Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 78 (1937)
- Issue
- Heft 50 (16.12.1937)
- Date
- 1937-12-16
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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EREZ ISRAEL. Die zweite Landeskonferenz der Poale Agudas Jisroel in Erez Israel. Tel Aw'iw, 1. Dez. Am 18. und 19. Kislew trat in Tel Awiw die Landeskonferenz der Poale Agudas Jisroel sammen, an der sich über 70 Delegierte von 18 Grup pen in allen Teilen des Landes beteiligten, unter ihnen Vertreter der Kibbuzim Kfar Saba, Geder, und Machane Israel. Schon die Wahlpropagand* zeigte, welch gewaltiges Interesse man dieser Konferenz entgegenbrachte, denn seit der ersten Konferenz in Gedera vor drei Jahren haben sich neue Probleme in großem Maße angehäuft und die ganze Lage hat sich inzwischen geändert. Ueber vier Jahre steht die Organisation in schwerem Kampfe mit Gefahren und Hindernissen aller Art. Die Uanbhängigkeit, wie sie die P. A. J. erstreben und erstreben müssen, führt in Erez Israel zu wirtschaftlicher Iso lierung, solange die Wirtschaft durch die zionistischen Faktoren beherrscht wird. In diesem Punkte, der in der Gola oft übersehen wird, unterscheidet sich Erez Israel von allen Ländern der Welt. DU Lage hat sich in letzterer Zeit dadurch noch zugespitzt, daß das Finanzinstrument der Agudas Jisroel, der Keren Hajischuw, nicht mehr in der Lage war, die P. A. J. in Erez Israel so ausreichend, wie er es selber gewünscht hätte, zu unterstützen. So entwickelte sich die Krisis der Poalim-Organisation zu einer nackten Existenzfrage. Die P. A. J. in Erez Israel sind im Grunde genommen eine selbständige, professionelle Arbeiterorganisation, die bestrebt ist, im Leben die Totalität der Thoraforderung zu verwirklichen. Sie steht mit beiden Füßen mitten in der Wirklichkeit und wahrt auch unter den schwierigen Umständen ihre Selbständigkeit. Darin liegt ihre Größe, aber zugleich auch ihre Schwäche. Alles könnte ihr gelingen, wenn die orthodoxe Gola ihr geistig und materiell so zu Hilfe käme, wie die zionistische Gola zum zionistischen Aufbauwerk in Erez Israel steht. Das ist nicht in ausreichendem Maße geschehen. Die zu Anfang aufgeflammte Begeisterung für Keren Hajischuw hat nicht angehalten, so daß sich die Poalim in E. J. zuweilen wie einsame Soldaten auf der Front fühlten, ohne Hilfe von den agudistischen Reserven in dei Gola. In solcher Situation trat die zweite Landeskonferenz der P. A. J. in Tel Awiw zusammen. Es haben sich durch die Lage verschiedene Strömungen innerhalb der P. A. J. gebildet, die auf der Konferenz verschiedentlich hervortraten, alle aber darauf hinausgingen, die Bewegung vor dem Untergang zu retten. Eine sog. konservative Strömung ist gegen jedwede Aenderung an der bisher eingehaltenen Linie, und müßte diese Prinzipientreue-auch, was G'tt verhüten mag, zur Aufl.sung der Bewegung führen. Man würde dann die Verantwortung dafür denen zuschieben, die für die agudistische Alijah nach E. J. verantwortlich sind. Eine andere Strömung vertrat die Meinung, daß P. A. J. in E. J. sich von all den Instanzen emanzipieren muß, die ihre Entwicklung hemmen und den Poalim in ihrem Existenzkampfe nicht genügend zu Hilfe kommen. Diese am stärksten auf der Konferenz vertretene Gruppe legte der Konferenz einen konstruktiven Plan vor, nach dem die organisatorische Zugehörigkeit der P. A. J.