Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1937)
- Date
- 1937-12-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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tv^r .:-*--'»-7-35. Seite 8 Nr. 51 'er I s r a^e 1 i-t , v- :hM>^im^mii + 233 Dgzember^ 1937 Bücherbesprechungen. ^«lattr nsa onrm d-»»'» Berlin. Schocken-Verlag. |u*]0V« Agnon und Schocken! Der erstere Name bürgt für Geist und Gehalt, ebenso wie der zweitere Name für die äußere, saubere und geschmackvolle Hülle. Und dennoch fragt man sich: Wer wird das Buch lesen? Diejenigen, denen die hohen Festtage wirklich noch t3»tnij o'a* sind, heilige, furchterregende Tage, werden nach wie vor ihren Seelenaufstieg in diesen Tagen auf anderen Wegen vornehmen, ihre nawn- Impulse an der Quelle zu gewinnen suchen; im Machsor, ift Talmud und Midrasch, in den Kommentaren, in den alten Mussarschriften, also in jenen Büchern, die weniger schön aufgemacht, aber ihnen frischen Labetrank direkt aus dem Bergquell bedeuten. Und die Neueren? Sie erhalten kleine Kostproben von da und dort, flattern, wie die Beinen, von Blume zu Blume und saugen überall etwas Honig ein. Die feste Nahrung für die Seele ist es nicht. Wir haben nicht gehört, daß in Jerusalem oder unter den Frommen der Golä chassidischer oder misnagdischer Observanz das Buch, das zum letzten Rosch Haschana bereits angezeigt und im Büchhan- - del zu haben war, besondere Beachtung gefunden hätte. Dagegen nannte Prof. Bergmann, als Wortführer des freigesinnten Jischuw, in einem Leitartikel der „Jüdischen Rundschau" das Buch Agnons „eine starke Herausforderung an die neue Generation". Also wer wird es lesen? Und dennoch hätten wir sehnlichst gewünscht, daß beide Teile das Buch in die Hand bekämen. Die Einen wie die Anderen werden es gewiß nicht eher aus der Hand lassen, als bis sie alle 400 Seiten, ^einschließlich der Quellennachweise, bis zu Ende gelesen haben, und manch einer würde bei einer geistigen Exkursion durch diesen blühenden Blumengarten, bei aller Skepsis und allem Mißtrauen, viel Schönes und Besinnliches mit nach Hause nehmen, vielleicht sogar Saatkörner für d.ie Zukunft. Es muß vor allem Agnon zugute gehalten werden, daß er, im Gegensatz zu den Neuchassidäern aus der Buber'schen Schule, sich nicht von den Dingen distanziert, sondern sich mit ihnen vollkommen identifiizert. Er läßt die Vorschriften, Sentenzen, Bräuche und Ueb erlief erringen nicht in einer nichtssagenden Romantik aufgehen, sondern . gibt sie als Wahrheitswerte, als welchesie ihn selbst beseelen. Damit soll aber nicht gesagt sein, daß wir die Einteilung, vor allem das Durcheinander von Thoragesetz, Midrasch und Legende restlos billigen. Wir halten es sogar für sehr bedenklich, wenn der junge Leser den Eindruck gewinnen sollte, daß eine spätere chassidische Erzählung einer Vorschrift in Thora und Talmud gleichzustellen sei. Die chassidischeri Ueberlieferungen sind auch an sich nicht alle gleichwertig, nicht alle haben die überzeugende Kraft und die erzieherische Wirkung. Eine Geschichte wie beispielsweise die vom Schneider, der am Rüsttage zu Jomkippur dem Herrn der Welt eine Gegenrechnung stellt und seine kleinen Verdienste dem gegenüber stellt, was G'tt ihm durch die über ihn geschickten Leiden und Sorgen schulde, kann nur durch die edle Sprache und den Ernst im Tone Agnons von der Grenze der Blasphemie etwas ferngehalten werden . . . Wir hätten auch manche allzu mystische Erzählung gern vermißt. Allein das Ganze als Ganzes genommen ist ein wundervoller Blumengarten, in dem man sich nicht allein an den heiligen Tagen ergehen kann. Ein Blumengarten,, den wir, freilich mit einigen Anweisungen über die Verschiedenheit der Blumen in Art und Wert, auch unseren