Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 79 (1938)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1938)
- Date
- 1938-01-06
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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^55^^M?!^W"v?aJ?SS 6. Januar 1938 D r & e 1 i t Nr. 1 Seite 3 vergessen, daß bis zur> Entdeckung des Par,titions-PlaneS auch der offizielle Zionismus, insbesondere Weizmann selber, niemals eine j ü d i s c h e M a j o r i t ä t in Palästina forderte, sondern ein jüdisch-arabisches Kondominium mit paritätischen Rechten. Storrs schließt seine bedeutsamen, aus wirklicher Sachkenntnis fließenden Bemerkungen zür Teilungsfrage wie folgt: „Obgleich beide Seiten für den Augenblick durch den starken Wein souveräner Unabhängigkeit betäubt sind, den man ihnen kredenzte, im Vergleich mit der alle anderen Ideen nur als fade Verdünnung erscheinen, müßten sie doch sicherlich ihre Lektion jetzt durch Erfahrung gelernt haben.» den Wahnsinn einer Schock-Taktik, einerlei ob sie durch Einwanderung oder Vergeltungspolitik betrieben wird. Manche glauben sogar vermuten zu dürfen, daß die •ganze Furchtbarkeit des Teilungsgedankens zu dem spezifischen Zwecke ausgedacht wurde, beide Teile durch Abschreckung zur Vernunft zu bringen. Aber so lange die Araber gänzliche Einstellung der Einwanderung „verlangen, die Juden, auf der Forderung schließlicher. -Majorität bestehend, sich weigern, den ersten Schritt zu einem Uebereinkommen zu tun, kann keine Hoffnung auf eine Lösung aufkommen, die von Amerika gebilligt oder von der Liga angenommen werden könnte; und die partition, für alle verwerflich und verhaßt, starrt ihnen ins Gesicht." Von ganz anderen Gesichtspunkten geht das zweite Buch aus, dem eine Betrachtung gewidmet werden soll. R. (Ein zweiter Artikel folgt.) Wochenrundschau. Die neue jüdische Situation in Rumänien. — Klarheit im Chaos. — Biro Bidschan und Madagaskar. — Einige Stimmen aus Amerika. — Eine Nichtjüdin bekennt sich zum Schmittagesetz. Die neue Lage der Juden in Rumänier läßt sich mit einem Worte so charakterisieren, daß alle Strömungen und Unterströmungen, gegen die die starke jüdische Minorität in Rumänien* wie alle anderen Minderheiten, und noch mehr als diese, mit wechselndem Erfolge anzukämpfen hatte, nunmehr unter Goga—Cuza zur Grundlage der Politik und des Staatsgesetzes werden. Ihre Geschicke, selber in die Hand nehmen, kann die jüdische Minderheit, die unter 18 Millionen im Lande beinahe ll/2 Millionen Seelen, etwa 4—5 Proz. der Gesamtbevölkerung ausmacht, nicht, da sie keine Vertreter mehr im Parlamente hat und überdies die Zeitungen, die bis jetzt zuweilen auch noch den Juden ihre Stimme verliehen hatten, verboten sind. Früher als alle anderen Maßnahmen der Regierung, ja sogar noch vor der definitiven Zusammensetzung des Kabinetts, haben die Maßnahmen gegen die Juden eingesetzt. Aus hohen und Staatsämtern auszuschalten, liegt keine Veranlassung vor, da dies« Aemter von jeher in Rumänien vom hohen Adel eingenommen werden. Um so intensiver wird der Ausschluß der Juden aus dem Geistesleben, der Kunst und der Literatur und auch der Wirtschaft betrieben. Auf letzterem Gebiete werden die Juden allerdings noch eine Zeitlang unentbehrlich bleiben. Schon in den. ersten Tagen nach Amtsantritt der neuen Regierung wurden sämtlichen jüdischen Journalisten die dort für die Presse sonst üblichen