-Organisation zu der Weltaguda gesichert bleibt, der ihr aber die Möglichkeit zu einer selbständigen Aktivität auf verschiedenen Gebieten gibt. In der Hauptsache stützt sich die Gruppe auf den Reorganisationsplan, den das nach Jerusalem verlegte Direktorium des Keren Hajischuw durchzuführen gedenkt. Die alte Leitung der P. A. J. hat den Plan akzeptiert, nachdem ihr versichert worden war, daß die Poalim als Träger der Agudaarbeit in E. J. ge-* bührenden Einfluß auf die Arbeiten des reorganisierten Keren Hajischuw haben werden. Die Konferenz hat nun die Richtung der Hanhala akzeptiert und beschlossen, die Resultate des neuen Arbeitsplanes des Keren Hajischuw abzuwarten, im Glauben und in der Hoffnung, daß es in letzter Minute noch gelingen wird, die orthodoxe Gola aufzurütteln, ihren Chaluzimpionieren, welche sich im ständigen Kampf für ein thoragemäßes Erez Israel befinden, zu Hilfe zu kommen. Die Konferenz brachte volle Klarheit zu verschiedenen Fragen und nahm eine Reihe von Resolutionen an, die als Richtlinien für die zukünftige Arbeit des neugewählten Merkas dienen sollen. Die Fragen, die auf der Konferenz wegen der beschränkten Zeit keine Lösung finden konnten, sollen noch einmal auf einer für nächsten Monat einberufenen Delegiertenversammlung behandelt werden. In den neuen Merkas wurden Vertreter aller Gruppen hineingewählt. Unter den 36 Mitgliedern finden sich folgende Namen; Dr, Isaac Breuer, Jakob Landau, Salman Jenklewitz, J. M. Kleinlehrer, Jakob Katz, Benjamin Münz, S. S. Moses, Moses Schönfeld, J. Rottstein, S, Fischer-Schein. Der demnächst zu wählende Waad Hapoel wird aus elf Mitgliedern bestehen, die die dreiglied-1 rige Hanhala ernennen. Aus den Resolutionen der Konferenz sind die Beschlüsse über Keren Hajischuw und die Organisation der Poalim hervorzuheben. In der ersten Resolution wird mit Befriedigung der Beschluß des in Marienbad gewählten Waad Hapoel der Agudas Jisroel zur Kenntnis genommen, wonach nunmehr die Organisation P. A. J. in direkter Verbindung mit der Exekutive in London und mit dem Direktorium des Keren Hajischuw in Jerusalem stehen wird. Die Konferenz begrüßt es auch, daß das Arbeitsamt des in Jerusalem domizilierenden Direktoriums des K. H. nach Tel Awiw verlegt wird. Alle Maßnahmen der Organisation und des Direktoriums zur Reaktivierung des K. H. werden von der Konferenz gebilligt, besonders auch, daß die P. A. J.-Organisation im Direktorium entsprechend vertreten sein wird. Die Konferenz wünscht, daß von den Geldern des Keren Hajischuw die Hälfte zugunsten der Erziehungsinstitutionen und die andere Hälfte für die P. A. J. und die Kibbuzim verwendet wird. Dem Präsidenten des Direktoriums des K. H. wird volles Vertrauen ausgesprochen. Den geistigen Führern des Judentums und der Autoritäten der Thora, die in Marienbad den Interessen und Bestrebungen der P. A. J. volles Verständnis und Interesse gezeigt haben, wird aufrichtiger Dank ausgesprochen. Terror und Attentatsversuche, Jerusalem, 9. Dez. Trotz der strengen kriegsgerichtlichen Urteile gegen die im Besitz von Waffen angetroffenen Terroris - ten — auch heute wurde wieder ein Araber in Beisan zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt — geht die Terror-Bewegung weiter. Heute morgen wurden 22 Telefondrähte zwischen Jaffa und Lydda durchgeschnitten. Zwei Bomben wurden gestern Abend in der