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Der Israelit · 1937-12-16 · Heft 50 (16.12.1937) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
78 (1937)
Issue
Heft 50 (16.12.1937)
Date
1937-12-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Feuilleton- Beilage Der Israelit Nummer 50 1937 Ein junger Falascha erzählt. Von Ch. WÜaL In Belgrad, der Hauptstadt Jugoslaviens, erfuhr ich, daß sich in der Stadt ein junger abessinischer Jude befinde, der in Serajevo die Rabbinerschule absolviert hat. Ich suchte ihn auf nüd wir gingen in ein Cafe, wo mir der gut gewachsene und europäisch gekleidete junge Mann einiges aus seinem und dem Leben der Juden in Abessinien erzählte. „Ich stamme," erzählte Sabbatai ben Zwi, „aus 3er Stadt Gondar am Tanasee, kann aber nicht genau sagen, wie alt ich bin. In den Falaschahäusern in Abessinien werden so viele Kinder geboren, daß man sich ihre Geburtsdaten nicht merkt. Irgend eine An meldepflicht mit Angabe von Zeit und Ort der Geburt bestand nie. So weiß fast keiner genau, wie alt er ist. Mein Vater ist Weber und schafft Heimarbeit an einem primitiven Webstuhl, denn große Webereien oder Fabriken gibt es in der Gegend nicht. Meine Mutter fertigt Töpfe und Krüge aus Ton an. Das sind die häuptsächlichsten Berufe der Falaschas Schon im kindlichen Alter half ich dem Vater und der Mutter bei der Arbeit mit. Als ich ins Jünglingsalter kam, erfuhr mein Vater von der in der Hauptstadt Addis Abeba durch Dr. Faitlo v i t c h gegründeten jüdischen Schule und beschloß mich dieser Schule zuzuführen. So gingen wir volle »drei Wochen zu Fuß über Berg und Tal, bis wir in (die Hauptstadt gelangten. In der Schule von Addis Abeba blieb ich nur «in halbes Jahr. Ich lernte dort hebräisch schrei ben und lesen und auch abessinisch, d. h. amharisch. An der Schule wirkte ein Lehrer namens Tamrat Emanuel, der in Europa studiert hatte. Als Erna nuel in einem Auftrage über Europa nach Amerika fuhr, nahm er mich auf meine Bitten mit nach Europa, Bis Basel in der Schweiz fuhren wir zusammen, dort schieden sich unsere Wege. Emanuel fuhr weiter nach Amerika und ich blieb zunächst in Basel. Da ich kein Wort in irgend einer europäischen Sprache verstand, so hing mir mein Lehrer eine Tafel um den Hals, auf der in französischer Sprache geschrieben stand: „Dieser junge Mann fährt nach Belgrad zu Oberrabbiner Dr. Alkali und kann sich in keiner europäischen Sprache verständigen. Gute Menschen mögen ihm helfen, an sein Ziel zu gelangen." Was weiter mit mir geschehen ist, spielte sich alles wie im Traume ab. Menschen mit guten Gesichtern lasen die Tafel, nahmen mich nach Hause, verpflegten mich und brachten mich in einen Eisenbahnwagen,- gaben mir ein Billet in die Hand und versorgten mich mit Reiseproviant. Ich fuhr sehr lange. Auf einer großen Station wurde ich von freundlichen Menschen aus dem Wagen geführt und ich erfuhr, daß ich in der Stadt Wien war. Dort lasen die Menschen wieder die Tafel um meinen Hals und wieder wurde ich in die Bahn gesetzt und ich landete nach einer Fahrt von einem halben Tag in Budapest. Hier wiederholte sich die Prozedur. Ich wurde von einer Stelle zur anderen geführt undwieder an die Bahn, bis ich endlich in Belgrad ankam. Dort nahm sich der Oberrabbiner Dr. Alkali meiner an und schickte mich mit einem Begleiter nach Serajevo, wo ich sofort anfing, fleißig zu studieren. Ich hatte viel nachzuholen. Meine Eltern erfuhren erst nach anderthalb Jahren, wo ich mich befinde. Ich fahre jetzt nach der Mittelmeerinsel Rhodos, wo ich mich in meinen Studien noch vervollkommnen will, um später dort oder in meinem Heimatlande ein Lehramt anzunehmen." Auf meine Bitte, mir einiges über das Leben der Juden und der Falaschas in Abessinien zu berichten, will Sabbatai erst nicht ganz mit der Sprache heraus. Endlich erzählte ernach einigem Ueberlegen: „Es ist nicht leicht, eine Vorstellung vom Leben der Falaschas zu geben. Es ist bei uns alles so arm, so klein, so winzig und dürftig, so fern von aller Kultur, daß sich Vergleiche mit den hiesigen Verhältnissen gar nicht anstellen lassen. Ueber die Zahl