Freikarten auf den 'rumänischen Eisenbahnen entzogen. Ein in Ausarbeitung sich befindliches Pressegesetz macht die Berechtigung zur Ausübung des:: Schriitleiterberufes von der rumänischen Volkszügehörigkeit abhängig. Juden werden sich fortan nur an d e r Presse betätigen dürfen, die von Juden geleitet und für Juden bestimmt ist. Von besonderer Tragweite sind die Maßnahmen gegen die nach dem Kriege zugewanderten Juden. Den beim Abschluß des Friedensvertrages in Rumänien ansässigen Juden soll die rumänische Staat sb ü r g e r s c h |a f t, die ihnein in diesem Vertrage international 'garantiert ist* j;belassen werden, nicht jedoch den aus Polen und Rußland, nach^ dem Kriege zugewanderten- Juden, deren'! Zahl die Rechtspresse mit;8 00 000 angibt. Die Zahl dürfte stark ubertrieben sein, und'man darf annehmen, daß'Maßnahmen von solcher ^Tragweite für später zurückgestellt' werden. ■ : I;' * •!'*• * .!' Wollte Ormsby Gore mit der Absendung der -zweiten Kommission nach Palästina, wie er im Unterhause jüngsthin sagte, warten, bis dort völlige Ruhe eingetreten ist, es hieße dies in einer Zeit, da man: von regelrechten mehrtägigen Gefechten zwischen Engländern und Arabern in Nordpalästina mit Dutzenden : von Toten jjinelden muß, die Sache ad calendas graecas verschieben. Die Nachrichten über die englischen Pläne uAd Absichten sind verwirrend in ihrer Gegensätzlichkeit. Sie schwank«« zwischen völliger Aufgabe und beschleunigter Durchfuhrung des Teilungsplanes. Einige Klarheit über Wesen und. Entstehung des: Teilungsplanes gewinnt man aus der Besprechung zweier englischer Werke an leitender Stelle dieser Nummer. Der bedeutsame Artikel sei der allgemeinen Beachtung empfohlen. Existiert noch die jüdische Siedlung im russischen Biro Bidsclran? Allem Anscheine nach fällt dem blutigen „Säuberungsprozeß" in Sowjetrußland auch die jüdische Kolonie und Autonomie in Biro Bidschan, auf die man eine Zeitlang gewisse Hoffnungen gesetzt hatte, zum Opfer. Das Pro Biro Bidschan-Komitee in Amerika schickte wiederholt Delegierte nach Moskau und auch nach der jüdischen Siedlung, um dort nach dem Rechten zu sehen. Ihre Auskunft ist wenig erbaulich. Einmal heißt es, daß es den Juden in Sowjetrußland nicht besser und nicht schlechter ergehe als den Russen selbst, so daß diese gar keine Veranlassung hätten, sich für Ansiedlungsexperimente in russischen Kolonien herzugeben. Biro Bidschan käme viel eher für Auswanderer aus Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas in Betracht. Nun aber wird aus Moskau berichtet, daß ausländische Juden in Biro Bidschan überhaupt nicht hereingelassen werden. Der sowjetrussische Gesandte in New York ermächtigte Vertreter des genannten Komitees zu der Erklärung, daß „in Biro Bidschan ein großer Spionageapparät zugunsten Japans" aufgedeckt worden sei, der die Sowjetregierung stark beunruhige und sie daran hindere, an die weitere Entfaltung der jüdischen Kolonie zu denken. Die jüdische Kolonie betreibe die Geschäfte des Trotzkismus und habs Wohltaten Moskaus mit Undank belohnt. Man weiß, was eine solche Sprache in Moskau bedeutet. Sie ist zumeist die Einleitungsmusik für Prozesse, die mit „Geständnissen" und Hinrichtungen enden. Auf alle Fälle scheint der Traum Biro Bidschans ausgeträumt zu sein. * * * Und dann wieder, Madagaskar! In der polnischen Fresse werden Interviews mit der zurückgekehrten polnischen Madagaskar-Kommission, deren Vorsitzender Major Lepetzki ist, veröffentlicht. Die Aussagen klingen nicht vielverheißend. Die meisten Gegenden der Insel eignen sich infolge ihrer klimatischen Verhältnisse nicht für Ansiedlung von Europäern, daher sei die Ansiedlungsmöglichkeit sehr begrenzt. Die fruchtbaren Landstriche seien bereits übervölkert. Im Ganzen könnten sich auf einem Boden von ungefähr 100.000 ha 5 bis 7000 jüdische Familien, d; h. 25 bis 30.000 Seelen mit Aussicht auf Erfolg ansiedeln. Die Kosten des Projektes, zu denen die französische Regierung einen Teil beizutragen gewillt sei, 'seien ganz enorm. Man müsse mit mindestens 30.000 Franken für jede Familie bloß für die Ueberführung rechnen. Lepetzki, der Vorsitzende, der Kommission, ist trotz allem optimistisch. Man habe auch von Palästina nicht erwartet, sagt er, daß es im Laufe der Jahre eine solche Aufnahmefähigkeit zeigen könnte. So könne man auch in Madagaskar mit angenehmen Ueberraschungen rechnen. Die Herren der Kommission, die es vielleicht auf ihre Art gut meinen, vergessen bei diesem Vergleich, daß ein Äktivum, das in Palästina entscheidend war, hier in der fremden Kolonie vollkommen in Wegfall kommt, nämlich die Liebe zum.Lande, der Drang und die Sehnsucht nach Erez Israel, die die unzähligen Schwierigkeiten der Uebergangszeit überwinden ließen. Diese Liebe wird sich aber nie;:;„ auf Madagaskar oder auf irgend ein anderes über-;;', seeisches Land übertragen lassen. Eine Rede des jüdischen Gouverneurs im Staate New York, Herbert Lehman, auf einer Chanuka.- feier in New York hebt sich so sehr von den übuchen Höflichkeitsreden hochgestellter Persönlichkeiten auf jüdischen Veranstaltungen ab, daß ihr Echo über das große Wasser hinaus noch lange anhalten wird. Der. Gouverneur sagte u. a.; „Ich halte dafür, daß der sicherste Weg für unsere Jugend der ist, den uns unsere Propbeten gewiesen haben. Auf dem Wege des G'ttesglaubens und der Lehre unserer Väter liegt die Gerechtigkeit, die Moral und die Liebe. Der1 G'ttesglaube. und die Treue zur Traditio.n stehen in keinem Widerspruch zum modernen Leben. Die jüdische Jugend, die von jüdischem Geiste durchdrungen und angefüllt ist mit Kenntnis der Thora und jüdischem Wissen, schreitet unentwegt zum Erfolg und zum Siege. Nur die Kenntnis des, jüdischen Gesetzes und der Tradition gibt dem Juden von heute den gesunden Sinn für Selbstachtung und die gesteigerte geistige Kraft. Wer Verständnis für die. jüdische Vergangenheit hat, kommt auch zur Erkenntnis, daÄ sich der an Vater Abraham versprochene Segen a« uns und durch uns an den Völkern nur dann erfüllen kann, wenn wir den Idealen nachgehen, wie sie die uns von Moses überlieferte Lehre verkörpert. Das beste und wirksamste Mittel, den Antisemitismus zu bekämpfen, ist das Festhalten an der Thora, an der jüdischen Moral und Ethik. Halten wir einer verworrenen Welt die Fackei der Wahrheit, des Rechts und der Liebe entgegen^' Kein Wort des Kommentars soll diesem Appell angehängt werden, nur die eine Bemerkung: Dieses sprach einer der höchsten Würdenträger der amerikanischen Union. Unsere Jugend in Amerika, aber erst recht in Erez Israel und in der gesamten Diaspora möge die Worte hören, verstehen und beherzigen. Aehnliche Stimmen dringen zu uns über den Kanal herüber, die uns in unserer Lage wohl. tun. Eine bekannte christliche englische Schriftstellerin, Miß N. L i o n s , hat in Palästina den orthodoxen : Kibbuz Kfar Saba besucht und äußert sich in eng- < lischen Zeitungen begeistert über die jungen Idealisten in der Siedlung, die, kräftige, einfache und praktische Menschen des Alltags, doch den Mut haben, ein biblisches Gesetz, das 1 auch im jüdischen Volke seit Jahrtausenden "außer Kraft ist, unter-, unsäglichen Opfern zur Geltung zu bringen, nämlich das Gesetz des Jahres-Sabbat. Sie schildert das harte Alltagsleben der jungen Menschen, ihre abendlichen Lern- 1 stunden und dann den Zauber eines Freitag-, abends^ der die Baracke in einen wahren Königs-;'. palast verwandelt hätte. „Es gab Momente in diesen gehobenen Stunden," schreibt Miß Lions, „da ich fürch-;/, tete, es könnte jemand einen Zauberstab schwingen '■ und mit einer Bewegung das ganze herrliche Bild . ins Traumland verrücken. Allein das Bild ist nicht verschwunden, weil es bei aller Originalität natürlich und realistisch war. Als die Jünglinge ihr Hora tanzten, genau so wie die anderen Chaluzim, aber :- getrennt nach Geschlechtern, und dabei die alte Gebetformel sangen: „Und reinige unser Herz, daß wir , Dir in Wahrheit dienen* . so war dies Motto und ' Zweck ihrer Arbeit in der Woche und ihrer Ruhe am siebenten Tag. Ich erlebte hier -einen Sabbat der Menschheit auf dem helligen,Boden und erkannte dabei den Geist der Organisation, in deren Schoß auch, dieser Kibbuz geboren wurde, die A g u d a s : J i s r o e 1." Auch hier sei nur konstatiert, wie wohltuend dieses Urteil einer Nichtjüdin von ylem Spott und der Kri-. , tik, die die Schmittahaltenden in vielen jüdischen Kreisen ernten, absticht und daß uns dieses Urteil auch ein. wenig verpflichtet. Es. sei daran j^rlnnert, daß auf dem Boden der J\.gtidas{ Jisrqel und.^les Keren Hajischuw ein K e r e n H a s c h m i 11 a" -vorhanden ist. . . . )j| Zum Ableben von Rabbiner Dr. Jacob Freimann rsr. Als Ergänzung zu unserem Nachrufe in der jüngsten Nummer des „Israelit" stellt uns Herr Prof. Dr. M a r k o n , Hamburg, ein persönlicher Freund des Heimgegangenen, noch einige biographische Notizen und Angaben über den wissenschaftlichen Charakter Rabbiner Freimanhs ^"xt» zur Verfügung, die, soweit sie in jenem Nachrufe noch nicht enthalten waren, hier wiedergegeben werden sollen: Dr. Jacob Freimann entstammte einer alten berühmten Rabbinerfamilie, die bis auf den bekannten Talmudisten des 17. Jahrhunderts, Rabbi David L i d a , zurückgeführt wird, der ein Neffe des Rabbi Mose R iw kess „Beer ha-golah" war und als Rabbiner in verschiedenen größeren Gemeinden u. a. in Lida, Mainz und Amsterdam gewirkt , hat, so daß Freimann schon durch seine Herkunft zum Studium der talmudischen Literatur prädestiniert war. Dr. Jacob Freimann ist am 10. Oktober (Schemini Azereth) 1866 geboren und, wie schon berichtet, im Hause eines Onkels, des bekannten jüdischen Gelehrten und Rabbiners Dr. Israel Meir Freimann in Ostrowo (Po- $ sejn), des Herausgebers der kritischen Ausgabe deB^jj „Midrasch" Wehishir", erzogen worden. R. Isra/' " Meir Freimann war ein Schwiegersohn des Ga«'; Rabbi Jacob Ettlinger in Altona. Die Tor;; Rabbi Israel Meir Freimanns ist Rabb. Dr. ^A Freimann eine treue, ebenbürtige Lebensgefäh^ k zu seiner letzten Stunde geblieben. Wie Haus des Onkels, so war auch das Haus Jaijjj manns in Posen wie in Berlin Mittelpunkt sehen Geisteslebens, in dem die jüdische (. sich fanden. \ £li