zu erweitern, fremdes Volkstum, orientalisch-arabische Eigenart, arabische Sprache und Geschichte, Tradition und Archäologie kennen und lieben zu lernen. Der an sich höchst langweilige Dienst in Finanz- und Zollverwaltung ließ dazu genügend Zeit, und auch nachdem Storrs allmählich — und mit Kriegsbeginn völlig — in die Sphäre der höheren politischen Beamtenschaft, zuerst unter Lord Kitchener, einrückt, bleibt bei aller politischen und diplomatischen Aktion, selbst der kluge Unterhändler mit König Hussein und seinen Söhnen, das spürt man deutlich, doch immer der sympathisch interessierte Beobachter arabischen W e s e n s und arabischer Kultur. ' Zugleich fühlt man, wie durch diese Verhandlungen mit Hussein, die den „Aufstand in der Wüste" vorbereiteten, der junge Diplomat naturgemäß zu der Auffassung gebracht werden mußte, daß Freundschaft mit den Arabern das Fundament der kommenden englischen Orientpolitikwerden müsse. So tritt Storrs denn, mitten in dem Chaos der noch unvollendeten militärischen Eroberung Palästinas, Ende 1917 sein Amt als Militär-Gouverneur von Jerusalem keineswegs als unbeschriebenes Blatt an. Kein Zweifel: Storrs hat vom ersten Moment an die Balfour-Erklärung als eine mehr oder minder unliebsame Anomalie, als eine Störung des für jede militärische Okkupation sonst maßgebenden Prinzips der Aüfrechterhaltung des status quo ante empfunden, und man kann dem, was er über, die zionistische Kommission und ihre Politik schreibt, keinerlei Enthusiasmus für die gewältige Aufgabe der Restauration, des Volkes der Bibel auf seinem heiligen Boden anmerken. Sein Herz schläft offensichtlich füc die arabische Nation, deren Sprache und Kultur er liebt, »und über deren heutigen Vertretern noch ihm der Hauch altertümlicher Romantik, der Hauch des echten Orients.,- zu schweben scheint. Die Juden, denen er begegnet, sind, im Gegensatz hierzu, zumeist hochgebildete europäische Menschen, stark politisiert und offenbar ohne jede geschichtliche oder auch nur gefühlsmäßige Bindung an jene Welt der Bibel, auf deren ewige Geltung doch allein die Balfour- Erklärung sich stützen kann.' So kommt es, daß Storrs Sympathie. und Begeisterung für die StadtJe.r-usal.em, deren. Unvergleichlichkeit er oft in packenden, aufrichtig empfundenen Sätzen rühmt, ihn zwar zu wertvollen administrativen Leistungen und auch persönlichen^ Opfern für die Wohlfahrt der Bewohner, der Archäologie, die künstlerische Gestaltung des Stadtbildes führt, nicht aber in gleicher Intensität auch auf die modernen Juden abfärbt, die dort ein neues nationales Dasein aufzubauen sich anschicken. . Von diesen gefühlsmäßigen, mehr aus dem Unbewußten wirkenden Momenten abgesehen, ■«r Storrs von vornherein von der Ueberzeu- " durchdrungen, daß jeine Erfüllung der von id übernommenen zweiseitigen Verpflichnur möglich "sei, wenn mit dem Wörter Balfour-Erklärung ernst gemacht bewüßtermaßen nicht Palästina als eim der Juden i. anerkennt, sondern ___ „ein nationales Heim i n Palästinä/' Scrt ohne de£ 'Umfapg dieses Heimes nach begrenzen. Im Rahmen dieser seiner politischen Auffasr sungen hat sich Storrs, . diese Ueberzeugung gewinnt man in verstärktem Maße aus seinem Buche,r redlich bemüht, den beiden Nationen, denen.;J§r in Palästina gegenüberstand, gerecht -zu;. werden t und er hat insbesondere mit Herbert Samuel als High Commissioner in loyalster Weise zusammengearbeitet. Darüber hinaus finden sich Stellen wärmster Anerkennung für jüdischen ' Opfermut und sefbstvergessendes jüdisches Martyrium, die sich unglücklicherweise im Zionismus nur für ein irreales, nicht erreichbares Ziel einsetzten. „Die Thesis des Zionismus war zum Teil durch die allgemeine Unwissenheit über die Natur und die Bedingungen Palästinas aufrechterhalten worden — man stellte sich das Land vor als eine Kette grünender Hügel bis zum Jahre 70, der Tempelzerstörung durch Titus, wonach es sich in eine Wüste, potentiell fruchtbar, aber praktisch unbewohnt verwandelt habe. Man hatte angenommen, daß die eingeborene Bevölkerung Palästinas gering, rückständig