Nähe der Eveline de Rothschild-Schule geworfen, die glücklicherweise keinen Schaden anrichteten. Heute wurde — glücklicherweise ohne Erfolg — eine Bombe auf drei jüdische Regierungsbeamte geworfen, die gerade auf dem Wege zum Amt _waren. Eine weitere Bombe explodierte in der Nähe des Regierungshauses in Safed. Der Gouverneur von Jerusalem ließ sofort alle Tore der Altstadt außer dem Jaffa- und Nablustor schließen und ordnete an, daß sie von 5 Uhr abends bis 5 Uhr morgens geschlossen bleiben. - In Mischmar Haemek ist ein 50 Dunam großer Orangengarten gestern Nacht völlig ruiniert worden. Sämtliche Pflanzungen wurden ausgerissen, Der zur Unterdrückung des Terrors aus Indien nach Palästina gerufene Sonderbeamte, Sir Charles Tegart, richtete heute ein mechanisiertes Flug-Geschwader nach dem Muster von Scotland Yard ein. Das Geschwader besteht aus 150 Mann, die nach jedem Punkte Palästinas innerhalb 15 Minuten gelangen können. Die palästinensisch-syrische Grenze ist durch Militär-Abteilungen heute geschlossen worden. In Haifa warf ein Araber eine Bombe im jüdischen Quartier, dessen Straßen gerade von einer großen Menschenmenge angefüllt waren. Die Bombe richtete keinen Schaden an. Auf der Jagd nach dem Bombenwerfer jedoch feuerte dieser zweimal und verwundete einen jüdischen Jungen von 13 Jahren recht schwer. Sein Befinden ist ernst. Die " Polizei verfolgte den Angreifer, der jedoch entkam. Die Irak-Petroleum-Linie wurde heute in Geriigar unterbrochen und das Oel in Brand gesetzt. Die Polizeibaracken in Hebron wurden heftig beschossen. Die Ansiedlung Giwath Ada wurde von zwei Seiten heute stark angegriffen. Die jüdische Polizei wies den Angriff zurück. Eine Polizei-Patrouille wurde auf dem Wege "von Hebron nach Beersheha von Arabern angegriffen und mußte sich zurückziehen. Die eintreffende Verstärkung fand natürlich keine Spur mehr von den Angreifern. - In Beersheba selbst wurden vier Araber Wegen Bombenwerfens verhaftet. Von der Arbeit der Militärgerichte. Jerusalem, 8. Dez, Der Militärgerichtshof " in Nazareth hat heute einen öljöhrigen Araber zu 7 Jahren Gefängnis wegen des Besitzes von 6 Schuß Gewehrmunition verurteilt. Generalmajor Waveil hat das Urteil des Militärgerichtshofes gegen den 75jährigen Hay Kassam auf lebenslängliches Gefängnis im Hinblick auf das Alter des Verurteilten auf ein Jahr reduziert. Antizionistische Demonstrationen in den Nachbarstaaten, Jerusalem, 8. Dez. Der Gouverneur von B'asra (Irak), sprach heute im Rahmen einer großen antizionistischen Demonstration und versicherte, die Irak-Regierung werde das Aeußerste tun, um den arabischen Charakter Palästinas zu sichern. Die Demonstranten überreichten dem britischen Konsul einen Protest gegen die britische Politik in Palästina. Aus Beirut wird gemeldet, daß'in den Moscheen im Libanon die Geistlichen an die Gläubigen appellierten, die antizionistische Propaganda zu verstärken und britische Waren zu boykottieren. Bücherbesprechungen. Botschaft aus Granada. Von Ernst Sommer. Roman. Leipzig M.-Ostrau. Verlag Julius Kittels Nachf. 390 Seiten. Wer unter einem Roman eine spannende Geschichte mit handelnden und leidenden Menschen um einen Mittelpunkt, einen Helden- oder ein Zentralereignis, versteht, wird bei dem Romane von Sommer nicht auf seine Kosten kommen. Die neun Kapitel stehen in ganz losem Zusammenhange miteinander. Wer aber das Buch bis zu Ende gelesen hat, hat etwas fürs Leben erhalten: Kenntnis der jüdischen Geschichte in Spanien um die Wende des 15. Jahrhunderts, das Wissen um das große Ringen zwischen Islam und Kreuz hinter den Pyrenäen und um das Schicksal der dortigen Judenheit, die zwischen diesen zwei Mächten wie zwischen den zwei Gliedern einer Schere zermalmt wird. Das Buch zeigt das Seschichtliche Mysterium „Spanien'" vom Menschichen aus, und darin liegt die Größe und zugleich die Schwäche des Werkes, Man vermißt den jüdischen Impuls, das, was der Ostjude so treffend den „jüdischen Krächz" für das jüdische Leid nennt, aber man gewinnt dafür einen Einblick in die Zusammenhänge hinter den schaurigen Dingen. Der Autor versteht sogar die Szenen in den Folterkammern der Inquisition so sachlich zu schildern, daß man sie fast ohne Grausen verfolgt. Dabei lernt man aber auch den Gegenspieler als Menschen aus Fleisch: und j Blut, ja sogar mit Herz und Seele kennen, als Men-i sehen, der entweder von einer- Wahnidee besessen;! und getrieben ist, oder das stumme Instrument einer: Maschinerie wird, die fast automatisch arbeitet. Es'- gibt nichts Aufregendes und Spannendes in diesem- . 3uche, man sieht den klugen, abwägenden, .stets vorsichtig lancierenden Staatsmann AbarbaneL (er wird hier. Abravanel genannt), man sieht die Väter der Inquisition, T o r q u e m a d a und Arbties, keineswegs als Wüteriche, sondern als ruhige Manner mit ewig verbindlichem Lächeln im Gesichte. Man schaut in das Milieu der adeligen Conversos, später Marranen, kennen, die Adel, Assimilation und Grandezza nicht vor dem Tribunal schützt. Und der schwache, unglückliche, von allen Seiten belagerte und bedrängte letzte Sultan von Granada, El Chico, weint um seine verlorene Burg ... Die Mauren kommen im ganzen, nach zehnjährigem Kriege, gut weg, man hält sich, nach dem Gesetze des geringsten Widerstandes, an die Juden. So reifen die Dinge heran bis zum 30. März 1892, bis zur Verkündung des Austreibungsediktes. Ein in nüchterner Sachlichkeit gehaltenes Kapitel über das Zusammentreffen von Abarbanel mit Torquemada liest man zwar ohne Spannung, aber mit gesteigertem Interesse, allein die historischen Belege für diese Begegnung fehlen. Das . würde einem Romane weiter keinen Abtrag tun. Ernst Sommer bietet uns aber in diesem Buche mehr Geschichtsbilder, und für solche darf man historische Wahrhaftigkeit beanspruchen. Als Spiegelbild der jüdischen Situation im Spanien des 15. Jahrhunderts kann das Buch bestens empfohlen werden. -—tz. Index to Jewish Festschriften. Von Jacob R. Marcus, Prof. of Jewish History and Rabbi Albert Bilgray. Cincinnati, 1 93 7, Hebrew Union College. i Festschriften sind, in der Regel nur einem : kleinen Kreise zugänglich. Um so verdienstlicher ist die vorliegende 154 Blatt;starke Arbeit, in dei* die> Verfasser die in den Jahren 1864-^-1936 erschienenen Festschriften bibliographischauswerten. Es sind mehr als 4000 wissenschaftliche Aufsätze nach Autoren, Titel und Sachgebiet erfaßt. Jeder wissenschaftlich Arbeitende wird die Arbeit, die ein vortreffliches Hilfsmittel darstellt, begrüßen... — Tri einem wohl bald erscheinenden Nachtrag sollten u. a. auch die Festschrift zum ^fünfzigjährigen Jubiläum der Frankfurter Realschule der L R. G. und die vortreffliche Prof. A. Freim^nnrFe"$tschrift Berücksichtigung finden. V> - -^!.,S.