der Falaschas in Abessinien wissen auch wir nichts Genaues. Man spricht von 50 bis 80.000, es können auch 60 oder 70.000 sein, jedenfalls nicht über 100.000. Die Falaschas leben vollkommen isoliert von ihrer abessinischen Umgebung. Wir sind von einem starken Natiönalgefühl ^beseelt und wissen um unser Anderssein. Wir haben unsere eigenen Gesetze, Sitten und Gebräuche, die wir mit peinlicher Genauigkeit einhalten. Die Reinheitsvorschriften werden streng befolgt. Von Tallith und Tefillin wissen wir nichts, ebensowenig kennen wir eine auf Pergament geschriebene Thorarolle. Sehr verbreitet sind bei uns die Psalmen, ebenso mehrere Gebete, die jeder Falaschamann kann. Die Sprache der Psalmen und der Gebete ist das G i e s i s c h e , eine semitische Sprache, deren Schrift von rechts nach links geht und die auch die Gebetssprache der koptischen Kirche in Abessinien ist, Sabbatai ben Zwi, der Falaschastudent Eine bestimmte Gebeteordnung haben wir nicht. Allmorgendlich treffen sich die Falaschas in ihrer Mesgid und rezitieren im Chore die Psalmen. Einen Vorbeter haben wir nicht, unseren geistigen Führer, so etwas wie Rabbiner, nennen wir A b a. Er belehrt uns, was erlaubt und unerlaubt sei, gibt auch 'Ratschläge in privaten Angelegenheiten und verrich« tet Gebete für die Kranken. Den Sabbat feiern wir durch strenge Arbeitsruhe, machen auch kein Feuer und zünden kein Licht an. Das Pessachfest wird sieben Tage gefeiert, an denen man sich vom Gesäuerten fernhält. Jeden Tag backt man platte Kuchen, die den Mazzoth ähnlich, sehen. Die Speisen dürfen von einem Tag zum anderen in der Pessachwoche nicht aufgehoben werden. Seder und Haggada kennt man in Abessinien nicht. Das Fest aller Feste ist aber bei uns Jomkipp u r, der sich auf drei Tage erstreckt." Interessantes erzählte mir Sabbatai über die Hochzeitsbräuche der Falaschas in Abessinien. Der Bräutigam muß sich die Braut erkaufen, und ist er mit dem Vater handelseinig, so wird ein großes Festmahl veranstaltet, das zugleich die Hochzeitsfeier ist. Bis zum Hochzeitstag bekommt der Bräutigam die Braut nicht zu Gesicht. Die Eltern verheiraten oder verloben ihre Kinder schon im jüngsten Alter. Die Verhandlungen gehen ungefähr in folgender Weise vor sich: Die Eltern des Bräutigams besuchen die Eltern des Mädchens. Es wird Essen aufgetragen, aber die Gäste rühren zunächst die Speisen nicht an. Sie führen diesen Brauch auf Elieser, den Knecht Abrahams: zurück, der sprach: „ich will nicht eher essen, als bis ich meine Worte gesprochen habe." Ist der Handel abgeschlossen, dann setzt man sich erst zu Tisch und das Mahl beginnt, das schon das Hochzeitsmahl ist. In den meisten Fällen steht der Bräutigam im Alter von 15 bis 17, die Braut im Alter von 11 bis 13 Jahren. Das Leben der Falaschas ist sehr primitiv und ärmlich. Nur die wenigen Reichen haben Holzhäuser, die Anderen begnügen sich mit Hütten aus Gras und Lehm. Mobiliar kennt man nicht, Das ganze häusliche Leben spielt sich auf dem Boden ab. Dort sitzt, arbeitet man, bereitet man auch die Speisen zu. In früheren Zeiten beschäftigten sich die Falaschas auch mit Landwirtschaft, sie ließen aber von dieser Arbeit, die auf dem harten Boden mit den primitiven Geräten sehr schwer ist und wenig einbringt, ab und wandten sich mehr und mehr dem Handwerk zu, in dem sie es zum Teile zu großer Meisterschaft brachten. Boden gab es bis dahin so viel man wollte, umsonst, aber er war nicht sehr begehrt. Wie ich noch später erfuhr, zeigt die italienische Regierung das größte Interesse an der Hebung des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens auch dieses Bevölkerungsteiles, den wir als die Falaschas (wörtlich die „Fremden") kennen. Die Chanukaaufführung in der S. R. Hirsch - Schule in Frankfurt a. M. Verfolgte Chassidäer im Gebirge, (Foto Arno KatzJ Die Chanukaaufführung in der S. R. Hirsch - Schule in Frankfurt a. M. Eine Gruppe Hellenisten. Im Hintergrunde der Tempeiberg. Die Kulisse wurde von den Schülerinnen der O II A- Klasse entworfen und zum Teile ausgeführt. (Foto Arno Katz)

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