Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1937)
- Date
- 1937-12-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 52 1937 Columbus in der Synagoge der Heimatlosen. Im Juli, an einem Freitagabend, ritten Colon und Penalosa mit ihrer Eskorte in Sevilla ein. Die Straßen waren menschenleer, es war noch völlig Tag. Auf dem Fluß schwammen kleine Boote, die mit bunten Hölzern beladen waren. Von der Giralda klang das ununterbrochene Läuten einer schrillen Glocke. Sänften kamen vorbei, deren Träger monotone Warnungsschreie murmelten. Aber trotz dieser Spur von Leben erstickte die Stadt wie unter einer .Wolke von schlechten! Gewissen. Der Wind war lau und Colon wischte sich unablässig den Schweiß von der Stirn. Sie passierten das Judenviertel. Die Tür einer Synagoge war offen. Aus dem hohen von matten Lampen erhellten Schiff kam ein Seufzen, das wie der Angstschrei eines Menschen klang. Auf den Stufen saß ein Mann, mit verhülltem Haupt. Während sich Vögel über dem Haupttor wiegten und die Luft init hellem und munterem Gezwitscher erfüllten, schien knapp über der Erde die Luft lähmend von Schwere und Bedrängnis. Colon hielt sein Pferd an., Eine plötzliche Müdigkeit hatte ihn überwältigt. Er hörte die Worte, mit denen der Prediger die Menge . entließ. Und plötzlich waren Colon und sein Begleiter in Teiner dichten Menschenmasse eingekeilt. Die meisten hielten ihre Mäntel an sich, als hätten sie einen häßlichen Körperfehler zu verbergen. Jeder blickte starr vor sich hin, Und beim Atmen schien es, als zögen sie irgendeinen giftigen Bestandteil der Luft in ihre Kohlen. Manchmal blickte einer in den blassen Frühlingshimmel. Aber bei der kleinsten Bewegung sah er die andern. Und sein Gesicht' veränderte sich zu einer Grimasse des Grauens. Manche versuchten sich nicht umzublicken oder sie blickten zu Boden. Aber so sehr sie sich auch zusammennahmen, immer wieder schien sie das Bewußtsein einer fürchterlichen Tatsache zu überkommen. Es nahm ihnen den Atem. Ihr Herz versagte. Und einer mußte sich an den andern klammern, sonst wären sie alle - zu Fall gekommen. Colon, im Grunde gutherzig Und voÜ Mitleid, faßte einen Nachzügler am Rock, „Was ist los mit euch?" fragte er. „Kommt es euch so schwer an; auszuwandern?" Er klopfte dem andern wohlwollend auf die Schultern. n Vorzeiten habt ihr Pharao beschworen, euch auswandern zu lassen. Und er erlaubte es nicht, ehe nicht viele Wunder geschehen sind." „Heute geschehen keine Wundermehr, und wir dürfen nicht bleiben, so gerne wir es möchten." „Es gibt noch viele Länder, in denen es euch Wohlergehen wird. Ich bin eben im Begriffe, solche zu entdecken." „Dann seid Ihr Don Christobal CoidnV' rief der Jude, und eine Spur von Interesse flackerte in seinen Mienen auf. „Endlich einer, der mich kennt." Die Augen des Genuesen strahlten, Der Jude Verneigte sich tief. „Wenn Ihr die westlichen Lände* entdeckt habt, denkt an uns. Vielleicht ist uns der Weg nach Indien nicht zu weit, wenn man Uns dort unseres Glaubens wegen duldet." v,lst es wirklich so arg, in andere Länder zu reisen? Ich habe nie das Bewußtsein irgendeiner Heimat gehabt. Meine Heimat —" sagte Colon stolz und überheblich, „ist das Weltmeer." „Uns Juden sagt man mit Unrecht nach, daß wir heimatlos sind. Wir klammern uns an das Stück Erde* auf dem wir sitzen. Wer wird unsere Gralaer hüten?" „Wer kümmert sich um Gräber?" fragte der Seefahrer erstaunt. „Gräber sind das einzige, was bleibt," antwortete der Jude mit schattenhaftem Lächeln. An dieses Wort erinnerten sich Colon und sein Begleiter, als sie nach eintägiger Rast das Weichbild der Stadt verließen und den großen Judenfriedhof passierten. Viele hundert Greise saßen in ihren Totengewändern auf den Grabhügeln und weinten. Die weißen Mäntel verhüllten ihre Gestalten. Sie ließen nichts, als die Gesichter frei. Die alten Männer hockten wie eine Schar riesiger weißer Vögel über den Gräbern. Zuweilen kam ein Windstoß, und dann war es, als versuchten sich welke Schwingen zu bewegen. Aber ihnen schien die Kraft zum Aufschwung *.u fehlen. Üeber dem Friedhof ging die Sonne auf. Sie vermochte die Gespenster über den Gräbern nicht zu verjagen. Stärker erscholl das Totengebet, das die- Greise nach einem verschollenen Rhythmus hersagten. Eine Stimme übertönte die andern. Und immer wenn sie endete, kreischte der Chor der übrigen Stimmen aus dem Gräberfeld auf, mit einer irrsinnigen Inbrunst. Man sah, wie die Betenden sich, an die Brust sehlugen, als wollten sie sich selbst für verjährte Sünden bestrafen. Langsam bewegten sich die Weiden, deren Aeste über die hohen und prachtvollen Steine niederhingen. Das ganze Bild erschien' in det Morgensonne unwahrscheinlich grell und wie eine Fiebervision. „Sitzen sie nicht da, wie die Schatten der Verdammten?" uemerkte Colon. „Ein sonderbares Volk. Statt ihre Geschäfte zu besorgen und an den Auszug zu denken, hocken sie auf Gräbern und jammern." „Ihr redet nicht wie ein Mensch, der die Schrekken der Verbannung selber ausgekostet hat. Diese Leute waren reich und mächtig. Heute sind sie Bettler. Und morgen werden sie Flüchtlinge sein." „Wenn man an sich glaubt, geht man nicht zugrunde!" sagte Colon heiter, „Für mich bedeutet ein Grab nichts als Staub und Asche. Aber das Wort lebt," Drüben auf dem Friedhof erhob sich eine Bewegung. Durch das Tor kamen jüngere Leute mit Hauen und Schaufeln. Und nachdem sie einen Segensspruch gemurmelt hatten, begannen sie, eines der Gräbmäler auszuheben. Auf Seite der Greise erhob sich ein kurzes, gellendes, Geschrei, als stießen die Werkzeuge in ihr eigenes Fleisch. Kniend umgaben die Alten den Grabhügel, aus ■ dem der Stein herausgerissen wurde. Es mußte das Mal teines berühmten Heiligen oder Gelehrten sein. Als es gelungen war, ihn niederzulegen, erscholl ein leiser und erhabener Gesang. Colon vermochte sich nicht von der Mauer des Friedhofes zu trennen. Der Gesang berührte ihn tief. Er hatte etwas Mönchisches und doch mit der monotonen Sanftmut der Klosterzellen nichts gemeinsam. So klang der Gesang der Erzengel, wenn sie sich um G'ttes Thron stellten. Zuweilen aber erinnerte er an den langgezogenen Ruf der Priester, wenn sie das Opfertier auf dem Altar verbrannten. Colon vergaß in diesem Augenblick völlig an seine Sendung. Er betrachtete mit aufmerksamem Gesicht die Zeremonie der Grabsteinhebung. Und mit einemmal fühlte er sich mit den verzweifelten Greisen hinter der Mauer eins. Seine Pilgerschaft war nicht völlig verschieden von der Pilgerschaft der ausgetriebenen Juden. Nur daß es ihn trieb, auszuziehen, während die anderen sich flehentlich an den Boden klammerten, der sie nicht mehr tragen wollte. Und Colon neigte sein Haupt und schlug sich mit den Fäusten auf die Brust, wie die betenden Juden hinter der Gräbermauer. Ihm war zumute, als zerfiele er in Trümmer und müßte sich erst wieder aufsammeln, demütig und mit bebenden Hän« den. Es verlangte ihn, zu knien. Lange Jahre hatte er ein Mönchsgewand getragen, mit dem ihn, der damals zerlumpt und entblößt nach St. Maria de Rabida gekommen war, Pater Juan Perez de Marchena ausgerüstet hatte. Jetzt war ihm bange nach dieser Mönchskutte. Er erinnerte sich an seine verzweifelten und einsamen Nächte, an sein hilfloses Suchen in alten Büchern, an seinen Selbstmordversuch, den er unternommen hatte, als ihm alles fehlgeschlagen war. Und er fühlte sich mit den betenden Juden tiefer und sonderbarer verbunden, Die Vision seiner- Kindheit überkam ihn. Er wandelte durch Kreuzgänge finsterer Klöster. Er fuhr auf kleinen segellosen Schiffen in den Untergang. Das Meer, auf dem er trieb, hatte kein Ende. Es gab kein Vorwärts und kein Zurück, Es gab nur eineewige Fahrt auf unendlicher Fläche. (Aus dem vierten Kapitel des Romans „Botschaft aus Granada" von Ernst Sommer. Verlag Julius Kittels Nachfolger, Leipzig-M. Ostrau.) KURIOSA. Die „C. V.-Zeitung" vom 19. November glorifiziert unter dem Titel „Buch und Kunst" „schöpferische Juden". In diese Galerie der Unsterblichen gehört auch Philipp W. Heymann, dessen Verdienst darin besteht, daß er, von der Butter- und Bierbranche kommend, die . Kopenhagener Schweinesc h9l ächterei schuf, der später viele Filialen auf dem Lande folgten. „In Wort und Schrift kämpfte er für eine Verbesserung der dänischen Schweinerasse, bis es zuletzt gelang, den englischen Markt zu erobern. Heute ist die Bacon- Ausfuhr eine der Haupteinnahmequellen Dänemarks." Wie die Edelschweine des schöpferischen dänischen Bier- und Butterhändlers in die Rubrik „Buch und Kunst" hineinkommen, ist uns unerfindlich. Vielleicht legt sich das Blatt eine neue Rubrik zu, etwa: „Bier, Butter und Borste" . . * * Im Amsterdamer „Handelsblad" vom 4. Dezember beschäftigt sich die Redaktion mit Regierungsmaßnahmen hinsichtlich der Eierproduktion. Der Artikel beginnt so: „Man sagt, vor vielen Jahren habe unter den Israeliten Amsterdams eine tiefgehende Meinungsverschiedenheit über die Frage bestanden, ob man ein am Sabbat gelegtes Ei essen dürfe. Die Bejaher dieser Frage betrachteten das Ei als eine Last, die das Huhn wegen des Ruhetags abzuwerfen verpflichtet sei. Die Gegner aber vertraten den Standpunkt, das Ei sei Ergebnis einer Arbeitsleistung. Es liege also ein Verstoß gegen das Gesetz vor, daß an diesem Tage keine Arbeit getan werden darf, „nicht von deinem Ochsen, nicht von deinem Esel" und demnach auch nicht von deinem Huhn." Es handelt sich an der Quelle in der bekannten Mischna nicht um Sabbat, sondern um J o m t o w , und der Streit zwischen dem Hause Schamais und Hillels geht weniger um die Frage; Last oder Arbeit? als um die Dehnbarkeit des Mukzahbegriffes. Sonst stimmt alles! ... * * „Pinathenu", das Tagebuch von Kwuzah Kirjath Anawim, schreibt: „Der Schabbat war uns bisher ein Tag des Müßigganges und der Langeweile. Die Arbeit wird aber unbefriedigend werden, wenn wir es nicht verstehen werden, unserem Leben am Ruhetage Farbe und Form zu geben und die Ruhe festlieh zu gestalten. Der Empfang des Schabbats soll unserer Schöpfungsfreude, unserer F.reude am Werk Ausdruck verleihen, sie muß zum Erlebnis jedes einzelnen Mitgliedes unserer Gemeinschaft werden, Wir schütteln das Joch^der Sorgen , ab und empfangen gemeinsam das Fest. Unsere Kinder müssen sich beteiligen, und zwar nicht als bloße Zuhörer, es muß ein gemeinsames Erlebnis der Eltern und Kinder sein. Am künftigen Schabbat. machen wir den Anfang. In Ramath- Rachel, der Kwuzah bei Jerusalem, ist jetzt die Einführung getroffen worden, daß am Schabbat der Garten den Mitgliedern der Siedlung Rosen auf ihr Zimmer schickt. Dies Geschenk hat viele Freude bereitet." Ist das alles? Hat die Erkenntnis, daß die Ruhe des siebenten Tages die Arbeit der sechs Tage adelt und segnet, nur eine Blume und keine Frucht gezeitigt? * * Ein Mitarbeiter des Tel Awiwer „Hajessod" erzählt von seinen Sabbaterlebnissen in Ramath Gan. Eine wunderbare Synagoge auf dem Rambam- Platz, in der homme Juden andächtig beten. Daneben aber der öffentliche Garten, in dem zur gleichen Zeit fleißig Fußball gespielt, geraucht und photographiert wird. Just zur Stunde, da man in der Synagoge am Sabbatnachmittag das Minchagebet verrichtet, kann man dicht daneben am Theaterschalter die Menschen sehen, wie sie sich beeilen, noch rasch vor Sabbatausgang gegeng utes Geld eine Eintrittskarte zu erstehen. — Ob wohl diese Sabbatentweiher in der nächsten Nähe der Synagoge den darin zur gleichen Zeit gesungenen Worten psa irm »l* fcww yiv* mn einen anderen und neuen Sinn zu geben sich bemühen? ... Aus der Agudas Jisroel-Bewegung, Ein Aufruf für Keren Hajischuw in Litauen. In allen Synagogen und Bethäusern in Stadt und Land von Litauen prangt seit einiger Zeit ein großaufgemachter Aufruf, der von 120 Rabbinen, so ziemlich allen geistigen Führern Litauens, unterschrieben ist und die gesamte litauische Judenheit auffordert, ihre Kraft für den Keren Hajischuw einzusetzen. Es heißt darin u, a.: „In ernster Stunde für das jüdische Volk und sein Land wenden wir uns an Euch, liebe Brüder. Der Herr der Welt wird unserer Arbeit für den Aufbau des Landes nur dann seinen Segen geben, wenn wir das Land im Geiste der Thora aufbauen und auf den Grundlagen des überlieferten Judentums. Wenn jemals, so muß es uns allen heute klar werden, daß ein Erez Israel ohne Thora, ohne Jüdischkeit im althergebrachten Sinne keine Existenzberechtigung haben kann! Das organisierte Thorajudentum, durchdrungen von dieser Erkenntnis, hat jüngsthin seine Tätigkeit für Erez Israel im Rahmen des Keren Hajischuw verstärkt, und dank dieser Arbeit haben wir bereits tausende thoratreue Arbeiter in der Organisation Poale Agudas Jisroel beisammen, die den Typ der wahren Baumeister und die Avantgarde für die weiteren Heere der treuen Arbeiter bilden. Sowohl die Organisierung dieser thoratreuen Arbeiter wie die Schaffung der Schulen und Talmud Thoraa.nstalten im jüdischen Geiste konnte nur durch das Finanzinstrument der A. J. Keren Hajischuw ermöglicht werden. Wir dürfen uns aber mit diesen kleinen Erfolgen nicht begnügen. Wir dürfen nicht eher ruhen, als bis wir Erez Jisroel den ganz heiligen Charakter wiedergegeben haben. Die vollbrachte Arbeit zeigt, wie viel mit vereinten Kräften noch zu erreichen wäre. In diesem ernsten Momente bleiben wir eingedenk des Blutes der heiligen Märtyrer für unsere Thora und unser Land und setzen ihnen ein Denkmal durch emsige Arbeit."