Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1937)
- Date
- 1937-12-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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^^^^^V^^^^^rfp^teT'^*'^^1^ TTä^sr1 - ^c^euilleton- Beilage Nummer 51 1937;'.>.■-■■■: -\- ■ . . - Von der einstigen reichen Stadt Saloniki Blick vom Hafen auf das jüdische Stadtviertel in Saloniki Gasse in Saloniki mit dem Triumphbogen des Galerius An einem heißen :Sommertag, der an die gefürchteten Chamsintage in Talästina erinnerte, landete ich als einziger Flugpassagier im Flughafen von Saloniki. In der Nähe des Flugfeldes steht ein Bretterhäuschen, in . dem sich die Zollrevision und die anderen Paßformalitäten abwickeln. Dann fuhr ich in einem alten Autobus, der dreiviertel Stünden brauchte,- bis er sich in Bewegung setzte, die zwanzig Kilometer ins Stadtinnere. Die Stadt heißt jetzt bei den Griechen Thessalönik. , Saloniki liegt von der bulgarischen Hauptstadt Sofia nur etwa 250 km in der Luftlinie entfernt, die 'Bahnfahrt dauert aber trotzdem 24 Stunden, da man erst zurück nach Jugoslavien und die Weiterreise über Mazedonien nach Griechenland fortsetzen muß. Eine direkte . Verbindung Bulgarien-Griechenland gibt es noch nicht, weil keiner von diesen Staaten durch eine Schienenverbindung, die vom Völkerbunde ihrer Ansicht nach willkürlich/gesetzten Grenzen sanktionieren will. Im Flugzeug der polnischen Gesellschaft;,Lot" legt man den Weg von Sofia nach Saloniki in einer Stunde mit J.0 Minuten zurück. In Sofia regnete es, als wir XU nach 8 Uhr morgens die Stadt verließen, was vom Himmel herunter konnte: in Saloniki trafen wir eine Stunde später eine tropische Hitze an. Saloniki ist eine der ältesten Städte Europas. Die Tradition geht auf zweitausend Jahre zurück. Die Stadt wechselte in der Geschichte, oft den Besitzer, war von Masedonie*», Römern, Byaantiniern, Slawen, Venezianern zeitweise beherrscht. Am längsten hielt sich aber in der Stadt die türkische Herrschaft; fast 500 Jahre , lang, von- 1430- bis 1912. Noch vor kurzem hatte die Stadt ein stark türkisches Gepräge. Nach dem Brand von 1917 wurde aber die Stadt nach griechischem Geschmack wieder aufgebaut, und die Griechen sind jetzt stolz auf ihre Großstadt Thessalönik. Die Juden Salonikis haben ihre eigene Geschichte. Die jüdische Gemeinde wurde mehrmals zerstört und wieder aufgebaut. Der bekannte jüdische Weltreisende, Benjamin von Tudela, fand 1170 in Saloniki eine jüdische Gemeinde von 1500 Seelen. Die Glanzperiode Salonikis beginnt erst später mit der Einwanderung der Juden und Marranen aus Spanien und Portugal. Unter den wohlwollenden Kalifen Salonikis fandendort Tausende von Juden Zuflucht und Heimat. -Sein Aufblühen verdankte Saloniki in erster Reihe diesen Juden. Bald war die Stadt das größte Handelszentrum der Levante. Aber es bildete sich auch ein geistiges Zentrum in der Stadt, von dem berühmte Namen rabbinischer Kapazitäten zeugen. Es entstanden Talmudhochschulen, jüdische Buchdruckereien, viele herrliche Synagogen und Wohlfahrtsinstitutionen. Saloniki wurde mit einem Worte eine Muttergemeinde in Israel, die weitere Tausende . Spaniolen, die in der Zwischenzeit in Italien und anderswo ein Nachtasyl gefunden hatten, anlockte. Sie konnten sich hier alle öffentlich zum Glauben der Väter bekennen. Saloniki war später leider auch die Residenz der Sabbatai Zwi-Bewegung, unter' deren Nachwehen nicht nur die Stadt noch Jahrhunderte hindurch schwer litt. 1612 zählte Saloniki 13Ö.ÖÖÖ Einwohner, unter ihnen mehr als die Hälfte (90.000) Juden. Bis zum Ausbruch des Weltkrieges gaben die Die Polizei hilft der Religion. Aus den Memoiren eines jüdischen Polizeioifiziers in Palästina. David T i d h a r , Sohn frommer Eltern in; Palästina, diente bis 1926 als O f f i z i e r in der palästinensischen Polizei und war als ■ - solcher bei der judischen Bevölkerung sehr populär. Tidhar schrieb seine Erlebnisse aufj. und vor Jahren erschien sein vielbeachtetes Buch ä'Söni tPKem •■■>■■ , Nun erschienen seine neuen Auf- * Zeichnungen in einem schönen, reich illustrierten Buche unter dem Titel nntf onaa („In Uniform und ohne , ■:. ■ Uniform"). (Verlag „Jedidim", Tel Awiw.) Aus den Reminiszenzen seien hier einige, soweit sie sich auf das religiöse Leben in Jerusalem beziehen, wiedergegeben: . a'"1" Trefafleisch in Jerusalem. Mehr als einmal wurde die Administration vom Rabbinate zum Schutze der Religion in-Anspruch genommen, und mehr als einmal mußte ich als Polizeimann alle möglichen Mittel und Tricks ausdenken, um religiöse Gefahren abzuwenden. ' •- . Da gab es eine Geschichte -mit . einem ««Restäurateur, der Trefafleisch in seinem Btiv-\rieb verkaufte. * Ganz in der Nachbarschaft des Gouverrlneurs, in der Nähe des Hadassaspitals, unterhielt ein österreichischer Jude ein Restaurant und Cafe, in dem man zu den Getränken auch ein kleines Frühstück in der Form von Brötchen mit Schinken haben konnte. Als die Sache in Jerusalem bekannt wurde, gab es große Erregung. Oberrabbinef Kuk, der mit allen Menschen so sänftiglich umzugehen wußte, lud den Restäurateur zu sich. Dieser aber leistete den wiederholten Vorladungen keine Folge. Man beschwerte Juden in Saloniki der Stadt das Gesicht. Am Sabbat ruhte das Leben auf der Straße, auch die Arbeiten im Hafen, die Straßenbahnen und die. meisten Bahnen". Alle Geschäfte und Betriebe waren geschlossen. Advokaten und Aerzte hielten keine Sprechstunden ab. Am Sabbat konnte kein Schiff in den Hafen einfahren noch aus ihm ausfahren, da die durchwegs jüdischen Träger und Hafenarbeiter feierten. Und heute, unter den Griechen? ,,Wenn wir unsere heutige Lage mit unserer früheren Vergangenheit vergleichen," so' berichtete mir ein alter Salonikier Jude, „so erfüllt sich unser Herz mit tiefer Trauer. Heute bilden die Juden in Saloniki eine Minderheit von etwa 60.000 Seelen unter einer Bevölkerung von annähernd 300.000 Menschen. Die Stadt hat jetzt durchwegs griechischen Charakter und die Juden können auch wirtschaftlich kaum den Konkurrenzkampf gegen die griechischen Kaufleute bestehen. Die Juden werden aus all ihren Positionen hinausgedrängt. Zehntausende mußten nach dem Wanderstabe greifen. Der Salonikier Sabbat von heute hat leider keine Aehnlichkeit mit dem früheren Sabbat in der Stadt. Die Mehrheit der Geschäfte .ist in nichtjüdischem Besitz/ Die jüdischen Hafenarbeiter und Träger sind fast vollkommen verschwunden. Sie arbeiten heute zum Teile im Haifaer Hafen. Im Stadtbild , und am Kai ist vom Sabbat nichts mehr zu merken." Es war einmal eine große, reiche jüdische Gemeinde, richtiger schon eine jüdische Stadt Saloniki. Heute zehren dort die um die Hälfte verminderten Juden nur noch von ihrer glorreichen Vergangenheit. W. Verkehrsschutzmann in Tel Awiw sich bei der Macht, aber es gab keine Veranlassung zum Einschreiten. Es herrschte im Lande Handelsfreiheit, wonach man keinem verwehren konnte, Schweinefleisch zu verkaufen. Die Proklamierung eines Boykotts gegen das Geschäft wäre nutzlos gewesen, hätte vielleicht sogar noch dem Betrieb. als Reklame gedient in Kreisen, die bisher von seiner Existenz nichts wußten. Das Rabbinat und die frommen Vorsteher der Institute in Jerusalem befanden sich in großer Verwirrung. Konnte man Derartiges in Jerusalem zulassen? Was konnte aber dagegen geschehen? Oberrabbiner Kuk pflegte, aber stets zu ■ sagen; „Zwei Stützen habe ich in religiöser Beziehung; den High Commissioner Herbert Samuel und den Polizeioffizier David Tidhar. Freilich mit einem Unterschiede. Der Hochkommissar pflegte sich immer erst mit dem juristischen Dezernenten Bentwich zu beraten und dadurch bekam die Sache immer eine unangenehme Verzögerung. Tidhar aber, der Pplizeimann, gewöhnt zuzupacken, konnte im, Handumdrehen schwierige Fragen wie den'' gordischen Knoten lösen." Also wurde ich zu Hilfe gerufen. Was konnte ich machen? Ich nahm das Restaurant ein wenig unter üe Lupe und stellte fest, daß dort, gegen das Gesetz Alkoholgetränke nach 9 Uhr abends verabreicht wurden. Ich beauftragte einige Polizisten, das Haus zu beobachten, und als man. den Restäurateur auf frischer Tat ertappte, wurde er auf die Polizei gebracht und zu einer empfindlichen Geldstrafe verurteilt.