Kindern eröffnen werden, Schon wegen der schönen, edlen Sprache, der guten Mischung von altem und neuem Hebräisch, in der Schmuel Josef Agnon Meister ist. —tz. „Geschichte der talmudischen Zeit". Von Nathum Norbert G1 a t z e r. Bücherei des Schocken- Verlages, Jüdischer Buchverlag, Berlin. Unsere nach geschichtlichen Zusammenhängen durstende Zeit freut sich, ein jüdisches Geschichtsbuch in die Hand zu bekommen, und sei - es auch nur die Teilgeschichte einer bestimmten Periode; noch dazu aus der Feder eines Mannes wie N. Glatzers, dessen jüdischer und wissenschaftlicher Ernst bei der Behandlung literarischer und geschichtlicher Probleme bekannt ist. Ganz auf seine Rechnung kommt der Lernbeflissene und' der Jeschiwajünger, der glaubt, dabei recht viel aus der talmudischen Schule zu erfahren, nicht. Man fragt sich, ob es richtig sei, den Anbeginn der talmudischen Geschichte erst auf die Zeit nach Zerstörung des Tempels zu verlegen. Schimeon, Sohn Schetachs, Schemata und Awtalion, Hillel und Schamai . und alle weiteren bis zu Rabbi Jochanan ben Sakkai, die vor und während der Zerstörung, gelebt haben, sind unzweifelhaft nicht minder Träger der Geschichte der talmudischen Zeit. Man muß sich bei Glatzer durch die Aufstände im römischen Judäa,* durch die Christianisierung Roms, durch die byzantinische Kaiserzeit hindurcharbeiten, um endlich auf Seite 123 zum jüdischen Lehrhaus zu gelangen und auf zwanzig Seiten ein gedrängtes Bild der darin herrschenden Strömungen, Methoden, Wege und Ziele zu erlangen. Unter diesen Vorbehalten ist es aber ein gutes Buch, in dem sich Glatzer treu bleibt. Ein gutes Wort hören wir zum Schluß über Wert und Bedeutung historischer Angaben im Talmud: „All diese Aeußerungen, der talmudischen Meister sind weit davon entfernt,. ein letztes Urteil über den Wert geschichtlicher Ereignisse und über den Sinn di Geschichte zu sein. Es sind nur aus tiefer Sehnsucht nach Erkenntnis getragene Versuche, den Fingerzeig G'ttes in der Geschichte zu erblicken und aus dem Geschehen eine Weisung für das eigene Leben zii gewinnen. G'ttes Plan blieb, auch wenn der Mensch einige seiner Striche wahrnehmen zu können glaubte, ein Geheimnis." —iz. „Die Fahrten Binjamins des Dritten". Eine Erzählung von Mendale Mocher Sf a.r im. Bücherei des Schocken - Verlages, Jüdischer Buchverlag B er 1 i n. Mit der Wahl der kleinen Schriften aus der jiddischen und hebräischen Klassik zur Neuausgabe hat der Schocken*Verlag nicht immer eine glückliche Hand gezeigt, und wir hatten oft genug, bei aller Hervorhebung der ewigen Verdienste des Verlages, Gelegenheit, darauf bedauernd hinzuweisen. Einige Sachen von J. L. Perez und Anderen, die vielleicht vor einem halben Jahrhundert im stillen jüdischen Winkel ihren Platz hatten, sind heute in moderner Aufmachung vor den Augen der großen Kulturwelt fehl am Orte und auch nicht ganz ungefährlich. Mendale, „der Seide" (Großvater der neuen jüdischen Literatur) verdient aber die Auferstehung. Man wird seine Schilderungen, auch wenn man sie an der Quelle kennt, in der schönen deutschen Ausgabe noch einmal mit Vergnügen lesen und dem Verlage, der sie uns in so anmutiger Form darbietet, dankbar sein. —tz. Mein Leben. Von Simon Dubnow, Aus dem Russischen übersetzt von Dr. Elias H u-r vi c z und Dr. Bernhard H i rs c h b e r g - S ch r a A e r. Berlin. 193 7. Jüdische Buchvereinigung. Simon Dubnow, der bekannte Historiker, ist alt genug und hat für die jüdische Geschichtswissen Schaft genug geleistet, um seine Memoiren zu v.eröffentlichen. Ein Stück Kulturgeschichte, die Geschichte des russischen Judentums in der zweiten Hälfte des vorigen und in den zwei Jahrzehnten unseres Jahrhunderts zieht auf 255 Seiten in 18 Kapiteln an uns vorüber, und manches Kapitel gibt auch Aufschlüsse über Wesen-, Denk- und Schreibart .dei Mannes, den man, bei aller Ablehnung seiner bibclkritischen Theorien, den produktivsten Historiker unserer Zeit nennen muß. Der erste Teil ist—der bekannte innere Kampf des M a s k i 1, der aus frommem Elternhaus, gläubiger Kindheit und religiöser Erziehung kommend, sich eines Tages von all dem emanzipiert und bis zu einem Punkte gelangt, von den viele den Weg zurück überhaupt nicht mehr finden. Schon mit _13 Jahren wagt er die Kampfansage an den Talmud dadurch, daß er es kategorisch ablehnt, die übliche Barmizwahdrascha zu halten. Ein Kapitel „Der Ketzer in der Heimat" enthält eine Tragik, die ihm, Dubnow, erst viel später zum vollen Bewußtsein kommt. Er findet zu seinem-Volke zurück, aber nie zu dem, was für uns die Seele des Volkes ist. K i s c h i n e w reißt ihm, wie vielen, die Augen auf. Er kämpft sogar gegen die Assimilation. Kampf gegen die Assimilation ist aber etwas Negatives. Reißt man einen brüchigen Bau ein, so muß auf reinem Grund etwas Neues gebaut 'werden. Ins alte Haus mag er nicht zurück, und das neue ist das nationale Judentum, in dem er nun bis. zuletzt verharrt. Diese Dinge sind von unzähligen Biographien her bekannt. Alle Schriftsteller aus der Haskalaschule des Ostens könnten ihr Leben kaum anders zeichnen. Von höherem menschlichem und historischem Werte ist der zweite Teil, und in diesem Teil am wertvollsten sind die Aufzeichnungen Dubnows in seinen Tagebüchern aus der Zeit der russischen Revolution vor dem Krieg, des Weltkrieges, der Februar- Revolution und aus der jüdischen Tragik in der Sowjethölle. Zwischen Krieg. Pogrom und Revolution verlaufen die düstersten Tage seines Lebens und scheinen in den " Abgrund münden zu wollen. Wir erleben das „sterbende Petersburg" bis zur Flucht des Historikers aus Rußland am 24. April 1922. Den Uebersetzern H u r v i c z und Dr. Hir s ebbe r,g -Schräder muß volle Anerkennung ausgesprochen werden für die saubere, schöne UebertragUng, die. den historischen wie schöngeistigen Wert der Aufzeichnungen aus dem russischen Original restlos in die neue Form hinüberrettet. —tz. Bemerkungen zur Besprechung meines Buches „Philosophie und Offenbarung im Werke zeitgenössischer jüdischer Denker". („Israelit", 4. Nov. 1937, S. 8, Nr. 44)/ ' Dem Besprecher scheint der von mir bewußt gemachte Unterschied zwischen „Jüdischen Denkern" und „Jüdischem Denken" nicht aufgefallen zu sein, sonst hätte er nicht die Frage stellen können, „ob es einen wissensphaftlichen Sinn hat^ Männer '^wi|'Gas - sirer, Simmel, Husserl, Freud, in deren Bewußtsein ihre jüdische Abstammung, niemals irgendwelchp Rolle gespielt hat — zusammen mit Buber; Rosenzweig und anderen unter dem Begriff „Zeitgenössische j ü d i s che Denker" zu subsummieren . . ." , •. Da ich — entsprechend meinem Vorwort — unter „jüdisch"- nur die Tatsache der Abstammung ver- , stehe, so hatte es nicht allein „Sinn", sondern es wäre im Gegenteil ein Fehler gewesen, die vorher, erwähnten Denker aus dem Bereich ^er : -„jüdischen Abstammung" zu streichen, selbst" wenn — wie der Kritiker glaubt — „in deren Bewußtsein ihre jüdische Abstammung keine Rolle gespielt hat". Ich nehme an, daß wir «gerade heute uns der philosophischen Leistungendieser Denker nicht zu schämen brauchen und weiter wir kein Recht haben, ihnen auch noch dies („jüd. Abstammung") zu nahmen. — Von diesem weithin, vertretenen Gesichtspunkt „des Judentums als einer Zivilisation" (vgl. das geistvolle Werk von: M. M. Kaplan) ist die jüdische Abstammung der bezeichneten Denker / so gut wie die der Anderen und deshalb ihre Einbeziehung als „zeitgenössische jüdische Denker" gerechtfertigt. Man muß sich fragen, ob es denn überhaupt so etwas wie '-'■'-.„ spezifisch jüdisches Denken" gibt. — Ich glaube indirekt den Beweis geführt zu haben, daß es k e i n spezifisch „jüdisches Denken" gibt, insofern, als auch Denker . jüdischer Abstammung „fremden" Gedankengängen nicht" nur gefolgt, vielmehr selbst schöpferische Denksysteme entwickelt haben, die nicht als" spezifisch jüdisch bezeichnet werden können. Mithin muß der Leser meines" Buches zu der Schlußfolgerung " kommenj daß es eine „jüdische" Philosophie im modernen Sinne nicht gibt, so daß die Ansicht J. Guttmann's : (Die Philosophie des Judentums", S. 9:. .,.Die Geschichte der jüdischen Philosophie ist eine Geschichte Von Rezeptionen fremden Gedankenguts") ihre Rechtfertigung findet. Auf diesen Fragenkomplex, über den übrigens Leo Strauß („Philosophie und Gesetz") höchst Beachtenswertes geschrieben : hat, kann ich leider hier nicht eingehen. Im übrigenwar meine Aufgaberein „wissenschaftlich" und nicht mit Voraussetzungen behaftet; denn der Titel meines Buches heißt „Philosophie und Offenbarung in "dem Werk zeitgenössischer j ü d i s c h e r D e nk er" und nie h t: Philosophie ... im zeitgenössischen jüdischen Denken, Dr. Adolf Lichtigfeld, Hashomer. r •-. * Zwei Nummern des Hashomer, der von orthodoxen jungen Menschen in Amerika herausgegebenen Monatsschrift, sind bereits erschienen. Ausihnen ersehen wir den Zweck des Shomre Hadath. Gegründet vor zwei Jahren, will er in erster Linie orthodoxen jugendlichen Einwanderern die Einordnung in das amerikanische Leben erleichtern, er will diesen jungen Menschen in allen ihren sozialen Nöten helfen, ihnen bei der Ausübung des Sabbatgesetzes behilflich sein. Er will die' jungen Menschen gesellschaftlich mit gleichgesinnten amerikanischen .Kreisen v zusammenbringen, er will auch Tauroh und Tauroh-Ideale vermitteln, kurz; er. will ihnen helfen, in der heuen Heimat strenggläubige Juden bleiben zu können. Was tut der Shomre Hadath, um dieses Ziel zu erreichen? Aus dem Monatsprogramm ersehen wir 14tagige Vorträge über aktuelle jüdische Probleme, gehalten von prominenten amerikanischen Persönlichkeiten, wir finden Schiurim für Anfänger und Fortgeschrittene, wir finden Arbeitsgemeinschaften über jüdische Minhogim, Literatur und Philosophie, wir finden eine Iwrf" Class. Aber auch für die Geselligkeit wird in diesem jugendlichen Kreis gesorgt, Ausflüge, Besichtigungen von großen Telefon- und Telegraphen- Gebäuden, Chanuka-Feiern usw. werden veranstaltet. Was geschieht sozial? Unter Leitung einer bewährten Sozialarbeiterin ist ein Stellenvermittlungsbüro eröffnet, ein .Komitee zur sozialen Beratung Neuangekommener gegründet, eine Wohnungs- und Zimmervermittlungsstelle ist vorhanden, usw; Wir finden in dem mimiographierten aber sauber und nett aufgemachten Blatt Artikel von Rabbi Goldsfein und Rabbi Looksteiri über Schabbos und andere jüdische Probleme. An der Spitze des Shomre Hadath steht ein Mitglied einer auch in Europa für ihre Arbeit für die Tauroh bekannten Familie, der Vorsitzendeder geistigen Arbeit (Programm-Komitee) ist ein junger Mann aus-bekannter „Frankfurter" Familie, Vorsitzender der Sozialarbeit ebenfalls ein bekannter .Frankfurter", Vorsitzender des Publicity Committees ein „Nürnberger", der schon oft durch seine Aufsätze im „Nachlath Zwi" uns erfreut hat, das Büro und die technische Leitung der ganzen Organisation steht unter Leitung eines organisatorisch geschulten „Hamburgers". Das Blatt „Hashomer" wird ebenfalls: von einem Frankfurter herausgegeben; Alle*' diese Namen bieten uns Gewähr, daß diese jungen Menschen, die den Shomre Hadath gegründet und ihn ausgebaut haben, um anderen Menschen zu helfen, Erfolg haben werden. Wir rufen ihnen zu: ,;Zlach urchaw!?; : : M. S.