und bedeutungslos sei; daß sie als semitische Brüder die Juden und als arme Leute die Kapitalisten begrüßen würden; daß ihre Interessen nicht nur nicht leiden, sondern positive Förderung erfahren würden durch das Einströmen enthusiastischer und energischer , Stammverwandter"; daß sie schließlich verstehen müßten, daß die Juden heimkehrten kraft des Willens des Völkerbundes." All das waren in Storrs Augen — und der Verlauf der "Dinge hat ihm leider Recht gegeben — Träume. Trotzdem weist auch Storrs an verschiedenen Stellen seines Buches darauf hin, daß die Hauptursache der vielen Reibungen, die sich zwischen der jüdischen Bevölkerung Palästinas oder mindestens ihrer politischen Führung und der britischen Verwaltung herausbildeten, der Mangel einer klaren Politik der Zenträlregierung in London war. Nicht die britische Beamtenschaft in Palästina sabotierte die Politik der Balfourerklärung oder handelte bewußt ihrem Geiste zuwider, sondern die Unklarheit und der schwankende, manchmal widerspruchsvolle, niöf mals aber zureichende Charakter der Instruk- [ tionen, die von London kamen, zwang die Beamten dazu, ihre eigenen Wege zu gehen — das heißt aber naturgemäß: das „große Abenteuer" des jüdischen Nationalheims auf eine möglichst harmlose Kontrebalanzierung des ausschließlich arabischen Einflusses zu beschränken. i 'a ar Storrs hat in einer recht geschickten und seiner Menschenkenntnis Ehre machenden Art ' und Weise die meisten bedeutenderen jüdischen Führer, mit denen er in Berührung kam,»charakterisiert, oft in<> wenigen, aber" - vielsagenden Strichen. " i Für die Leser. dieses Blattes wird insbesondere die Stelle von Interesse sein, in. der Storrs seine Beziehungen den Vertretern des alten Jischuw in Jerusalem darstellt. Es heißt da: „Die orthodoxen Rabbiner,: ^entfernt von Politik und Administration,: lebten in einer eigenen Welt. Ihr sonnenloses Dasein, ihre Pelzstreimels, ihre ehrwürdigen, verschossenen ' Sammetmäntel, vereinigten sich zu einem ensemble, das den meisten Besuchern Jerusalems so widerstrebte, daß siemich bemitleideten, weil ich solche* Erscheinungen zu;„regie'rerr hätte. Ganz im Gegenteil — die extrem Orthodoxen wie Rabbi Sonnenfeld' und die Anhänger der Agüdath Isroel bereiteten weder mir, noch der Polizei jemals irgendwelche Schwierigkeiten. Vom Standpunkte des Administrators waren sie ideale Untertanen, denn alles, was sie begehrten, war, in Frieden gelassen zu werden iund ihre Religion ausüben zu können. Lange Zeit hindurch waren sie nicht nur nicht prozionistisch;: sondern ■ heftige Antizionisten, und ich glaube, ihre-Sympathie für Irnich war manchmal' hervorgerufen durch die Angriffe, die ich von ihrep politischen und unreligiösen Brüdern zü erdulden! hatte. »Ohne Geldmittel — außer denen, die'von den! Gläubigen in Rußlarfd und Polen kamen1 — einer (bei ^Kriegsende) fast ausgetrockneten Quelle, und| aus ihbem offiziellen Hauptquartier in Frankfurt a. M., fanden sie manchmal, daß ihre Orthodoxie'ihre einzige Waffe war. Sie erklärten, daß das Kaschruth der (Wenigen Orthodoxen nicht tauglich sei und^wei-" gertjen sich, 'das Fleisch der so geschlachteten Tiere zu genießen. Da nie Kontrolle i der Schlachthäuser' eine1 Sache von öffentlichem Interesse ist, ^pflegten beide Seiten rihren Fall mir vorzulegen. i[ch fand die Kontroverse, wiS* fast je'des talmudische Problem ungeheuer interessant und gab mir Mühe, die ganze r-rage der Schechita oder der rituellen Schlacht methode zu studieren. Mit dem Ergebnis, daß, was ich nicht von den verschiedenen Beamten über die notwendigen Qualifikationen der „Menakrim"', und das Problem der „Reah" erfuhr, kaum wissenswert war. Nach Charakteristiken Weizmanns, Jabotinskys, Ussischkins, Ben Jehudas u. a. beißt es: „Als anfangs 1918 eine Dame . . . mit einem Gesichtsausdruck von ebensolchem gutem "Humor wie Entschlossenheit in mein Amtszimmer geführt wurde, begriff ich sofort, daß ein neuer Planet in meinen Gesichtskreis getreten war: Miß An nie Landau war während des ganzen Krieges in Alexandrien im Exil