Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1937-12-30 · Heft 52 (30.12.1937) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 52 (30.12.1937)
Date
1937-12-30
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2450961-2451011--83450-2541451
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

8 entity mentions

Seite 10 Nr. 52 Der I s r a e 1 i t ~ 30, ßeseraber 1937 Neue jüdische Lyrik. Von Schalom Ben-Chorin. .. . . Manche aber sitzen an den stillen Wassern lauschend dem Wellenschlag der Ewigkeit und dem Echo des eigenen Herzens und sind dennoch mitten im Leben. Dies sind die Dichter: das lebendige Gewissen der Völker. Solange ein Volk noch Dichter hat, hat es noch Hoffnung, denn das Herz ist wach. Das deutschsprachige Judentum hat in den -letzten Jahren eine ganz eigene (nicht immer wohlgelungene) Lyrik-Gattung entwickelt: Versbücher, die Zeugnis geben vom gewandelten Bewußtsein des Juden in Deutschland. Es ist dies eine Art Heimkehrer-Lyrik, die wohl in den Versen Berthold Feiwels, Hugo Zuckermanns, Adolph Donaths und anderer jüdischer Lyriker 'der Jahrhundertwende vorgebildet ist, aber ihren spezifischen Ausdruck erst jetzt in den Gedichtbänden Karl Wolfskehls, Ludwig Strauß', Manfred Sturmanns, George A. Goldschlags, Arthur Silbergleits, Hilde Marx's — auch meine eigenen Bemühungen müssen hier registriert werden — - fanden. Und nun, da alle diese Menschen ihr lyrisches Wort zum Geschehen der Stunde gesprochen haben, und wohl auch von' manchen (wenigen freilich) gehört wurden, ist der Weg wieder frei für die ewigen Themen der Dichtung: Liebe und Haß, Leben und Tod, Mensch und G'tt, Geist und Natur. Werner Kraft, bekannt durch seine sehr umstrittene Heine-Auswahl in der Schocken-Bücherei tritt zum ersten Male mit einem Heft eigener Verse „Wort aus der Leere" (Jerusalem, 1937, Verlag Manfred Rothschild 24 S.) hervor. Diese überaus herben, schwer zugänglichen, partienweise schlechthin unverständlichen — Verse eines tief pessimistischen Suchers, der der Welt mit edler Trauer begegnet, schlagen oft eine ganz eigene Melodie an, die uns bewegt, wenn auch das Dunkel, das über dem Ge sagten liegt, uns immer am Rand dieser Gedichte verharren heißt. Das pessimistische Grundgefühl der Sammlung spricht am klarsten aus dem Titelgedicht: Ich starre in die Leere, Aus der die Welt entstand, ' Und wie ich sie verkehre, Bin ich aus ihr verbannt. und aus der Schlußzeile des Gedichtes: „Unser Maß", die als Motto über diesen Versen stehen könnte:' „Heilig rätseln wir dahin." Einen von tiefer nationaler und religiöser Ergriffenheit zeugenden Sonett-Kreis „Zum Ruhme der Juden" gibt Arnold Hahn in seinem „Das Volk Messias" (Prag 1937, Selbstverlag d. V., 50 S.). Wir führen die Worte an, die Max Brod über den Inhalt dieser 49 Sonette sagte: „Die ganze Sonettfolge ist auf Verherrlichung des jüdischen Volkes eingestellt. Es erscheint auserwählt, den schweren Weg der Wahrheit zu gehen. Es kämpft für die Freiheit. Es ist das „Volk der Kämpfer und unbändig Freien", , es hat, den Wahlspruch: „über meiner Mütze nur die Sterne!" — der ja seltsamerweise gar nicht von einem Juden stammt, sondern aus Goethes „West-;t östlichem Diwan" genommen ist. In dem Bestreben, zi.t Löbliches zu zeigen, weiß der Autor sogar die unangenehme Schwatzsucht vieler Juden zu rechtfertigen (3^. Sonett) und ihr einen kosmischen Sinn zu unterlegen. Oder er sieht die Greuel im Hause Atreus und nicht im Hause Ahabs. Oder er bringt Bibelstellen, die die Erdverbundenheit der Juden bezeugen, fragt zum Schluß: „Und dieses Volk — sagt ihr — sei fremd der Erde?", vergißt aber anzuführen, d'aß durch solche Stellen nur belegt wird, wie naturnahe die Juden einst in der Bibelzeit waren. Daß wir später "der Natur entfremdet wurden, daß gerade darin die Bedeutung des Zionismus liegt, uns zu einem naturnahen Leben zurückzuführen — hierüber äußert Arnold Hahn nichts. Sein© Konzeption liegt in der Richtung universaler Menschheitserlösung. Nur im vorletzten Gedicht könnte man aus dem Ruf zur „Sammlung" der Zerstreuten etwas wie einen konkreten Weg aus all der Pein und Schmach angedeutet finden. Wird die' Menschheit wirklich „auf Stufen ihrer Bücherpyramiden" einst „zum messianischen Frieden" emporsteigen? Der schmerzliche und dennoch hoffnungsreiche Idealismus, der in den Zeilen dieses Dichters glüht, und der auch die gelegentlichen prosahaften Wendungen in seinem Feuer läutert, hat zweifellos viel Ergreifendes und ist für die Haltung des Judentums mitten in der Zeit der Bedrängnis bedeutsam ..." Aber im Dichtwerk müssen Gehalt und Gestalt eins werden, denn „den Wert der Dichtung entscheidet nicht der Sinn- (sonst wäre sie etwa Weisheit, Gelahrtheit), sondern die Form, d. h. durchaus nichts äußerliches, sondern jenes tief Erregende in Maß und Klang, wodurch, zu allen Zeiten die Ursprünglichen, die Meister, sich von den Nachfahren, den Künstlern, zweiter Ordnung unterschieden haben." Die strenge und spröde Form des Sonetts wird Hahn zum Gedankengefängnis, in der sich seine durchaus intellektualistische Begabung nicht frei bewegen kann . . . und so wird häufig der fatale Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen vollzogen. Aber manchmal gelingen dem Autor auch Zeilen von echter Schönheit und tiefgreifender Wirkung, wie dieser Aufruf am Israel im 47. Sonett: Sei nicht verzagt) Denn Du bist G'ttes Taube; Aus seiner Weltenarche ausgesendet, —" Zu seh'n, ob schon der Haß der Völker endet, oder dieses Selbstbekenntnis: Vom schärfsten Becher haben wir genossen, 0 Herr, o Herr, wir »sind vom Leide trunken. Aber diese schönen Stellen sind leider auf 49 So nette verteilt, von denen eine ganze Anzahl einer härteren Selbstkritik wohl nicht hätte standhalten können. Werner Kraft, ganz nach innen gewendet, spricht nur von der Wirklichkeit der eigenen Seele Arnold Hahn hingegen empfindet sich als Stimme seines Volkes. In beiden Bezirken wurzelt der Wiener Lyn ker Alfred Werner, dessen Gedichtbändchen „Gebet aus der Tiefe" (Wien 1936, Verlag Fritz Su3 mann, 32 S.) ein ernstes, fruchtverheißendes formales Talent zeigt. Alfred Werners Verse sind noch nicht Fertiges, Endgültiges. Der Autor ringt noch um Form und Klang, aber dennoch wohnt allen die sen Bemühungen schon viel Eigenes inne, und das ist viel, in dieser Zeit einer neuen Epigonen-Lyrik, Und noch etwas lebt in den Gedichten Alfred Wer ners, etwas Ur-Jüdisches: weltoffene Frömmigkeit. In dem schönen Lied vom alten jüdischen Friedhof sehnt sich diese Frömmigkeit nach Verkörper lichung im tubaren Gesetz: Eines neid ich Euch, ihr Toten: da ihr noch im Leben glühtet, Wart von Engeln ihr behütet: Von Geboten und Verboten, und in dem Gedicht „Heimkehr", dem freudig-bitteren Abschiedsgesang an Europa ist dem Enkel die beneidete Wirklichkeit der Ahnen wieder Besitz geworden: Lange Jahre bin ich blind gewesen, babelgläubig, bösen Geistern hörig — o wie töricht war mein besseres Wissen o wie sündhaft war mein starkes Handeln.' Doch nun kehr' ich heim von stolzer Ausfahrt — Tand mein Steuer, närrisch Tuch mein Segel -- schamgebeugt, doch wieder fromm das ferne Land der Bibel wie im Traum begreifend. Einen höchst unerfreulichen Abschluß bildet allerdings die „Legende von Sankt Jemand und Sankt Niemand" — — denn hier hnadelt es sich um ein ausgewachsenes Plagiat: begangen an der Skizze „Sankt Jemand und Sankt Niemand" von Klabund (Kleines Klabund-Buch, Leipzig, 1921 Reclams Univ. Bibl. Nr. 6251 / S. 52—53), deren Formulierungen wörtlich abgeschrieben sind. Eine solche Feststellung macht freilich gegen das Gesamtschaffen eines Autors mißtrauisch, denn man kann unmöglich bei jedem Gedicht nach einem etwaigen Original fahnden. Das Land der Bibel, das Werner „wie im Traum begreift", lös tsieh aus mythenschwerem Traum in herbe, geliebte Wirklichkeit in den Liedern der Rachel (Bluwstein), die Ruth Ollendorff mit deutscher Nachdichtung herausgab" und einleitete. (Ber* lin 1936, Hechaluz-Verlag, 67 S.) Die Gedichte der Rachel, diese zarten und dennoch starken Gebilde eines liebenden Frauenherze'ns, sind in Palästina, dem Lande ihrer Entstehung, . längst Allgemeingut geworden. Es ist ein dankenswertes Unternehmen gewesen, eine Auswahl dieser Lieder nun auch mit deutscher Nachdichtung — die, wiewohl im ganzen gelungen, mit der Wiedergabe der Reime zu leicht verfährt — zu veröffentlichen. Dem Allgemeinen des Menschenlebens und dem Besonderen des Judenlebens in Erez Israel erwachsen in diesen Versen gültige Formen. Einen ganz neuen traurig-süßen Klang hat die Rachel in die moderne hebräische Lyrik gebracht. Könnten diese Zeilen nicht etwa von ■ Hofmannsthal oder Francis Jammes "— dem Lieblingsdichter, der Rachel — sein, den sie ins Hebräische übertrug: Ja, solche müssen schon im Frühling sterben, Das weiß ich wohl. Mit edler ' Trauer singt sie das Leidenslied ' ihres eigenen, von Krankheit gebrochenen Lebens: Nimm meine Hand in deine guten Hände Mit brüderlicher Zärtlichkeit. Wir beide wissen: das zerstörte Schiff Wird nie den sichern Hafen mehr erreichen. Und mit dem Sang ihres Herzens verschwistert sich der ihres Landes; war die hebräische Lyrik bis Bialik Zionssehnsucht, so ersteht der unromantischen Liebe zur Wirklichkeit der palästinensischen Erde in Rachel die Künderin. Ihr Wort wird leben. Angesichts einer Frauendichtung, wie sie uns Rachel schenkte, hätte Malka Locker schweigen sollen, denn der Vergleich, der sehr zu Ungunsten Malka Lockers ausfallen muß, liegt zu nahe. In ihrem Band „Gedichte" (Wien 1937, Fiba-Verlag 62 S.) singt auch Malka Locker von der Erde Erez Israels und dem eigenen Leid. Aber ihr ist es nicht gegeben, ihre Gedanken und Empfindungen künstlerisch zu gestalten. Man wird oft geradezu an jene wegen ihrer unfreiwilligen Komik berühmt gewordene deutschjüdischen Dichterin Friederike Kempner erinnert ( if -s ■ - 1 ■ . ~jb— (Verfasserin des geflügelten Gedichtes; >,;;,Dufchjlkie Stille der Natur /^zieht sich eine Pappelschnur V«i ) beim Lesen dieser Gedichte, , : Wenn sie etwa Rinder auf der Weide so beschreibt: . j v Kühe kauen friedlich sinnend Und verdauen immerzu M •, können wir nicht umhin, von unfreiwilliger Komik zu sprechen. Allerdings gibt es Stellen in dem Büchlein, die darauf schließen lassen, daß der Autorin das Deutsche Fremdsprache ist, wie z. B.; Und tropfenweis' kam Blut getrieft — — Es kann aber für den Lyrikleser nicht von Interesse sein, ob ein Autor in einer angeborenen, oder erlernten Sprache dichtet: einzig das fertige Werk entscheidet . . . und das vermag in diesem Falle einer ernsten Kritik nicht standzuhalten. Zum Schluß sei hier noch auf den Gedichtband „Fenster vor dem Horizont" von Heinz Politzer (Mähr. Ostrau, 1937, Verlag Julius Kittl's Nachf.) hingewiesen. Politzer gehört, bekannt durch seine in Zeitschriften und Zeitungen verstreuten Verse, zu den bedeutendsten Hoffnungen der jüdischen Lyrik in deutscher Sprache; Gedichte wie „Der Ahn" oder „Vater Noah" zählen zu den schönsten jüdischen Gedichten der letzten Jahre. Bücherbesprechungen, * Festnummer des „Nach'lath Z'wi". Zum 70. Geburtstag des Herrn Rabb. Dr. E. Münk, Berlin. Die Festnummer, auf die wir bereits kurz hinwiesen, zeichnet sich vor vielen anderen Schritten dieser Art dadurch so vorteilhaft aus, daß sie, abgesehen von einem Geleitwort und einem Freundschaftsgruß an Rabbiner Dr. E. Münk von P. K., ganz im Sinne des Jubilars auf persönliche Huldigungen verzichtet und von Anfang bis zu Ende wissenschaftlichen Charakter und wissenschaftliches Niveau wahrt, wodurch das Heft nicht allein dem Jubilar, sondern uns allen so vieles gibt. Die fortgesetzten „Agadischen Miszellen" aus dem Nächlaß von Rabb. Dr. Salomon Breuer s. A. gehen nun bis einschließlich Nm '9> Besitzer und Kenner des Werkes „Belehrung und Mahnung" (Verlag Rabbiner Hirsch-Gesellschaft) werden sich diese Erklärungen gern als wertvolle Ergänzung aufheben und die Hefte, die sie enthalten, zu den fünf Bänden tun, In einem Aufsatz über „Das Volk der Stämme" weist Rabb. Dr. J. Merzbäch überzeugend nach, daß die Einteilung in zwölf Stämme keine rein organisatorische Einrichtung war, sondern auf der gottgewollten Verschiedenheit der um die Thora sich scharenden Stämme beruht. Sehr aufschlußreich ist der Artikel von Fritz Meir F r a e n k e 1, Jerusalem, über „Deutsche Juden im alten Jischuw", aus dem klar zu ersehen ist, daß die Männ«r und Frauen der deutschen iAlijah ganz und gar keine „fremden Gäste" im Lande sind. Schönes und Tiefes weiß uns Studienrat Max Münk über „Denken und Schauen" zu sagen. Das tiefe Denken und Schauen führe zur njittK j?im, wenn dieses Denken und Schauen auf der ^richtigen Bahn vor sich geht. Aehnliche Tendenz verfolgt der Aufsatz „Die religiöse Erkenntnis" ~*-'vpn Rabb. Dr, Ehrentreu, München, auf Grund von Lehren und Wahrsprüchen in den Schriften von Maimonides. „Die Erkenntnis ist nicht als reife Frucht vom Baum nsnn fy zu pflücken, sie ist Erfolg eigenen Strebens und Ringens. Sie ist Frucht eigenen Wachsens und Reiferts," Der h e b r ä i s c h e Teil bringt eine bedeutsame Abhandlung auf dem Gebiete der praktischen Halacha von Rabb. Dr. Klein, Nürnberg, einen Aufsatz von Rabb. Frankel.in Halberstadt über Halberstädter Autoren, pädagogische Fingerzeige von Rabb. Dr. M. Auerbach in Petach Tikwa, eine halachische Bemerkung aus, dem Nachlaß von Samson Raphael Hirsch ^"ST und eine medizinisch-halachisehe Abhandlung von Dr. Jac. L e v y, Berlin, Die Bücherschau schließt mit einer „medizinischen Beobachtung aus der neuen Zeit" von Dr. med. Willy Hof mann, Jerusalem, ab, wodurch, eine etwas rätselhafte Midraschstelle ihre natürliche Lösung findet. Diese Angaben genügen, die Festnummör des Nach'lath Z'wi als Festgabe nicht allein iür den von uns allen so hochverehrten Mann, dem sie gewidmet ist, sondern für uns alle erscheinen zu lassen. —tz. Der Tierschutzgedanke im jüdischen Schrifttum. Von Dr. Karl. S a ß. Wien. l!9jS 7.1! Hermann Tuchner.. . Der Verfasser hat es~ verstanden, auf 16 Seiten ein abgerundetes und ansprechendes .Bild von der hohen Wertung des Seelen- und Gefühlslebens dps Tieres im biblischen und talmudischen Schrifttum zu geben, der die Kodifikation mit dem überall mäßgebenden Verbote jedes t=s"n ->b?2 nys'Oentspricht. Der sprachliche Ausdruck sollte bei einer ^Neuauflage verbessert werden. . Ein Tier für npsn erklären, heißt nicht, es „besitzlos" erklären. ' - . R-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.