gewesen, fern von ihrer geliebten Evelina de Rothschild-Mädchenschule und sie verlangte, sofort zurückkehren zu können. Meinen jämmerlichen Einwänden, daß die Schule als Militärhospital benutzt werde, setzte sie eine eiserne Hartnäckigkeit entgegen — und wenige Minuten waren verstrichen, als ich ihr schon das große leere Gebäude des „abessinischen' Palastes" vermietet hatte, Miß Landau wurde sehr rasch mehr als die Leiterin der besten jüdischen Mädchenschule in Palästina. Sie war britischer als die Engländer, indem sie fortwährend und ausschließlich die Union Jack flaggte,' sobald dies er1 laubt war. Sie war aber auch jüdischer als die Zionismen — von ihrem Telefon konnte man am Sabbat keine Antwort bekommen, auch nicht durch das Dienstpersonal. Sie hatte vor dem Krieg freundliche Beziehungen zu Türken und Arabern gepflegt: so daß ihre hochherzige Gastlichkeit jahrelang den einzigen neutralen Grund und Boden darbot, auf dem sich britische Beamte, glühende Zionisten, moslemische Beys und christliche Effendis unter Bedingungen gesellschaftlichen Zusammenlebens treffen konnten . . ." Jedes Jahr feierte ich Miß Landaus Sukkothfest mit, gewöhnlich auf dem Grundstück des orthodox-jüdischen Schaare Zedek-Hospitals, dessen Direktor, der feine deutsch-jüdische Dr.^ Wva 11 a c h , der erste war, der mir 1918 meine Portion IVfazzoth schickte. Er ist mir noch heute ein sehr guter Freund.. Jede einzelne Tür in seinem Hospital, ein-' schließlich der Sondertüren nach den. Stockwerken wurde verschlossen gehalten und mußte geöffnet und wieder verschlossen werden vermittelst eines großen Schlüsselbundes, das der Doktor trug, während er einen .herumführte. Ich" habe den Grund für diese Praxis nie verstanden, noch konnte ich tifakron. ■ah ioio . «ine deutsche oder jüdische Sitte darstellte oder Dr. Wallach eigentümlich' war." \1 jStÖ'rrs hat dem umfangreichen fünfzehnten Abschnitt seines Buches die Ueberschrift gegeben; „Exkurs über den Zionismus" und er hat dieses;'Kapitel begonnen, bevor die Unruhen von i;936 ausbrachen und beendejt waren, ehe die Königliche Kommission ihre Ausreise nach Palästina antrat. Trotzdem konnte er vor der endgültigen Drucklegung noch zu Anf«ang August diesem Kapitel ein „Postskriptüm". anfügen, das sich mit, dem Bericht der Kommission beschäftigt, jt jMit gutem Recht führt Storrs vor allem die voii der britischen Regierung unbegreiflicher Wejise akzeptierte These der Kommission an,, das' Mandat sei undurchführbar (unworkable)^ Er sagt nicht ohne Bitterkeit: 1 ' ,,Es gibt Juden, Araber und Briten, die in. Palästina mehr Jahre gearbeitet haben als die Kommission Monate, nicht nur in offiziellen Beziehungen mit „maximalistischen" Zeugen, die noch dazu während einer Periode fürchterlicher Spannung aufgeputscht .und gereizt.^worden waren, sondern in täglicher persönlicher Berührung mit Palästinensern in deren eigenen Sprachen — und alle diese Leute fragjen sich: ist das Mandat wirklich so äußerst „unjworkäble"? Inwieweit rechtfertigen die Unterlaß e n diese nachträglich..erdachte Schlußfolgerung? Würde nicht die Totalsumme von Vorsicht, Garantieleistung, Bargeld und gute'm Willen, deren es bedürfen wird, um drei Staaten zü kontrollieren! auch hingereicht haben, um das Palästina- Mandat aufrechtzuerhalten?" Er nennt den lächerlichen Spielzeug-Küstenstaatr den man den Juden gegen einen schweren. Tribut, an die Araber anbietet und der fast ganz' aus Baracken, Zollhäusern,^ Küstenwachthäüsern, Paß- und Quarantäne-Aemtern bestehen wird, eine ,;,zynische carte blanche für die Einwanderung der Weltjudenheit." Es drohe „eine unvermeidliche Uebervölkerung im Rahmen eines notwendiger Weise konzentrierten Industrialismus: slums'.'. '• Allerdings ist für Storrs die arabische These, die den Juden unter keinen Umständen eine M a j o r iit äft s s t e i l u n g in Palästina einräu- ■ men will) eine selbstverständliche;Voraussetzung "der. englischen Palästina-Politik, ja der Balfour- Erklärung selber, erst recht jeder jüdfsxih>arabi'*v sehen Verständigung. Aber wir dürfen ja nicht: